Afrika

20.5.2005 | Von:

Entwicklungsstrategien für Wirtschaft und Gesellschaft

Industrialisierung

Die Ausgangsbedingungen für Industrialisierung waren zu Beginn der Unabhängigkeit aus folgenden Gründen nicht günstig:
  1. Die wirtschaftlichen Aktivitäten waren einseitig auf das Mutterland gerichtet. Der Industriegütersektor war nur schwach entwickelt, das heißt, es gab lediglich eine sehr kleine Konsumgüterindustrie, die beispielsweise Nahrungsmittel für die städtische Bevölkerung herstellte. Eine einheimische industrielle Unternehmerschicht existierte fast gar nicht. Lediglich im Handwerk gab es lokale Produzenten. Erst allmählich begannen sich nach der Unabhängigkeit lokale Unternehmen außerhalb des Handels herauszubilden.

  2. Die Inbesitznahme ausländischer Unternehmen durch den Staat bzw. wenigstens deren starke Kontrolle war Teil der Industriepolitik. Über den Staat sollte die Modernisierung Afrikas erfolgen.
Ziel der Industriepolitik war die Überwindung der kolonialen Arbeitsteilung. Dieses Ziel konnte nur in sehr wenigen Ländern erreicht werden. Auch die Phase der Substitution von Industriegüterimporten war nicht von großem Erfolg gekrönt, denn die Importsubstitution beschränkte sich vor allem auf Nahrungs- und Genußmittel, Bekleidung, chemische Produkte, Metallverarbeitung, Holz-, Möbel- und Baustoffproduktion. Es wurden kaum Vorprodukte (wie Rohstahl) und Investitionsgüter (wie Maschinen, Arbeitsgeräte oder Fabrikanlagen) hergestellt. Import-Substitutionspolitik hatte nur rudimentäre Wirkungen – von Südafrika und Simbabwe abgesehen.

Ein zentrales Problem stellte von Anfang an der Wunsch der staatlichen Eliten dar, möglichst große Industriekomplexe (kapitalintensiv, große Kapazität) zu etablieren, hingegen wurden die Klein- und Mittelindustrie (KMI) sowie das Handwerk vernachlässigt.

Außer diesen grundlegenden Startproblemen haben wirtschaftspolitische Fehlentscheidungen zum sehr niedrigen Industrialisierungsgrad in Afrika beigetragen:
  • Überbewertete Währungen, die Importe für die großindustrielle Entwicklung verbilligen sollten und damit das Entstehen einer Klein- und Mittelindustrie erschwerten. Mit dieser Währungspolitik sollte die Einfuhr der Investitionsgüter verbilligt werden; mit diesen wiederum sollte ein Industrialisierungsprozeß in Gang gesetzt werden. Die Klein- und Mittelindustrie wurde als wenig innovativ und produktiv angesehen. Außerdem eröffneten die Investitionsgüterimporte einer kleinen einflußreichen Schicht von Staatsbeamten und Händlern eine sichere Einnahmequelle, da sie den Weiterverkauf der Investitionsgüter in der Hand hatten und sich darüber auch bereichern konnten.
  • Diskriminierung der Kleinindustrie durch den Staat beispielsweise bei der Vergabe von Importlizenzen und deren Ausklammerung aus Förderungsprogrammen bis in die achtziger Jahre.
  • Zum Teil sehr niedrige Produktivitäten und geringe Kapazitätsauslastung: Afrika gilt heute im Vergleich zu anderen Kontinenten als teure Produktionsregion.
  • Mangelnde technische Kompetenz und Qualitätsstandards. Unzureichende Infrastruktur, wozu unter anderem häufiger Stromausfall gehört.
  • Niedriges Niveau der Verknüpfungen der großen Industrie mit lokalen Produzenten. Diese blieben auch minimal, nachdem sich die Importe aufgrund der niedrigeren Exporteinnahmen verringerten.
  • In der wissenschaftlichen Literatur wird außerdem betont, daß sich afrikanisches Unternehmertum aufgrund starker Familienbindung nicht entwickeln konnte.
Industrialisierungskonzepte
Es wurden verschiedene Industrialisierungskonzepte verfolgt, von denen vier wesentliche hier genannt werden:

Freie Produktionszonen. Mauritius ist das Vorzeigemodell der exportorientierten Industrialisierung. Zahlreiche Versuche in Afrika mit Freihandels- oder Exportproduktionszonen waren nicht so erfolgreich wie in Mauritius.

Mauritius hat bereits in den sechziger Jahren begonnen, seine "Zuckerwirtschaft" umzustrukturieren. Durch gezielte Maßnahmen wurde die Wirtschaft diversifiziert, beispielsweise durch die steuerlich begünstigte Ansiedlung ausländischer Unternehmer und durch die Gründung der Freien Exportzone. Hier siedelten sich zunächst asiatische Textilunternehmen an, die Mauritius als Sprungbrett für den Markt der Europäischen Union ansahen (zollfreie Einfuhr für Produkte aus Mauritius). Später kamen auch andere Industrieunternehmen hinzu. Außerdem entwickelte Mauritius bereits sehr früh die Tourismusbranche.

Import-Substitutionsindustrialisierung.
Simbabwe bis zur Unabhängigkeit und Südafrika bis zum Ende der Apartheidpolitik sind relativ erfolgreiche Modelle der Import-Substitutionsindustrialisierung (ISI). Zahlreiche Länder haben vorübergehend ebenfalls eine ISI verfolgt, konnten jedoch nicht ansatzweise den Industrialisierungsgrad von Simbabwe und Südafrika erreichen. Beide Länder aber haben heute große Anpassungsprobleme. Die Ursachen für das Scheitern der ISI sind vor allem darin zu sehen, daß zum Aufbau der Industrie zunächst eine längere Schutzphase – beispielsweise durch hohe Zölle für Importe – notwendig ist. Wird die Industrie zu lange vor der ausländischen Konkurrenz geschützt, besteht die Gefahr, daß die aufzubauende Industrie unproduktiv wird und sie nur weiterhin existieren kann, wenn weitere (staatliche) Maßnahmen wie Subventionen oder noch höhere Zölle erfolgen. Dies ist in fast allen afrikanischen Ländern der Fall gewesen. Die allmähliche Öffnung der Märkte erfolgte zu langsam, zu spät oder gar nicht. Die Folge: Industrien sind nicht mehr effektiv und sie veralten.

Rohstoffexportierende Länder.
Dazu gehören die gescheiterten Industrialisierungsversuche in rohstoffexportierenden Ländern wie Nigeria, das auf große und staatliche Industriekomplexe gesetzt hatte, aber die Produktion kaum diversifizieren konnte.

Landwirtschaftlich geprägte Länder. Die landwirtschaftlich geprägten Länder, die von wenigen Ausnahmen wie beispielsweise Elfenbeinküste abgesehen nur geringe Industrialisierungserfolge aufweisen können.

In den letzten Jahren ist es in einigen Ländern zu einer Neuorientierung der Industriepolitik gekommen. Einige Länder können inzwischen sogar gewisse Exporterfolge verzeichnen. "Afrika ist wettbewerbsfähig" – so lautet das Urteil einer Weltbankstudie (von 1995). Diese Einschätzung bezieht sich aber nur auf wenige Nischenprodukte, wie afrikanische Textilien (mit typisch afrikanischem Design), die in Europa und den USA einen Markt gefunden haben. In den meisten Ländern ist das Industrialisierungsniveau jedoch sehr niedrig geblieben. In einem Viertel der Länder liegt der Anteil der verarbeitenden Industrie am Bruttoinlandsprodukt unter fünf Prozent, die Hälfte der afrikanischen Länder weist lediglich einen Anteil von bis zu zehn Prozent auf.


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