Afrika

20.5.2005 | Von:

Von der Kornkammer zum Industrieraum

Extremer Anstieg der Bevölkerungszahlen

Konrad Schliephake

Anfang der sechziger Jahre gab es nach Abzug der Kolonisten viel Platz und zur Inwertsetzung der bergbaulichen (Erdöl, Phosphat) und agrarischen (Zitrusfrüchte, Wein, Getreide) Ressourcen fehlten Arbeitskräfte. Algerien wollte seine Menschenverluste von – nach eigenen Angaben – fast einer Million aus dem Befreiungskrieg kompensieren und in einem "demographischen Rennen" gegen Marokko beweisen, dass es nicht nur flächenmäßig der größte Maghrebstaat sei. Libyen brauchte dringend Arbeitskräfte für seine junge Erdölindustrie. Geburtenkontrolle wurde als ein Eingriff in die Allmacht Gottes angesehen und viele Kinder bedeuteten Segen und Garantie für die Altersversorgung der Eltern.

Bevölkerungswachstumsraten von 2,7 Prozent (Verdoppelung alle 26 Jahre) bis über 3,1 Prozent pro Jahr (Verdoppelung alle 21 Jahre) sahen die staatlichen Planer als normal an. 1986 überholte Algerien mit 22 Millionen Menschen Marokko.

Im Jahr 2025 ist mit 113 bis 135 Millionen Maghrebinierinnen und Maghrebiniern zu rechnen. Das bedeutet mindestens eine Verdreifachung der Bevölkerung innerhalb von 55 Jahren.

BevölkerungsentwicklungBevölkerungsentwicklung (© bpb)
Aus den aktuellen Prozessen ergeben sich enorme physische und ökonomische Belastungen. Die ökonomischen Wachstumsraten müssten die Bevölkerungswachstumsraten überschreiten, um überhaupt einen Effekt zu haben. Kapitalakkumulation insbesondere der privaten Hände ist kaum möglich, ein Großteil der Familieneinnahmen wird für Hausbau und nicht für produktive Investitionen ausgegeben.

Die physischen Belastungen betreffen zum Beispiel die Infrastruktur. Städte wie Algier (1970: eine Million Einwohner; 2000: 2,6 Millionen Einwohner), Casablanca (1,5/3,5 Millionen), Rabat (0,5/1,6 Millionen) und Tripolis (0,4/1,1 Millionen) haben in 30 Jahren ihre Einwohnerzahl fast verdreifacht, ohne dass die städtischen Infrastrukturen mithalten konnten. Das gleiche gilt für den Ausbau von Krankenhäusern und Schulen. Für letztere ist signifikant, dass die öffentlichen Ausgaben für Bildung von 7,8 Prozent des BSP 1980 in Algerien (Marokko: 6,1 Prozent) auf 5,1 Prozent (bzw. fünf Prozent) 1997 zurückgegangen sind. Sie lagen zwar damit immer noch über dem Weltdurchschnitt von 3,9 Prozent (1980) bzw. 4,8 Prozent 1997. In Anbetracht einer Bevölkerung, die zu 37 Prozent bzw. 32 Prozent aus Jugendlichen unter 15 Jahren besteht, und einem Analphabetenanteil von immer noch 35 Prozent (Algerien) bzw. 53 Prozent (Marokko) an den Erwachsenen ist dies sicherlich zu wenig.

Von besonderer ökonomischer Bedeutung ist die aus der Altersstruktur, aber auch aus der traditionellen Rolle der Frau (als Mutter und Hausfrau) resultierende niedrige Rate der Erwerbstätigen an der Gesamtbevölkerung, die durchschnittlich bei 36 Prozent liegt (Maximum Tunesien: 42 Prozent). Das heißt, jeder Berufstätige (zu zwei Dritteln Männer) ernährt durchschnittlich drei Personen. Kaum berechenbar ist der Anteil der Arbeitslosen und der im informellen Sektor Tätigen (siehe Seite 14f.), die in den einzelnen Ländern (außer Libyen) 20 bis 40 Prozent der Arbeitsfähigen ausmachen dürften. Hier ergibt sich ein wesentliches Hindernis für die aus sozialen, ökonomischen und demographischen Gründen notwendige Integration der Frau in das Arbeitsleben, die bislang lediglich in Tunesien geglückt ist.

Auch die Beschäftigung der nachwachsenden Generation schafft Probleme. In den fünf Maghrebstaaten suchen jährlich neu 1,3 Millionen junge Menschen nach Arbeitsplätzen. In Libyen (jährlich 110000 neue Arbeitsuchende) mag dies noch durch Ersatz von fast einer Million Gastarbeiter möglich sein. Die Ökonomien von Algerien (550000 neue Arbeitsplatzsuchende pro Jahr) und Marokko (475000) sind jedoch an ihren Absorptionsgrenzen angekommen.

Mit der anhaltenden Verbesserung der hygienischen Situation und einer Lebenserwartung, die inzwischen auf 69 Jahre gestiegen ist (Durchschnitt beide Geschlechter, bei Frauen insgesamt drei Prozent höher als bei Männern; lediglich Mauretanien liegt mit 54 Jahren weiter unter dem Durchschnitt), wird das Bevölkerungswachstum vorerst nicht zum Abklingen kommen.


Die Geschichte des Kolonialismus und seiner Folgen wird immer wieder neu ausgehandelt. Welche Gegenerzählungen zur westlichen Kolonialgeschichte gibt es, die im Kampf um "historische Wahrheiten" häufig an den Rand gedrängt wurden? Wie wirkt das koloniale Zeitalter in ehemaligen Kolonialstaaten und anderen Gesellschaften nach?

Mehr lesen

Dossier

Afrikanische Diaspora in Deutschland

In Texten und Bildern spiegelt dieses Dossier eine eigenständige Schwarze Geschichte wider, die einen integralen Bestandteil der deutschen Vergangenheit und Gegenwart darstellt.

Mehr lesen

Dossier

Innerstaatliche Konflikte

Vom Kosovo nach Kolumbien, von Somalia nach Süd-Thailand: Weltweit schwelen über 280 politische Konflikte. Und immer wieder droht die Lage gewaltsam zu eskalieren.

Mehr lesen

Eine Farm im Nordosten Kenias im Jahre 1938. Die aus Deutschland von den Nazis vertriebene Jüdin Jettel Redlich steht vor der unscheinbaren Wellblechfarm ihres Mannes. Kinofenster.de bietet passende filmpädagogische Begleitmaterialien für den Schulunterricht.

Mehr lesen auf kinofenster.de