Afrika

20.5.2005 | Von:

Von der Kornkammer zum Industrieraum

Landwirtschaftliche Modernisierungskonzepte

Konrad Schliephake

Der vorkoloniale und koloniale Maghreb war ein wichtiger agrarischer Produktionsraum mit Ausnahme von Libyen und Mauretanien, die immer auf Importe von Grundnahrungsmitteln angewiesen waren. Die Erträge reichten zur Versorgung der Bevölkerung und zu regelmäßigen Ausfuhren nach Europa (Rohrzucker, Gerste, Leder, Wolle). Viehzuchtnomaden bzw. -halbnomaden ergänzten sich mit Pflugbauern (Getreide) und Gärtnern (Oliven, Obst, in den Saharaoasen Datteln) in regem Produktaustausch. Das islamische Bodenrecht gab den Landbesitzern und Landnutzern Sicherheit, förderte allerdings kaum Investition und Innovation. Es unterschied vier Typen:

  • privates Grundeigentum (insbesondere bewässertes oder dauernd durch Baumkulturen genutztes Land),

  • Staatsland zur freien Verfügung des Herrschers,

  • Kollektivland der Stämme mit unveräußerlichem Nutzungsrecht der Stammesmitglieder,

  • Land der frommen Stiftungen zugunsten religiöser oder karitativer Einrichtungen oder der eigenen Nachkommen. Dieses Land umfasste 1830 circa die Hälfte der algerischen Ackerflächen und wurde an landlose Bauern verpachtet.
Die Kolonisation übernahm das Staatsland, enteignete schrittweise den Stiftungsbesitz und Teile des Kollektivlandes und übertrug sie an französische und italienische Agrargesellschaften und Kolonisten. Die Reste des Kollektivlandes trug die Verwaltung bei Erstellung des Katasters als Besitz des jeweiligen Stammesführers ein. Mit der Beendigung der gemeinsamen Nutzung (vergleichbar mit der deutschen Allmende) kam es zu einer Feudalisierung, denn der neue Grundherr konnte nun die Flächen an seine Stammesgenossen verpachten, die als Fünftelpächter (ein Fünftel des Ertrages für die Arbeit des Pächters, vier Fünftel für Boden, Wasser, Saatgut und Geräte des Besitzers) nur einen Bruchteil der Erträge erhielten.

Zu Ende der Kolonialzeit waren in Algerien 25 Prozent besten Ackerlandes französischer Besitz und 21 Prozent einheimischer Besitz, der Rest (überwiegend Weideflächen) Kollektivland und Staatsbesitz. Zu dem auf Eigenversorgung (Subsistenz) orientierten "traditionellen" Sektor der Einheimischen gesellten sich die agroindustriellen Aktivitäten der Kolonisten. Sie produzierten exportorientiert und kapitalintensiv unter europäischer Leitung mit billigen Tagelöhnern, meist den von ihrem Land vertriebenen Bauern.

Mit Ende der Kolonialzeit verließen die europäischen Siedler fast vollständig das Land, das zum Teil in Staatsbesitz (Libyen, Marokko, teilweise Tunesien), in arbeiterselbstverwaltete Betriebe (Algerien) bzw. in die Hände einheimischer Grundbesitzer (Marokko) überging. Die Disparität zwischen den modernen Großbetrieben mit Flächen von 100 bis 10000 Hektar und den am Rand des Existenzminimums wirtschaftenden Kleinbetrieben blieb bis heute erhalten.

Zu den Disparitäten kommen Ungleichgewichte in der Produktion: Der traditionelle Sektor erzeugte Nahrungsmittel für die einheimische Bevölkerung wie Hartweizen (für Kuskus-Grieß), Gerste, Hülsenfrüchte, Oliven, Datteln und Hammelfleisch. Dagegen spezialisierte sich der "moderne" Sektor auf Produkte zum Export nach Europa wie Wein, Südfrüchte, Frühgemüse und Weichweizen (für Weißbrot). Große Agrargesellschaften und Genossenschaften produzierten in Algerien bis zur Unabhängigkeit jährlich 14 bis 16 Millionen Hektoliter einfachster Rotweine zum Verschnitt mit französischen Weinen. 1971 stoppte Frankreich die zollbegünstigte Weineinfuhr und zwang Algerien trotz großer Bedenken (Freisetzung von Arbeitskräften), die Weinkulturen sehr schnell zu reduzieren.

Die nachkoloniale landwirtschaftliche Entwicklung strebte in allen Maghreb-Ländern an:

  • Vergrößerung und Intensivierung der Anbauflächen insbesondere durch Bewässerung;

  • Erhaltung der Produktivität des modernen, ex-kolonialen Sektors ohne Zerstückelung der großen Kolonistenflächen;

  • Modernisierung des traditionellen Sektors durch Zusammenfassung der Betriebe in Genossenschaften und durch staatliche Investitionshilfen;

  • Umstellung der Produktpalette auf Grundnahrungsmittel (unter anderem Zucker), Versuche mit Sonnenblumen und Baumwolle;

  • Qualitätsverbesserung und Angebotserweiterung bei den Exportprodukten (Zitrusfrüchte, Frühgemüse, Blumen);

  • Verbesserung der Vermarktungsstrukturen durch Absatzgenossenschaften bzw. staatliche Ankauforganisationen (zum Beispiel Libyen, zeitweilig Algerien).
Trotz dieser umfangreichen Maßnahmen hat die Landwirtschaft die in sie gesetzten Hoffnungen nicht erfüllt. Sowohl ihr Anteil am Bruttosozialprodukt (1998 Durchschnitt aller Maghrebstaaten: zwölf Prozent) als auch ihr Beitrag zur Ernährung der wachsenden Bevölkerung sind schnell zurückgegangen. 1998 verbrauchte jeder Maghreb-Bürger durchschnittlich jährlich importierte Lebensmittel im Wert von 66 US-Dollar.

Diese Entwicklung steht im Widerspruch zu den Zielen der Agrarplanung. In den siebziger Jahren hatten Erdölproduzenten wie Algerien und Libyen Angst, in Umkehrung ihrer eigenen Erdölpreispolitik mit einer plötzlichen Getreidepreiserhöhung konfrontiert zu werden. Diese als Drohung empfundene "Erpressung durch die Getreideproduzenten" (gemeint waren vor allem die Industriestaaten) gab Anlass zu einer ganzen Reihe von ökonomischen und administrativen Maßnahmen.

Mauretanien, dessen naturräumliche Bedingungen nur im Senegaltal Perspektiven aufwiesen, unternahm Versuche zur Intensivierung des Reisanbaus, die weitgehend erfolglos blieben. In der Nahrungsmittelaußenhandelsstatistik zeigt das Land gleichwohl Überschüsse, da der Mauretanien zustehende Anteil an den Fischfangmengen ausländischer Flotten innerhalb der 200-Meilen-Wirtschaftszone Mauretanien als Export zugerechnet wird, ohne dass er an Land kommt.

In Marokko sollten nach Bau von insgesamt 30 großen Staudämmen zwischen 1960 und 1985 eine Million Hektar zusätzliches Land bewässert werden. Tatsächlich hat Marokko heute mit 1,3 Millionen Hektar Bewässerungsfläche (22 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche) die höchsten Getreideerträge (1,1 Tonnen/Hektar) der Maghrebländer und eine im Export von Gemüse, Zitrusfrüchten und Olivenöl durchaus erfolgreiche Landwirtschaft. Doch müssen 40 Prozent des Grundnahrungsmittels Getreide (Gesamtverbrauch: 10,7 Millionen Tonnen) importiert werden. Die strukturellen Probleme des Gegensatzes zwischen einer feudalen Großgrundbesitzerschicht, der wohl die Mehrheit der fruchtbaren Flächen gehört, und den vor allem durch Realerbteilung weiter verarmenden Kleinbauern bleibt ungelöst.

In Algerien bestanden Anfang der achtziger Jahre die folgenden Betriebsformen:

  • sozialistischer Sektor mit arbeiterselbstverwalteten Betrieben (bis 1962 französische "colons"), denen 2,7 Millionen Hektar der besten Böden gehörten und die 1982 in überschaubare Einheiten aufgeteilt wurden. Diese Betriebe firmieren heute als Unternehmen und produzieren unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten;

  • Sektor der Agrarrevolution (seit 1972) mit zwei Millionen Hektar geringerwertiger Böden aus kommunalem und privatem Besitz mit geringer Produktivität. Statt der heute weitgehend aufgelösten Genossenschaften wirtschaften die neuen Eigentümer selbstständig;

  • privater Sektor auf weiteren 2,5 Millionen Hektar Flächen mit Subsistenz- (Wirtschaft für den Eigenbedarf) sowie wenigen marktorientierten Betrieben.
Die Nahrungsmittelproduktion konnte mit Bevölkerungswachstum und steigenden Ansprüchen nicht Schritt halten. 1969 erzeugten die einheimischen Landwirte 73 Prozent des Getreidebedarfs, 1981 waren es ebenso wie 1998 nur noch 33 Prozent. Die relative Stagnation der Agrarwirtschaft war und ist das Ergebnis gescheiterter staatlicher Experimente (Agrarrevolution), wiederholter Eingriffe in die Vermarktungsmechanismen (zeitweilige Verstaatlichung des Zwischenhandels) und damit fehlender Investitionsbereitschaft der Bauern und Grundbesitzer.

Nachdem die Planer Mitte der achtziger Jahre das Scheitern des staatlichen Eingreifens konstatierten, liberalisierten sie den Bodenmarkt und überließen die Produktion den Marktmechanismen. Die mit den Jahresniederschlägen stark schwankende Getreideproduktion konnte zwar von (1990) 2,4 Millionen Tonnen auf (1998) 3,6 Millionen Tonnen gesteigert werden (aber 1997 nur 0,9 Millionen Tonnen), doch deckt dies nur ein Drittel des nationalen Bedarfs von durchschnittlich 11,8 Millionen Tonnen/Jahr. Die Schere zwischen wachsender Bevölkerung und stagnierender agrarischer Produktion wird sich weiter öffnen.

Tunesien mit seiner marktorientierten Landwirtschaft, die nach Genossenschafts-experimenten in den sechziger Jahren weitgehend sich selbst überlassen wurde, war gemeinsam mit Marokko unter ökonomischen Gesichtspunkten der erfolgreichste Produzent. Bei recht günstigen Bedingungen – 19 Prozent der Staatsfläche können landwirtschaftlich genutzt werden – und Ausbau der Bewässerungsinfrastruktur durch den Staat (13 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche sind bewässert) bauten groß- und mittelbäuerliche Betriebe Plantagen für Zitrusfrüchte, Gemüse, Wein, Frühkartoffeln und Oliven (letztere ohne Bewässerung) auf, die in der Europäischen Union guten Absatz finden. Einwohnerbezogen ist heute Tunesien der wichtigste Agrarexporteur des Maghreb, allerdings müssen auch hier 70 Prozent des Getreideverbrauches von durchschnittlich 5,2 Millionen Tonnen (teilweise für Viehfutter) importiert werden.

Die libysche Landwirtschaft hat trotz enormer Investitionen nur Einzelerfolge gezeigt. Größtes Vorhaben ist das 1983 begonnene Projekt des Großen Künstlichen Flusses, der in einem Ost- und West-Strang bis zum Jahre 2010 täglich fast sechs Millionen Kubikmeter fossiles Grundwasser aus der Sahara in die städtischen Zentren und landwirtschaftlichen Kernzonen der Küste transportieren soll. Das von anglo-amerikanischen Beratern konzipierte und von koreanischen Baufirmen verlegte System von vier Meter breiten Röhren wird von den Libyern stolz als achtes Weltwunder bezeichnet. Im Endausbau wird das 4600 Kilometer lange Röhrensystem 27 Milliarden US-Dollar verschlungen haben.

Doch die aktuellen landwirtschaftlichen Daten sind nicht günstig. Nur ein Prozent des Staatsgebietes kann landwirtschaftlich genutzt werden, davon 26 Prozent bewässert. Unklare Besitzverhältnisse und bessere Verdienstchancen außerhalb der Landwirtschaft verhinderten einen Aufschwung. Heute unterlaufen zunehmend Privatbetriebe mit Gastarbeitern die Vorschriften des "Grünen Buches" (das Land dem, der es bebaut). Sie erzeugen Gemüse, Zitrusfrüchte, Kartoffeln, Weintrauben und Oliven. Trotz aller Anstrengungen – die unter anderem eine 80-prozentige Lebensmittelselbstversorgung im Jahr 2000 vorsahen – wird das wohlhabende Erdölland Libyen immer Lebensmittelimporteur bleiben, aktuell muss es 90 Prozent des Getreideverbrauches einführen.


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