Afrika

16.8.2006 | Von:
Sarah Tietze

Die Aids-Pandemie in Sub-Sahara-Afrika

Teufelskreis aus Ursache und Wirkung

AIDS führt vielfach auch zur Verstetigung von Unterentwicklung. Fast die Hälfte der Menschen in Sub-Sahara-Afrika zählt nach den von der Weltbank aufgestellten Kriterien zu den ärmsten Menschen der Welt, lebt also von einem Dollar pro Tag oder weniger.[6] Auf dem Index für menschliche Entwicklung sind, von einigen Ausnahmen wie Südafrika, Botswana und Mauritius einmal abgesehen, die Staaten der Region auf den letzten Plätzen zu finden.[7]

Da AIDS die Elterngeneration tötet, leben in Afrika immer mehr Waisenkinder. 2005 waren es bereits zwölf Millionen.[8] Das Netz der Großfamilie ist häufig die einzige soziale Absicherung dieser Kinder, doch die Pflegefamilien sind mit der Anzahl der zu versorgenden AIDS-Waisen zunehmend überfordert. Es besteht die Gefahr, dass diese nicht in gleichem Maße wie die leiblichen Kinder an den familiären Ressourcen beteiligt werden und, anstatt zur Schule zu gehen, arbeiten müssen.[9] Eine weitere Option für Waisen ist die Bildung eines Kinderhaushalts. Durch das Fehlen eines erwachsenen Versorgers sind die Möglichkeiten zur Einkommenssicherung jedoch gering, sodass diese Kinder oft in großer Not leben.[10] Eine wachsende Zahl versucht, als Straßenkinder ihren Lebensunterhalt mit Prostitution, Bettelei und Kriminalität zu sichern. Waisen sind zudem aufgrund ihrer schwachen sozialen Position und ihres eingeschränkten Zugangs zu Ressourcen besonders anfällig für sexuelle Ausbeutung und damit auch für eine Infektion mit HIV.

In den meisten Ländern Sub-Sahara-Afrikas bedeutet AIDS immer noch ein langsames und qualvolles Sterben. Die Erkrankten können keiner Erwerbstätigkeit mehr nachgehen und die hohen Kosten, die bei der aufwändigen Versorgung der Opfer entstehen, erhöhen das Verarmungsrisiko für die betroffenen Familien. Studien aus dem südlichen Afrika zeigen, dass das Haushaltseinkommen in einer solchen Situation um 66 bis 80 Prozent sinkt.[11] Die landwirtschaftliche Produktion, die in Afrika der wichtigste Erwerbszweig ist, und die Subsistenzwirtschaft, durch die viele Familien ihr Überleben sichern, werden durch AIDS beeinträchtigt. Bereits für 2000 wurde der Verlust von Arbeitskräften durch die Seuche im Bereich des Landwirtschaftssektors in Staaten des südlichen Afrikas auf bis zu zehn Prozent geschätzt, für 2010 wird mit Verlusten zwischen 13 und 26 Prozent gerechnet.[12] Für die Ernährungslage der von AIDS betroffenen Familien hat dies schwerwiegende Folgen. In Simbabwe nahm die Maisproduktion in Haushalten, die einen Erwachsenen an die Krankheit verloren hatten, durchschnittlich um 61 Prozent ab.[13] Auch auf nationaler Ebene zeigen sich bereits die Auswirkungen von AIDS. Frühere Entwicklungserfolge werden zunichte gemacht. So ist die Lebenserwartung im südlichen Afrika als Folge der Epidemie im Durchschnitt um 20 Jahre zurückgegangen.[14] Die Seuche verringert zudem das Pro-Kopf-Wachstum in 24 afrikanischen Staaten um 0,5 bis 1,2 Prozent pro Jahr.[15]

Armut und Elend sind nicht nur die Folge von AIDS, sondern auch seine Ursache. Es ist schon häufiger beobachtet worden, dass unterentwickelte Länder in viel höherem Maße von Infektionskrankheiten betroffen sind als reiche Staaten. AIDS macht hier keine Ausnahme. Armut erleichtert der Krankheit das Eindringen in die afrikanischen Gesellschaften. Im Folgenden sollen kurz die wichtigsten Faktoren für die Ausbreitung der Seuche dargestellt werden. Sie bedingen nicht nur AIDS, sondern sind darüber hinaus auch miteinander verflochten.

Fußnoten

6.
Vgl. World Bank, Poverty, World Development Indicators, Washington, D.C. 2006. http://devdata. worldbank.org/wdi2006/contents/Section1_1_1.htm (10. 5. 2006).
7.
Vgl. UNDP, Human Development Report 2005, New York 2005, S. 222.
8.
Vgl. UNAIDS (Anm. 2), S. 61.
9.
Vgl. Gloria Jaques, Orphans of the AIDS-Epidemic. The Sub-Saharan Experience, in: Kempe R. Hope (Hrsg.), AIDS and Development in Africa. A Social Science Perspective, New York 1999, S. 51.
10.
Vgl. Chris Desmond/Karen Michael/Jeff Gow, The Hidden Battle: HIV/AIDS in the household and Community, in: South African Journal of International Affairs, 7 (2000) 2, S. 39 - 59, hier S. 52; Mark Schoofs, Die neue Plage Afrikas. Das Virus macht in Afrika ganze Generationen zu Waisen, in: Der Überblick, (2000) 3, S. 6 - 36.
11.
Vgl. UNAIDS (Anm. 2), S. 45.
12.
Vgl. Robyn Pharaoh/Martin Schönteich, AIDS, Security and Governance in Southern Africa. Exploring the Impact, Institute for Security Studies, Occasional Paper No. 65, 2003, S. 4.
13.
Vgl. Belinda Beresford, AIDS takes an economic and social toll. Impact on Households and Economic Growth most severe in Southern Africa, in: Africa Recovery, 5 (2001) 1, S. 19 - 23, hier S. 22.
14.
Vgl. UN Department of Economic and Social Affairs, Population Division, The Impact of AIDS, New York 2004, S. 17.
15.
Vgl. UNAIDS, Questions and Answers, Part One, IV/1: What is the economic impact of AIDS?, in: http://www.unaids.org/unaids_resources/200604- QA_PartI_en.pdf (10. 5. 2006).

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