Afrika

16.8.2006 | Von:
Sarah Tietze

Die Aids-Pandemie in Sub-Sahara-Afrika

Ungleichheit von Frauen und Männern

Der niedrige soziale Status von Frauen und Mädchen ist einer der wichtigsten Gründe für die rasante Ausbreitung von AIDS in Sub-Sahara-Afrika. Frauen stellen mit einem Anteil von 57 Prozent die Mehrheit der HIV-Infizierten in der Region.[16] Das herrschende Rollenverständnis billigt Afrikanerinnen wenig Kontrolle über ihre Sexualität zu. Von ihnen wird gefordert, sich den Wünschen ihres Partners unterzuordnen und, was sexuelle Themen anbetrifft, unbedarft zu sein. Jungfräulichkeit bis zur Eheschließung wird von Mädchen erwartet. Männern wird eine deutlich aktivere Rolle zugestanden. Sie dürfen und sollen schon früh sexuell aktiv sein, und auch nach der Hochzeit wird von ihnen nicht zwingend eheliche Treue verlangt. Polygamie ist in vielen Staaten Sub-Sahara-Afrikas bis heute verbreitet und die Vorstellung, dass ein verheirateter Mann monogam lebt, deswegen auch keine Selbstverständlichkeit. So gaben im Rahmen einer ugandischen Studie 45 Prozent der befragten Ehemänner an, mehrere Sexualpartner zu haben, von den Frauen waren es nur fünf Prozent.[17] Bei Befragungen in Tansania bekannten sich 40 Prozent der verheirateten Männer zu außerehelichen Affären.[18] Dieses Verhalten führt dazu, dass in Afrika für junge verheiratete Frauen das größte Risiko besteht, sich mit HIV anzustecken.

Hinzu kommt, dass Frauen und Mädchen in hohem Maße sexueller Gewalt ausgesetzt sind. Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation wurden in Äthiopien 56 Prozent der Teilnehmerinnen Opfer von sexueller Gewalt; in Tansania erklärten 47 Prozent der befragten Frauen, körperlich misshandelt worden zu sein.[19] Dies bedeutet auch, dass Frauen selten die Möglichkeit haben, den Gebrauch von Kondomen oder einen gemeinsamem AIDS-Test durchzusetzen, wenn ihr Partner dies ablehnt. Ein weiterer Faktor, der die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen einschränkt, ist ihre schwache ökonomische Position. Frauen haben kaum Zugang zu Lohnarbeit und damit wenig Möglichkeiten zur Einkommensgenerierung. Sie sind auf einen männlichen Versorger angewiesen und sehen sich in Krisensituationen unter Umständen gezwungen, auf "transactional sex" zurückzugreifen, also sexuelle Gefälligkeiten für Geld oder materielle Unterstützung anzubieten.[20] Dadurch, dass Frauen, auch aufgrund des herrschenden Rollenverständnisses und ihrer ökonomischen Abhängigkeit, geringeren Zugang zu Bildung und zu Gesundheitsversorgung haben, ist es schwerer, ihnen Wissen über AIDS und die Präventionsmöglichkeiten zu vermitteln. Laut UNAIDS haben in afrikanischen Staaten oft mehr als zwei Drittel der Frauen nur ungenaue Kenntnisse über die Übertragungswege von HIV.[21]

Fußnoten

16.
Vgl. UNAIDS, Women and AIDS. Confronting the Crisis, Genf-New York 2004, S. IV.
17.
Vgl. UNAIDS (Anm. 2), S. 27.
18.
Vgl. ebd., S. 28.
19.
Vgl. UNAIDS, Stop Violence Against Women. Fight AIDS, http://womenandaids.unaids.org/themes/docs/UNAIDS%20VAW%20Brief.pdf (20. 5. 2006).
20.
Vgl. UNAIDS, AIDS Epidemic Update 2004, Genf 2004, S. 10.
21.
Vgl. UNAIDS (Anm. 2), S. 18.

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