Afrika

16.8.2006 | Von:
Sarah Tietze

Die Aids-Pandemie in Sub-Sahara-Afrika

Lebensrettende Medizin

Sub-Sahara-Afrika ist nicht nur besonders schwer von AIDS betroffen, die Menschen dort haben auch die geringsten Chancen, im weltweiten Vergleich mit den lebensrettenden antiretroviralen Medikamenten (ARVs), die AIDS aufhalten können, behandelt zu werden. Ende 2003 hatten in Afrika weniger als fünf Prozent aller Infizierten Zugang zu ARVs.[34] Hinsichtlich der Frage, ob und wie Medikamente gegen AIDS auch den Menschen in den Entwicklungsländern zugänglich sein sollten, kam es 2001 zu einer Auseinandersetzung im Rahmen der World Trade Organisation (WTO). Dabei standen sich ein globales Netzwerk, das sich aus Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Regierungen von Entwicklungsländern zusammensetzte, und die internationale Pharmaindustrie gegenüber, der wiederum die Industriestaaten sekundierten.

Südafrika hatte auf Druck einheimischer AIDS-Aktivisten ein Gesetz erlassen, das den Import von billigen Generika erleichtert.[35] Die südafrikanische Regierung argumentierte, dass die AIDS-Epidemie ein nationaler Notstand sei, der nach den Bestimmungen der WTO solche Maßnahmen erlaube. Generika sind Kopien von Medikamenten, die zwar ebenso wirksam sind wie das Original, aber zu deutlich niedrigeren Preisen angeboten werden können, da ihre Hersteller keine Forschungs- und Entwicklungskosten refinanzieren müssen. Die hohen Preise, die aufgrund des 20-jährigen Monopols der Patentinhaber für ARVs verlangt werden können, machten das Medikament für viele der am meisten von AIDS betroffenen Länder unerschwinglich. Da Patente aber nicht international gelten, sondern von nationalem Recht abhängig sind, entwickelte sich in einigen Ländern wie Indien, Brasilien und Thailand eine blühende Generika-Produktion. Die Pharmaindustrie fürchtete, dass der internationale Markt mit kopierten Medikamenten überschwemmt werden könnte und forderte einen effektiven Schutz ihrer Patente. 40 Pharmafirmen verklagten daher Südafrika vor dem obersten Gericht in Pretoria, zogen die Klage aber bald wieder zurück. Den Firmen drohte ein schwerwiegender Imageschaden aufgrund der erfolgreichen Mobilisierung der Weltöffentlichkeit durch NGOs und die Medien. Auf der WTO-Ministerkonferenz im November 2001 wurde eine Erklärung verabschiedet, die bestätigt, dass die Mitgliedstaaten das Recht haben, selbst zu bestimmen, wann ein nationaler Notstand vorliegt, und diesem mit der Herstellung oder dem Import von Generika zu begegnen. Daraufhin fielen die jährlichen Kosten für eine Therapie mit ARVs von 10 000 US-Dollar im Jahr 2001 auf 132 US-Dollar im Jahr 2003.[36]

In Afrika macht sich dieser Erfolg nur langsam bemerkbar. Botswana ist das erste afrikanische Land, das ein Programm zur Versorgung aller Infizierten durchführt. Ende 2004 hatten bereits 40 Prozent aller Erkrankten Zugang zu einer medikamentösen Therapie.[37] Die südafrikanische Regierung hat bisher noch keine nennenswerten Erfolge auf diesem Gebiet vorzuweisen, obwohl sie 2003 ebenfalls erklärte, ARVs über das öffentliche Gesundheitssystem bereitstellen zu wollen. In anderen Staaten wird eine medikamentöse Therapie nur punktuell angeboten, entweder im Rahmen von Hilfsprojekten oder von Programmen, die multinationale Firmen für ihre Arbeiter und Angestellten durchführen.[38] Auch Kampagnen ambitionierter internationaler Organisationen, die eine bessere Versorgung mit ARVs zum Ziel hatten, blieben weit hinter den Erwartungen zurück.

Fußnoten

34.
Vgl. C. Benn/S. Weinreich (Anm. 22), S. 109.
35.
Vgl. zu den folgenden Ausführungen Ives Beigbeder, International Public Health. Patients´ Rights vs. the Protection of Patents, Aldershot-Burlington 2004, S. 59, 79.
36.
Vgl. Kathryn Dinh, WTO Deadlines. Why Developing Countries must act now to protect access to medicines, in: Sexual Health, 1 (2004) 2, S. 63f.
37.
Vgl. C. Benn/S. Weinreich (Anm. 22), S. 109.
38.
Vgl. ebd.

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