Afrika

16.8.2006 | Von:
Sarah Tietze

Die Aids-Pandemie in Sub-Sahara-Afrika

Aids-Politik

Dass es bisher in vielen afrikanischen Staaten nicht gelungen ist, Kapital aus der WTO-Entscheidung zu schlagen, hängt auch mit der "bad governance", also der schlechten Regierungsführung vieler afrikanischer Entscheidungsträger beim Kampf gegen AIDS zusammen. Eines der traurigsten Beispiele ist die Republik Südafrika, der es bisher trotz ihres relativ hohen Entwicklungsstandes nicht gelungen ist, die Seuche einzudämmen. Der geradezu explosionsartige Anstieg der Prävalenz in diesem Land - von einem Prozent 1990 auf 25 Prozent im Jahr 2000 - ist auch auf den Unwillen südafrikanischer Politiker zurückzuführen, der Seuche die ihr gebührende Priorität einzuräumen.[39] Viele peinliche Skandale um verschwundene und falsch investierte Gelder, die Entdeckung vermeintlicher "Wundermittel" und die obskuren Äußerungen Präsident Mbekis, der Zweifel an der Existenz des HI-Virus anmeldete, gehen auf das Konto des regierenden ANC.[40] Zu allem Überfluss wurde zeitweise auch noch die Vergabe eines Medikaments an schwangere Frauen eingestellt, das HIV-Infektionen ihrer ungeborenen Kinder verhindert. Die Fronten zwischen der sehr aktiven Zivilgesellschaft, in deren Reihen auch viele AIDS-Forscher zu finden sind, und der Regierung sind seit langem verhärtet. Das Expertenwissen und die langjährige Erfahrung der AIDS-Aktivisten finden viel zu selten Eingang in die offizielle Politik.

Die AIDS-Politik Ugandas gilt hingegen als Erfolgsgeschichte. Während die nationale Prävalenz in den neunziger Jahren noch bei 15 Prozent lag, wird sie 2005 auf sieben Prozent geschätzt.[41] Neuere Studien weisen allerdings darauf hin, dass dieser dramatische Rückgang auch auf die hohe Sterblichkeit der Erkrankten zurückzuführen ist und nicht nur als Folge gelungener Präventionskampagnen gewertet werden darf.[42] Trotzdem gehörte Präsident Museveni zu den wenigen afrikanischen Politikern, die AIDS vom ersten Moment an entschieden bekämpften. Bereits 1985 rief er einen "runden Tisch" ins Leben, an dem auch Vertreter der Zivilgesellschaft und Repräsentanten der HIV-Infizierten saßen. Die dort erarbeiteten Pläne zur Bekämpfung der Seuche wurden in den folgenden Jahren konsequent umgesetzt, was die internationalen Geber mit großzügiger finanzieller Unterstützung goutierten.[43] Die christlichen Kirchen und die islamische Gemeinschaft des Landes erwiesen sich dabei als engagierte Verbündete. Über die Grenzen Ugandas hinaus wurde "The AIDS Support Organisation" (TASO) bekannt, eine 1987 gegründete Selbsthilfeorganisation mit mittlerweile über 80 000 Mitgliedern.[44] TASO bietet in fast allen Landesteilen AIDS-Tests, Beratung und psychologische und medizinische Betreuung an. Außerdem leisten die Aktivisten von TASO, die oft selbst HIV-positiv sind, wichtige Präventionsarbeit. Das Beispiel Ugandas zeigt, dass AIDS eingedämmt werden kann, wenn seine Bekämpfung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe wahrgenommen wird.

Fußnoten

39.
Vgl. UNAIDS (Anm. 2), S. 21.
40.
Vgl. zu den folgenden Ausführungen Gerhard Grohs/Sarah Tietze, AIDS-Politik im östlichen und südlichen Afrika, in: Ulf Engel (Hrsg.), Navigieren in der Weltgesellschaft. Festschrift für Reiner Tetzlaff, Münster 2005, S. 41 - 44.
41.
Vgl. UNAIDS (Anm. 2), S. 25.
42.
Vgl. ebd., S. 26.
43.
Vgl. zu den folgenden Ausführungen G. Grohs/ S. Tietze (Anm. 40), S. 39f.
44.
Vgl. http://www.tasouganda.org/about.php (10.5. 2006).

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