Afrika

5.12.2005 | Von:
Aissatou Bouba-Folle

Literarische Entwicklungen

Literatur in schriftlicher Form

Europäische Missionare übten mit der Einführung der lateinischen Schrift einen großen Einfluss auf die afrikanische Literatur aus.Europäische Missionare übten mit der Einführung der lateinischen Schrift einen großen Einfluss auf die afrikanische Literatur aus. (© Nikolaj Bourguignon, SXC.hu)
Bis zur Ankunft der Europäer wurden Schriftsysteme, wie das altäthiopische (Ge´ez) und das arabische, in der Regel nur zur Anfertigung von Gebrauchstexten auch in einheimischen Sprachen (Amharisch, Haussa, Ful, Kanuri, und Suaheli) verwendet. Erst die Einführung der europäischen Schule und somit der lateinischen Schrift durch europäische Missionare, und später durch die verschiedenen Kolonialmächte, hat junge Afrikanerinnen und Afrikaner "das Medium der Schrift ... als Werkzeug"[2] entdecken lassen, mit dessen Hilfe sie lyrische, Dramen- und Prosatexte in geschriebener Form und in manchen Ländern wie Südafrika sogar in ihrer eigenen Muttersprache schaffen konnten. Die erste im subsaharischen Afrika nachweisbare literarische Schrift ist in der Tat eine Hymne in der Sprache der Xhosa. Der erste Romanautor stammte ebenfalls aus Südafrika und gab bei seiner literarischen Tätigkeit seiner Muttersprache, dem Sotho, den Vorzug.

Die Verfassung von Literatur in afrikanischen Sprachen (Yoruba, Igbo, Haussa, Akan Ewe, Kisuaheli, Amharisch, Zulu, Xhosa, Sotho, usw.) wird heute noch überall dort gepflegt, wo diese Sprachen informell und gar offiziell eine Förderung genießen. Eine Pionier- und Vorreiterrolle übernehmen hier die anglophonen Länder. Eine ähnliche Entwicklung lässt sich in frankophonen Ländern hingegen kaum feststellen. Denn im Gegensatz zu England, das den Schwerpunkt seiner Kolonialpolitik auf die wirtschaftliche Ausbeutung seiner Kolonien gelegt hatte, bemühten sich die Franzosen um die kulturelle Assimilation ihrer Schutzbefohlenen und bewirkten die Durchsetzung des Französischen als literarische Sprache.

Höhere Kolonialschulen wie die "William Ponty" in Dakar regten ihre afrikanischen Schüler zu einer literarischen Tätigkeit an.Höhere Kolonialschulen wie die "William Ponty" in Dakar regten ihre afrikanischen Schüler zu einer literarischen Tätigkeit an. (© Tommy Johansen, SXC.hu)
Die Bildungspolitik der französischen Kolonialmacht war – wenn auch nur bedingt – für die Entstehung einer Literatur in französischer Sprache förderlich. Höhere Kolonialschulen wie die "William Ponty" in Dakar regten ihre afrikanischen Schüler zu einer literarischen Tätigkeit an. Viele Afrikaner erhielten bereits Ende der 1920er Jahre Zugang zu den Universitäten der französischen Metropole. Für eine gute literarische Tätigkeit sorgte nicht zuletzt die Existenz von Druckereien, von kolonialen und afrikanischen Zeitungen und Zeitschriften, von einem lesefähigen Publikum. In den englischen Kolonien Afrikas wurden einerseits in verschiedenen Bildungsstätten, wie dem Fourah Bay College, dem Achimota College oder den Universitäten von Makerere, von Ibadan in Afrika selbst und andererseits auch in England eine Generation von Gebildeten herangezogen. Eine literarische Tätigkeit setzte allerdings dort erst in den 1950er Jahren systematisch ein.

Sowohl die frankophonen als auch die anglophonen Schriftsteller meinten es mit ihrer Tätigkeit ernst: Sie formierten sich in Clubs, in Bewegungen, gründeten literarische Organe und organisierten Kongresse. Überall, mit Ausnahme von Südafrika, setzten sich - wenn auch im unterschiedlichen Grad - in erster Linie die europäischen Fremdsprachen als literarische Sprachen durch. Man richtete sich zunächst schlecht und recht in der neuen kulturellen Hybridität ein und produzierte eine reichhaltige Literatur, die seither in Form und Inhalt vielfältige Abwandlungen erfahren hat. Die Entstehung dieser Literatur ist teilweise als Antwort auf diverse Umbrüche zu verstehen, die Afrika im Laufe der Zeit bis heute in seiner Beziehung zu Europa hat bewältigen müssen.

Dazu zählen die Kolonisation, die Unabhängigkeitsbewegungen, die Einführung kapitalistischer Wirtschaftssysteme, die kulturelle, moralische, spirituelle und linguistische Beeinflussung durch die Europäer und, mit diesen Veränderungen einhergehend, die fortlaufende Neuorientierung der Gesellschaft zwischen Tradition und Moderne. Die Literatur ist an die Bedingungen ihrer Zeiten gebunden und von unterschiedlichen Generationen von Schriftstellerinnen und Schriftstellern getragen, die allerdings nicht klar von einander abgegrenzt werden können. Sie umfasst nicht nur die semi-oralen Gattungen der Lyrik und Dramatik, sondern auch Prosaformen.

Fußnoten

2.
Lüsebrinck, Hans-Jürgen: Schrift, Buch und Lektüre in der französischsprachigen Literatur Afrikas, Tübingen, 1990, S. 32.

Die Geschichte des Kolonialismus und seiner Folgen wird immer wieder neu ausgehandelt. Welche Gegenerzählungen zur westlichen Kolonialgeschichte gibt es, die im Kampf um "historische Wahrheiten" häufig an den Rand gedrängt wurden? Wie wirkt das koloniale Zeitalter in ehemaligen Kolonialstaaten und anderen Gesellschaften nach?

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