Afrika

5.12.2005 | Von:
Aissatou Bouba-Folle

Literarische Entwicklungen

Lyrik

Die erste Generation der anglophonen Lyriker des 19. und frühen 20. Jahrhunderts - und hier vornehmlich diejenigen aus Westafrika und der Republik Südafrika - gingen in der englischen Literatur auf. Sie wollten beweisen, dass sie Sprache und Verslehre des 17. Jahrhunderts beherrschten. Anders die frankophonen Dichter der ersten Stunde und ihre wichtigsten Vertreter, der Senegalese Léopold Sédar Senghor (1906-2001) und der Ivorer Bernard Dadié (*1916). Sie gehörten der Négritude-Bewegung an, die sich der Aufwertung der Afrikaner und ihrer Kulturen verschrieben hatte. Dementsprechend waren die oralen Traditionen und somit die orale Dichtung eine wichtige Inspirationsquelle; ihre Themen und ihre Vorstellungswelt waren dabei bestimmend. Ebenso maßgebend war ihre humanistische Ausrichtung, sie wollten mit ihren Gedichten den afrikanischen Menschen emotional rühren und mit ihm einen Dialog aufnehmen.

Das Streben nach der Realisierung des poetischen Konzepts der Négritude widerspiegelte ebenso die Auswahl der europäischen Modelle bei der formalen Konzeption der Gedichte: hier des Symbolismus und vor allem des Surrealismus mit seiner Betonung der Emotionen. Man verzichtete bei der Komposition des Gedichtes insofern weitgehend auf den klassischen Vers und damit auf den Reim. Stattdessen entschied man sich für den "vers libre", nicht zuletzt, weil er – wie dies für manche traditionellen Formen charakteristisch war - das Einflechten von narrativen Elementen in das Gedicht ermöglichte. Um möglichst viele afrikanische Menschen anzusprechen, waren die Literaturschaffenden der Négritude bemüht, zugängliche Sprachen zu wählen. Dies erforderte - nicht zuletzt aus ideologischen Gründen - die Domestizierung des Französischen bzw. die Afrikanisierung dieses Sprachguts und die Anpassung seines Wortschatzes und seiner Syntax an die der afrikanischen Sprachen. Dabei wurden bewusst die in Frankreich üblichen ästhetischen Kriterien vernachlässigt.

Die frankophonen Lyriker der zweiten Generation, welcher die Kongolesen Tchicaya U Tam'si (1931-1988) und Jean-Baptiste Tati-Loutard (*1939) angehören, richtete ihr Schaffen weniger am Publikum aus. Sie bezogen sich auf ihre eigene ethnische Kultur und auf ihre für Außenstehende zumeist schwer zugänglichen Mythologien. Selbst in der französischen Sprache wurden Brechungen geschaffen, welche die Kommunikation erschweren sollten. Diese Generation suchte auf diese Weise die Abgrenzung gegen die Ideologie und politische Praxis der Négritude. Sie wollte nicht mehr rückwärts gewandt sein und alles Afrikanische verherrlichen, sie pochte auf die Autonomie ihrer Schöpfungen. Trotz allem blieb auch die Grundlage ihrer Dichtung die "afrikanische Bilder- und Vorstellungswelt", die sie allerdings "mit den dichterischen Verfahrensweisen der modernen 'Weltsprache der Poesie' zu verbinden" [3] wusste; der Dialog mit der universellen Poesie war aus ihrer Sicht ein Garant des dichterischen Erfolgs. Dennoch war die Poesie dieser Generation im frankophonen Afrika kein rein intellektuelles Konstrukt; sie versperrte sich nicht den Realitäten ihrer Umwelt und war durchaus politisch engagiert und der Zeitkritik fähig.

Namhafte Literaten aus der zweiten Generation des anglophonen Afrikas hatten ebenfalls eine schwer zugängliche Poesie geschaffen. Dichter wie Wole Soyinka (*1934), Christopher Okigbo (1932-1967) und Gabriel Okara (*1921) aus Nigeria orientierten sich an europäischen bzw. englischen Vorbildern. Sie waren nicht gewillt, einen wirklichen Dialog mit ihren afrikanischen Traditionen in ihrer Sprache zu führen, obwohl sie andererseits aus deren Mythologie schöpften. Ihr ganzes Streben richtete sich darauf, sich nicht auf Afrika zu beschränken; denn das Beispiel der Négritude-Lyriker, die aus ihrer Sicht ausgeprägte Tendenzen zum Essentialismus und Narzissmus zeigten, wirkte auf sie abschreckend. Sie hielten sich an ihre englischen modernistischen Vorbilder und versuchten, eine universelle und mystische Poesie zu schaffen. Für diesen Zweck verwendeten sie eine ausgesuchte, elitär anmutende Ebene der englischen Sprache und verwoben afrikanische, griechische, christliche Referenzen miteinander. Das Resultat, das von extremer Religiosität zeugte, war hermetisch, fast esoterisch. Für eine derartige elitäre Tendenz hatten auch im anglophonen Afrika nur die wenigsten Verständnis.

Die nachfolgende Generation von anglophonen Lyrikern vor allem aus Nigeria sah sich daher veranlasst, ein anderes Konzept zu entwickeln. Obwohl sie genauso wie ihre Vorgänger einen akademischen Hintergrund hatten, schufen sie eine englischsprachige Poesie fern aller Dichtungslabore. Die meisterhafte Handhabung der englischen Sprache tat ihrem persönlichen Charakter keinen Abbruch; sie hatte sich letztlich in den Dienst der Menschen gestellt, indem sie sich für politische und soziale Themen öffnete. Als Folge bemühte sich diese Generation von Dichtern um die Re-Oralisierung der Lyrik, durch Veranstaltung öffentlicher Lesungen und durch den Gebrauch einer Sprache, die allen zugänglich war. Die Re-Oralisierung sollte der Wiederbelebung der Poesie förderlich sein. Ähnliches strebte auch die dritte Generation von Lyrikern aus den frankophonen Ländern an, allerdings mit weit weniger Erfolg. Abgesehen davon, dass sie weitgehend an der Schriftform festhielten, wies ihre Poesie mitunter puristische Tendenzen auf und übte sich in philosophischer und metaphysischer Reflexion über die Vergangenheit und die Zukunft Afrikas, ferner über die Bestimmung des Menschen.

Fußnoten

3.
Riesz, Janos: Die Literaturen Schwarzafrikas in französischer Sprache, in: Walter Jens (Hg.): Kindlers Neues Literatur-Lexikon, Bd. 19, München 1996, S. 1035 - 1045, Zitat S. 1042.

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