Afrika

5.12.2005 | Von:
Aissatou Bouba-Folle

Literarische Entwicklungen

Prosaformen

Im Gegensatz zu den im Vorhergehenden dargestellten literarischen Gattungen ist der Roman eine Neuheit, die erst im Zuge der europäischen Kolonisation eingeführt wurde. Der Roman baute auf die in Afrika bereits vorhandenen epischen Formen (Epen, Erzählungen und Mythen) auf und avancierte spätestens seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts zu einer der wichtigsten Gattungen der afrikanischen Literatur. Er hatte sich zu einer Zeit durchgesetzt, als die Afrikaner das Bedürfnis empfanden, sich zu positionieren, sich als Subjekt ihrer Geschichte darzustellen. Außerdem konnte mit Hilfe des Romans die Transformation der afrikanischen Gesellschaften nicht nur beschrieben und dokumentiert, sondern auch reflektiert werden.

Im frankophonen Afrika entstanden die ersten Romane in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Viele dieser Romane trugen die Züge des Kolonialromans. In den 1950er und frühen 1960er Jahren befassten sich die meisten frankophonen Romanautoren mit der Kolonisation und ihren Folgen für die Afrikaner. Es entstanden nach einer von Jacques Chevrier aufgestellten Typologie in dieser Zeit nicht nur Protestromane (Mongo Beti, Ferdinand Oyono, Sembène Ousmane), sondern auch Bildungsromane (Camara Laye, Cheikh Hamidou, Kane) sowie historische und philosophische Romane (Olympe Bhêly-Quenum, Camara Laye). Mit der Unabhängigkeit der afrikanischen Staaten und vor allem seit Mitte der 1960er Jahre trat eine Zeit der Desillusionierung ein. Es stellte sich heraus, dass die neuen Machthaber genauso auf ihren eigenen Vorteil bedacht waren wie die alten Kolonisatoren. Auch das vorkoloniale Afrika wurde nicht mehr verherrlicht, Autoren wie der Ivorer Amadou Kourouma (*1927) oder der Kongolese Henri Lopes (*1937) stellten nunmehr ein Gefühl der Ernüchterung in den Mittelpunkt ihrer Romane, daher bezeichnete man letztere auch als "romans du désenchantement".

Formal hatte es von Anfang an einen kontinuierlichen Dialog zwischen dem afrikanischen und dem europäischen Roman gegeben. Bis 1960 bevorzugten die Autoren die klassischen Strukturen des Romans. Ihre Vorbilder waren die französischen Realisten (Balzac) und Naturalisten (Zola). Nach 1960 wurden die französischen Sprachnormen nicht mehr eingehalten; man widmete sich afrikanischen Formen, zum Beispiel oralen Fabeln und wandte sich dem 'Nouveau Roman' und dem magischen Realismus (so Sony Labou Tansi) zu. Auf jeden Fall war mit der Ernüchterung das Bedürfnis nach dem Experimentieren mit neuen Formen größer geworden. Spätestens seit den 1990er Jahren flaute auch das soziale Engagement vieler Autoren ab. Kennzeichnend für deren Romane ist die Selbstbetrachtung des Einzelnen vor dem Hintergrund der Globalisierung und der Migrationsbewegungen. Eine ähnliche Entwicklung vollzog der Roman im anglophonen Afrika. Auch dort bestimmten die Kolonisation, die Apartheid, und deren Aufarbeitung die Thematik und die Funktion des Romans. Nach einer Periode der Enttäuschung setzte auch dort eine experimentelle Phase ein. Vertreter dieser Periode sind die Nigerianer Wole Soyinka (*1934), Ben Okri (*1959) und der Kenianer Ngugi wa Thiong´o (*1938).

Zu den Prosaformen zählen auch Kurzgeschichten und vor allem die Romane der Populärliteratur. Sie wenden sich an ein eher weniger gebildetes Publikum, das sie auch als Lebenshilfe versteht sowie als Voraussetzung zur Rezeption höherer Literatur. Neben melodramatischen Themen stellen sie die modernen Lebensformen der Großstadt und deren Probleme in den Mittelpunkt des Geschehens.


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