Afrika

15.1.2007 | Von:

"Gleichzeitig in Afrika..."

Glendora Review, Lagos, Nigeria

Kunle Tejuoso, Juni 2004

Ja, ich gebe die Glendora Review heraus und bin seit der Gründung der Zeitschrift im Jahr 1995 ihr Chefredakteur.

Glendora Review, Lagos (Nigeria), Volume 1, Nummer 3, Cover, © Glendora ReviewGlendora Review, Lagos (Nigeria), Volume 1, Nummer 3, Cover,
© Glendora Review
Ich hatte in Lagos die Schule besucht und kehrte ein Jahr nach Abschluss meines Ingenieursstudiums/Studiums der Elektrotechnik in New York dorthin zurück, um in der in Besitz meiner Familie befindlichen Buchhandelskette mitzuarbeiten - den Glendora Bookshops, die es seit 1975 gibt. Den Ingenieurberuf wollte ich damals nicht ausüben, das hätte vermutlich bedeutet, für einen multinationalen Konzern arbeiten zu müssen. Vielmehr hatte ich vor, die Buchhandlung so weit voranzubringen, dass ich mich kreativeren, beispielsweise verlegerischen Arbeiten widmen und in der Kunst- und Musikszene mitmischen konnte.

In den 90er Jahren wurde es in Lagos immer schwieriger, Bücher zu verkaufen, besonders unter der Herrschaft von General Abachas Leuten, dessen Spitzel wir ständig bei uns im Laden hatten, die nach Vorwänden suchten, um unsere Buchhandlungen zu schließen. Zu dieser Zeit, etwa 1995, kam mir die Idee, eine "Kulturzeitschrift" herauszugeben, die verschiedene Bereiche der populären Kultur, wie Literatur, Video/Film, bildende Kunst, Architektur, Dichtung und Musik, abdecken sollte; sie sollte in der Tradition der populären Zeitschriften stehen, die es früher bei uns gab, wie Black Orpheus, Transition, Odu, Okike etc.

Ich hatte den Eindruck, dass der Bedarf nach einer Zeitschrift bestand, die zeitgemäß, urban und intellektuell ist, mit der Leute aus verschiedenen Berufsgruppen nicht nur in Lagos, sondern in ganz Afrika zu erreichen wäre und über die sich eine Verbindung mit der schwarzen Diaspora und interessierten Kreisen im Westen herstellen ließe. Wir suchten also nach einer jüngeren Denkart in Nigeria, um eine Plattform für den Austausch verschiedenster kreativer Ideen entstehen zu lassen.

Die meisten Zeitschriften, die aus Afrika kommen, sind rein akademisch, sie haben ein eher langweiliges Erscheinungsbild und sind auf eine bestimmte Lesergruppe hin orientiert, selten sprechen sie Vertreter anderer Disziplinen an. Wir wollten mit dieser Tradition brechen: die Trennung der verschieden Disziplinen überwinden und unseren Ideen durch das Grafikdesign, das Layout, die Schrift und die Fotografie ein eigenes Gesicht geben; gleichzeitig wollten wir natürlich einem ernsthaften Diskurs treu bleiben und ein Gleichgewicht finden, das ihn auch Nichtakademikern zugänglich macht. Der Druck der ersten Ausgabe dieser vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift wurde über die Buchhandlung, meine Ersparnisse und langfristige Kredite befreundeter und gleichgesinnter Drucker finanziert. Seitdem hat die nigerianische Ökonomie allerdings einen rasanten Niedergang erfahren. Die Importpreise für Papier und Druckmaschinen sind in die Höhe geschnellt und haben es beinahe unmöglich gemacht, Zeitschriften und Bücher zu verlegen. Wir konnten daher in den letzten Jahren die Zeitschrift nur noch sporadisch erscheinen lassen, bestenfalls zweimal pro Jahr, und das auch nur unter großen Schwierigkeiten. Unsere Auflage ist wegen der Kosten, die der Transport von Massendrucksachen aus Nigeria heraus verursacht, sehr klein, obwohl der Postverkehr seit seiner Privatisierung besser geworden ist. Glendora Review ist daher in Europa nur in einigen wenigen wichtigen Buchhandlungen erhältlich, die meisten davon in Großbritannien.

Trotzdem: mit den verschiedenen künstlerischen Ausdrucksformen, die sie in den einzelnen Ausgaben präsentiert und zu denen sie selbst gehört, und als eine der wenigen intellektuell orientierten Kulturzeitschriften, die sich ernstzunehmenden Themen afrikanischen Denkens widmet, stößt die Zeitschrift auf ein starkes Interesse – das zeigt sich in der rasanten Verbreitung in kulturwissenschaftlichen Instituten an westlichen Universitäten. Unsere Website Glendora-eculture.com hat sich auf die Zahl unserer Abonnementen sehr positiv ausgewirkt, fast täglich erreichen uns Anfragen wegen eines Abonnements. Die meisten unserer Abonnenten sind Institutionen und Organisationen in den USA und Europa.

Wir haben vor weiterzumachen, da wir uns der Bedeutung dieser Arbeit bewusst sind. In ganz Afrika sinkt das Bildungsniveau (besonders in Nigeria), und das Budget für importierte Bücher ist minimal, so dass Lehrkräfte, Studenten und andere kreative Köpfe kaum noch die Möglichkeit haben, sich auf dem aktuellen Stand der Entwicklung des Geisteslebens zu halten, was nur allzu oft in ihrer Arbeit deutlich wird. Glendora Review agiert deshalb als eine Vermittlungsinstanz/Mittler, indem es die marginalen und verschiedenen künstlerischen Kräfte und Sprachen des gesamten Kontinents dokumentiert und darlegt und gleichzeitig das Wissen, das im Ausland lebende Wissenschaftler und Künstler entwickeln, in den hiesigen interessierten Kreisen verbreitet.

  • Glendora Review: www.glendorabooks.net


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