Afrika

15.1.2007 | Von:

"Gleichzeitig in Afrika..."

Doual´art, Douala (Kamerun)

E-Mail Interview mit Marilyn Douala-Bell, Oktober 2005

CH: Wie entstand die Idee, Doual´art zu gründen?

MD-B: Doual´art wurde 1991 gegründet, als wir feststellen mussten, dass es in Douala an jeglicher Unterstützung für bildende Kunst mangelte. Didier, der Kunsthistoriker ist, wollte auf jeden Fall mit Künstlern zusammenarbeiten. Ich selbst hatte Entwicklungspolitik studiert und wollte Kunst einem großen Publikum nahe bringen.
DoualDoual´art, Douala (Kamerun), Bessengué City, Foto: Sandrine Dole

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Die Idee war also, die Vorherrschaft der damals verbreiteten Airport-Art zu brechen und die Künstler zu ermuntern, aus ihren Ateliers herauszugehen, in die sie sich zurückgezogen hatten. Sie kannten sich damals weder untereinander noch kannten sie das lokale Publikum. Mit unserer Initiative wollten wir auch das Fehlen einer Kunsthochschule kompensieren.

CH: Was sind eure Interessen und Arbeitsfelder im Bereich der Kunst?

MD-B: Wir interessieren uns vornehmlich für solche zeitgenössischen Künstler, die ihre Kunst als Forschungsarbeit verstehen und in ihrer künstlerischen Arbeit Risiken eingehen. Dabei versuchen wir, die Bedeutung der Arbeit in einen Bezug zu lokalen und internationalen Kontexten zu setzen, sowohl was ihre Diskurse als auch ihre Materialien und Formen betrifft.
Wir interessieren uns insbesondere für neue Formen der zeitgenössischen Kunst, für eine "relationale Kunst", die die Grenze zwischen Kunst und Kultur überwindet und somit mehr und mehr in die Realität und das Leben der Menschen eindringt. Wir bemühen uns darum, die Künstler in das urbane Milieu eintauchen zu lassen, so dass sie eine Sensibilität für ihre Umgebung entwickeln.
Einer der Schwerpunkte unserer Arbeit sind also Projekte, die sich in den öffentlichen Raum und in das soziale Umfeld einschreiben.

Zum anderen stellt Doual´art eine räumliche Basis dar, wo wir jedes Jahr 15 oder mehr Ausstellungen präsentieren. Dieser fordert die Künstler in ihrer Arbeit; wir zeigen dort vornehmlich die aktuelle Produktion aus den Ateliers.

Manchmal schlagen uns auch Künstler Projekte vor, die wir unterstützen - durch die Erarbeitung einer konzeptionellen Definition der Projekte und indem wir das nötige Geld besorgen und die organisatorische Leitung übernehmen. Diese Projekte werden dann mit oder ohne uns realisiert.

Da es in Douala keine Kunsthochschule gibt, haben wir ein Dokumentationszentrum eingerichtet und veranstalten Dia- und Videoabende, bei denen wir Arbeiten von Künstlern aus der ganzen Welt zeigen. Die Künstler vor Ort können sich dabei über aktuelle Kunst informieren, eine eigene Position dazu beziehen und aus ihrer Isolation herauskommen.

CH: Wie positioniert sich Doual´art in Bezug auf den kulturellen Kontext Doualas, Kameruns und Afrikas?

MD-B: Der kulturelle Kontext sowohl in Douala als auch in Kamerun und dem Afrika südlich der Sahara ist allen Arten von Kunst gegenüber sehr verschlossen: der zeitgenössische Tanz ist kaum entwickelt und besteht oft lediglich aus einem Wiederauflebenlassen traditioneller Tänze; das Theater ist sehr "deklamatorisch" und hat selten ein anspruchsvolles Bühnenbild; musikalische Entwicklungen werden von den kommerziellen Clubs erstickt. Viele Künstler brechen auf, sie wählen das Los der Emigration und machen im Ausland Karriere.

Wir unterstützen die Vorhut der zeitgenössischen Kunst, auch wenn sie sich nicht verkaufen lässt und wenn uns das viel kostet. Wir positionieren uns nicht in Bezug auf den Kunstmarkt, der in Kamerun sowieso sehr schwach ist, und stehen auch nicht in Verbindung zu ausländischen Museen oder Galerien.
Es ist uns aber gelungen, in Douala und in Kamerun eine Künstler-Community und ein Netzwerk zeitgenössischer Kunst in Zentralafrika zu schaffen.
Wir bemühen uns, für diese Künstler Kontakte und Austauschprogramme zu organisieren, und laden Künstler - aus der Diaspora oder nicht - aus dem Ausland ein. Es ist uns auch gelungen, deutlich zu machen, dass die Künstler aus Zentralafrika, was die Qualität ihrer Arbeit betrifft, größere Aufmerksamkeit verdient haben.

Intellektuell ist Doual´art an einem Punkt angelangt, an dem wir eine Zäsur machen müssen. Daher organisieren wir im Januar ein Symposium unter dem Titel "Ars&Urbis", zu dem wir verschiedene Leute eingeladen haben, mit uns über neue Möglichkeiten zu reden und über die zeitgenössische Kunst und städtische Identität zu reflektieren.

CH: Woher bekommt Doual´art seine finanziellen Mittel?

MD-B: Doual´art erhält keinerlei Subventionen. Für einzelne Projekte wurden wir finanziell gefördert, aber das ist die Ausnahme. Wir finanzieren unsere Aktivitäten, indem wir Partnern wie der Europäischen Union, der Kooperation zur Dezentralisierung und der Weltbank unsere Expertise verkaufen. Manchmal realisieren wir Projekte, die unsere Partner ausgearbeitet haben, oder wir entwickeln Projekte und suchen Partner, die sie mitfinanzieren. Letztlich subventionieren aber auch wir unsere eigene Struktur, da wir auf angemessene Gehälter verzichten und uns wie Volontäre bezahlen.

CH: An welche Öffentlichkeit richten sich die verschiedenen Aktivitäten von Doual´art?

MD-B: An die gesamte Öffentlichkeit

  • die Öffentlichkeit der einheimischen Ober- und Mittelschicht und der Ausländer, die für internationale Firmen oder Organisationen arbeiten; diejenigen, die zu den Vernissagen eingeladen werden
  • die große Öffentlichkeit: wenn wir eine Skulptur in der Stadt aufstellen, werden die Bewohner befragt; es werden aber auch alle Kameruner angesprochen, denn so etwas wird in der Presse behandelt
  • die Bewohner der armen Viertel, wohin die Künstler zum Arbeiten eingeladen werden, die Jugendlichen und die Kinder


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