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Dossierbild Polen

14.5.2012 | Von:
Vera Belaya
Maryna Mykhaylenko
Patrick Schenkenberger

Analyse: Gemüseproduktion und -vermarktung in Polen

Die Gemüseproduktion spielt in der polnischen Landwirtschaft eine wichtige Rolle. Polen nimmt den vierten Platz in der EU-Gemüseproduktion ein, allerdings mangelt es noch an der Produktivität vieler landwirtschaftlicher Betriebe in Polen. Die EU-Qualitätsanforderungen und die Anforderungen seitens der verarbeitenden Industrie haben den Industrialisierungsprozess bei den Agrarproduzenten befördert.

Polnisches Gemüse findet nicht nur auf diesem Warschauer Markt zufriedene Kunden.Polnisches Gemüse findet nicht nur auf diesem Warschauer Markt zufriedene Kunden. (© AP)

Zusammenfassung

Die Gemüseproduktion spielt in der polnischen Landwirtschaft eine wichtige Rolle. Polen nimmt den vierten Platz in der EU-Gemüseproduktion ein, allerdings mangelt es noch an der Produktivität vieler landwirtschaftlicher Betriebe in Polen. Die EU-Qualitätsanforderungen und die Anforderungen seitens der verarbeitenden Industrie haben den Industrialisierungsprozess bei den Agrarproduzenten befördert. Gleichzeitig hat das schnelle Wachstum der polnischen Lebensmittelindustrie Investitionen in den Lebensmittelsektor angeregt. Neben lokalen und nationalen Handelsunternehmen sind globale Einzelhändler in den polnischen Markt eingetreten, was die einheimischen Unternehmen angespornt hat, die modernen Verkaufskonzepte der internationalen Unternehmen für sich fruchtbar zu machen. Trotz der rasanten Entwicklung des Einzelhandelssektors sind jedoch das derzeit ineffiziente Vertriebsnetzwerk und die schlechte Infrastruktur Störfaktoren für den allgemeinen Wachstumstrend der Gemüseproduktion und -vermarktung.

Gemüseanbau und -produktion

In der polnischen Landwirtschaft spielt die Gemüseproduktion eine wichtige Rolle. Zudem hat sie einen hohen Stellenwert für die europäische Gemüseproduktion. Nach Italien, Spanien und Frankreich liegt Polen auf Platz 4 in der europäischen Gemüseproduktion. Mit einem Anteil von 9 Prozent am Gemüseverbrauch ist Polen der viertgrößte Verbraucher in der EU. Polen ist der größte Erzeuger von Kartoffeln, Rote Bete, Kohl und Karotten und nimmt in der Produktion von Gurken und Zwiebeln den zweiten Platz in der EU ein.

In Polen werden ungefähr 40 Gemüsearten gewerblich kultiviert, aber nur wenige spielen eine wichtige Rolle in der Struktur der nationalen Gemüseproduktion. Dazu gehören Kartoffeln, Kohl, Tomaten, Karotten, Rote Bete, Zwiebeln, Gurken und Blumenkohl. Von den über 980 verschiedenen Gemüsesorten, die im nationalen Register Polens eingetragen sind, ist die Hälfte ausländischer Herkunft. Die Hauptgemüsearten können nach deren Verwendungszweck in unterschiedliche Gruppen eingeteilt werden: 1) Gemüse zur Weiterverarbeitung, wie Tomaten, Erbsen, Bohnen, Gurken; 2) Gemüse zur Direktvermarktung und/oder Lagerung, wie Zwiebeln, Karotten, Kohl; 3) Saisongemüse, wie Tomaten, Paprika, Gurken, Blattgemüse, Radieschen.

Die Kultivierung von Freilandgemüse erfolgt zu über 90 Prozent in der privaten Landwirtschaft.

Die Anzahl der in Polen existierenden Gemüseanbaubetriebe beträgt insgesamt über 600.000, inklusive größerer Schrebergärten, die in die Anzahl der Betriebe eingerechnet sind. Von diesen Betrieben sind etwa 32.000 Betriebe mehr als 1 Hektar groß, etwa 4.500 Betriebe sind über 5 Hektar groß. Ein hemmender Faktor für die Leistungsfähigkeit der Gemüse anbauenden Betriebe in Polen ist die Qualität der Böden, die schlechter ist als die durchschnittliche Bodenqualität in der EU.

In den Jahren 2004–2007 betrug die Gemüseproduktion in Polen etwa 5,5 Millionen Tonnen, was zirka 9 Prozent der gesamten Gemüseernte in der EU-27 ausmachte. Im Wirtschaftsjahr 2010/2011 hat die ungünstige Wetterlage einen Rückgang der polnischen Obst- und Gemüseproduktion verursacht. Dabei blieb die Produktion der konservierten Gemüseerzeugnisse auf dem Niveau von 1 Million Tonnen. In der Produktion von getrocknetem Gemüse und konzentrierten Tomatenprodukten (Soße, Suppe, Tomatenmark) konnte ein Rückgang beobachtet werden.

Seit dem Beitritt Polens zur Europäischen Union im Jahr 2004 muss das in Polen erzeugte Gemüse die strengen EU-Qualitätsanforderungen und die Gesetze zur Nahrungsmittelsicherheit erfüllen. Die Anpassung an die EU-Anforderungen hat die Konzentration der landwirtschaftlichen Betriebe beschleunigt und viele Kleinerzeuger vom Markt eliminiert. Die Anforderungen, die seitens der verarbeitenden Industrie gestellt werden, haben den Industrialisierungsprozess bei den Agrarproduzenten intensiviert.

Die Produktivität der polnischen landwirtschaftlichen Betriebe ist im Allgemeinen immer noch nicht hoch. Deshalb sind für den polnischen Gemüseanbau die Verbesserung und der Ausbau der vorhandenen landwirtschaftlichen Infrastruktur erforderlich, insbesondere auch in den Bereichen Verkehrsinfrastruktur und Wasserversorgung. Dazu kommt die Notwendigkeit eines gut entwickelten, konkurrenzfähigen Lieferantennetzes und kommerzieller Unternehmen, die den Handel mit den landwirtschaftlichen Produkten beschleunigen sowie den Transport und Lagerungsmöglichkeiten zur Verfügung stellen. Insbesondere sind der Ausbau und die Modernisierung der Lebensmittel verarbeitenden Industrie notwendig, um die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten zu stärken und zu stabilisieren.

Eine der aktuellen Tendenzen in der Lebensmittelindustrie besteht in der Konsolidierung von Vermögenswerten: Große Unternehmen übernehmen kleinere Firmen. Für Einzelhändler bleiben dabei nach wie vor landwirtschaftliche Betriebe die präferierte Zielgruppe, da es für diese einfacher ist, sich an die neuen Qualitäts- und Produktionsanforderungen des internationalen Einzelhandels anzupassen. Aber der Mangel an großen landwirtschaftlichen Betrieben führt dazu, dass die Einzelhändler gezwungen sind, auf viele kleine landwirtschaftliche Erzeuger zurückzugreifen. Veränderungen im Sektor der Lebensmittelverarbeitung wirken sich durch den damit steigenden Bedarf an landwirtschaftlichen Produkten positiv auf den polnischen Agrarsektor aus. Desungeachtet ist die polnische Landwirtschaft zurzeit noch weit davon entfernt, die Nachfrage nach den für die Lebensmittelverarbeitung benötigten Ausgangsprodukten befriedigen zu können. Internationale Supermarktketten sind dennoch darauf angewiesen, lokal verfügbare Ressourcen und Güter zu nutzen, da der Warenimport von ausländischen Unternehmen zum Teil durch die erhobenen Steuern und Zölle erschwert wird.

Schließlich sind die Qualitätsanforderungen des Einzelhandelssektors und der von multinationalen Unternehmen ausgehende Wettbewerbsdruck Faktoren, die den Lebensmittelsektor voranbringen. Eine Vielzahl von Unternehmen hat infolge dessen schon ihre Technik und Ausrüstung auf den neuesten Stand gebracht. Viele polnische Lebensmittel verarbeitende Unternehmen konzentrieren sich darauf, die internationalen Qualitätsstandards zu erfüllen, und sind aus diesem Grunde ständig auf der Suche nach qualitativ hochwertigen Zutaten. Die Kombination aus in- und ausländischen Investitionen hat zu einer hohen Dynamik in diesem Sektor geführt, so dass er einen bedeutenden Markt für Anbieter von Rohzutaten und anderen Inputs darstellt.

Der Gemüsekonsum

Das real verfügbare Einkommen der polnischen Bevölkerung wächst beständig. Polens Bruttoinlandsprodukt stieg im Jahr 2010 um 2,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Eine immer größere Anzahl von polnischen Verbrauchern mit einem steigendem Einkommen und klaren Präferenzen im Konsumbereich legt großen Wert auf Qualität und Sicherheit und treibt somit die Nachfrage nach internationalen Produkten von hoher Qualität in die Höhe. In den polnischen Groß- und Mittelstädten ist die Entstehung einer breiten Mittelschicht zu beobachten, die sich deutlich an westlichen Marken, Moden und Trends orientiert und westliche Konsumgewohnheiten und Lifestyle kopiert. Diese Entwicklung bietet viele Einstiegschancen für westeuropäische Investoren.

Das Einkommensniveau in den polnischen Haushalten steigert auch die Nachfrage nach qualitativ hochwertigem frischen Gemüse. 2007 betrug der Konsum von frischem Gemüse in Polen 5,2 Millionen Tonnen. Der Pro-Kopf-Verbrauch von frischem Gemüse in Polen betrug 136 Kilogramm und lag damit wenig unter dem EU-Durchschnitt von 140 Kilogramm. Das wachsende Angebot an heimischen Tomaten hatte sinkende Preise auf den polnischen Märkten zur Folge. Immer noch sind Tomaten aus der heimischen Produktion teurer als die importierte Ware. Doch die konstante Nachfrage nach polnischen Tomaten auf dem Binnenmarkt ist durch die lokale Produktion, ein besseres Aussehen und den intensiveren Geschmack im Vergleich zu den Importen, beispielsweise aus Spanien, bedingt. Trotz vieler Importe aus westlichen EU-Ländern wie den Niederlanden oder Spanien wird die polnische Nahrungsmittelindustrie hauptsächlich mit den einheimischen Produkten versorgt.

In den Städten ist das Einkommensniveau höher als in ländlichen Gebieten, was einer der Gründe für den doppelt so hohen Lebensmittelkonsum der Stadtbevölkerung ist. In der Vergangenheit hatte die polnische Bevölkerung häufig negative Erfahrungen mit preiswerten Produkten geringer Qualität gemacht und schätzt deswegen die hohe Qualität westlicher Produkte, für die die Konsumenten auch bereit sind, einen entsprechend höheren Preis zu zahlen. In ihrem Lebensmittelkonsum sind die polnischen Verbraucher außerdem immer gesundheitsbewusster. Bio-Lebensmittel gewinnen zunehmend an Popularität in Polen. Jedoch ist der polnische Markt für Bio-Produkte noch relativ klein im Vergleich zu den westeuropäischen Märkten. Die Entwicklung von Eigenmarken ist ein weiterer Bereich, in dem mehr Wettbewerb zwischen internationalen und einheimischen Einzelhändlern zu erwarten ist. Laut Managern diverser Handelsunternehmen ist die Entwicklung von Eigenmarken ein profitables Projekt, das erlaubt, Produkte bis zu 20 Prozent billiger als die Markenwaren der Hersteller zu verkaufen. Beispielsweise hat Metro Cash & Carry vor, bis zum Jahr 2012 den Anteil der Eigenmarken im Gesamtverkauf um 10 bis 20 Prozent weltweit zu erhöhen.

Das bemerkenswerte Wirtschaftswachstum und die Kaufgewohnheiten der polnischen Konsumenten bergen viele Möglichkeiten für eine erfolgreiche Entwicklung des Einzelhandels. In Kombination mit einer vernünftigen Steuer- und Finanzpolitik wurde die polnische Wirtschaft sehr attraktiv für ausländische Investoren. Das schnelle Wachstum der polnischen Lebensmittelindustrie hat aktive Investitionen in den Lebensmittelsektor angeregt. Außerdem hat der Anstieg der Konsumausgaben und des Lebensmittelkonsums in Polen Investitionen in die verarbeitende Lebensmittelindustrie und in den Lebensmitteleinzelhandel noch zusätzlich begünstigt.

Vermarktungsstrukturen

Polen ist einer der am schnellsten wachsenden Märkte unter den Ländern Mittel- und Osteuropas. Die allgemein steigende Kaufkraft der zirka 38 Millionen Einwohner und eine wachsende Mittelschicht, die als Zielgruppe für international tätige Produzenten und Handelsunternehmen immer interessanter wird, sorgten in den letzten Jahren für ein bemerkenswertes Wachstum im Lebensmitteleinzelhandel. Die Internationalisierung des Lebensmitteleinzelhandels und der Lebensmittelherstellung, die in den Industrieländern Einzug gehalten hat, ist nun auch in Polen angekommen. Landwirte und Politiker bemühen sich, die von modernen Herstellern und Einzelhändlern ausgehende neue Nachfrage nach Lieferketten vor Ort zu befriedigen. Die relativ geringen regulatorischen Eingriffe in die von Konsumenten bestimmte Wirtschaft, ihre niedrige Entwicklung und geringer Sättigungsgrad machen polnische Märkte attraktiv für globale Unternehmen. Folglich haben globale Einzelhändler ihre Aktivitäten in Polen in der letzten Zeit beschleunigt.

Ein zersplitterter Absatz der landwirtschaftlichen Erzeugnisse stellt ein Problem für polnische Obst- und Gemüseproduzenten dar. Die Erzeugerorganisationen sind immer noch nicht ausreichend entwickelt und an die Marktbedürfnisse angepasst. Nur etwa ein Prozent des Gesamtwertes der Gemüseproduktion wird über diese Organisationen vermarktet. Der Gemüsehandel Polens wird immer noch von kleinen Läden dominiert, die etwa 38 Prozent der gesamten Handelsoperationen im Lebensmitteleinzelhandel verwirklichen. Aber die großen Handelsketten und Discounter zeigen eine immer stärkere Präsenz auf dem polnischen Markt. Im Jahr 2008 fanden in dieser Kategorie Handelsorganisationen 28 Prozent des gesamten Handels statt.


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