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Dossierbild Polen

14.5.2012 | Von:
Annegret Haase

Analyse: Schrumpfung als Herausforderung für polnische Großstädte

Ursachen der Schrumpfung

Wie bereits erwähnt, setzte die Stadtschrumpfung in Polen nicht erst mit dem Niedergang des Staatssozialismus nach 1989 ein. Die Verluste in altindustriellen Städten der 1970er und 1980er Jahre sind vor allem im Zusammenhang mit der Stagnation in der Textil- und Schwerindustrie bzw. im Bergbau zu sehen, welche in den genannten Städten dominierten. Gleichzeitig sanken in Polen auch bereits in den 1980er Jahren die Geburtenraten, was ebenso die Verlangsamung des Zuwachses vor allem an städtischer Bevölkerung mit sich brachte. Schließlich trug auch der bereits erwähnte Rückgang der Land-Stadt-Wanderung in den 1980er Jahren dazu bei, dass die Einwohnerzahlen der Städte immer mehr stagnierten.

Für den Zeitraum nach 1989, also die Phase der starken Schrumpfung, lassen sich vor allem folgende Ursachenkomplexe für Bevölkerungsverluste der Städte identifizieren:
  • (berufsbedingte) Abwanderung aufgrund wirtschaftlichen Niedergangs (inklusive interregionaler Stadt-Land-Wanderung und Auswanderung),
  • (Wohn-)Suburbanisierung und
  • Sterbeüberschuss im Zuge des demographischen Wandels (siehe Tabelle 3).
Vom erstgenannten Ursachenkomplex sind vor allem Industriestädte betroffen. Im Zusammenhang damit steht auch die nach 1990 einsetzende Rückwanderung vieler Industriebeschäftigter in ihre Heimatregionen, nachdem sie ihren Arbeitsplatz verloren hatten. Sinnbild dafür wurden in den Ballungsräumen leerstehende Arbeiterhotels. Diese Abwanderung verhinderte teilweise ein weiteres Ansteigen der Arbeitslosenzahlen in den betroffenen Städten. Aber die statistischen Daten geben kaum ein vollständiges Bild der Abwanderung wider. So melden sich zahlreiche Abwandernde nicht ab und werden noch in den städtischen Registern geführt, obwohl sie längst nicht mehr in der entsprechenden Stadt wohnen. Das gilt auch für die saisonal oder mehrjährig im Ausland Tätigen. Besonders betroffen von berufsorientierter Abwanderung sind Städte wie Kattowitz, Lodz und Beuthen. Im Allgemeinen findet Arbeitsmigration ins europäische Ausland aber beinahe aus jeder polnischen Stadt sowie ebenso aus ländlichen Regionen statt.

Seit der Jahrtausendwende nimmt auch die Bedeutung der (Wohn-)Suburbanisierung in den urbanen Regionen stetig zu. War sie in den 1990er Jahren noch nicht sehr stark ausgeprägt, kann man sie heute als einen der dominieren Entwicklungstrends der Siedlungsentwicklung in Polen bezeichnen. Vor allem große, wirtschaftlich erfolgreiche oder Dienstleitungszentren und Universitätsstädte wie Posen, Krakau oder Danzig, sind mittlerweile wahrnehmbar von »Speckgürteln« umgeben, wobei die Kernstadt Einwohner verliert, die ins Umland abwandern (siehe Tabelle 1). Aber auch in den wirtschaftlich problematischen Regionen findet eine Suburbanisierung statt. Oft entwickeln sich in den landschaftlich reizvollen und/oder verkehrstechnisch oder infrastrukturell gut entwickelten Umlandgemeinden sowohl Einfamilienhaussiedlungen als auch mehrgeschossige Wohnungskomplexe. Häufig wird auch in den realsozialistischen Großwohnsiedlungen am Stadtrand weiter verdichtet. So ist es in Polen trotz der Schrumpfung kein Widerspruch, dass nach wie vor Wohnraum gebaut und – aufgrund des weiterhin bestehenden Wohnungsmangels – auch noch immer gebraucht wird, selbst in Städten wie Lodz, die seit 1990 weit mehr als 100.000 Einwohner verloren haben. Die jüngste Immobilien- und Finanzkrisen haben jedoch dazu geführt, dass man mittlerweile von einem geringeren Bedarf vor allem an größeren (suburbanen) Wohnungen ausgeht.

Die Bedeutung des demographischen Wandels als Ursache für Stadtschrumpfung nimmt in Polen, ganz ähnlich wie auch in Deutschland, immer stärker zu. Hier gerät die Alterung der Bevölkerung zunehmend in den Fokus. Interessant ist, dass aber gerade die städtische Dimension des demographischen Wandels bislang unter polnischen Demographen unbeachtet geblieben ist, wohingegen sozialpolitische, wirtschaftliche und fiskalische Folgen durchaus diskutiert werden. Bis in die jüngste Vergangenheit zählten fast alle postsozialistischen Länder zur Gruppe der Staaten mit einer sehr niedrigen durchschnittlichen Kinderzahl pro Frau (1,3 und weniger). Diese steht in engem Zusammenhang mit den Auswirkungen der Transformation, jedoch ist sie ebenso Ausdruck langfristiger Veränderungen demographischer und sozialer Verhaltensmuster in den betreffenden Gesellschaften. Zusammen mit dem Anstieg der Lebenserwartung führt sie zu einer kontinuierlichen Alterung der Bevölkerung, die nicht allein quantitative, sondern vor allem qualitative Folgen für die städtische Gesellschaft haben wird. Daran ändert auch der jüngste Anstieg der Geburtenzahlen in Polen nichts, ist dieser doch mit einem gestiegenen Anteil von Erstgeburten durch Mütter im höheren Lebensalter zu erklären. Der alterungsbedingten Schrumpfung wirkt der bislang anhaltende, generelle Trend zur Haushaltsverkleinerung entgegen. Er ist für den städtischen Kontext, wo Haushalte und nicht Individuen die entscheidenden Nachfrager zumindest auf dem Wohnungsmarkt sind, von großer Bedeutung. Allerdings wird er, wie auch in anderen europäischen Ländern, in absehbarer Zeit zu einem Ende kommen.

Im Folgenden soll anhand von Beispielen aus der aktuellen Forschung auf die unterschiedlichen Facetten und Auswirkungen der Stadtschrumpfung in Polen eingegangen werden; anschließend werden der planerische und politische Umgang mit Schrumpfung durch städtische Akteure thematisiert.

Beispiel Industrierevier Oberschlesien: Schrumpfung und Restrukturierung

Ein aktuelles Forschungsprojekt im 7. Rahmenprogramm der Europäischen Union (»Shrink Smart«, Details dazu siehe unten) widmet sich der Untersuchung von Steuerungsfragen in schrumpfenden Städten und Stadtregionen quer durch Europa. In diesem Zusammenhang wurde erstmalig auch Schrumpfung in oberschlesischen Städten im Detail untersucht, vor allem in Sosnowiec im Dombrowaer Kohlebecken (Zagłębie Dąbrowskie) sowie in Beuthen in Oberschlesien (Górny Śląsk).

Das oberschlesische Industrierevier war bereits punktuell vor 1989 von Schrumpfung betroffen. So ging die Einwohnerzahl von Beuthen bereits in den späten 1980er Jahren, in Zabrze bereits seit 1977 immer wieder zurück. Seit der politischen Wende unterliegen mehr oder weniger alle Städte der Agglomeration kontinuierlich der Schrumpfung. Hatte sie 1990 noch 3,1 Millionen Einwohner, waren es 2007 nur noch 2 Millionen – ein Rückgang um immerhin ein Drittel. Selbst Kattowitz als Wirtschafts-, Kultur- und Bildungszentrum Oberschlesiens weist seit 1992 zurückgehende Einwohnerzahlen auf und zählt sogar zu den polnischen Großstädten, die am schnellsten und stärksten schrumpfen – da die Stadt jedoch wirtschaftlich erfolgreich ist und die Arbeitslosigkeit verhältnismäßig niedrig, wird diese Tatsache kaum wahrgenommen und schon gar nicht problematisiert.

In der Zeit des Realsozialismus waren sowohl Sosnowiec als auch Beuthen bedeutende Industriezentren und in den regionalen Produktionszusammenhang des oberschlesischen Industriereviers eingebunden – während jedoch Sosnowiec erst zur Großstadt entwickelt wurde, sah sich Beuthen mit einem langsamen, aber stetigen Abstieg und zunehmendem Verfall der Stadt und ihrer wirtschaftlichen Basis konfrontiert. Nach 1989 schrumpften beide Städte aus ähnlichen Gründen: aufgrund wirtschaftlichen Strukturwandels, Arbeitsplatzverlusten und daraus resultierender Abwanderung sowie (zunehmend) aufgrund niedriger Geburtenraten und fortschreitender Alterung.

Unterschiede bestehen vor allem in der Dynamik, das heißt im zeitlichen Verlauf der Schrumpfung: Während Beuthen bereits vor 1990 stagnierte oder leicht schrumpfte, erlebte Sosnowiec die drastischsten Einschnitte aufgrund der Schließung von Steinkohlezechen, Stahlwerken und Kokereien in den 1990er Jahren, um sich nach der Jahrtausendwende zwar nicht demographisch, aber wirtschaftlich wieder etwas zu erholen. Zählte die Stadt im Jahr 1990 259.000 Einwohner, so reduzierte sich dies bis 2009 auf 219.300. Beuthen hingegen begann seinen wirtschaftlichen Abstieg erst später, dafür rutschte die Stadt im letzten Jahrzehnt immer stärker in die Krise und ist heute trauriges Sinnbild für den Niedergang der Kohle- und Stahlregion Oberschlesien. Sie hat mit einem schlechten Image zu kämpfen, was vermutlich noch zusätzlich dafür sorgt, dass der Bevölkerungsabfluss auf hohem Niveau bleibt: Beuthen hat von 1990 bis 2009 fast 50.000 Einwohner verloren, gegenüber der Einwohnerzahl von 1990 sind dies 21 %. Das ist eine der höchsten Raten polnischer Großstädte. Das Hauptproblem der Stadt ist doppelter Natur, wie es der derzeitige Bürgermeister bei einem Experten-Workshop im Herbst 2010 an der Schlesischen Universität Kattowitz (Uniwersytet Śląski w Katowicach) in Sosnowiec ausdrückte: Die Stadt verliere einerseits an Einwohnern und sei andererseits auch nicht in der Lage, neue Einwohner anzuziehen.

Die Schrumpfung zieht eine Reihe von Konsequenzen für beide Städte nach sich. Die selektive Abwanderung führt zu schnellerer Alterung und einer Verzerrung der Altersstruktur der verbleibenden Einwohner. Es erhöht sich die Gefahr, dass zunehmend Arme bleiben und gut ausgebildete Bevölkerungsgruppen verstärkt abwandern (brain drain).

Infolge des Niedergangs der Kohle- und Stahlindustrie sowie der Schließung zahlreicher Zechen und Werke bzw. Zuliefererbetriebe ist die Arbeitslosigkeit, vor allem auch die Langzeitarbeitslosigkeit, enorm gestiegen, was eine zunehmende Verarmung bedingt – und dies in einer Region, wo früher die Bergarbeiter vergleichsweise gut verdienten und ein hohes Ansehen genossen. Der Bevölkerungsrückgang führt natürlich auch zu einer sinkenden Nachfrage und Nutzung der öffentlichen Infrastruktur wie öffentliche Verkehrsmittel, Schulen etc. Insbesondere in Beuthen wurden in den letzten Jahren zahlreiche Schulen geschlossen und Straßenbahnlinien stillgelegt.

Auf dem Wohnungsmarkt hat der Bevölkerungsverlust noch kaum zu Leerstand geführt, ein Phänomen, welches aus ostdeutschen Schrumpfungsstädten bekannt ist. Das ist vor allem auf die nach wie vor bestehende Wohnungsknappheit in Polen zurückzuführen, denn auch nach 1990 wurde der Bau neuer Wohnungen durch den Staat drastisch reduziert und bedient der Privatsektor nur die oberen Bedarfssegmente. Gerade in Städten wie Beuthen mit einem hohen Anteil an Altbaubestand ist der fortschreitende Verfall der Bausubstanz ein großes Problem, worauf im Folgenden noch genauer eingegangen wird. Jedoch: Auch wenn es heute noch keinen nennenswerten Leerstand gibt, der sich auf fehlende Nachfrage zurückführen ließe, so steht er eventuell für einige weniger attraktive Viertel bevor, lässt sich doch eine zunehmende Entdichtung des Wohnens seit 1990 feststellen.

Ein großes Problem stellen für beide Städte die Brachflächen dar, die in großer Zahl infolge der Schließung vieler Industriestätten entstanden und oftmals hoch kontaminiert sind. Schließlich steht der geschilderten Lage, die eigentlich zusätzliche Finanzen angesichts der mannigfaltigen Probleme erfordern würde, in beiden Städten ein klammer Haushalt gegenüber, der die lokalen Akteure in ihrem Handeln stark einengt.


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