30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Dossierbild Polen

14.5.2012 | Von:
Annegret Haase

Analyse: Schrumpfung als Herausforderung für polnische Großstädte

Sosnowiec: Brachflächenmanagement als »unternehmerische Stadt«

Sosnowiec wurde nach 1990 dramatisch vom wirtschaftlichen Niedergang getroffen. Innerhalb weniger Jahre verlor die Stadt einen großen Teil ihrer industriellen Basis, tausende Arbeitsplätze gingen verloren und die Arbeitslosigkeit erreichte Rekordwerte (die Gesamtzahl der Arbeitsplätze reduzierte sich von 1992 bis 2004 von 66.000 auf 46.000, die Arbeitslosigkeit stieg von 1992 bis 2002 von 12.700 auf 22.100). Im Stadtraum wurde diese Entwicklung sichtbar durch die Entstehung zahlreicher Brachen, sowohl in zentralen als auch in Randgebieten der Stadt. Für das Ende der 1990er Jahre gehen Schätzungen von 11 km2 Brachflächen in Sosnowiec aus, was ein sehr hoher Flächenanteil ist. In Beuthen waren es mit 12–13 km2 sogar noch mehr. Viele der Brachen waren schwer belastet und machten für eine Wiedernutzung zunächst eine Dekontaminierung notwendig. Der alte Gebäudebestand musste in vielen Fällen abgerissen werden.

Sosnowiec konnte den Negativtrend jedoch ab Ende der 1990er Jahre stoppen. Dabei spielte die 1996 gebildete Sonderwirtschaftszone Kattowitz (Katowicka Strefa Specjalna Ekonomiczna – KSSE) eine große Rolle, innerhalb derer die beteiligten Kommunen Investitionsflächen zu günstigen Bedingungen zur Verfügung stellen können und somit Neuansiedlungen fördern. Sosnowiec konnte mithilfe der KSSE bis 2010 immerhin 14 neue Ansiedlungen auf seinem Territorium etablieren. Gleichzeitig wurden zahlreiche Brachflächen auf diese Weise erfolgreich wieder- oder umgenutzt (von 1995 bis 2010 waren es 27 Brachen). Damit ist Sosnowiec eine der erfolgreichsten Kommunen innerhalb der KSSE. Die Nachnutzungen der Brachen sind vielfältig und schließen Bereiche wie Wirtschaft/Technologie, Einkaufszentren, Grünflächen und Seen sowie auch Wohnungsneubau ein. Sie werden durch die Kommune geregelt, in Sosnowiec vor allem durch das starke Engagement des Bürgermeisters, und die interessierten Investoren, unterstützt durch KSSE. Oftmals werden auch die notwendige Basis-Infrastruktur wie Zufahrtstraßen zu den neu zu entwickelnden Flächen von der Kommune gebaut und finanziert. Sosnowiec hat für seine Zukunft die Vision eines modernen Hochschulstandorts mit dem Fokus auf Hochtechnologie und einem vielfältigen Produktions- und Dienstleistungssektor entwickelt – das Motto lautet »Sosnowiec verbindet« (Sosnowiec łączy). Tatsächlich ist die Arbeitslosigkeit in der Stadt gesunken; die lokalen Hochschuleinrichtungen werden ausgebaut. Dennoch muss sich Sosnowiec auch langfristig auf Bevölkerungsverluste einstellen – die demographische Alterung hat die Stadt auch weiter fest im Griff: So stieg der Altersindex, also das Verhältnis von einhundert 65-Jährigen und älter zu einhundert 15-Jährigen und jünger, zwischen 1990 und 2007 von 62 auf 110. Prognosen zufolge wird bis 2035 ein Rückgang der Bevölkerung auf 161.000 Einwohner stattfinden.

Beuthen: Verfall, Leerstand und fehlende Perspektiven

Beuthen leidet bis heute unter einer ähnlichen Wirtschafts- und Arbeitsmarktkrise wie Sosnowiec bis vor etwa einem Jahrzehnt – die Beschäftigtenzahlen halbierten sich zwischen 1992 und 2008, und die Arbeitslosigkeit ist noch immer hoch. In Beuthen kommt mit Bezug auf die Auswirkungen von Schrumpfung und Niedergang ein weiteres Problem hinzu: Das bis 1945 zu Deutschland gehörende Beuthen besitzt einen hohen Anteil von Vorkriegsbauten in der inneren Stadt und hat einen fast kompletten Austausch der Bevölkerung nach 1945 erlebt. Der Baubestand unterlag einer systematischen Vernachlässigung sowie einem zunehmenden Verfall in den Jahrzehnten des Realsozialismus, nach 1990 hemmten ungeklärte Eigentumsfragen die Sanierung. Zu dieser fehlenden Investition in den Wohnbestand kamen Schäden infolge des Bergbaus hinzu, die immer mehr Gebäude unbewohnbar machten. So gab es bereits in den vergangenen Jahren einen wachsenden Leerstand in Beuthen – jedoch nicht, wie man aus ostdeutscher Perspektive vermuten könnte, aufgrund von Überangebot, sondern aufgrund der baulich bedingten Unbewohnbarkeit. Dies ist eine Tatsache, die sehr häufig den Leerstand und Abriss von Altbauten in polnischen Städten erklärt – etwa auch in Lodz, wo der Wohnungsbestand im Zentrum von 1988 bis 2002 durch Abrissmaßnahmen um 9 % abgenommen hatte.

In Beuthen sind gegenwärtig etwa 1.100 kommunale und eine nicht bekannte Anzahl privater Wohnungen vom Leerstand betroffen; wegen Bergbauschäden mussten im letzten Jahr noch einmal rund 600 Personen im Stadtteil Karb ihre Wohnungen verlassen. In den innerstädtischen Bereichen mit hohem Leerstand und Verfall konzentrieren sich mittlerweile einkommensschwache Haushalte. Auch wenn offiziell nicht über Leerstand aufgrund von Überangebot diskutiert wird, so erwarten lokale Experten diesen doch für die nahe Zukunft vor allem für ungünstige Lagen – wie die innerstädtischen Altbaugebiete sowie einige peripher gelegene Bergarbeitersiedlungen, die nahe der Zechen und Werke liegen (z. B. im Stadtteil Bobrek). Die Stadt koordiniert zwar den Umgang mit den leeren Wohnungen und Gebäuden, ist jedoch aufgrund fehlender finanzieller Mittel und schwieriger Verhandlungen mit den privaten Eigentümern häufig kaum in der Lage, den Verfall aufzuhalten. Immer öfter bleibt nur noch der Notabriss eines Gebäudes; mitunter stürzen Häuser von selbst ein. Von staatlicher Seite gibt es keine finanziellen Mittel für die Sanierung oder Sicherung des gefährdeten Baubestands und auch die EU-Strukturfonds haben hierfür nichts vorgesehen. So beteiligt sich Beuthen zwar an stadtentwicklerischen Forschungsprojekten (etwa im Rahmen des EU-Programms URBACT), kann aber aktiv nichts tun, um seinen Baubestand zu retten, es sei denn, es fänden sich private Investoren, die die Gebäude erwerben und sanieren. Diese sind aufgrund des problematischen Images von Beuthen jedoch schwer zu finden. In den letzten Jahren ist in der Zivilgesellschaft zunehmend das Bewusstsein erwacht, dass die Situation nicht so weitergehen kann. Es haben sich Initiativen gebildet, die Beuthens Probleme dokumentieren wie das Internetportal www.ruiny-bytom.pl. Im Nachgang der oben erwähnten unbewohnbar gewordenen und vom Markt genommenen Wohnungen infolge von Bergbauschäden haben sich Bürgerforen gebildet, die unter anderem begonnen haben zu diskutieren, wie sich die Lage in Beuthen verbessern lässt – und welche neuen Perspektiven man für die Zukunft der Stadt und ihrer Bewohner entwickeln kann.

Schrumpfung auf die Agenda? Fragen der Steuerung auf lokaler Ebene

Warum war Schrumpfung bislang kein Thema, nicht einmal in Regionen wie Oberschlesien, wo fast alle Kommunen mit Einwohnerschwund und wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen haben? Dafür gibt es viele Ursachen. Die mit der Transformation im Rahmen einer »nachholenden Modernisierung« verbundenen Wachstumserwartungen und der Rückzug staatlicher Akteure infolge einer Liberalisierung spielen dabei eine wesentliche Rolle. Stadtplanung dagegen spielt eine schwache Rolle und den Kommunen fehlen oft die finanziellen Mittel, um wirksam steuern zu können. So hängen viele Entwicklungen von den Interessen der Investoren und deren Investitionen ab. Suburbanisierung wird in diesem Zusammenhang, sogar von Wissenschaftlern, als »natürlicher Prozess« und logische Folge der gesellschaftlichen Liberalisierung bewertet und nicht als Problem für Flächennutzung, Steuerabgang für die Städte etc. gesehen. Das Geburtentief wird diskutiert, weniger jedoch stehen die Folgen dieser Entwicklungen mit Bezug auf städtische Wohnungsmärkte und Infrastruktur im Blickpunkt. Leerstand gibt es (noch) nicht, und die Stilllegung öffentlicher Infrastruktur wird eher im Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen Niedergang als mit generellen Bevölkerungsentwicklungen gesehen.

In dieser Situation wäre eine fokussierte und effektive Steuerung der Entwicklung mehr denn je gefragt – jedoch ist eine moderne urbane governance, wie sie sich in Westeuropa in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, bislang weitgehend unbekannt. Gerade in der Agglomeration Oberschlesien, wo 16 Städte in großer Nähe liegen und teilweise ineinander übergehen, kollidiert derzeit der Kooperationsdruck mit dem Konkurrenzkampf zwischen den Städten. Einerseits wurden regionale Körperschaften wie der Verbund der Oberschlesischen Städte (Górnośląski Związek Metropolitalny – GZM), die KSSE oder ein gemeinsamer Verkehrsverbund geschaffen. Andererseits gibt es noch immer eine starre Hierarchisierung der Verwaltung sowie eine nur wenig entwickelte Tradition der »Kooperation auf Augenhöhe« zwischen Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Das Streben nach mehr Kooperation wird in diesem Rahmen auch oft als Schwäche einzelner Akteure gedeutet.

In den letzten Jahren ist Schrumpfung in Sosnowiec, Beuthen und in Oberschlesien generell stärker in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. Dazu haben auch die Initiativen des oben erwähnten internationalen Forschungsprojekts »Shrink Smart« seit 2009 beigetragen. Es fanden Workshops in Beuthen und Sosnowiec mit lokalen Vertretern aus Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft statt, beide Male in Anwesenheit der Bürgermeister, auf denen klar kommuniziert wurde, dass beide Städte ein Problem mit der Bevölkerungsentwicklung haben und die wirtschaftliche Situation entscheidend zur Abwanderung vor allem junger Menschen beigetragen hat. Im Mai 2011 kamen rund 80 Teilnehmer auf einem regionalen Treffen zum Thema »Schrumpfende Städte in Schlesien – Herausforderungen, Planung, Kooperation« in Sosnowiec zusammen. Schrumpfung als Thema wurde erstmals auch von lokalen und regionalen Medien in größerem Maße aufgegriffen – teilweise mit drastischen Schlagzeilen wie »Wir werden immer weniger. Schon ein ganzes Częstochowa (Tschenstochau) ist verschwunden« oder »Katowice: Der große Exodus hält an«. Vor diesem Hintergrund bleibt es zu hoffen, dass eine weitere Sensibilisierung der lokalen Entscheidungsträger für das Thema Schrumpfung erfolgen wird und – unter der Beteiligung möglichst vieler gesellschaftlicher Akteure – die damit verbundenen Herausforderungen für die Städte und ihre Bewohner offen, kontrovers und konstruktiv diskutiert werden.


Polen

Dossier

Deutsch-polnische Beziehungen

Deutsche und Polen verbindet eine schwierige Beziehung, die noch immer überschattet wird von den deutschen Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs. Wie stehen die beiden Staaten heute zueinander?

Mehr lesen