Dossierbild Polen

21.2.2013 | Von:
Maciej Duszczyk

Analyse: Arbeitsmarkt und Arbeitsmarktpolitik in Polen

Migration

In den meisten Mitgliedsländern der Europäischen Union wird im Zusammenhang mit Migrationsprozessen hauptsächlich über die Einwanderung von arbeitssuchenden Ausländern und die Auswirkungen dieses Phänomens auf die Arbeitsmarktsituation debattiert. Die Situation in Polen in diesem Bereich ist eine andere. Trotz eines dynamischen Anstiegs der Anzahl von Ausländern, die auf dem polnischen Arbeitsmarkt vor allem Saisontätigkeiten annehmen, stehen Fragen der Emigration von Polen in andere Mitgliedsländer der EU im Vordergrund. Denn im Falle Polens hat die Emigration, besonders im Rahmen der Freizügigkeit von Arbeitnehmern, größeren Einfluss auf die Arbeitsmarktsituation als die Immigration. Einerseits ist dieser Einfluss positiv, denn die Arbeitslosenzahl sinkt und Transferzahlungen der Auswanderer fließen nach Polen zurück, andererseits vermindern sich die Arbeitsressourcen, was die Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft direkt beeinflusst. Dabei muss man sich bewusst sein, dass die Auswirkungen der gegenwärtigen Emigration zumindest mittelfristig bedacht werden müssen. Ausschlaggebend wird nämlich sein, wie viele der heutigen Auswanderer sich dafür entscheiden, dauerhaft im Ausland zu bleiben, und wie viele nach einem vorübergehenden – sei es auch etliche Jahre währenden – Auslandsaufenthalt nach Polen zurückkehren. Neueste Daten zur Emigration zeigen, dass etwa 1,5 Millionen Polen in anderen EU-Mitgliedsländern leben. Etwa eine Million davon haben Polen nach dem EU-Beitritt verlassen. Die höchsten Auswanderungszahlen waren für das Jahr 2007 zu verzeichnen. Seitdem geht die Anzahl der im Ausland lebenden Polen langsam, aber systematisch zurück. Die These von einem Ende der Emigrationsprozesse bestätigt auch das geringe Interesse an einer Auswanderung nach Deutschland, nachdem dieses Land seinen Arbeitsmarkt am 1. Mai 2011 geöffnet hat. Die Auswanderungsquote nach Deutschland war viel niedriger, als von den meisten Experten vorhergesehen. Deshalb ist in den nächsten Jahren auf dem polnischen Arbeitsmarkt im Zusammenhang mit der Migration von zwei Prozessen auszugehen: einem Rückgang neuer Migration, einer zunehmenden Rückwanderung sowie einem langsamen Anstieg der Einwanderung aus Drittstaaten, besonders aus der Ukraine und aus asiatischen Staaten. Ausländer werden jedoch nur in sehr geringem Maße die Lücken auf dem Arbeitsmarkt füllen, die infolge der jüngsten Auswanderungswelle und der demografischen Prozesse entstanden sind. Viel relevanter könnte die Rückwanderung sein. Leider ist gegenwärtig sehr schwer vorhersehbar, wie viele im Ausland lebende Polen sich zu einer Rückkehr nach Polen entschließen werden.

Das Funktionieren der Arbeitsmarktinstitutionen – die Arbeitsämter

Wie bereits erwähnt, hat sich das institutionelle Modell der Arbeitsmarktpolitik in Polen 1999 mit der Dezentralisierungsreform herausgebildet. Nach über zwanzig Jahren seines Bestehens wird das neue System heute unterschiedlich bewertet. Einerseits hat die Tatsache, dass die Arbeitsmarktpolitik überwiegend den Kommunen überlassen wurde, dazu geführt, dass sie den Bürgern nähergebracht wurde, die ja direkt an ihren Auswirkungen interessiert sind. Andererseits zeigen zahlreiche Untersuchungen, dass die Effektivität der aktiven Arbeitsmarktprogramme, die von den Arbeitsämtern durchgeführt werden, höchst unzureichend ist und dass der Wirkungsgrad keines ihrer Instrumente die 50%-Marke überschreitet, sondern zumeist zwischen 20 % und 30 % schwankt. Das ist entschieden zu wenig. Bei Menschen in schwierigsten Lebenslagen wie Langzeitarbeitslosen, ehemaligen Häftlingen, Unterhaltsschuldnern oder bildungsfernen Frauen, die nach der Mutterschaftspause auf den Arbeitsmarkt zurückkehren, haben die eingesetzten Instrumente eher einen sozialen Aktivierungs­charakter, als dass sie zur Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt führen, und in der Praxis führen sie selten zur Vermittlung eines festen Arbeitsplatzes. Deshalb wurde Mitte 2012 in Polen die Diskussion über eine Reform der Institutionen des Arbeitsmarkts angestoßen, die sich an den Erfahrungen von Ländern wie Deutschland, den Niederlanden oder Großbritannien orientiert. Ein Teil der Aufgaben, mit deren Ausführung die Arbeitsämter nicht zurechtkommen, soll nichtstaatlichen Institutionen übertragen werden, zum Beispiel Beschäftigungsagenturen oder Nichtregierungsorganisationen. Die Übertragung von Arbeitsmarktleistungen wird jedoch eher komplementärer Natur sein und die Maßnahmen der Arbeitsämter ergänzen; ihr Hauptziel wird sein, die Rückkehr der Arbeitslosen auf den Arbeitsmarkt zu beschleunigen.

Herausforderungen

Die größte Herausforderung für den Arbeitsmarkt sowohl in Polen als auch in vielen anderen EU-Mitgliedsländern im Hinblick auf die kommenden Generationen werden die demografischen Prozesse sein. Schon in den nächsten Jahren wird es zu einem starken Rückgang der Anzahl von Menschen im berufstätigen Alter kommen; gleichzeitig wird der Anteil derjenigen steigen, die Rentenleistungen beziehen. Veränderungen wird es auch in Bereichen geben, in denen Arbeitsplätze geschaffen, aber auch abgebaut werden. Ebenfalls ändern wird sich der Bedarf an Weiterqualifizierung. Deshalb kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass einerseits die Anzahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter abnimmt, andererseits die Arbeitnehmer immer schlechter auf die Anforderungen des modernen Arbeitsmarkts vorbereitet sind. Das Fehlen entsprechender Maßnahmen im Bereich des Transfers zwischen Bildung und Arbeit wird zusätzlich das Potenzial von Jugendlichen verringern, die trotz Schulabschlusses immer noch Probleme haben werden, eine Beschäftigung zu finden. Polen sucht Antworten auf diese Herausforderungen, um eine Verschlechterung der Arbeitsmarktsituation und ein Sinken der Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft zu verhindern. Priorität soll dabei die Schaffung neuer Beziehungen auf dem Arbeitsmarkt nach dem Modell des "workfare state" haben, eines Staates also, der die Schaffung neuer Arbeitsplätze in den Mittelpunkt stellt und allen, die dazu befähigt sind, die Aufnahme einer Beschäftigung ermöglicht. Das bedeutet die Schaffung eines ganzheitlichen Systems, das allen Polen den Zugang zu hochwertigen gesellschaftlichen Dienstleistungen ermöglicht. Ihre Nutzung sollte zum Erwerb von Qualifikationen führen, sollte es ermöglichen, eine Beschäftigung aufzunehmen oder eine neue Arbeit zu finden, bei der der betreffende Arbeitnehmer sein Potenzial besser nutzen und seine Ansprüche verwirklichen kann. Obwohl diese Aufgabe ungeheuer schwierig erscheint, ist es doch notwendig, die Herausforderung anzunehmen. Selbst wenn es nicht gelingen sollte, ihr vollständig gerecht zu werden, wird das jedenfalls positive Folgen für die Steigerung von Sicherheit und Qualität der Beschäftigung mit sich bringen. Übersetzung aus dem Polnischen: Ulrich Heiße Dieser Beitrag ist ein Vorabdruck aus dem "Jahrbuch Polen 2013 Arbeitswelt" des Deutschen Polen-Instituts, das im März 2013 erscheinen wird (siehe Lesehinweis auf S. 13).


Polen

Dossier

Deutsch-polnische Beziehungen

Deutsche und Polen verbindet eine schwierige Beziehung, die noch immer überschattet wird von den deutschen Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs. Wie stehen die beiden Staaten heute zueinander?

Mehr lesen