Basilius-Kathedrale

14.6.2018 | Von:
Prof. Dr. Hans-Henning Schröder

Aufstieg zur europäischen Großmacht

(850 - 1850)

Autokratische Modernisierung

Bereits im 16. Jahrhundert war die Zarenmacht mit den europäischen Mächten in Kontakt gekommen. Mit Schweden und Polen führte sie in wechselnden Koalitionen Krieg um den Besitz der baltischen Region. Im 17. Jahrhundert gewann die Verbindung mit West- und Mitteleuropa an Bedeutung. Die russische Politik konnte die wirtschaftlichen Entwicklungen und Verschiebungen der Machtverhältnisse im westlichen Europa nicht länger ignorieren.

Zar Peter baute eine seegängige Flotte auf, vergrößerte das Heer und schulte es nach westlichen Vorbildern. Er gestaltete die Zentralverwaltung um, indem er schwedischem Vorbild folgend nach Fachaufgaben strukturierte Kollegien (Ministerien) schuf, und er betrieb eine merkantilistische Wirtschaftspolitik, indem er den Handel und die heimische Produktion durch Errichtung von Manufakturen förderte. Ausländische Fachkräfte wurden ins Land geholt, Russen zum Studium ins Ausland entsandt. Zum 1. Januar 1700 ließ der Zar auch die alte byzantinische Zeitrechnung abschaffen, an deren Stelle nach dem Vorbild der protestantischen Länder der Julianische Kalender trat. (Der genauere Gregorianische Kalender, der in den katholischen Regionen galt und nach dem wir uns heute noch richten, wurde in Russland erst am 14. Februar 1918 eingeführt.)

Doch große Teile der Gesellschaft, insbesondere die Bauernschaft, blieben von dem petrinischen Modernisierungsversuch unberührt. Der Widerspruch zwischen der traditionsorientierten Bevölkerungsmehrheit und dem modern-absolutistischen Regime bestimmte bis weit ins 20. Jahrhundert das soziale und geistige Leben Russlands. Doch Peters Reformen schufen die Voraussetzungen für den Aufstieg des Landes zur europäischen Großmacht. Nach dem Sieg über die Schweden 1709 in der Schlacht bei Poltawa (heute in der Ukraine), nahm der Zar den Kaisertitel an, der von Preußen und den Generalstaaten der Niederlande sofort, von den meisten anderen europäischen Mächten im Lauf der nächsten 50 Jahre anerkannt wurde.

Im 18. und 19. Jahrhundert entwickelte sich Russland zu einem wichtigen Akteur in der europäischen Politik. Unter den Nachfolgern Peters dehnte sich das Reich in Kriegen mit dem Osmanischen Reich nach Süden und durch die polnischen Teilungen nach Westen aus. In den Napoleonischen Kriegen zu Beginn des 19. Jahrhunderts spielte das Zarenreich als Gegner des napoleonischen Frankreich, dann als sein Verbündeter und schließlich wieder als Mitglied der antinapoleonischen Allianz eine entscheidende Rolle, die auch bei der Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongress 1815 zum Tragen kam. In den Folgejahren schloss sich Russland im Rahmen der "Heiligen Allianz" eng mit den konservativen Mächten Habsburg und Preußen zusammen und erlangte als "Gendarm Europas" eine bestimmende Rolle auf dem Kontinent. Die zarische Regierung betrieb eine restaurativ-konservative Politik und wandte sich gegen alle Freiheitsbewegungen jener Zeit.

Auszug aus: Hans-Henning Schröder: Vom Kiewer Reich bis zum Zerfall der UdSSR, in: Russland (Informationen zur politischen Bildung, Heft 281), Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2003, S. 8ff., aktualisiert 2018.
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