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Nele Hirsch am 11.05.2017

Wie können sich Lehrende zu OER fortbilden?

Die Frage, wie die Qualifizierung von Menschen, die mit OER lehren und lernen sollen, gestaltet werden kann, ist für den Erfolg freier Bildungsmaterialien zentral. Denn nur wer es beherrscht, OER zu finden, weiterzuentwickeln, zu verwenden und auch selbst zu erstellen, kann die Materialien erfolgreich nutzen und zur Verbreitung von OER beitragen.

Wie können wir uns zu OER fortbilden?(Thomas Truschel, Photothek / bearbeitet (Ausschnitt) / Lizenz CC BY 4.0 / OER-Fachforum – die Bildergalerie )

Die Frage der Qualifizierung spielte in den bisherigen Debatten zu OER immer eine zentrale Rolle. So diskutierten OER-Interessierte bereits beim ersten OERcamp 2012 in Bremen zu Themen wie "Urheberrecht“, "freien Lizenzen“ oder "OER und Medienkompetenz“. Als OER daran anschließend im deutschsprachigen Raum immer größere Beachtung fanden, widmeten die von der damaligen Transferstelle für Open Educational Resources in den Jahren 2014 und 2015 veröffentlichten Whitepaper zu OER in Schule, Hochschule und Weiterbildung / Erwachsenenbildung der Frage nach Qualifizierungsmöglichkeiten, -bedarfen und -herausforderungen größere Aufmerksamkeit.

Die spezifische Betrachtung der einzelnen Bildungsbereiche zeigte auch für das Thema der Qualifizierung, wie sehr die Bildungssektoren mit jeweils eigenen Rahmenbedingungen konfrontiert sind. So gibt es im Bereich der Schule bereits in der zweistufigen Ausbildung von Lehrenden – zunächst im Rahmen des Studiums und später während des Referendariats – die Möglichkeit, das Thema OER zu behandeln. Im Bereich der Hochschule oder in der Weiterbildung / Erwachsenenbildung sind solche formalisierten Ausbildungsstrukturen dagegen nicht vorhanden.

Drei zentrale Herausforderungen

Das Thema OER-Qualifizierung wurde anschließend im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten und von Wikimedia Deutschland e.V. durchgeführten Projekts "Mapping OER" aufgegriffen: sowohl in der zunächst veröffentlichten IST-Analyse zu OER als auch innerhalb des "Praxisrahmens", der als Abschluss des Projekts veröffentlicht wurde. Dieser behandelt Qualifizierungsmodelle als einen von vier Schwerpunkten. Im Ergebnis wurden bildungsbereichsübergreifend drei Herausforderungen für die Gestaltung und Durchführung von Qualifizierungen zu OER identifiziert.

Breites Know-how erforderlich

Die erste Herausforderung betrifft die Breite der benötigten Kompetenzen. Als erforderlich benannt wird vor allem Wissen zum bestehenden Urheberrecht und zu den darauf basierenden freien Lizenzen, insbesondere zur Nutzung von Creative Commons-Lizenzen. Ohne dieses rechtliche Wissen seien die Unsicherheit groß und Urheberrechtsverletzungen wahrscheinlich. Da OER meist in digitaler Form vorliegen, käme darüber hinaus technisches Können beim Herunterladen, Bearbeiten, Weiterentwickeln und Verbreiten hinzu. Und schließlich liege das besondere Potential von OER auch darin, andere Lehr- und Lernszenarien umzusetzen. Denkbar seien vor allem mehr Individualisierung, Aktualität und eine aktivere Rolle der Lernenden. Auch diese didaktischen Aspekte gelte es deshalb in OER-Qualifizierungsmaßnahmen für Lehrende aus allen Bildungsbereichen zu beachten.

In der Breite unbekannt

Zweitens wird im Projekt "Mapping OER" konstatiert, dass OER inzwischen zwar in der Bildungspolitik und bei einzelnen, zu diesem Thema aktiven Bildungsakteurinnen und -akteuren angekommen sind, der Begriff für die große Mehrheit der Lehrenden aber immer noch ein Fremdwort ist. Spezifische Fortbildungen zu OER würden unter Lehrenden häufig nur auf geringes Interesse stoßen. Denn solange nicht bekannt sei, welchen Mehrwert OER für die praktische Arbeit bieten, sei die Bereitschaft, sich mit diesem Thema zu beschäftigen, eher gering. Dies werde dadurch verstärkt, dass die mit OER vermittelte, offene Bildungskultur des Teilens vielen Lehrenden noch fremd sei.

Langfristige Unterstützung

Die dritte Herausforderung betrifft die Nachhaltigkeit der Qualifizierung. Um OER kompetent nutzen zu können, reiche es oft nicht aus, nur punktuell Fortbildungen zu besuchen oder sich auf anderen Wegen weiterzubilden. Denn Fragen, Schwierigkeiten und Probleme würden sich vielfach erst im Rahmen der konkreten, praktischen Nutzung von OER ergeben. Wenn es dann an Unterstützungsangeboten fehle, höre die Verwendung und Entwicklung von OER auch schnell wieder auf.

Mehrwert und Mainstreaming

Um erfolgreich zu OER zu qualifizieren, hat der "Praxisrahmen" des Projekts "Mapping OER" verschiedene inhaltliche und strukturelle Schlussfolgerungen zusammen getragen. Inhaltlich ist demnach vor allem wichtig, den Mehrwert von OER für Lehrende und Lernende im Rahmen von Qualifizierungsangeboten in den Vordergrund zu stellen und auf dieser Basis die benötigten Kompetenzen in rechtlicher, technischer und didaktischer Hinsicht zu vermitteln. Strukturell ist laut "Praxisrahmen" entscheidend, dass OER-Qualifizierungen im Sinne eines Mainstreaming-Ansatzes in bestehende Fort- und Weiterbildungsangebote – beispielsweise zu Medienkompetenz – integriert werden. Auch gelte es, das Thema in den Ausbildungen von Lehrenden sowie Weiterbildnerinnen und -bildnern zu berücksichtigen. Darüber hinaus würden – flankierend zu Aus-, Fort- und Weiterbildungen – auch kontinuierliche Coaching- und Unterstützungsstrukturen benötigt.

In der Bildungspolitik wird diese Auffassung grundsätzlich geteilt. Bereits in der Arbeitsgruppe von Ländern und Bund zu Open Educational Resources (OER) wurde vor diesem Hintergrund der Aufbau einer "Informations- und Koordinierungsstelle für OER“ empfohlen.

Formale Angebote zur Qualifizierung

Auch auf diese Empfehlung hin entsteht seit Anfang 2017 – im Rahmen der Förderrichtlinie des BMBF zu freien Bildungsmaterialien von Januar 2016 – die OER-Info-Stelle: eine bildungsbereichsübergreifende Anlaufstelle für alle Fragen rund um OER. Im Rahmen zahlreicher weiterer Projekte und Initiativen, die an diese Info-Stelle angegliedert sind, werden zudem vielfältige OER-Weiterbildungen angeboten. Eines dieser Angebote ist eine Qualifizierung zum OER-Fachexperten / zur OER-Fachexpertin, die sich an "Macher und Multiplikatoren in der Weiterbildung" wendet und darauf zielt, OER trotz fehlender formalisierter Ausbildungsstrukturen in diesem Bereich zu verankern.

Non-formale Angebote zur Qualifizierung

Neben diesen eher formal ausgerichteten Angeboten sind im non-formalen Bereich die so genannten OERcamps inzwischen zu einer festen Größe im Bereich der OER-Qualifizierung geworden. Sie finden mindestens einmal pro Jahr statt, dienen insbesondere dem Austausch unter OER-Aktivistinnen und -Aktivisten, sind aber auch für Neu-Interessierte ein guter Einstieg in die Welt der freien Bildungsmaterialien. Auch die OERcamps werden mittlerweile über die Förderung des BMBF mitfinanziert.

Da OER in der Bildungspraxis eine immer größere Rolle spielen, ist zu erwarten, dass auch der Bedarf nach Weiterbildungen zu diesem Thema steigen wird. Die Herausforderung liegt nun vor allem darin, die Vielzahl der aktuell neu entstehenden Angebote im Rahmen der Förderrichtlinie des BMBF zu bündeln und Lehrende aller Bildungsbereiche nachhaltig zur Beteiligung zu motivieren.

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Link-Tipps zum Weiterlesen:

Informationsstelle OER: Eine bildungsbereichsübergreifende Anlaufstelle im Internet, die zu allen OER-spezifischen Fragen berät und auf Qualifizierungsangebote hinweist.

Online-Portal und OER-Projekt JOINTLY: Das Verbundprojekt unterstützt und vernetzt OER-Akteure u.a. bei der Entwicklung von Qualifizierungsangeboten. Darüber hinaus vermittelt  es Beratung zu den Themen Recht, Produktion, Didaktik und IT.

Mapping OER – Ist-Analyse zu OER in Deutschland: Übersicht zur Situation von OER in Deutschland in den Bildungsbereichen Schule, Hochschule, berufliche Bildung und Weiterbildung.

Praxisrahmen für OER in Deutschland: Abschlussdokument des Projekts "Mapping OER".

Bericht der Arbeitsgruppe von KMK und BMBF zu OER

Offene Bildungsressourcen (OER) in der Praxis: In dieser Broschüre der Medienanstalt Berlin-Brandenburg finden Personen, die OER aktiv in ihre Bildungspraxis einbinden wollen, nützliche Tipps und Hilfestellungen.

Online-Portal wb-web: Speziell für den Bereich der Weiterbildung hat das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung – Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen (DIE) zusammen mit der Bertelsmann Stiftung das Portal wb-web entwickelt und betreibt dieses seit 2016 eigenständig. Zur Verfügung stehen hier vielfältige Qualifizierungsangebote für Weiterbildnerinnen und Weiterbildner, wobei OER einen Schwerpunkt darstellen.

OERcamp.de: Die Übersichtsseite der früheren und aktuell anstehenden OERcamps im deutschsprachigen Raum.

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