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Nele Hirsch am 02.11.2017

Wer soll OER finanzieren?

Freie Bildungsmaterialien (OER) sind nicht kostenfrei. Ihre Entwicklung und Verbreitung sind mit Kosten verbunden. Wie und von wem dies finanziert werden soll, ist Teil der Debatten um OER. Wir geben einen Überblick über Finanzierungswege und -modelle, die aktuell diskutiert oder bereits erprobt werden.

Wer soll OER finanzieren?(Thomas Truschel, Photothek / bearbeitet (Ausschnitt) / Lizenz CC BY 4.0 / OER-Fachforum – die Bildergalerie)

Der Begriff OER wird oft mit “freie Bildungsmaterialien” übersetzt. “Frei” bedeutet dabei allerdings nicht “kostenfrei”, sondern “zur freien Nutzung bestimmt” und damit “frei von Lizenzgebühren”, wie u.a. der auf Urheberrecht und OER spezialisierte Rechtswissenschaftler Till Kreutzer in dieser Studie darlegt. Unstrittig ist zugleich, dass bei der Erstellung, Verbreitung, Qualitätssicherung und Qualifizierung zur Nutzung von OER Kosten entstehen. Wie aber lassen sich freie Bildungsmaterialien vor diesem Hintergrund am besten finanzieren? Auf diese Frage gibt es in der bildungspolitischen Diskussion und auch in OER-Praxisprojekten noch keine abschließenden Antworten.

Zwei Optionen

Umfassend und auf Basis früherer Studien zu OER wurden Wege zur Finanzierung freier Bildungsmaterialien insbesondere im Abschlussdokument des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekts “Mapping OER” analysiert. Möglich wäre demnach erstens die Entwicklung neuer Finanzierungsmodelle. Hierbei könne man von Geschäftsmodellen in anderen Bereichen – etwa der Finanzierung von Open Source Software – lernen oder auch auf private Spenden bzw. ehrenamtliche Initiativen setzen. Als zweite Option wird der Weg skizziert, die öffentliche Lehr- und Lernmittelfinanzierung, mit der insbesondere der Kauf von Schulbüchern staatlich bezuschusst oder sogar vollständig finanziert wird, auch für OER zu öffnen. Für den ersten Weg sprechen vor allem die größere Flexibilität und Offenheit. Der zweite Weg würde dagegen eine verlässliche und nachhaltige Finanzierung garantieren. Insbesondere für den Bereich der Schule, in der die öffentliche Finanzierung von Lehr- und Lernmitteln eine zentrale Rolle spielt, wäre solch eine verlässliche und nachhaltige Perspektive von großer Bedeutung.

Neue Finanzierungsmodelle in der Praxis

In Deutschland wird in der Praxis mit OER bislang vor allem der erste Weg beschritten. Ein Beispiel hierfür ist die überwiegend ehrenamtlich arbeitende Initiative der Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet. Hier stellen Lehrkräfte ihren Kolleginnen und Kollegen Materialien, die sie selbst entwickelt haben, auf ehrenamtlicher Basis und im Rahmen einer Kultur des Teilens kostenfrei zur Verfügung. Startup-Gründungen wie der Online-Arbeitsblatt-Editor “Tutory” setzen dagegen auf ein Freemium-Modell, bei dem nur die Basisversion kostenfrei genutzt werden kann. Wer mehr Möglichkeiten für Anpassungen der mit OER-Inhalten erstellten Arbeitsblätter haben möchte, muss ein kostenpflichtiges Abo-Modell abschließen. Des Weiteren gibt es Ansätze, die Entwicklung von OER durch Crowdfunding zu finanzieren. Auf diese Weise entstand im Rahmen des Projekts Schulbuch-O-Mat beispielsweise ein Biologie-Schulbuch, das unter einer freien Lizenz steht. Speziell in der Weiterbildung werden OER als ein mögliches Marketing-Instrument für freiberuflich arbeitende Lehrkräfte eingeordnet. Mit diesem Argument wirbt zum Beispiel das BMBF-geförderte Projekt “OER-MuMiW”, ein Projekt für “OER-Macher und Multiplikatoren in der Weiterbildung”.

Eine wesentliche Erkenntnis des Projekts "Mapping OER" war zudem, dass sich Geschäftsmodelle zu OER durchaus auch abseits einer Vergütung der Erstellung von OER entwickeln lassen können. Denkbar wäre in diesem Sinne beispielsweise eine gezielte Zusammenstellung im Sinne einer Kuratierung von Materialien zu einem bestimmten Themengebiet oder auch – wie beim oben erwähnten Arbeitsblatt-Editor Tutory – eine Unterstützung bei der Erstellung von OER. Ein weiterer möglicher Service rund um OER wäre das Angebot einer Qualitätsüberprüfung.

Öffentliche Finanzierung von OER

Neben der Erschließung privater Finanzierungsquellen oder ehrenamtlicher Initiative können OER-Projekte zum Teil auch auf öffentliche Mittel zurückgreifen. So werden mit der Förderrichtlinie zu OER des BMBF seit Anfang 2017 sowohl eine bundesweite Informationsstelle zu OER aufgebaut als auch mehrere Qualifizierungsprojekte finanziert. Weitere Initiativen gibt es auf Ebene der Länder. Beispielsweise können sich Lehrkräfte in Baden-Württemberg zum Teil von Unterrichtsverpflichtungen befreien lassen, um in dieser Zeit OER zu entwickeln. Zur Verfügung stehen in diesem Fall – über die einzelne Schule beantragt und organisiert – so genannte Deputatsstunden, d.h. Ermäßigungen bei der Unterrichtszeit, die traditionell beispielsweise für die Betreuung der Schulbibliothek oder ähnliche schulspezifische Zusatzaufgaben zur Verfügung standen. Ähnliche Überlegungen gibt es im Rahmen der entstehenden Plattform für OER in Berlin.

Einen grundsätzlichen Zugang zur öffentlichen Lehr- und Lernmittelfinanzierung gibt es für OER in Deutschland aktuell aber nicht. Um zu sehen, wie der skizzierte zweite Weg funktionieren könnte, muss deshalb ein Blick in andere Länder geworfen werden. So wurde in Norwegen beispielsweise mit öffentlichen Mitteln die Norwegian Digital Learning Arena (NDLA) aufgebaut – eine OER-Website mit Lehr- und Lernmitteln für den schulischen Oberstufenbereich. Zur Finanzierung des Angebots geben alle norwegischen Gebietskörperperschaften (Counties) mit Ausnahme von Oslo aktuell 20 Prozent ihres Lehr- und Lernmittel-Etats an die Plattform. Die norwegischen Schulbuchverlage hatten gegen den Aufbau und die staatliche Finanzierung ohne Erfolg geklagt.

Einen ähnlichen Weg schlug Polen ein: Hier stellte die Regierung im Jahr 2012 fast 11 Millionen Euro für die Entwicklung offen lizenzierter Schulbücher für die Klassenstufen vier bis sechs zur Verfügung. Die polnischen Schulbuchverlage beteiligten sich nicht an der Ausschreibung. Befürchtet und beklagt werden von ihnen Qualitätseinbußen, Intransparenz bei Ausschreibungen und fehlende nachhaltige Finanzierungsmodelle. Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, dass – wenn in Deutschland über die Öffnung der staatlichen Bildungsfinanzierung für OER diskutiert wird – häufig die Bedrohung des Geschäftsmodells der Schulbuchverlage als Folge genannt wird.

Ob Deutschland dem Beispiel Norwegens oder Polens folgt oder ein eigenes Finanzierungsmodell entwickelt, ist aktuell noch nicht abzusehen. Zwei zentrale Vorhaben zur nachhaltigen Verankerung und Bereitstellung (auch) von OER sind in diesem Zusammenhang die Informationsstelle OER und die Schul-Cloud, die in diesem Sinne auch im Digitalpakt D Erwähnung finden. Sicher ist, dass der Erfolg und die weitere Verbreitung von OER maßgeblich davon abhängen, ob bedarfsdeckende und nachhaltige Finanzierungswege gefunden werden. Denn wie für alle Bildungsangebote gilt auch für OER: Gute Bildung kostet Geld.

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Link-Tipps zum Weiterlesen:

Praxisrahmen Open Educational Resources in Deutschland: In dem Abschlussdokument zum BMBF-geförderten Projekt "Mapping OER" wurden "Finanzierungs- und Geschäftsmodelle" als einer von vier Schwerpunkten behandelt.

Website der Norwegian Digital Learning Arena (NDLA): Die NDLA ist ein Beispiel für die öffentliche Finanzierung von OER.

Kommerzialisierung von OER und Datenschutz: Unter dem Titel "Entmündigung als Bildungsziel" reflektiert Thomas Thiel in der FAZ vom 14. Juli 2016 die Vermarktung von Daten der Nutzenden von MOOCs (Massive Open Online Courses) als eine Form der Kommerzialisierung von OER.

OER als Treibstoff für Geschäftsmodelle: Debattenbeitrag von Stefan Probst im Rahmen des Projekts "Mapping OER" zu Finanzierungsoptionen von freien Bildungsmaterialien.

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