Eindruck vom Hackathon, Entwicklung von Prototypen

Dr. Annekatrin Bock am 18.10.2016

OER in der Schule: Auf dem Weg, aber nicht angekommen

Genau wie ein Schulbuch können OER-Materialien als Bildungsmedium eingesetzt werden. Aber warum sind sie (noch) nicht gleichgestellt? Unsere Gastautorin Dr. Annekatrin Bock wirft einen kritischen Blick auf Open Educational Resources und erläutert, welche Herausforderungen diese noch meistern müssen, um im Klassenzimmer anzukommen.

BücherSchulbücher gelten noch immer als Leitmedium für den schulischen Unterricht. Lizenz: cc by-sa/2.0/de

Das Thema Open Educational Resources (OER) nimmt in der gesellschaftspolitischen Debatte in Deutschland Fahrt auf. Auch im schulischen Bildungsbereich, der bisher unter anderem durch Lehrpläne und Zulassungsbestimmungen für Bildungsmedien durch Kultusministerien stark reglementiert, aber auch geschützt ist, wird das Für und Wider von OER kritisch diskutiert. Bildungspolitiker und -politikerinnen wenden sich dem Thema verstärkt zu. Ein Ziel ist es, Potenziale freier Bildungsmaterialen für das Lehren und Lernen zu erfassen und für aktuelle Herausforderungen im Bildungsbereich zu nutzen. OER sind dabei ein kleiner Aspekt in der größeren Debatte um die Einführung digitaler Bildungsmedien. Doch noch gibt es viele Bedenken und Unsicherheiten, in welche Richtung sich Schule in Zeiten gesellschaftlicher Digitalisierung wenden soll. Der Beitrag diskutiert in diesem Zusammenhang das Verhältnis von OER und Schulbuch mit Blick auf die Herausforderungen von deren Verwendung in der Schule.

OER und Schulbuch

Schulbücher gelten noch immer als Leitmedium für den schulischen Unterricht. In ihnen bündelt sich das lehrplanrelevante Wissen. Sie helfen bei der Strukturierung des Unterrichts mit Blick auf curriculare Vorgaben und Lernzielerreichung. Dafür bieten sie zum einen geprüftes Material wie Text, Grafiken oder Bilder und darüber hinaus Übungen und Arbeitsaufträge, die sich an unterschiedlichen Lernniveaus der jeweiligen Klassenstufe und Schulform orientieren. OER sind ebenso wie das Schulbuch Bildungsmedien, wenn sie in institutionalisierten Lehr- und Lernkontexten zur Vermittlung von Wissen verwendet werden. Formale Unterschiede zwischen OER und Schulbuch lassen sich insbesondere bezogen auf ihren Produktionsprozess, ihren Lizenz- bzw. Urheberrechtsstatus und die jeweilige Distributionsform formulieren.
Sobald man jedoch auf die inhaltliche Dimension blickt, hinkt der Vergleich zwischen beiden Bildungsmedien auf diversen Ebenen. So ist der Begriff OER zunächst einmal eine Art "Container", der den Nutzerinnen und Nutzern signalisiert, dass die Inhalte frei verfügbar, veränderbar und verbreitbar sind. OER bieten in erster Linie rechtliche Freiräume bei der Verwendung im Bildungskontext. Mit diesem Aspekt vermischt wird dann jedoch häufig die Debatte um Potenziale digitaler – also nicht analoger – Medien, welche insbesondere partizipatives, multimodales, individualisiertes oder vernetztes Lernen ermöglichen können. Aber eben auch nur können. Denn ohne geeignete Inhalte, didaktische Konzepte, kompetente Lehrpersonen und eine entsprechende technische Ausstattung von Schulen, bleiben die Möglichkeiten digitaler Bildungsmedien – ob open oder nicht – großenteils ungenutzt. Dies verweist bereits auf sehr konkrete Herausforderungen, welche eine flächendeckende Einführung von OER oder gar die Ablösung des Schulbuchs bisher nicht ermöglichen. Weitere zentrale Aspekte werden hier thesenartig zusammengefasst.

Herausforderungen (freier) Bildungsmedien in der Schule

1) Ein Grund für die weitere Verwendung der von Bildungsforschung und -praxis immer wieder kritisierten analogen Schulbücher im Unterricht ist ihre Passfähigkeit für die schulischen Strukturen. Sie liefern der Lehrperson ohne viel Einarbeitungszeit fertig aufbereitete, lehrplangeeignete Unterrichtsmodule. Mit Blick auf die Vielzahl an Anforderungen an die Lehrenden bieten Schulbücher einen inhaltlichen und formalen Anker, der gerade in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern zugegebenermaßen selten wirklich aktuell auf gesellschaftspolitische Themen reagieren kann. Dennoch mangelt es bisher an Alternativen zum Schulbuch, die sich ohne weiteres an die starren Regularien gegenwärtiger Schule anpassen.

2) Die Vorgaben für die Lernmittelfinanzierung bieten bisher wenig Spielraum für die Anschaffung alternativer Medien. Daneben bestehen in Deutschland Regelungen für die Zulassung von Lernmitteln und Schulbüchern. Die Zulassungsverfahren gelten bisher als Verfahren der Qualitätssicherung, dessen Güte sich sicherlich diskutieren lässt. Auch für OER wird gefragt, wie sich die Qualität der Inhalte (Lehrplanentsprechung, inhaltliche Angemessenheit) und der technischen Aufbereitung (Formatstandards, Auffindbarkeit, Layout etc.) realisieren ließe. Eine allgemein anerkannte und konkrete Umsetzung fehlt jedoch.

3) Bisher gibt es (noch) keine deutschlandweite Harmonisierung der beispielsweise für die bibliothekarische Erfassung notwendigen OER-Metadaten, keine expliziten technischen Standards bzw. kein etabliertes, deutschlandweites OER-Repositorium mit umfassender bundesland-, klassenstufen- und schulformrelevanter Suchfunktion. Dies erschwert den schnellen, unkomplizierten und bedürfnisorientierten Zugang für Lehrkräfte auf der Suche nach freiem Material.

4) Die technische Ausstattung von Schulen lässt gegenwärtig noch deutlich zu wünschen übrig. Eine flächendeckende Versorgung mit Hardware ist zwar formuliertes Ziel politischer Entscheider, die Digitalisierung als ganzheitliches Konzept ist in der Schule jedoch noch lange nicht gelebte Praxis.

5) Schule versteht sich zum Teil als Schutzraum, der für die Vermittlung von staatlich anerkanntem Wissen verantwortlich ist. Die Überfrachtung der Lehrenden mit Anforderungen (Inklusion, Diversität, Vermittlung digitaler Kompetenzen usw.) bei gleichzeitiger Verknappung von materiellen Ressourcen (große Klassen, große Lehrkontingente usw.) führt langfristig nicht zu Freiräumen bei der Einführung und dem Ausprobieren neuer Ideen – in diesem Fall der Hinwendung zu OER.

6) OER als Begriff ist für Kenner mittlerweile leicht verständlich. Für jene Lehrkräfte, die im Berufsalltag kaum mit freien Medien arbeiten, sind OER und ihr etwaiger Mehrwert zum Schulbuch jedoch meist wenig bekannt. Möchte man OER stärken, bedarf es einer systematischen Einbindung des Themas in die Aus- und Weiterbildung von Lehrenden. Dabei sollte ein generelles Verständnis von digitalen Medien und deren Einsatzmöglichkeiten im schulischen Kontext vermittelt werden, nicht nur von OER im Speziellen. OER wären dann ein kleiner Teil des Korpus an (digitalen) Lernmaterialen, die im schulischen Alltag Anwendung finden.

Die gesellschaftspolitische Dimension

Neben den genannten sehr konkreten Herausforderungen machen drei Aspekte eine sachliche Erörterung des Pro und Contra von OER- und Schulbuchnutzung derzeit besonders schwierig: Erstens wird der Begriff OER hin und wieder fälschlicherweise synonym verwendet mit kostenlosem, digitalem Lehr- und Lernmaterial. Die derzeitige Debatte um OER vermengt somit die Vorzüge und Nachteile von analogen und digitalen Bildungsmedien. Hier werden OER dann in der Regel das Potenzial digitaler Formate und dem Schulbuch die Nachteile analoger Printprodukte zugesprochen. Hier sollte klarer definiert werden, welche (freien) Bildungsmedien welchen Mehrwert im Vergleich zu bereits vorhandenen Bildungsmedien erbringen. Auf welchen Aspekt bezieht sich also die Argumentation? Auf das "O" für open (Lizenz), das "E" für educational (Bildungsmedieninhalte) oder das "R" für resources (Formalia)?

Zweitens wird das kleine Thema OER überladen mit Erwartungen an die Veränderung einer schulischen Lernkultur und mit Diskussionen um die grundsätzliche Veränderung von Wissensvermittlung in der Schule. Solche großen Umbrüche sind jedoch nur im Kontext des weitaus größeren Themas "Digitalisierung von Schule" – vielleicht sogar "Digitalisierung von Gesellschaft" – vorstellbar.

Drittens wird die OER-Diskussion häufig überfrachtet mit all den anderen Vorstellungen, die man sich perspektivisch für die Wissensvermittlung und -aneignung in einer digitalisierten Gesellschaft wünscht. Dabei wird jedoch die entscheidende Herausforderung zukünftiger Schule gern übersehen: In den gegenwärtigen Strukturen leistet Schule permanent einen Spagat zwischen zwei Extremen – einerseits den hohen Anforderungen und Zielen, die Bildungspolitik und Gesellschaft an den bisher wenig darauf vorbereiteten Lernort herantragen, und andererseits die zum Teil unzureichende Infrastruktur, die sowohl die technische Ausstattung als auch die personellen Ressourcen betrifft.

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Über die Autorin

Annekatrin Bock ist Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin und forscht unter anderem zu Fragen von Digitalisierung im schulischen Bildungsbereich. Informationen zu ihren aktuelle Forschungsprojekten, Publikationen und Vorträgen finden Sie hier.

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