Eindruck vom Hackathon, Entwicklung von Prototypen

Redaktion | Birgit Frost am 11.10.2017

Für eine Kultur des Teilens: Mit OER gemeinsam guten Unterricht machen

Gelingt freien Bildungsmaterialien im Jahr 2017 der Durchbruch? Unser Bildungssalon zu OER beschäftigte sich mit dem Stand der Dinge, diskutierte Für und Wider und brachte Licht in den Lizenz-Dschungel.

Der Bildungssalon "Ich bin ganz OER" im Juni 2017.Der Bildungssalon "Ich bin ganz OER" im Juni 2017. (bpb / Fotografin: Birgit Frost / Lizenz CC BY-SA 4.0)

Kurz & Knapp

  • Freie Bildungsmaterialien ermöglichen eine optimalere und nachhaltigere Ressourcennutzung, unterstützen inklusiven Unterricht und berücksichtigen die individuellen Bedürfnisse der Lernenden.

  • OER dürfen nicht zu fragmentiertem Unterricht führen, müssen transparent gestaltet sein und müssen dem Datenschutz Rechnung tragen.

  • Die Etablierung einer Kultur des Teilens und Aufklärung im Bereich Lizenzen können zur Verbreitung von OER beitragen.



Frank J. MüllerFrank J. Müller (Stefan-mueller.pics / bearbeitet / Lizenz CC BY 2.0)

Ob Unwissen über das Thema, die Unsicherheit über die Qualität des Materials oder zu viel Aufwand mit Lizenzfragen – es gibt viele Gründe, warum OER-Materialien noch immer nicht in den Schulen angekommen sind. Seit 2016 fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) verschiedene OER-Projekte. Mit OERinfo befindet sich gerade eine zentrale Informationsstelle zu freien Lern- und Lehrmaterialien im Aufbau. Das BMBF selbst organisiert Projekte zur Sensibilisierung und Qualifizierung von Multiplikatoren. Sind OER also im Aufwind? Was ist der aktuelle Stand in der deutschen OER-Landschaft? Wie können Bildungsakteure die verschiedenen Angebote für ihre Arbeit finden und nutzen? Und wie geht das mit den Lizenzen? Diese und weitere Fragen beantworteten uns die beiden OER-Experten Frank J. Müller und Henry Steinhau.

OER: Chancen und Schwachstellen

Für Frank J. Müller gibt es gute Gründe, OER in der Bildungsarbeit zu nutzen: Lehrende können eigene Arbeitsmaterialien untereinander austauschen – wenn nicht jeder das Rad neu erfinden müsse, sei eine optimale und nachhaltige Ressourcennutzung möglich, so Müller. Und bei OER werden Materialien kontinuierlich gemeinsam weiterentwickelt, was eine ständige Verbesserung der Qualität bedeute.

Was Frank Müller unter freien Bildungsmaterialien versteht und welche Problematik dem Begriff "frei" innewohnt, erklärt er im Interview:

Frank J. Müller im Interview mit werkstatt.bpb.de (Birgit Frost / Lizenz CC BY-SA 4.0)

"Unter 'frei' verstehen ganz unterschiedliche Leute ganz unterschiedliche Dinge. Für mich bedeutet es, dass die Lehrkräfte die Möglichkeit haben, die Materialien zu kopieren, zu verändern und weiterzugeben, damit Lehrkräfte sie an die Bedürfnisse ihrer Schülerinnen und Schüler anpassen können."

Mit Serlo für Mathematik, segu für Geschichte oder den schulbuch-o-mat für Biologie gibt es bereits fachspezifische OER-Anlaufstellen im Netz. Für Müller bergen Open Educational Resources aber auch große Chancen für inklusiven Unterricht: Durch ihre Veränderbarkeit seien OER sehr gut dazu geeignet, die Vielfalt der Lernenden zu berücksichtigen und Lehrenden die Möglichkeit zu geben, sie weiter an die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler anzupassen. Aber Achtung vor der "Individualisierungsfalle": OER dürften nicht dazu führen, dass Lernende mit hochgradig an sie angepassten Materialien nur noch für sich lernen. Stattdessen müssten sie dafür genutzt werden, um das Lernen zu einem gemeinsamen Thema auf dem jeweiligen Niveau zu ermöglichen.

Großes Potenzial sieht Frank Müller im evolutionären Charakter von OER: Das Material lasse sich von Lernenden gemeinsam immer weiterentwickeln und beziehe auch Feedback von Schülerinnen und Schülern sowie den Eltern ein. Wichtig sei es, Einflussnahmen durch Dritte wie etwa durch gewinnorientierte Akteure transparent zu gestalten, den Datenschutz im Blick zu behalten und über die Handhabung der Lizenzen aufzuklären.

Fluch und Segen freier Lizenzen

Die Vergabe freier Lizenzen ermöglicht die Nutzung, Weiterbearbeitung und Wiederveröffentlichung von OER-Materialien. Viele Lehrende empfinden die verschiedenen vorhandenen Lizenzen als zu kompliziert. Auch für Frank Müller ist die Lizenzfrage ein Problem für die Verbreitung von OER. Sein Lösungsvorschlag:

Frank J. Müller im Interview mit werkstatt.bpb.de (Birgit Frost / Lizenz CC BY-SA 4.0)

"Ich denke, dass CC0 – also die freie Lizenz ohne Namensnennung mit der Möglichkeit kommerzieller Nutzung – der beste Weg wäre, um Lehrkräfte vor dem rechtlichen Wirrwarr zu schützen, vor dem sie sich so scheuen."


Henry SteinhauHenry Steinhau (bpb / bearbeitet / Lizenz CC BY-SA 4.0)
iRights-Redakteur Henry Steinhau sprach auf dem Bildungssalon über Urheberrecht und freie Lizenzen. Mit freien Lizenzen, zum Beispiel den Creative Commons-Lizenzen (CC-Lizenzen), lässt sich festlegen, dass andere Nutzer unter bestimmten Bedingungen die eigenen Inhalte leichter verwenden können, ohne dass sie jedes Mal die Urheber oder Rechteinhaber fragen müssen. Bedingungen können dabei die Namensnennung, die Weitergabe von Werken unter gleichen Bedingungen, ihre Veränderbarkeit oder die kommerzielle Nutzung sein.

Als nützliches Tool bei Lizenzierung von Inhalten, z. B. aus der Wikipedia oder Wikimedia Commons, zeigte Henry Steinhau den Lizenzhinweisgenerator, der nach Abfrage des Nutzungskontextes den richtigen Lizenzhinweis für die Weiterverwendung anzeigt.

Zum Thema CC-Lizenzen hatten die Teilnehmenden einige Fragen, hier zwei Beispiele: "Wie umgehen mit dem wachsenden Rattenschwanz der Lizenzhistorie bei häufiger Wiederverwendung eines OER-Dokuments?" Denn jede Nutzerin und jeder Nutzer muss nach Veränderung eines Dokuments unter entsprechender freier Lizenz die Bearbeitung und den eigenen Namen in den Lizenzhinweisen ergänzen. Die Lösung kann laut Steinhau eine nachvollziehbare Historie in einem separaten Dokument sein, das im Lizenzhinweis verlinkt ist. "Bin ich für die Fehler meiner Vorgängerinnen und Vorgängern bei der Erstellung des Lizenzhinweises verantwortlich?" Tatsächlich vererben sich die Fehler vorhergehender Nutzerinnen und Nutzer bei der Lizenzierung eines Dokuments auf die Nachfolgerinnen und Nachfolger, was eine Hemmschwelle für die Nutzung von freien Bildungsmaterialien darstellen mag.

Frank Müller hat jedoch insgesamt sehr gute Erfahrungen beim Einsatz von OER gemacht. Aufpassen müsse man bei der Vergänglichkeit des Internets – es komme vor, dass OER-Materialien, die in einem Schuljahr genutzt wurden, im nächsten nicht mehr verfügbar sind, etwa weil das entsprechende OER-Projekt endete. Hier gibt er Tipps, wie dieser Problematik begegnet werden kann:

Frank J. Müller im Interview mit werkstatt.bpb.de (Birgit Frost / Lizenz CC BY-SA 4.0)

"Wenn ich Materialien aus dem Internet einsetze, sollte ich sie tunlichst auch speichern und selbst archivieren, damit ich sicherstellen kann, dass ich sie auch in den Folgejahren noch einsetzen kann."

Wir brauchen eine Kultur des Teilens

Diskutiert wurde auch die Frage, warum nur wenig freies Material von Lehrenden zur Verfügung gestellt werde, obwohl die Erstellung von Unterrichtsmaterialien zu ihren Grundaufgaben gehöre. Als Problem nannten viele Teilnehmende eine mangelnde Kultur des Teilens: Lehrende wollen nicht, dass Kolleginnen und Kollegen berufliche Vorteile durch von ihnen erarbeitetes Material erlangten. Lehrende als Vertreterinnen und Vertreter einer Kultur des Teilens seien jedoch ein gutes Vorbild für die Lernenden.

Wie eine Kultur des Teilens dem eigenen Unterricht zugutekommen kann – und was eine Latte Macchiato damit zu tun hat:

Frank J. Müller im Interview mit werkstatt.bpb.de (Birgit Frost / Lizenz CC BY-SA 4.0)

"Das Problem ist, dass eine Kultur des Teilens bei Lehrkräften nicht vorhanden ist, weil sie durch das Material Anerkennung erfahren und nicht möchten, dass andere damit glänzen. Ich denke, da muss man seine Vorbehalte zurückstellen und auch Materialien, in die man viel Zeit investiert hat, teilen."

Kultur des Teilens klingt sinnvoll? Sie wollen sich an OER beteiligen? Frank Müller gibt Tipps, wie man als Lehrender oder Lehrende einen guten Einstieg in die Welt der freien Bildungsmaterialien finden kann:

Frank J. Müller im Interview mit werkstatt.bpb.de (Birgit Frost / Lizenz CC BY-SA 4.0)


Mehr zum Thema
bpb-Dossier: OER – Material für alle
bpb-Kurzvideo: OER erklärt – so findet man OER im Netz
iRights.info: Wo findet man freie Unterrichtsmaterialien? 15 Anlaufstellen im Netz
mabb-Broschüre zu CC-Lizenzen: Offene Bildungsressourcen (OER) in der Praxis
OERinfo: Plattformen und Communities zu OER
werkstatt.bpb.de: 2017 – Das Jahr der Open Educational Resources?


Hintergrundinformationen zum Interview

Das Interview wurde im Rahmen des Bildungssalons "Ich bin ganz OER" der Werkstatt der Bundeszentrale für politische Bildung im Juni 2017 in Berlin geführt, zu dem Frank J. Müller und Henry Steinhau als Experten eingeladen waren.

Frank J. Müller lehrt und forscht an der Universität Bremen im Fachbereich Erziehungs- und Bildungswissenschaften, wo er mit Studierenden OER-Materialien für den Deutschunterricht entwickelt hat. Vorher setzte er freie Lehr- und Lernmaterialien als Lehrer an der Grünauer Gemeinschaftsschule Berlin im eigenen Informatik-Unterricht ein.

Henry Steinau ist freiberuflicher Medienjournalist in Berlin und Online-Redakteur bei iRights.info sowie bei dem Verbundprojekt Jointly. iRights.info ist eine Informationsplattform unter anderem zum Thema Urheberrecht. Jointly unterstützt OER-Akteure bei der Entwicklung und Verbreitung ihrer offenen Bildungsmaterialien. Frank J. Müller lehrt und forscht an der Universität Bremen im Fachbereich Erziehungs- und Bildungswissenschaften, wo er mit Studierenden OER-Materialien für den Deutschunterricht entwickelt hat. Vorher setzte er freie Lehr- und Lernmaterialien als Lehrer an der Grünauer Gemeinschaftsschule Berlin im eigenen Informatik-Unterricht ein.




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