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Bildung im digitalen Wandel

Digitalkompetenzen von Lehrenden

Das Foto zeigt eine weibliche Person, die auf ein weißes Ipad guckt. Im Fokus des Bildes steht das Ipad, von der Person ist nur das Gesicht zu sehen.Der Einsatz von digitalen Geräten im Unterricht kann sehr sinnvoll sein, ist es aber nicht in jedem Fall. (© Foto: coyot pixabay.com)

Welche Digitalkompetenzen benötigen Lehrende heute oder werden in Zukunft für die Lehre relevant sein?

Julia Gerick: In der Strategie der Kultusministerkonferenz "Bildung in der digitalen Welt" werden Kompetenzen formuliert, die Schülerinnen und Schüler in einer digitalen Welt brauchen: das sind Fähigkeiten im Bereich Suchen, Verarbeiten und Aufbewahren, Kommunizieren und Kooperieren, Produzieren und Präsentieren, Schützen und sicher Agieren, Problemlösen und Handeln, Analysieren und Reflektieren. Über diese Kompetenzen sollten natürlich auch Lehrende verfügen, um sie entsprechend vermitteln zu können. Und Lehrende müssen auch wissen, wie man sie bei den Schülerinnen und Schülern fördern kann und wie man digitale Medien didaktisch und pädagogisch sinnvoll im Unterricht einsetzt und den Einsatz reflektiert. Auch im Bereich der Individualisierung, beispielsweise mit digitalen Medien, ist es ganz wichtig, Lehr- und Lernmaterialien erstellen, aber auch sinnvoll und begründet auswählen zu können.

Auf europäischer Ebene gibt es einen Rahmen für die Digitale Kompetenz von Lehrenden (DigCompEdu), der sechs Bereiche umfasst, unter anderem digitale Ressourcen, Lernenden-Orientierung, Lehren und Lernen sowie Evaluation als Bestandteile der pädagogischen und didaktischen Kompetenzen von Lehrenden, aber eben auch Förderung der digitalen Kompetenzen von Lernenden. Und auch auf Bundesländerebene gibt es Orientierungsrahmen, beispielsweise in Nordrhein-Westfalen: Dort sind im Orientierungsrahmen für die Lehrerausbildung und Lehrerfortbildung Kompetenzen in der digitalisierten Welt in den Bereichen Unterrichten, Erziehen, Lernen und Leisten fördern, Beraten und Schulentwicklung mit jeweiligen Unterkompetenzen zu finden.

Über welche dieser Kompetenzen verfügen Lehrerinnen und Lehrer schon heute?

Portrait einer Brünetten Frau mit langen Haaren, die in die Kamera lacht. Sie trägt einen schwarzen Blazer und eine weißes T-Shirt.Professorin Julia Gerick (© privat, Foto: Picture People)
Julia Gerick: Die Studie ICILS 2018 der Universität Paderborn bietet zur Sekundarstufe I eine repräsentative Datengrundlage, aus der man ableiten kann, dass die digitalen Kompetenzen von Lehrpersonen in Deutschland im internationalen Vergleich noch Luft nach oben lassen. In Bezug auf die Fähigkeiten Unterricht vorzubereiten, der den Einsatz digitaler Medien durch Schülerinnen und Schüler beinhaltet, den Lernstand mit digitalen Medien zu überprüfen oder Lernmanagement-Systeme zu nutzen, liegen die Lehrpersonen in Deutschland deutlich unter dem internationalen Mittelwert.

Man kann zudem sagen, dass es eine große Heterogenität in den digitalen Kompetenzen von Lehrpersonen in Deutschland gibt. Interessanterweise ist das nicht unbedingt mit dem Alter verknüpft. Es gibt keine eindeutige Forschungslage, die sagt, dass ältere Lehrpersonen weniger digital kompetent wären als jüngere. Eine aktuelle Studie zeigt, dass Lehramtsstudierende im Vergleich zu Nicht-Lehramtsstudierenden zu Studienbeginn die niedrigsten digitalen Kompetenzen haben und dass dieser Rückstand auch während des Studiums nicht aufgeholt wird, das heißt, auch bei den fortgeschrittenen Studierenden bleibt das Kompetenzniveau signifikant unter dem Kompetenzniveau der Nicht-Lehramtsstudierenden.

Wie werden Digital- und Medienkompetenzen in der Lehrenden-Aus- und Weiterbildung vermittelt?

Julia Gerick: Dafür sind alle drei Phasen der Lehrerinnen- und Lehrerbildung entscheidend. Man weiß aus der Forschung, dass Lehrpersonen, die den sinnvollen Einsatz digitaler Medien im Rahmen ihrer Ausbildung gelernt haben, diese Kenntnisse auch in ihren Unterricht einbringen. Die Lehramtsausbildung spielt also eine wichtige Rolle. Bis vor wenigen Jahren gab es in der Breite keine verbindlichen Standards zur Vermittlung digitaler Kompetenzen in der Lehrerinnen- und Lehrerausbildung. Das ist natürlich problematisch, weil es dann Zufall ist, ob man Dozierende erwischt, die sich für die Medienkompetenz ihrer Studierenden stark machen oder eben nicht. 2019 ist das Lernen mit und über digitale Medien jedoch in den Standards für die Lehrerinnen- und Lehrerbildung für die Bildungswissenschaften und auch in den ländergemeinsamen inhaltlichen Anforderungen für die Fachwissenschaften und die Fachdidaktiken verankert worden.

Auch in der zweiten Phase der Lehramtsausbildung, dem Referendariat oder Vorbereitungsdienst, wird das Thema immer relevanter. Es gibt Bundesländer, in denen in Prüfungsstunden digitale Medien explizit eingebunden werden sollen. Auch werden konkrete Handreichungen zur Verfügung gestellt, wie zum Beispiel in Hamburg. Die dritte Phase ist der Bereich Fort- und Weiterbildung. Da bestehen riesige Bedarfe seitens der Lehrerinnen und Lehrer, um sich im Bereich der Digitalisierung zu professionalisieren. Auch hier sind in den letzten Jahren viele Entwicklungen und Verbesserungen in den Bundesländern zu beobachten. Aber wir haben noch Luft nach oben. Andere Länder sind in Bezug auf die Fortbildungsaktivität der Lehrpersonen schon weiter, wie Ergebnisse aus ICILS 2018 zeigen, zum Beispiel in den USA oder Finnland.

Natürlich ist auch ein gewisses Maß an Eigeninitiative notwendig, um in dem Bereich auf dem neuesten Stand zu bleiben. Die besondere Herausforderung dabei ist, dass sich die Technik kontinuierlich und sehr schnell weiterentwickelt. Dadurch entsteht ein stärkerer Fortbildungsbedarf, weil nichts zehn Jahre stabil bleibt, sondern so viel Dynamik drin ist.

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Über die Interviewpartnerin

Prof. Dr. Julia Gerick ist seit April 2020 Professorin für Schulpädagogik mit dem Schwerpunkt Schulentwicklungsforschung an der TU Braunschweig. Sie beschäftigt sich mit dem Thema digitale Kompetenzen, vor allem im Kontext der International Computer and Information Literacy Study (ICILS). Außerdem ist sie in der universitären Lehrerinnen- und Lehrerbildung tätig, zunächst an der TU Dortmund, anschließend an der Universität Hamburg und aktuell an der TU Braunschweig.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Digitalkompetenz von Lehrenden und deren Schülerinnen und Schülern?

Julia Gerick: Die Ergebnisse aus der ICILS zeigen, dass die selbsteingeschätzten Kompetenzen von Lehrpersonen im Zusammenhang mit der Nutzung digitaler Medien im Unterricht stehen und damit, wie die Lehrperson entsprechende Kompetenzen bei ihren Schülerinnen und Schülern fördert. Wenn ich das Gefühl habe, dass ich über bestimmte Kompetenzen verfüge, setze ich digitale Medien auch häufiger ein und fördere dadurch diese Kompetenzen auch bei meinen Schülerinnen und Schülern viel nachdrücklicher. Das ist eine zentrale Stellschraube dafür, dass Schülerinnen und Schüler entsprechende Kompetenzförderung genießen können.

Die für Achtklässlerinnen und Achtklässler in Deutschland repräsentative Studie ICILS 2018 konnte zeigen, dass etwa ein Drittel der Schülerinnen und Schüler nur über sehr geringe digitale Kompetenzen verfügen. Das ist ein großer Problembereich. Auf der anderen Seite haben wir eine relativ kleine Leistungsspitze auf höheren Kompetenzstufen. Manche von ihnen verfügen über höhere digitale Kompetenzen als die Lehrperson. Die Digitalisierung entwickelt somit auch die Rolle der Lehrenden weiter. Sie müssen sich ein Stück weit von der Rolle als Wissensvermittler verabschieden und sich stärker als Lernbegleiter verstehen, der Rahmenbedingungen gestaltet, Unterstützung bietet, aber die Schülerinnen und Schüler auch in die Verantwortung für ihren eigenen Lernprozess nimmt. Dieser Prozess ist seit Jahren in vollem Gange. Ein Konzept, das darauf abzielt, dass die Schülerinnen und Schüler stärker in den Prozess der Digitalisierung von Schule eingebunden werden sind beispielsweise Medienscouts. Das sind Schülerinnen und Schüler, die im Bereich digitaler Kompetenzen besonders fit sind, sich zusammenschließen und in der Schule technische Unterstützung bieten und darüber hinaus bei der Medienkompetenzförderung der Mitschülerinnen und Mitschüler mit einsteigen. Das ist ein spannender Ansatz, weil er zeigt, dass Schülerinnen und Schüler stärker Verantwortung für das schulische Miteinander übernehmen und einen Beitrag dazu leisten können, dass alle miteinander digital kompetenter werden.

Und wie motiviert man Lehrende dazu digitale Medien im Unterricht sinnvoll einzusetzen?

Julia Gerick: Mir ist es wichtig, eine Differenzierung zwischen dem Lernen mit digitalen Medien und Lernen über digitale Medien zu machen. Ersteres bezieht sich auf den Einsatz digitaler Medien zur Unterstützung des fachlichen Lernens. Lernen über digitale Medien bezieht sich darauf, digitale Kompetenzen zu erwerben und Medienkompetenz zu fördern. Deshalb gibt es aus meiner Sicht unterschiedliche Formen der Motivation für den Einbezug digitaler Medien.

So ist es eine wichtige Aufgabe von Lehrpersonen, ihre Schülerinnen und Schüler für eine erfolgreiche Teilhabe an der Gesellschaft vorzubereiten. In unserer digitalisierten Welt sind digitale Kompetenzen zentral, um handlungsfähig zu sein und eigenverantwortlich, selbstgesteuert und selbstwirksam agieren zu können. Aus dieser Notwendigkeit sollte sich schon die Motivation ergeben, entsprechende Kompetenzen im Unterricht zu fördern.

Der andere Bereich – Lernen mit digitalen Medien – muss differenzierter betrachtet werden, denn digitale Medien machen den Unterricht nicht automatisch besser. Nur weil ich Tablets habe und allen Kindern sage: "Bitte nehmt euch alle ein Gerät aus dem Tabletkoffer", heißt das nicht per se, dass es für den Lernerfolg etwas bringt. Deshalb ist es wichtig, dass Lehrerinnen und Lehrer hinterfragen und kritisch bewerten, inwiefern der Einsatz von digitalen Medien im Fachunterricht sinnvoll und notwendig ist. Das ist dann der Fall, wenn sie schülerinnen- und schülerorientiert eingesetzt werden und wenn sich die Kinder und Jugendlichen aktiv mit den Lerngegenständen auseinandersetzen können: individualisiert, differenziert und selbstgesteuert. Also stark konstruktivistisch und nicht Lehrerinnen- und Lehrer-zentriert. Der Lehrerinnen- und Lehrer-zentrierte Einsatz digitaler Medien ist in Schulen in Deutschland jedoch vor allem verbreitet.

Motivation entsteht häufig im Austausch mit anderen und durch die Erfahrung, dass die anderen "auch nur mit Wasser kochen" und dass es nicht schlimm ist, einfach anzufangen und Dinge im Unterricht auszuprobieren. Die Corona-Zeit hat Kreativität, Energie und Motivation freigesetzt, sich mit digitalen Formaten auseinanderzusetzen, weil die Notwendigkeit bestand, den Schülerinnen und Schülern Lernprozesse zu ermöglichen und sie teilhaben zu lassen. Ich glaube, dass diese Zeit unglaublich viel beschleunigt hat. Das zeigt auch die Evaluation in den Modellschulen "Lernen mit digitalen Medien" in Schleswig-Holstein, die ich gemeinsam mit meiner Kollegin Birgit Eickelmann durchgeführt habe. Da sagen die Lehrenden: "Wir wollen gar nicht wieder dahin zurück, wo wir mal waren. Das Kollegium ist jetzt so motiviert und kompetent geworden, wir profitieren von den Erkenntnissen und denken das jetzt gemeinsam weiter."

In Projektkontexten hat sich gezeigt, dass es unglaublich motivierend und entlastend ist, wenn man sich in Form von niedrigschwelligen Formaten austauschen kann. Die Erfahrung, dass man "das Rad nicht neu erfinden" muss, sondern dass es Mitstreiterinnen und Mitstreiter gibt, die möglicherweise schon Impulse, Ideen und Lösungen zu dem haben, womit ich mich gerade beschäftige, hilft. Sowohl in fachlicher Hinsicht als auch mit Blick auf die Gesundheit von Lehrenden können informelle Möglichkeiten wie zum Beispiel das Twitter-Lehrerzimmer (#twlz) eine Entlastung sein, die zeigt: man ist nicht alleine damit.

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Zum Weiterlesen

Digitales Tool zur Reflexion und Weiterentwicklung der eigenen digitalen Kompetenzen auf Grundlage des europäischen Kompetenzrahmens DigCompEdu: https://ec.europa.eu/eusurvey/runner/DigCompEdu-S-DE

Eickelmann, B., Bos, W., Gerick, J., Goldhammer, F., Schaumburg, H., Schwippert, K., Senkbeil, M. & Vahrenhold, J. (Hrsg.) (2019). ICILS 2018 #Deutschland – Computer- und informationsbezogene Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern im zweiten internationalen Vergleich und Kompetenzen im Bereich Computational Thinking. Münster: Waxmann. Verfügbar unter: https://kw.uni-paderborn.de/fileadmin/fakultaet/Institute/erziehungswissenschaft/Schulpaedagogik/ICILS_2018__Deutschland_Berichtsband.pdf

Gerick, J. & Eickelmann, B. (2020). Ergebnisse der vertiefenden Untersuchung der Modellschulen ‚Lernen mit digitalen Medien‘ (Phase III) in Schleswig-Holstein mit Fokus auf der Gestaltung von Schule in der Zeit der Corona-Pandemie. Technische Universität Braunschweig/Universität Paderborn. Verfügbar unter: https://publikationen.iqsh.de/evaluationsberichte.html?file=files/Inhalte/PDF-Downloads/Publikationen/Evaluation_Projekt%20Lernen%20mit%20digitalen%20Medien_Phase_III_

Ackeren, Isabell van; Aufenanger, Stefan; Eickelmann, Birgit; ... (2019). Digitalisierung in der Lehrerbildung. Herausforderungen, Entwicklungsfelder und Förderung von Gesamtkonzepten Die Deutsche Schule 111 (2019) 1, S. 103-119. Verfügbar unter: https://www.pedocs.de/volltexte/2020/19046/pdf/DDS_2019_1_van_Ackeren_et_al_Digitalisierung_in_der_Lehrerbildung.pdf




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