Bildung im digitalen Wandel


Medienkompetenz vermitteln – "so geht MEDIEN"

Die Website "so geht MEDIEN“ erklärt mit Videos und Unterrichtsmaterialien Medienphänomene und zeigt die Potenziale und Gefahren moderner Medien für junge Nutzer und Nutzerinnen auf. Wie, das erklärt die pädagogische Leiterin Maya Götz im Interview.

Zu sehen ist der Rücken einer jungen Frau, die eine Kamera auf der Schulter trägt und eine Gruppe junger Menschen filmt."so geht MEDIEN" vermittelt mit Videos und Unterrichtsmaterialien Medienkompetenz. (© vanillabeams unsplash.com )

Wie ist "so geht MEDIEN“ entstanden und was ist die Zielsetzung des Online-Angebots?

Maya Götz: Wir haben es heute mit Heranwachsenden zu tun, die zwar völlig selbstverständlich mit diversen Medienangebote aufwachsen, wirkliche Kompetenz im Umgang mit ihnen aber nie vermittelt bekommen haben. Es bestehen zwar schon einige Inhalte, die ausgesprochen gut und kreativ Medienkompetenzförderung betreiben. Man merkt ihnen aber auch an, dass sie von Menschen produziert werden, die nicht ganz so tief in der Thematik drinstecken und nicht so unbeschwert bei der Wissensübermittlung aussehen.

Um genau diese Lockerheit zu erreichen, produziert "so geht MEDIEN" professionelle Filme. Diese erzählen flüssig, vielleicht auch hier und da ein bisschen lustig, wie in öffentlich-rechtlichen Medienanstalten gearbeitet wird und was die Medienwelt so beschäftigt. Bei der Produktion dieser Filme setzen wir uns damit auseinander, wie man diese Themen im schulischen Kontext unterbringen kann und wie wir eine Unterrichtssituation schaffen können, in der Schülerinnen und Schüler verstehen, was zu Medienkompetenz dazugehört, um dann kompetent mit Medien umgehen zu können.

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Über "so geht MEDIEN":

"so geht MEDIEN“ ist eine Medienkompetenzplattform von ARD, ZDF und Deutschlandradio, die seit 2016 durch Unterrichtsmaterialien und Videos zur Förderung der Medienkompetenz von Jugendlichen beitragen soll. Umgesetzt wird es vom Bayerischen Rundfunk (BR).

Welche Akteure und Akteurinnen sind an der Konzeption der Unterrichtsinhalte beteiligt?

Maya Götz: Die qualitativen Studien[1] , die den Unterrichtseinheiten zugrunde liegen, erheben wir zum größten Teil selbst. Natürlich gibt es Unterschiede, wenn es um Stichproben geht, die für ganz Deutschland repräsentativ sein sollen. In solchen Fällen arbeiten wir mit Forschungsinstituten zusammen, die entsprechend umfangreiche Daten erheben. Nach unserer eigenen Forschungsarbeit überlegen wir dann, was es für eine verständliche und filmische Umsetzung bräuchte. Die Filme selbst werden von einer Autorin oder einem Autor betreut und die Drehbücher redaktionell gegengelesen. Sobald der Film steht oder kurz vor der Verwirklichung ist, erarbeiten wir dann mit einem Team aus Pädagogen und Pädagoginnen die Unterrichtseinheiten und überlegen, welche Kompetenzgewinne wir im Klassenzimmer erreichen wollen.

Bis es zur Anwendung der Materialien kommt, testen wir diese (meist) detailliert. Mit insgesamt 480 Schülerinnen und Schülern aller drei Schulformen haben wir zum Beispiel eine Unterrichtseinheit und ein Video rund um das Thema der sexualisierten Darstellung und bestehenden Genderstereotype in Musikvideos getestet. Ich selbst komme aus der geschlechtsspezifischen Rezeptionsforschung, daher war diese Einheit für mich besonders interessant. Wir haben eine Unterrichtseinheit konzipiert, in der selbstständig geforscht und kritisch hinterfragt werden soll, wie sich Frauen und Männer in Musikvideos inszenieren, was gerade im Geschlechtervergleich auf das Klischee von der sexy Frau und dem starken Mann hinausläuft.

Welche weiteren Themen behandeln Sie in den Filmen und Unterrichtsmaterialien und wie bereiten Sie diese fürs Klassenzimmer auf?

Auf dem Bild zu sehen ist eine lächelnde Frau mit Brille und lockigen braunen Haaren bis zum Schlüsselbein, sie trägt ein rosa Oberteil.Maya Götz (© Christian Rudnik)
Maya Götz: Wir beschäftigen uns zumeist mit aktuellen Phänomenen, die in der sich ständig wandelnden Medienwelt auftauchen. Das können Themen sein wie Fake News, zu denen wir uns im Speziellen fragen, wie sie entstehen, wie sie erkannt werden können, und was diejenigen, die Desinformation produzieren, überhaupt für einen Nutzen von der Verbreitung haben. Es geht aber auch um ganz grundsätzliche Themen wie das duale Rundfunksystem oder Phänomene, die in der Jugendkultur auftauchen und Lehrerinnen und Lehrer eher nebenbei mitbekommen, z.B. Influencer und Influencerinnen, mit denen wir uns seit drei Jahren intensiver auseinandersetzen. Besonders, in diesem Fall kann ich nicht mit dem belehrenden Zeigefinger an das Thema rangehen. Dennoch ist es wichtig, dass Schülerinnen und Schüler darüber Bescheid wissen, wie Influencer und Influencerinnen sich finanzieren und dass sie im Prinzip nichts anderes tun, als kontinuierlich zu werben und sich dabei so geben, als seien sie unsere Freunde oder Freundinnen – es aber doch nicht sind, weil sie uns gar nicht kennen.

Ein anderes Beispiel ist unsere Auseinandersetzung mit dem Urheberrecht. Viele Jugendliche gehen fast selbstverständlich davon aus, dass sie alle Online-Inhalte nehmen und einfach weiterverbreiten können. Das ist aber natürlich nicht der Fall. Auch hier ermutigen wir die Jugendlichen zu einer aktiven Auseinandersetzung mit Urheberrechten und Nutzungslizenzen.

In unserem Film zum Urheberrecht wird beispielswiese auf unterhaltsame Weise erklärt, worauf ein Urheberrecht erhoben werden kann und welche Formen von Copyright es gibt. In der Unterrichtseinheit zum Thema überlegen die Schülerinnen und Schüler dann in Gruppenarbeit, wo sie selber Urheberrechte inne haben, weil sie z.B. Poetry- oder Raptexte schreiben, Bilder produzieren oder tolle Fotos machen.

Über diesen Weg der Eigenbetroffenheit überlegen sie dann, welche Rechte sie wem wofür geben wollen. Also ob sie – wenn sie Creative-Commons-Lizenzen verwenden – bei der Verwendung Name und Titel ihres Werkes genannt haben möchten (BY), keine Bearbeitung erlauben (ND), die Verwendung nur bei nicht-kommerziellen Projekten zulassen (NC), eine Weitergabe zur gleichen Bedingung (SA) genehmigen oder vielleicht doch daran Geld verdienen wollen. Mit dieser und anderen vergleichbaren Herangehensweisen versuchen wir Aha-Erlebnisse zu schaffen, die vor allem dann passieren, wenn Jugendliche sich aktiv einen Inhalt erschließen und selbst betroffen sind.

In welchen Schulformen und Altersgruppen können Ihre Inhalte eingesetzt werden?

Maya Götz: Für alle Unterrichtsmaterialien und Filme geben wir eine Altersgruppe an. Ein Großteil unserer Inhalte ist speziell für Schülerinnen und Schüler ab der achten Klasse ausgelegt. Die angesprochenen Materialien rund um das Thema Influencer und Influencerinnen sind aber bereits ab der fünften Klasse relevant. Für die Grundschule ist ebenfalls ein neues Angebot angedacht – für dieses produzieren wir ein Video-Lexikon, in dem bekannte Gesichter von ARD und ZDF bestimmte Medien-Begriffe genauer erklären. Viele unserer bestehenden Unterrichtsmaterialien sind etwas stärker auf das Gymnasium ausgerichtet. Wir haben aber auch einige Angebote in leichter Sprache, wie sie zum Beispiel für Sonderschulen wichtig wären, hatten aber durch die Einschränkungen der Corona-Pandemie nie die Chance, diese wirklich in Anwendung zu testen. Wir arbeiten weiter daran, möglichst alle Schulformen anzusprechen und abzudecken. Dafür sind Materialien in leichter Sprache sehr wichtig, damit am Ende wirklich viele Schülerinnen und Schüler die Anwendung, Potenziale, aber auch Gefahren von modernen Medien verstehen.

Wie können Lehrende auf Ihre Inhalte zugreifen?

Maya Götz: Auf unserer Webseite kann man kostenfrei auf unsere Inhalte und Materialien zugreifen und diese herunterladen. Um die Inhalte an die Schulen zu bringen, bemühen wir uns um eine breite Bekanntmachung. Da wir in Bayern sitzen, sind wir gut vernetzt mit den Kultusministerien u.a. von Bayern und Hessen, die die Angebote in das Webportal für Schulen einbinden. Des Weiteren verbreiten wir die Inhalte auf Fortbildungen für Lehrerinnen und Lehrer innerhalb Bayerns, aber auch über die Grenzen des Bundeslandes hinaus. Außerdem präsentieren wir uns auf verschiedenen Medienevents im Bereich Medienpädagogik und hoffen, dass gerade über die Qualität von "so geht MEDIEN" Lehrerinnen und Lehrer auf uns stoßen und Lust haben, die Filme und Materialien in ihrem Unterricht umzusetzen.

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Über unsere Gesprächspartnerin:

Maya Götz leitet das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen beim Bayerischen Rundfunk. Bei „so geht MEDIEN“ ist sie als medienpädagogische Fachberaterin an der Konzeptualisierung und Umsetzung der Unterrichtsmaterialien beteiligt.

Fußnoten

1.
Vgl. Götz, M. (2019). "Man braucht ein perfektes Bild “. Die Selbstinszenierung von Mädchen auf Instagram. Televizion digital (1), 9-20., Brenner, D., Seelmann R., Götz M. (2021). "Muskeln, Mode, Maskulinität“. Selbstinszenierungsmuster von Influencern auf Instagram. Televizion (34), 12-16., Götz, M., Rodriguez A.E. (2019). "I want you to ruin my life“. Geschlechterdarstellung in Musikvideos. Televizion digital (1), 1-8.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-SA 4.0 - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International" veröffentlicht.
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