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Kleines 3x3: Komplexes Wissen im Kurzformat – was kann Wissenschaftsjournalismus Desinformation entgegensetzen?

Wie kann Wissenschaftsjournalismus der Verbreitung von Fehlinformationen vorbeugen? Wir haben einen Wissenschaftsjournalisten, einen Professor für Wissenschaftskommunikation und eine Medizinjournalistin nach ihrer Meinung gefragt.

Ein Wissenschaftler und eine Wissenschaftlerin beugen sich über ein Blatt Papier mit Daten. Beide tragen Laborkittel und Schutzbrillen.Die journalistische Aufarbeitung kann dabei helfen, wissenschaftliche Zusammenhänge verständlicher zu machen. (© Pavel Danilyuk www.pexels.com )

Welche journalistischen Instrumente stehen dem Wissenschaftsjournalismus zur Verfügung, um Desinformation etwas entgegenzusetzen?

Jonathan Focke: Der Wissenschaftsjournalismus kann nur bedingt beeinflussen, inwieweit Falschinformationen überhaupt in Umlauf gebracht werden. Aber er kann Menschen so sensibilisieren, dass sie Fake News seltener weiterverbreiten. Dafür ist es zunächst wichtig, das Vertrauen der Nutzerinnen und Nutzer in wissenschaftsjournalistische Produkte zu stärken. Dies gelingt unter anderem durch einen transparenten, nachvollziehbaren und einordnenden Umgang mit den eigenen Quellen: Auf welchen Studien oder Expertisen stützen sich meine Aussagen? Wie gesichert ist das Wissen? Wo sind mögliche Schwachstellen?

Außerdem gehört dazu, Fehler in der eigenen Berichterstattung offen zu kommunizieren. Gleichzeitig ist es wichtig, immer wieder zu erklären, nach welchen Regeln Wissenschaft eigentlich funktioniert und warum bestimmte Quellen bzw. Expertinnen und Experten vertrauenswürdiger sind als andere. Darüber hinaus kann der Wissenschaftsjournalismus auch konkrete Faktencheck-Formate anbieten, in denen verbreitete Behauptungen überprüft, eingeordnet und – wenn nötig – richtiggestellt werden.

Markus Lehmkuhl: Das wohl mächtigste Instrument besteht darin, nicht selbst Falschnachrichten zu verbreiten, also absichtsvoll konstruierten, objektiv falschen, aber potenziell sehr interessanten Tatsachenbehauptungen aufzusitzen. Um das zu verhindern, haben sich im Journalismus Arbeitsroutinen ausgebildet. Die wichtigste ist wahrscheinlich die Quellenrecherche: Woher stammt die Information? Welche Interessen verfolgt die Quelle? Ist die Quelle vertrauenswürdig? Ist die Information durch die Expertise einer Quelle gedeckt? Wenn man solche Fragen stellt, dann reduziert man damit die Wahrscheinlichkeit beträchtlich, einer Falschinformation aufzusitzen.

Ein weiteres Instrument ist die Richtigstellung. Der Journalismus versucht also, eine schon verbreitete Falschinformation richtig zu stellen. Ob das allerdings die weitere Verbreitung eindämmt, ist schwer zu sagen. Wichtig ist aber, dass es sich hier nicht um Instrumente speziell des Wissenschaftsjournalismus handelt. Es sind die Instrumente eines recherchierenden Journalismus quer über alle Ressorts hinweg.

Eine blonde Frau, die Haare zum Zopf, blickt, in ein grün gepunktetes Kleid gekleidet und mit verschränkten Armen in die Kamera.Nicola Kuhrt (© Sandra Birkner)
Nicola Kuhrt: Neben der Recherche vor Ort oder am Telefon existiert ein großes Angebot an Verifikationstools. Dieses ist mittlerweile recht groß und eher unübersichtlich. Ich schätze, dass es aktuell rund 30 erprobte Tools zur Überprüfung von Menschen, Studien, Bildern, Videos, Texten, Tweets oder zu Geodaten gibt. Darunter sind leicht zu nutzende Tools wie Google Scholar, mit der schnell erkenntlich wird, ob ein Experte auch wirklich einer ist – oder ob er zwar tatsächlich irgendwann einmal studiert hat, aber nie zu dem in Rede stehenden Thema geforscht, geschweige denn etwas publiziert hat. Anspruchsvoller sind einige Tools zum Checken von Bildern und Videos. Um die Inhalte medizinscher Inhalte zu prüfen gibt es spezielle Checklisten, mit denen diese etwa auf ihr gesundheitsgefährdendes Potenzial hin untersucht werden können – an einer solchen hat MedWatch.de mitgearbeitet.

Wie kann der Wissenschaftsjournalismus in aufgeheizten Themendebatten seine angestrebte Sachlichkeit und Neutralität wahren?

Jonathan Focke: Wissenschaftsjournalismus muss keineswegs „neutral" sein, wenn in der öffentlichen Debatte mit Falsch- und Desinformationen gearbeitet wird. Hier gilt es sachlich, aber klar zu benennen, welche Positionen eines gesellschaftlichen Diskurses auf wissenschaftlich gesicherten Fakten beruhen und welche eben nicht. Die Stärke und zugleich die Aufgabe des Wissenschaftsjournalismus besteht darin, jeweils den Grad der wissenschaftlichen Evidenz unterschiedlicher Positionen herauszuarbeiten und darauf zu achten, diese dann auch dementsprechend zu gewichten.

In einer in Teilen wissenschaftsfeindlichen Debatte, in der systematisch erzeugte wissenschaftliche Fakten abgelehnt oder als „eine Meinung unter vielen“ abqualifiziert werden, muss der Wissenschaftsjournalismus zudem nachvollziehbar erklären, wie im Wissenschaftssystem Erkenntnisse gewonnen werden und warum sich diese fundamental von anderen Erkenntnisformen (z.B. persönlichen Erfahrungen) und einfachen Meinungen unterscheiden.

Ein Mann, der lächelnd vor einer weißen Wand steht. Er trägt ein dunkles Sakko und ein weißes Hemd. Seine Haare sind dunkel und leicht grau meliert.Markus Lehmkuhl (© Groll)
Markus Lehmkuhl: Das ist aus meiner Sicht keine Frage, die man allein auf den Wissenschaftsjournalismus bezogen beantworten kann. Der Journalismus allgemein arbeitet in der Regel orientiert an der Objektivitätsnorm. Das heißt, er orientiert sich an Kriterien, die einzuhalten sind, etwa Richtigkeit, Vollständigkeit, Nachprüfbarkeit, Neutralität und Sachlichkeit. Manche nennen noch Ausgewogenheit als Kriterium einer objektiven Berichterstattung. Eben genau durch die Orientierung an diesen Kriterien versucht der Journalismus, nicht als Parteigänger zu erscheinen. Das macht er durchaus auch aus eigenem Interesse: Denn wenn ein journalistisches Produkt in aufgeheizten, polarisierten Debatten eine Partei erkennbar favorisiert, kann das die Akzeptanz und Verkäuflichkeit in der Anhängerschaft einer anderen Partei ganz beträchtlich mindern.

Allerdings bewahrt ihn die Orientierung an der Objektivitätsnorm in aufgeheizten Debatten nicht zuverlässig davor, vom Publikum als tendenziös wahrgenommen zu werden. Das nennt man den "Hostile Media Effect". Lässt man Anhänger zweier Fraktionen in einer aufgeheizten Debatte ein und dieselbe Berichterstattung beurteilen, wird man feststellen, dass beide Fraktionen sie als feindlich, als tendenziös wahrnehmen. Das ist natürlich blöd für den Journalismus. Er kann noch so sehr Sachlichkeit und Neutralität wahren, wird aber dennoch oder vielleicht gerade deshalb von einem emotionalisierten Publikum als feindlich wahrgenommen.

Nicola Kuhrt: Was hilft, ist der Wunsch nach Transparenz und Aufklärung. Nicht wenige Medien arbeiten, besonders in Corona-Zeiten, zusätzlich als Faktenchecker. Sie berichten über Verschwörungsmythen und fälschlich hochgejubelte Therapien. Wissenschaftsjournalismus sollte dabei eher nüchtern berichten. Das macht ihn zu einem verlässlichen Gegenüber, wenn es in den Debatten wieder einmal zu laut wird. Aber: Ich denke, bei aller Neutralität sollten Berichte nicht von Zahlen und Fakten strotzen. Beispiel Impfkritiker: Ein individuellerer, auch emotionaler Einstieg hilft, sodass sich beide Seiten auf Augenhöhe begegnen können.

Über welche Formate können akademische Sachverhalte verständlich und zugänglich aufbereitet werden?

Ein junger Mann mit dunklen Haaren, einer dunkelroten Jacke und schwarzem Tshirt hat die Arme verschränkt und schaut in die Kamera.Jonathan Focke (© Quarks / WDR)
Jonathan Focke: Grafiken und Animationen gehören zu den besten Mitteln, um komplexe Sachverhalte verständlich darzustellen. Infografiken und animierte Videos nutzen wir bei Quarks auch für leicht und schnell konsumierbare Kurzformate bei Instagram, Facebook oder TikTok - egal ob es um mRNA-Impfstoffe, den Jetstream oder Atomkraftwerkegeht. Auf der anderen Seite sind längere digitale Text- und Podcast-Formate gut geeignet: Sie geben den nötigen Raum, ein kompliziertes wissenschaftliches Thema Schritt für Schritt aufzudröseln und für alle verständlich zu erklären.

Markus Lehmkuhl: Die vielleicht einfachsten und zugleich gefährlichsten Werkzeuge einer unmittelbar eingängigen Vermittlung wissenschaftlicher Tatsachen sind Zahlen und ihre grafische Aufbereitung. Das mag überraschen, aber wissenschaftliche Informationen lassen sich durch konkrete Quantifizierungen leicht verständlich und hochgradig verdichtet vermitteln. Vor allem machen sie unmittelbar klar, ob ein gesellschaftlicher Handlungsbedarf besteht. Da ist die Corona-Debatte natürlich ein vorzügliches Beispiel. Auch die jüngste Klimadebatte und das 1,5-Grad-Ziel können in diesem Kontext genannt werden. Man stelle sich nur mal vor, man wollte die wissenschaftlichen Sachverhalte der Pandemie und ihre Konsequenzen kommunizieren, ohne auf Zahlen zurückgreifen zu können.

Diese Werkzeuge sind aber auch gefährlich, weil Zahlen leicht missverstanden werden können. Denn ihnen liegen teilweise extrem komplizierte Berechnungen zugrunde, die man nicht mal eben schnell nachvollziehen und verstehen kann. Das kann Laien dazu verleiten, ihre Abhängigkeit von sachkundigen Interpretationen dieser Zahlen zu unterschätzen. Man könnte etwa gestützt auf seine Alltagserfahrung versucht sein zu glauben, dass der Unterschied zwischen 1,5 Grad und 2,5 Grad echt klein ist. Ist er ja normalerweise auch. Aber eben nicht, wenn man ihn auf das globale Klima bezieht.

Nicola Kuhrt: Ich bin ein Fan datenjournalistischer Formate. Diese dienen nicht nur dem Zergliedern großer Datenmengen, mit ihnen lassen sich in diesen Daten auch (neue) Zusammenhänge entdecken und passend visualisieren. Ein aktuelles Beispiel dafür sind die Informationen der ZEIT-Datenjournalisten zum Coronavirus in Europa und der Welt. Schnell und übersichtlich lassen sich Entwicklungen und Behauptungen zur Pandemie dort täglich aktuell nachprüfen: Wo sich immer noch viele Menschen anstecken, in welchen Ländern die Zahlen wieder steigen und wie schnell geimpft wird. Ein lokales und auch sehr wichtiges Thema ist die Aufbereitung des Tagesspiegels zu den Fahrradfahrerinnen und -fahrern in Berlin – der „Radmesser“. Für große Diskussionen sorgte da beispielsweise eine Analyse mit Hilfe von Abstandsensoren die zeigte, dass viele Autofahrer mit zu geringem Abstand an Radfahrern vorbeifahren.

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Über unsere Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner:

Jonathan Focke ist Wissenschaftsjournalist und ist seit 2012 Teil der WDR-Wissenschaftsredaktion Quarks. Er ist Host des Factchecking-Podcasts „Quarks Science Cops“, in dem Desinformation aufgedeckt wird.

Markus Lehmkuhl ist seit 2015 Professor für Wissenschaftskommunikation in digitalen Medien am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Seine Forschung befasst sich vor allem mit der Rolle des Journalismus in der Wissenschaftskommunikation.

Nicola Kuhrt ist Medizinjournalistin und seit 2018 Chefredakteurin von MedWatch.de – einem Magazin für evidenzbasierten Medizinjournalismus. Mit einem kleinen Team recherchiert sie in den Grauzonen des Netzes, mit dem Ziel Medizin-Fakes zu enttarnen.

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