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Politik For You – Politische Kommunikation auf TikTok analysieren

Leonie Meyer

/ 8 Minuten zu lesen

Die politische Kommunikation auf TikTok professionalisiert sich. Mithilfe der hier vorgestellten Kategorien lassen sich TikTok-Inhalte von Politikerinnen und Politikern im Unterricht untersuchen.

Wie lässt sich politische Kommunikation auf TikTok erkennen und analysieren? (bpb, Mel Wilken) Lizenz: cc by-sa/4.0/deed.de

Spätestens seit der letzten Bundestagswahl im Februar 2025 hat sich TikTok als Medium für die politische Kommunikation etabliert. Während sich der Großteil der deutschen Parteienlandschaft überwiegend vorsichtig auf das soziale Netzwerk wagte, das international vom chinesischen Unternehmen ByteDance betrieben wird, war die AfD dort schon früh präsent und erfolgreich – auch aufgrund eines breiten Netzwerks an Unterstützenden.

Inzwischen finden sich auf TikTok hunderte personenbezogene Accounts von Abgeordneten, Ministerinnen und Ministern. Nach der Bundestagswahl verfügten bereits zwei Drittel der Abgeordneten über einen TikTok-Account. Die Gründe sind vielfältig: So ermöglicht TikTok den Zugang zu einer jungen, zum Teil wenig politisch interessierten Zielgruppe. Gleichzeitig stieg mit dem Erfolg der Plattform auch der Druck auf politische Akteure, diese trotz bestehender Bedenken zu nutzen. Gemessen an ihrer Fraktionsgröße nutzten die AfD (76 Prozent) und Die Linke (75 Prozent) Ende 2025 TikTok am stärksten. Es folgten die GRÜNEN mit 56 Prozent und die SPD mit 45 Prozent. Den geringsten Anteil wies die CDU mit 28 Prozent aktiver Abgeordneter auf.. Neben Politikerinnen und Politikern, Parteien und Fraktionen kommunizieren mittlerweile auch Jugendverbände, Ministerien, Parlamente und Behörden über die Plattform.

Politik trifft Plattform

Die Entscheidung für eine TikTok-Präsenz allein reicht nicht aus, um dort auch erfolgreich zu sein. Die Medienwissenschaftlerin Isabelle Otto schreibt, dass TikTok kein Mittel sei, dass sich ohne Weiteres zu einem bestimmten Zweck einsetzen lasse: „Es bedarf zumindest ausgefeilter Medienkompetenzen, um – mit viel Glück – herauszufinden, […] wie TikTok als Plattform für ernstgemeinte Anliegen dienen kann."

Die Kommunikation auf TikTok ist vielschichtig und erfolgt nach mehr oder weniger eindeutigen Spielregeln. Die Journalistin Chris Köver und der Medienforscher Marcus Bösch identifizieren dazu vier Plattformspezifika, anhand derer Inhalte auf TikTok analysiert werden können:

  1. Werden die TikTok-spezifischen Gestaltungselemente High Density (Verdichtung von Inhalten, z.B. durch schnelle Schnitte), Layered Storytelling (sich überlagerndes Bild-, Ton- und Textmaterial), Memes und Realness (TikTok-spezifischer Vibe) verwendet?

  2. Wurden die Interaktionsfunktionen Duett (das Nebeinanderschneiden von zwei Videos als Reaktionsformat im sogenannten Splitscreen), Stitch (das Hintereinanderschneiden zweier Videos als Reaktion) oder der Videoantwort auf Kommentare genutzt?

  3. Nutzen die Videos Sounds, um eine Botschaft zu vermitteln oder das Video algorithmisch zu verbreiten?

  4. Wurde das informelle Playbook befolgt?

Politikerinnen und Politiker nutzen diese Elemente unterschiedlich stark. Die Linke, die mit ihrem TikTok-Auftritt bei der Bundestagswahl 2025 die höchsten Reichweiten erzielte und damit die AfD als erfolgreichste Partei auf TikTok ablöste, setzte beispielsweise stark auf die Gestaltungselemente, machte jedoch kaum Gebrauch von Sounds und den Interaktionsfunktionen. Das könnte daran liegen, dass interaktive Formate schlecht planbar sind. Das Reagieren auf aktuelle Videos und Kommentare erfordert sowohl Spontanität als auch zeitliche und finanzielle Ressourcen für das Community Management.

Hieran lohnt es sich bei einer Besprechung der TikTok-Auftritte von Politikerinnen und Politikern anzuknüpfen. Denn gerade die Interaktionsfunktionen wurden entgegen der Interner Link: Kritik an TikTok oft als Argument für die TikTok-Nutzung politischer Akteurinnen und Akteure angeführt. Die Idee: Die Duett- und Stitchfunktionen könnten Raum für echten Austausch und politische Debatten öffnen. Faktisch werden sie jedoch kaum genutzt. Im Unterricht kann genau darüber diskutiert werden: Welches demokratische Potenzial haben die TikTok-Auftritte von Politikerinnen und Politikern, wenn diese überwiegend als Sendende und nicht als Empfangende auftreten?

Klassische Kommunikationsstrategien bleiben relevant

Neben den plattformspezifischen Strategien wenden Politikerinnen und Politiker in sozialen Netzwerken nach wie vor klassische Wahlkampfstrategien wie Symbolisierung, Personalisierung, (De-)Thematisierung, Negative Campaigning und die sogenannte Bandwagon-Strategie an. Diese werden zum Teil mit den plattformspezifischen Gestaltungselementen kombiniert oder sogar durch diese verstärkt.

Wer im Politikunterricht mit seinen Schülerinnen und Schülern die TikTok-Auftritte von Politikerinnen und Politikern untersuchen möchte, kann deren Videos anhand der Gestaltungselemente, der verwendeten Wahlkampfstrategien und von deren Zusammenwirken untersuchen. So lässt sich die politische Kommunikation verschiedener Parteien und Politikerinnen und Politiker einerseits innerhalb von TikTok vergleichen: Wie nutzt eine Politikerin TikTok für die Verbreitung ihrer Forderungen? Wie ihre Partei? Lassen sich daraus Ableitungen über die Unterschiede von personenbezogenen und Partei-Accounts ziehen? Andererseits können die auf TikTok genutzten Kommunikationsstrategien mit denen aus anderen Medienauftritten, etwa auf Wahlkampfveranstaltungen, in Talkshows oder Pressekonferenzen, verglichen werden.

Verschwimmende Gruppen auf TikTok

Traditionell lassen sich zwei Formen der politischen Kommunikation unterscheiden: die institutionelle Kommunikation durch Politikerinnen und Politiker, Parteien und Medienschaffende („top down“) und die Graswurzelkommunikation durch die Gesellschaft selbst („bottom up“). Zur zweiteren zählt die politische Kommunikation von Bürgerinnen und Bürgern, zivilgesellschaftlichen Gruppen, Aktivistinnen und Aktivisten. Beide Gruppen lassen sich auch auf TikTok beobachten.

Aufgrund der algorithmischen Ausspielung von Inhalten und der Abkehr vom Social-Circle-Prinzip gelingt es Graswurzelkommunikatorinnen und -kommunikatoren auf TikTok einfacher als in klassischen Medien, ihre Positionen zu verbreiten. Sie sind nicht von klassischen Interner Link: Gatekeeperinnen und Gatekeepern abhängig, sondern vom Algorithmus. Auf diesem basiert unter anderem das Empfehlungssystem hinter der „Für dich“-Seite. Er funktioniert nicht nach dem Prinzip „Wer dir folgt, sieht dein Video“, sondern belohnt Inhalte basierend auf Nutzersignalen. Dabei haben Graswurzelakteure gegenüber institutionellen Akteurinnen und Akteuren den Vorteil, dass sie als Einzelpersonen authentischer auftreten und nach eigenen Maßstäben agieren können. Das erleichtert die Produktion, reduziert den Druck, möglichst glatt aufzutreten und kann so einen direkten Draht in die Community schaffen.

Andersherum büßen institutionelle Kommunikatorinnen und Kommunikatoren wie Politikerinnen und Politiker und Medienschaffende in sozialen Netzwerken an Macht ein. Es lässt sich beobachten, dass sich Parteien, aber auch Journalistinnen und Journalisten der Ästhetik und Kommunikationsform von Privatpersonen bedienen, um dieses Machtgefälle auszugleichen. Sie treten in den Videos etwa als Talking Heads auf Augenhöhe mit den TikTok-Usern auf, nutzen privat anmutende Settings und adressieren die Kamera direkt, um einen Eindruck von Nähe zu schaffen. So versuchen sie einzelne Personen als Gesichter für Accounts zu etablieren. Damit läuten sie das Ende einer institutionalisierten Kommunikationslogik ein – oder den Wandel dessen, was institutionalisierte Kommunikation im Zeitalter von TikTok bedeutet. Die Kommunikation auf TikTok umfasst einen scheinbaren Widerspruch: Das, was unprofessionell aussieht ist professionell und andersherum.

Zusätzlich verwässert das Aufkommen von Content Creators die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen, weil sie keiner Gruppe eindeutig zugeordnet werden können. Sie stehen vielmehr als Bindeglied zwischen Privatpersonen und Institutionen. Zum Teil werden sie sogar direkt in die Videos von Parteien und Medienhäusern eingebunden.

Lazy Content vs. Original Content

Die Videos politischer Parteien auf TikTok lassen sich in zwei Gruppen einteilen: Inhalte, die direkt für TikTok produziert werden (Original Content) und die, die ursprünglich für ein anderes Medium aufgezeichnet und auf TikTok zweitverwertet werden (Lazy Content).

Eine häufige Form des Original Contents sind die sogenannten Talking-Head-Videos. Diese entsprechen den Sehgewohnheiten der Nutzerinnen und Nutzer auf TikTok am stärksten. Inhaltlich gibt es große Unterschiede: eine hohe Informationsdichte (Explainer), eine eher meinungsbasierte, essayistische Form oder einen aktivistischen Angang. Die Videos zeigen in der Regel eine einzelne Person, die direkt in die Kamera spricht und ein politisches Thema ernsthaft oder humoristisch bespricht. Oft wird darin für eine konkrete politische Position geworben. Vereinzelt gibt es Talking-Head-Videos, die für Veranstaltungen werben. Damit wird versucht, die Reichweite auf TikTok zu nutzen, um Bürgerinnen und Bürger zu mobilisieren und damit stärker an die eigene Partei zu binden. Weiter gibt es meme- oder trendbasierte Beiträge, die oft besonders kurz sind. Sie bestehen aus Sketchen, die TikTok-Trends aufgreifen oder Videos, die (Audio-)Memes referenzieren.

Beispiele für TikTok-Videos politischer Parteien

Lazy Content umfasst Zusammenschnitte von Reden, Podcast-Aufnahmen und anderen öffentlichen Auftritten. Aber auch Wahlwerbespots, die ursprünglich für andere Medien produziert und im Format 9:16 auf TikTok zweitverwertet werden, zählen dazu.

Der Oberbegriff Lazy Content soll nicht als Beschreibung minderwertiger Qualität verstanden werden, sondern bezieht sich auf den geringeren Produktionsaufwand. In vielen Fällen werden auch bei Lazy Content plattformspezifische Gestaltungselemente genutzt. Das weist darauf hin, dass die Parteien versuchen, auch diese Inhalte für die algorithmische Ausspielung zu optimieren.

"Lazy Content" und Kollaborationen mit Creators auf TikTok

Politische Kommunikation im Unterricht analysieren

Lehrkräfte, die ihre Schülerinnen und Schüler zu einem kritischen Umgang mit politischen Inhalten auf TikTok befähigen möchten, können vermitteln, wie sich die Videos zusammensetzen, welche Akteursgruppen kommunizieren und welche Strategien sie zu diesem Zweck einsetzen.

Darüber hinaus lohnt es sich, einen Blick auf die Einbindung von Content Creators in die Accounts von Parteien und von Politikerinnen und Politikern zu werfen – und andersherum auf Auftritte von Politikerinnen und Politikern auf den Accounts der Creators. Diese fungieren darin als Bezugspersonen, verleihen politische Anschlussfähigkeit und schlagen so eine Brücke zur Zielgruppe.

Die Kollaborationen suggerieren Nähe zwischen der Partei und den Content Creators und reduzieren damit auch die Distanz zwischen den Politikerinnen und Politikern und den TikTok-Usern. In der Kommunikation zum Bundestagswahlkampf 2025 finden sich zahlreiche Beispiele für solche Kollaborationen, etwa der Gastauftritt von Olaf Scholz auf dem Account des Creators Brooklyn oder das gemeinsame Video von Creator Malte Zierden mit Heidi Reichinnek auf ihrem TikTok-Account.

Schülerinnen und Schüler können in diesem Zusammenhang diskutieren, was die Motivation der Parteien und Content Creators für die Zusammenarbeit sein könnte. Sind die Creators Parteimitglieder? Handelt es sich um eine bezahlte Kooperation? Oder beides?

Politische Kommunikation als solche zu erkennen und zu untersuchen, wird im Zeitalter von Social Media immer schwieriger und ist gerade deswegen eine wichtige Kompetenz. Die dargestellten Kommunikations- und Plattformstrategien können dabei ein hilfreiches Werkzeug sein. Für eine differenzierte Meinungsbildung bleibt es letztlich unerlässlich, verschiedene Quellen zu nutzen und Nachrichten nicht ausschließlich über algorithmisch sortierte Plattformen zu beziehen.

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