Was macht politische Memes aus?
Memes sind affektbasierte Bilder, Videos und/oder Texte, die sich auf digitale Kulturen beziehen und vorhandenes Material in neue Zusammenhänge stellen. Meist als lustige digitale Reaktionen gemeint, bringen sie Gefühle zum Ausdruck und treten selten allein auf, sondern existieren in einer Bandbreite
Beispiel-Meme aus den USA: „Childless Cat Lady“
Ein bekanntes Beispiel stammt aus dem Präsidentschaftswahlkampf 2024: Eine Aussage von JD Vance, heute US-Vizepräsident, wurde zu einem Meme. Er hatte drei Jahre zuvor einige US-Demokratinnen und -Demokraten, darunter die damalige Vize-Präsidentin Kamala Harris, als „kinderlose Katzendamen“ („childless cat lady“) bezeichnet, weil diese keine biologischen Kinder hatten
Beispiel-Meme aus Deutschland: Friedrich Merz auf der Intensivstation
Im deutschen Kontext lässt sich dieses Prinzip an einem Meme von Friedrich Merz veranschaulichen. Im April 2023 begleitete der damalige CDU-Vorsitzende eine Frühschicht auf einer Intensivstation. Auf Twitter (heute X) präsentierte er sich anschließend „nicht als Politiker, sondern als Teil des Pflegeteams“ und veröffentlichte dazu Fotos, die ihn in blauer Klinikkleidung zeigen. Kurz darauf häuften sich in den sozialen Netzwerken Bildmontagen. Vor allem ein Foto, auf dem Merz mit einer Pflegerin spricht, wurde vielfach bearbeitet. Ohne, dass bekannt war, worum es in dem Gespräch tatsächlich gegangen war, spielten die Texte, die Nutzerinnen und Nutzer ihm in den Mund legten, vor allem auf die Kluft zwischen seinem Einkommen und den Gehältern in der Pflege an: In einem der bearbeiteten Bilder staunte der Politiker etwa über „2300 netto“, in einem anderen wunderte er sich, dass die Pflegekraft all das für so wenig Geld verantworte, und riet ihr zu Aktien. Andere Montagen griffen Merz‘ umstrittene Selbstverortung in der Mittelschicht auf oder spielten auf sein Privatflugzeug an, etwa mit einem fiktiven Dialog, in dem Merz erklärt, er sei auf dem Klinikdach gelandet
Memes als Werkzeug der politischen Kommunikation
Die Nutzung von Social Media nimmt zu, insbesondere bei Menschen zwischen 16 und 24
Auch in deutschen Wahlkämpfen wurden Memes zu einem wichtigen Gegenstand der politischen Kommunikation
Neben eigenproduzierten Memes von Parteien setzen auch außerparlamentarische Akteure und Akteurinnen Memes für die politische Kommunikation ein, um so in den vorpolitischen Raum einzudringen
Dass neue Technologien und Medien für politische Kommunikation bis hin zu Propaganda genutzt werden, hat eine lange, historisch gut dokumentierte Geschichte
Wie tragen Memes zur Meinungsbildung bei?
Ein handwerklich gut gemachtes Meme löst bei den Menschen, die es rezipieren, eine emotionale Reaktion aus, die In- und Outgroups schafft. Simple Botschaften schaffen durch Affekt, also eine emotionale Bezugnahme, ein Gefühl von Zugehörigkeit oder von Ausschluss. Das bestärkt Menschen in ihrer Haltung und ihrem Gemeinschaftsgefühl, ähnlich wie Fankulturen im Fußball oder in der Musik – und es fördert Nischeninteressen. Memes können außerdem komplexe Themen vereinfachen, durch ihren unterhaltsamen Anschein bestimmte politische Haltungen normalisieren und Diskriminierung verharmlosen oder reproduzieren
Wie verbreiten sich Memes?
Meme-Trends sind nicht immer vorhersehbar und entstehen oft spontan
Zudem gibt es Fälle, in denen politische Akteure, darunter auch Regierungen, gezielt Propaganda in Form von Memes verbreiten. Spezialisierte Social-Media-Agenturen und Botnetzwerke produzieren Content oder geben sich als echte Menschen in den Kommentarspalten aus, mit dem Ziel, die öffentliche Meinung über den beauftragenden Akteur positiv zu beeinflussen
Welche Rolle spielen Plattformen?
Die Social-Media-Plattformen mit den meisten Nutzern und Nutzerinnen werden alle von profitorientierten Firmen betrieben. Sie verdienen Geld, indem sie auf Userinteressen zugeschnittene Werbeflächen innerhalb der Apps vermieten und diese bevorzugt ausspielen. Wer Social Media nutzt, bewegt sich also meistens in kommerziellen digitalen Räumen. Die Medientheoretikerin Tiziana Terranova bezeichnet das Internet daher als „Corporate Platform Complex“
Für diese profitorientierten digitalen Architekturen sind Memes ein Katalysator: Emotionsbasierte Postings treiben Interaktionen auf Plattformen an. Je mehr Interaktionen, desto mehr Verweildauer – und desto mehr können die Firmen hinter den Social-Media-Plattformen wirtschaftlich profitieren.
Wie bei anderen Kommunikationsmitteln gilt auch hier: Wer über viel Kapital verfügt, kann Memes in großer Zahl herstellen (lassen) und verbreiten und damit Einfluss nehmen. Aber auch Privatpersonen können mitunter Teil politischer Meme-Wahlkämpfe bis hin zu Propaganda werden. Wer ein Meme veröffentlicht oder weiterleitet, ohne den Kontext des verwendeten Materials zu recherchieren, kann unbeabsichtigt politische Propaganda verbreiten und verstärken. Auch Nutzerinnen und Nutzer, die Memes nicht produzieren, sondern „nur“ rezipieren, können so als Empfänger in politische Kommunikation eingebunden und manipuliert werden.
Wie lassen sich politische Memes und die intendierte Botschaft dahinter erkennen und entschlüsseln?
In Zeiten KI-generierter Inhalten wird es immer schwieriger, visuelle Desinformation von authentischen Bildern zu unterscheiden.
Da Memes qua Definition referenziell sind und mit visuellen und/oder sprachlichen Bezügen und Codes arbeiten, bietet es sich an, den geschaffenen (audiovisuellen) Content genau zu analysieren, um das jeweilige Meme zu verstehen. Grundlegend ist die Recherche in faktenbasierten, qualitativ hochwertigen Quellen aus Journalismus und Wissenschaft. Zudem können Datenbanken wie Externer Link: KnowYourMeme.com, die Wikipedia oder Diskussionen auf Reddit helfen, die Botschaften hinter Memes zu entschlüsseln. Mit der umgekehrten Bildersuche von Suchmaschinen lässt sich außerdem herausfinden, wo ein Bild bereits genutzt wurde und manchmal auch, wo es zuerst veröffentlicht wurde.
Einige Fragen können helfen, eine mögliche politische Absicht zu erkennen und eine intendierte Botschaft zu verstehen:
Wo habe ich das Meme gesehen?
Wer hat es wann gepostet?
Ist eine Urheberin oder ein Urheber angegeben? Wenn ja, wer, und was kann ich über diese Person herausfinden?
Was zeigt die Bildebene?
Was zeigt die Textebene (inklusive Caption)?
Gibt es Ton und was passiert auf dieser Ebene?
Was passiert an dem digitalen Ort, in dem das politische Meme publiziert wurde, beispielsweise in der Kommentarspalte auf Instagram, den Emoji-Reaktionen im WhatsApp-Channel oder den Stitches auf TikTok?
Welche Accounts interagieren mit dem Meme?
Wie wird es außerhalb der Plattform, auf der es publiziert wurde, rezipiert?
Bei der Analyse der Botschaft eines Memes sollte zudem auf Techniken der digitalen Propaganda wie beispielsweise
Wie lassen sich Memes didaktisch in der politischen Bildung einsetzen?
Vor dem Hintergrund der publizistischen Eigenverantwortung im Internet und der geschilderten Risiken empfiehlt es sich, Lernende nicht sofort Memes produzieren zu lassen, sondern zunächst bereits bestehendes Material und dahinterstehende Techniken und Absichten kritisch zu analysieren. Memes können als Einstieg in Diskussionen über aktuelle Themen genutzt werden. Dafür sind die oben genannten Fragen nützlich, weil mit ihnen Hinweise zum Veröffentlichungskontext eines Memes ermittelt werden können.
Auch wenn Memes in der politischen Kommunikation mit demokratiefeindlicher Absicht eingesetzt werden können, sollte beachtet werden, dass nicht jedes in bestimmten Echokammern des Internets viral gegangene Meme zwingendermaßen gesamtgesellschaftliche Relevanz besitzt
Wer Memes im Internet veröffentlicht, trägt dafür die publizistische Verantwortung. Sie geht mit rechtlichen Aspekten wie Urheberrecht und Datenschutz einher. Zudem müssen plattformökonomische Interessen und Dynamiken reflektiert werden. Empfehlenswert ist es daher, selbst produzierte Memes zunächst im geschützten Bildungsraum zu veröffentlichen und nicht unüberlegt die digitale Öffentlichkeit zu suchen.