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Teilnehmer einer Demonstration verbrennen am 10.12.2017 eine selbst gemalte Fahne mit einem Davidstern in Berlin im Stadtteil Neukölln. Die geplante Verlegung der US-Botschaft in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem sorgte auch in Berlin für Proteste. Bei den pro-palästinensischen Demonstrationen wurden Fahnen mit dem Davidstern angezündet.

28.11.2006 | Von:
Dr. Thomas Haury

Antisemitismus in der DDR

Israelfeindliche Politik und Propaganda

Nach der antisemitischen Phase von 1952/53 jedoch bot die DDR im Vergleich zu anderen Ostblockstaaten wohl die sichersten Lebensbedingungen für Juden. Antisemitismus zeigte sich nunmehr vor allem in der ab Mitte der 1950er Jahre betriebenen zunehmend israelfeindlichen Politik und Propaganda der DDR.

Angesichts der Westorientierung Israels lag es in der Logik der Blockkonfrontation, dass sich die Sowjetunion und damit auch die DDR auf der arabischen Seite positionierten. Auffallend allerdings ist, dass sich die DDR als Hardliner gegen Israel hervortat. Kein anderer Ostblockstaat unterstützte die PLO politisch, diplomatisch, finanziell und auch militärisch so stark wie die DDR, und in ihrer "antizionistischen Propaganda überschritt die DDR immer wieder die Grenze zum Antisemitismus.

Die DDR deutete die gesamte Weltlage nach der ideologischen Schablone des "Antiimperialismus". Daher sah sie auch im Nahostkonflikt nichts als einen Teil des weltweiten "Klassenkonflikts" zwischen "dem Imperialismus" und "den Völkern". Israel musste gemäß dieser Weltsicht das imperialistische Böse schlechthin verkörpern. Die arabischen Gegner Israels dagegen wurden als reine Friedensengel dargestellt; von all den Äußerungen der arabischer Führer, dass sie den Staat Israel zerstören und die Juden ins Meer treiben wollten, oder den blutigen Terroranschläge der PLO erfuhr der DDR-Leser kaum eine Silbe.

Israel wurde von der DDR-Propaganda nicht nur als als "Brückenkopf" und "Hauptwerkzeug des Weltimperialismus gegen die arabischen Völker" denunziert, sondern regelrecht dämonisiert. Das "Neue Deutschland" etwa berichtete, Israel würde als Kugelschreiber und Spielzeug getarnte Bomben über Ägypten abwerfen, um insbesondere Kinder zu töten, und gar die massenhafte Sterilisierung von Arabern planen.

Insbesondere in den Charakterisierungen des Zionismus, wie sie die SED ab Ende der 1960er Jahre vornahm, finden sich gehäuft antisemitische Stereotypen: Der "internationale Zionismus" sei "das weitverzweigte Organisationssystem ... der jüdischen Bourgeoisie" und der "israelischen Finanzoligarchie". Dieses mächtige "zionistische Finanzkapital" verfüge über gehörigen Einfluss bei der amerikanischen Regierung, nenne eine weltweite "zionistische Propagandamaschine" sein eigen und beteilige sich ständig an imperialistischen "Verschwörungen".

Auf Hinweise bezüglich einer spezifisch deutschen Verantwortung und gegenüber dem Staat Israel reagierte die "antifaschistische Nation" äußerst aggressiv: "Wir (lassen) uns ... nicht von jenen erpressen, die uns mit dem heuchlerischen Gerede irgendwelcher besonderer Beziehungen zwischen Juden und Deutschen kommen". Ein "schuldbeladenes Gewissen" ist "für die DDR (...) längst gegenstandslos geworden".

Dass dem nicht so war, zeigt die in der DDR-Propaganda massiv betriebene Gleichsetzung Israels mit dem Nationalsozialismus. So titelte das "Neue Deutschland" zum Sechs-Tage-Krieg "Das ist Völkermord". "Die israelische Wehrmacht" habe "einen Blitzkrieg vom Zaun gebrochen" und ein "Massenpogrom gegen die arabische Welt" verübt. Ulbricht erklärte, Israel wolle "ein Vierteljahrhundert nach dem zweiten Weltkrieg ... ein 'Protektorat Sinai' oder ein 'Generalgouvernement Jordanien'" errichten. 1982 während des Libanonkriegs Israels titelte das "Neue Deutschland": "Israel betreibt die Endlösung der Palästinafrage".

Die beim Thema Israel geradezu zwanghaft sich einstellende Faschismusassoziation belegt, dass auch in der DDR das typisch deutsche Bedürfnis virulent war, die Juden als besonders grausame Täter zu präsentieren, um das eigene Kollektiv zu entlasten. Parteiagitator Norden freute sich 1970: "Der Mord an den Arabern durch Israel (ist) ... ebenso verdammenswert wie der Mord an den Juden durch Hitler."

Am Ende

Die SED behauptete nach 1945 für ihren Staat eine radikale "Stunde Null", gebärdete sich fortan als das "unschuldige Deutschland" und verweigerte sich einer Auseinandersetzung mit Antisemitismus, Holocaust, Schuld und Verantwortung. Zwar ist die DDR keineswegs als antisemitischer Staat zu bezeichnen, wohl aber zeigten sich immer wieder eindeutig antisemitische Tendenzen: Ohne Skrupel beteiligte sich die SED an der von Moskau betriebenen antisemitischen Welle 1952/53 und betrieb jahrzehntelang bedenkenlos eine dezidiert israelfeindliche Politik und Propaganda, die die Grenze zum Antisemitismus immer wieder deutlich überschritt.

Am 12. April 1990 verabschiedeten alle Fraktionen der letzten, erstmals frei gewählten Volkskammer der DDR eine gemeinsame Erklärung, in der sie sich ausdrücklich zu einer Mitverantwortung der DDR für die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands bekannten und erklärten: "Wir bitten die Juden in aller Welt ... um Verzeihung für Heuchelei und Feindseligkeit der offiziellen DDR-Politik gegenüber dem Staat Israel und für die Verfolgung und Entwürdigung jüdischer Mitbürger auch nach 1945 in unserem Lande."

Literatur

Thomas Haury: Antisemitismus von links, Hamburg 2002

Thomas Haury: Die DDR und der "Aggressorstaat Israel". In: Tribüne, Heft 173/2005, S. 202-215.

Angelika Timm: Hammer, Sichel, Davidstern, Bonn 1997.


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