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Metin Kaplan - Dossierbild Islamismus

5.7.2011 | Von:
Prof. Dr. Armin Pfahl-Traughber

Antisemitismus im Islamismus

Ideengeschichtliche Bedingungsfaktoren und agitatorische Erscheinungsformen

Antisemitismus in Publikationen der türkischen "Milli Görüs"-Bewegung

Spätestens seit Beginn der 1970er Jahre lässt sich bei den meisten islamistischen Organisationen eine Verstärkung der antisemitischen Agitation ausmachen. Das soll hier exemplarisch anhand von verschiedenen Strömungen aufgezeigt werden. Am Beginn steht die "Milli Görüs"-Bewegung, die in der Türkei über parteipolitisches Engagement politischen Einfluss erlangen will. Ihr bedeutendster Repräsentant, der zeitweilige türkische Ministerpräsident Necmettin Erbakan (1926-2011), hatte etwa in einer auch in deutscher Übersetzung vorliegenden Schrift mit dem Titel "Gerechte Wirtschaftsordnung" (1991) behauptet: Der Zionismus sei ein Glaube und eine Ideologie, dessen Zentrum sich bei den Banken der Wall Street befinde. Die Zionisten hätten den Imperialismus unter ihre Kontrolle gebraucht und beuteten mittels der kapitalistischen Zinswirtschaft die gesamte Menschheit aus. Derartige und andere antisemitische Aussagen findet man auch regelmäßig in der Presse aus dem Umfeld von "Milli Görüs", wofür vor allem die Zeitung "Milli Gazete" steht.

Antisemitismus in der Charta der palästinensischen "Hamas"

Auch die palästinensische "Hamas" vertritt eine antisemitische Grundposition, was sich aus dem Text ihrer Charta von 1988 gut ablesen lässt. Darin ist etwa bereits zu Beginn die Rede von einem langen und gefährlichen Kampf gegen die Juden, welcher die Hingabe von allen Muslimen nötig mache. Ausdrücklich spricht man von den "Juden", nicht von den "Israelis" oder "Zionisten". Danach findet sich eine Reihe von Zitaten aus dem Koran, die den islamfeindlichen, korrupten, kriegstreiberischen und verderblichen Charakter der Juden unter Beweis stellen sollen. Weiter heißt es: Der Feind habe für eine lange Zeit geplant und setze sein Geld ein, um im Hintergrund seine Interessen zu verwirklichen. Darüber hinaus stünde er hinter nahezu allen Kriegen und Revolutionen der Vergangenheit und Gegenwart. Es besteht demnach für die "Hamas" eine seit Jahrhunderten existente Verschwörung von Juden, die nach einem bestimmten Konzept vorgehen würden. Der Plan dazu finde sich in den "Protokollen der Weisen von Zion", einer bekannten antisemitischen Fälschung.

Antisemitische Auffassungen im Diskurs der libanesischen "Hizb Allah"

Antisemitische Auffassungen findet man nicht nur bei den sunnitsch, sondern auch bei den schiitisch geprägten islamistischen Organisationen wie der libanesischen "Hizb Allah". In Bezug auf Israel vertritt man eine rigorose antizionistische Position. Wie viele islamistische Organisationen in der Region bestreitet "Hizb Allah" grundsätzlich Israels Existenzrecht. Dabei geht der entfaltete Diskurs zwar nicht immer so deutlich wie bei der "Hamas", aber häufig genug mit antisemitischen Auffassungen im Sinne eines Hasses auf alle Juden einher. In der Agitation führender Funktionäre und in den Publikationsorganen lässt sich ebenfalls eine Verkopplung von Anspielungen auf historische Ereignisse im Zusammenhang mit Mohammeds Konflikten mit den Juden und der gegenwärtigen Situation im Nahost-Konflikt ausmachen: Mit Rekursen auf den Koran werden Juden als hinterhältige und gefährliche Gegner des Islam dargestellt. Zusammen mit den Freimaurern hätten die Juden sich zu Weltverschwörern entwickelt und trügen die Schuld an vielen Übeln.

Antisemitismus in den Erklärungen der "Al-Qaida"-Führung

Auch bei den individuellen Einstellungen und im öffentlichen Diskurs von transnational agierenden islamistischen Terroristen lassen sich antisemitische Positionen ausmachen. Exemplarisch dafür stehen schon frühe Erklärungen von Osama Bin Laden wie etwa ein Brief an einen Rechtsgelehrten von 1994. Darin kritisierte er dessen Plädoyer für einen Friedensschluss mit den Juden, denn der jüdische Feind sei der Verderber des Islam und der Welt. Und in einer Videobotschaft von 2001 sprach Bin Laden davon, es gebe eine lange Kette der jüdischen Verschwörung mit dem Ziel eines Vernichtungskriegs gegen den Islam. Auch bei den Todespiloten des 11. September 2001 kursierten derartige Auffassungen, wofür Dokumente und Zeugenbefragungen zu Mohammed Atta sprechen: Demnach ging er davon aus, dass die Juden als reiche Strippenzieher hinter den Kriegen der USA auf dem Balkan und am Golf stünden. Das Zentrum des Weltjudentums sei New York. Von dort aus müsse der Befreiungskrieg für die Errichtung eines islamischen Gottesstaat beginnen.

Antisemitismus als Staatsideologie in der Islamischen Republik Iran

Und schließlich soll als Beispiel für den islamistischen Antisemitismus noch seine Bedeutung als Staatsideologie anhand eines Regimes dieser politischen Ausrichtung aufgezeigt werden: der Islamischen Republik Iran. Bereits deren Begründer Ayatollah Khomeini bezeichnete nicht nur Israel als "kleinen Satan", er formulierte auch offen eine antizionistische Position, rief er doch zur Zerschlagung des Staates auf. Israel galt ihm als "Feind des Islam" und "Feind der Menschheit". Darüber hinaus bediente sich der offizielle politische Diskurs ebenso der bekannten antisemitischen Stereotype wie etwa der von den "jüdischen Verschwörungen". Selbst die "Protokolle der Weisen von Zion" fanden über staatliche Stellen Verbreitung. Der gegenwärtige Präsident Mahmud Ahmadinejad propagiert ähnliche Auffassungen. Bereits kurz nach seiner Wahl forderte er 2005 öffentlich die Vernichtung des Staates Israel und 2006 leugnete er öffentlich die Massenvernichtung von Juden im Zweiten Weltkrieg. In Teheran fand gar eine "Holocaust-Konferenz" unter Beteiligung rechtsextremistischer Referenten statt.

Schlusswort und Zusammenfassung

Wie lassen sich zusammenfassend betrachtet die inhaltlichen Kernpositionen des islamistischen Antisemitismus bestimmen und einschätzen? Hauptsächlich artikuliert er sich in seiner antizionistischen Form, also über die grundlegende Ablehnung des Existenzrechts Israels und der dabei erhobenen Forderung nach Auflösung des Staates. Palästina soll ein rein muslimisch dominiertes Gebiet der islamischen Welt sein. Dabei bezieht sich der öffentliche Diskurs der Islamisten auf einen realen politischen Konflikt, welcher seit Jahrzehnten um die politische Kontrolle über eine bestimmte geographische Region in blutiger Weise geführt wird. Dessen Deutung erfolgt mit Bezug auf Argumentationsmuster, die als externe Bedingungsfaktoren aus europäischen Ländern und als interne Bedingungsfaktoren aus der islamischen Welt stammen. Die dabei deutlich werdende Funktionalisierung dieser Argumentationsmuster im Kontext des Nahostkonflikts spricht nicht gegen das Vorhandensein des Antisemitismus, veranschaulichen die erwähnten Auffassungen doch nicht nur eine Ablehnung von Israel, sondern auch einen Hass gegen alle Juden.

Literatur

Benz, Wolfgang/Wetzel, Juliane (Hrsg.): Antisemitismus und radikaler Islamismus, Essen 2007.

Farschid, Olaf: Antisemitismus im Islamismus. Ideologische Formen des Judenhasses bei islamistischen Gruppen, in: Armin Pfahl-Traughber (Hrsg.): Jahrbuch für Extremismus- und Terrorismusforschung 2009/2010, Brühl 2010, S. 435-485.

Kiefer, Michael: Antisemitismus in den islamischen Gesellschaften. Der Palästina-Konflikt und der Transfer eines Feindbildes, Düsseldorf 2002.

Lewis, Bernard: "Treibt die ins Meer!" Die Geschichte des Antisemitismus, Frankfurt/M. – Berlin 1987.

Lewis, Bernard: Die Juden in der islamischen Welt. Vom frühen Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert, München 1987.

Pfahl-Traughber, Armin: Antisemitismus in der christlich-europäischen und islamisch-arabischen Welt. Eine vergleichende Betrachtung in ideologietheoretischer Perspektive, in: Wolfgang Benz (Hrsg.), Jahrbuch für Antisemitismusforschung. Bd. 13, Berlin 2004, S. 67-83.

Pfahl-Traughber, Armin: Der Ideologiebildungsprozess beim Judenhass der Islamisten. Zum ideengeschichtlichen Hintergrund einer Form des "Neuen Antisemitismus", in: Martin H. W. Möllers/Robert Chr. van Ooyen (Hrsg.): Jahrbuch Öffentliche Sicherheit 2004/2005, Frankfurt/M. 2005, S. 189-208.

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