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Eine kurze Geschichte der nuklearen Bewaffnung und Abschreckung

Luc-André Brunet

/ 15 Minuten zu lesen

Die atomare Abschreckung ist untrennbar mit den Anfängen des Kalten Krieges verbunden. Als zentrale Strategie der NATO und der Sowjetunion sorgte sie über Jahrzehnte hinweg dafür, dass es nie zu einem Atomkrieg kam. Doch wie tragfähig ist das Konzept heute?

Während des Kalten Krieges herrschte beständig die Angst vor einem unmittelbar drohenden Atomangriff. Der vielleicht wichtigste Grund dafür, dass es nie dazu kam, war die nukleare Abschreckung. Wie und warum entwickelte sich die nukleare Abschreckung während des Kalten Krieges? Warum besteht sie bis ins 21. Jahrhundert fort? Und welche Lehren lassen sich heute aus der Geschichte ziehen?

Kalter Krieg und nukleare Abschreckung

Die nukleare Abschreckung ist untrennbar mit den Anfängen des Kalten Krieges verbunden. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs warfen die USA Atombomben über den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki ab – das einzige Mal, dass Atombomben in einem Krieg eingesetzt wurden. Die neue „Superwaffe“ verstärkte das Misstrauen der Sowjetunion gegenüber den USA, weshalb Moskau die Entwicklung eigener Atomwaffen vorantrieb. Fortan war der Kalte Krieg in den Folgejahrzehnten von einem atomaren Wettrüsten geprägt, in dem jede der beiden Supermächte bestrebt war, die andere in Hinblick auf die Qualität und Quantität ihres Atomwaffenarsenals einzuholen und zu übertreffen.

Die nukleare Abschreckung entstand infolge der sicherheitspolitischen Situation im Europa der Nachkriegszeit. Die Spannungen zwischen Ost und West nahmen stetig zu: Im Februar 1948 kam die Kommunistische Partei (KSČ) in der Tschechoslowakei durch einen Staatsstreich an die Macht, und nur vier Monate später begann die Sowjetunion mit der Berlinblockade, die den Status Westberlins bedrohte. Auf das Ende der Blockade im Mai 1949 folgten schon bald die Gründung der NATO sowie die der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik. Damit war die Teilung Europas im Kalten Krieg zementiert. Im Sommer desselben Jahres, am 29. August 1949, testeten die Sowjets ihre erste Atomwaffe. Das Atomwaffenmonopol der Vereinigten Staaten war beendet – und die Bedrohung durch einen nuklearen Konflikt zwischen Ost und West wurde sehr real.

Doch auch die anderen militärischen Kapazitäten der Sowjetunion sorgten bei den westlichen Entscheidungsträgern für Beunruhigung. Selbst nach der erheblichen Demobilisierung nach dem Zweiten Weltkrieg zählte die sowjetische Armee Ende der 1940er Jahre noch immer 2,8 Millionen Soldaten. In Hinblick auf die Größe ihrer konventionellen Streitkräfte, zu denen noch die Streitkräfte der anderen sozialistischen Republiken hinzukamen, war die Sowjetunion eindeutig im Vorteil. Um mögliche Absichten der Sowjetunion in Bezug auf Westberlin oder andere Gebiete zu unterbinden, waren Atomwaffen nach Meinung der US-amerikanischen Entscheidungsträger unverzichtbar.

Entsprechend spielte die nukleare Abschreckung von Anfang an eine zentrale Rolle in der Strategie der NATO. Das Herzstück des Bündnisses bildet die gegenseitige Sicherheitsgarantie – laut Artikel 5 wird ein Angriff auf einen Mitgliedstaat als Angriff auf alle Mitgliedstaaten betrachtet – einschließlich der USA mit ihren Atomwaffen. Die nukleare Dimension der NATO wurde in ihrem ersten Strategischen Konzept von 1949 bekräftigt, in dem festgelegt wurde, dass das Bündnis „die Fähigkeit sicherstellen“ werde, „unverzüglich strategische Bombardements mit allen möglichen Mitteln und ausnahmslos mit allen Arten von Waffen durchzuführen“. Damit legte die NATO ihren Schwerpunkt auf eine „erweiterte Abschreckung“ – US-amerikanische Atomwaffen konnten auch zum Schutz von Drittländern eingesetzt werden – und sandte eine unmissverständliche Botschaft an Moskau: Wer NATO-Gebiet angriff, riskierte einen nuklearen Vergeltungsschlag.

Mit dem Ausbau des Atomwaffenarsenals auf beiden Seiten trat die Logik der nuklearen Abschreckung in den 1950er Jahren immer deutlicher hervor. Wenn eine Seite einen nuklearen Angriff (einen sogenannten Erstschlag) wagte, würde die andere mit einem Zweitschlag von ähnlich verheerender Wirkung reagieren. Die Zweitschlagkapazität – eine ausreichende Anzahl und Auswahl an Atomwaffen, die nach einem Erstschlag noch eingesetzt werden konnten – wurde zur Grundlage der nuklearen Abschreckung. Sie untermauerte das Tabu des Einsatzes von Atomwaffen, da jeder Versuch die gegenseitig garantierte Vernichtung („mutually assured Destruction“, MAD) nach sich ziehen würde. Dieses Gleichgewicht des Schreckens sorgte für eine beunruhigende Stabilität, in der die Gefahr der nuklearen Vernichtung allgegenwärtig war – und gleichzeitig sicherstellte, dass die Atomwaffen niemals eingesetzt wurden.

Nukleares Wettrüsten

In den Jahren nach der Gründung der NATO schritt die technologische Entwicklung der Atomwaffen rasant voran. Nach dem ersten erfolgreichen Atomwaffentest der Sowjets 1949 verstärkten die Vereinigten Staaten ihre Bemühungen zur Entwicklung einer thermonuklearen Waffe, der sogenannten Wasserstoffbombe, die über eine wesentlich größere Sprengkraft als die Atombombe verfügt. 1952 wurde sie von den USA erstmals erfolgreich getestet. Zwei Jahre später folgte mit dem „Bravo“-Test im Rahmen der Operation „Castle“ die stärkste thermonukleare Kernexplosion, die jemals von den USA gezündet wurde – fast tausendmal stärker als die Atombombe, die 1945 Hiroshima zerstört hatte. Um im eskalierenden nuklearen Wettrüsten nicht auf der Strecke zu bleiben, entwickelten die Sowjets ihre eigene Wasserstoffbombe, die sie im November 1955 erfolgreich testeten.

Doch nicht nur die Sprengkraft der jeweiligen Sprengköpfe nahm zu, auch die Zahl der Atomwaffen stieg auf beiden Seiten immer weiter. Während die USA 1950 über schätzungsweise 300 Atomwaffen verfügten und die Sowjetunion nur über fünf, waren es 1960 ungefähr 18.000 auf Seiten der USA und circa 1.600 auf sowjetischer Seite. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges Mitte der 1980er Jahre verfügte allein die Sowjetunion über rund 40.000 Atomwaffen. Die Waffen blieben jedoch nicht auf US-amerikanisches oder sowjetisches Territorium beschränkt. Im September 1954 wurden erstmals in Westeuropa US-amerikanische Atomwaffen stationiert. Mit dem NATO-Beitritt der Bundesrepublik 1955 entwickelte sich auch Westdeutschland zu einem wesentlichen Baustein in der nuklearen Abschreckungsstrategie der NATO. Nachdem der Bundestag 1958 der Stationierung von US-Atomwaffen auf deutschem Territorium zugestimmt hatte, befanden sich 1960 bereits 1.500 Atomwaffen im Land – so viele wie im gesamten restlichen Westeuropa.

Während die Supermächte ihre Arsenale ausbauten, entwickelten andere Länder ihre eigenen Atomwaffen. Das Vereinigte Königreich, das im Zweiten Weltkrieg bei der Atombombenentwicklung mit den USA zusammengearbeitet hatte, testete 1952 seine erste eigene Atombombe. Frankreich folgte 1960, die Volksrepublik China 1964. Zusammen bildeten diese fünf Länder bis zum Ende des Kalten Krieges die anerkannten Atomwaffenstaaten. Im Gegensatz zu den Supermächten USA und Sowjetunion mit ihren umfangreichen Atomwaffenarsenalen und der MAD-Doktrin verfolgten die drei Nachzügler jedoch eine andere Strategie und setzten auf das Prinzip der minimalen Abschreckung – also auf gerade so viele Atomwaffen, wie nötig waren, um einen potenziellen Feind von einem Angriff abzuhalten. Entsprechend blieben ihre jeweiligen Arsenale deutlich kleiner, keines überschritt während des Kalten Krieges die Zahl von 500.

Auch die Entwicklung der für den Atomwaffeneinsatz erforderlichen Technologien schritt rasch voran. Ursprünglich für den Abwurf aus Flugzeugen gebaut, setzte man im Laufe der 1950er Jahre zunehmend auf Raketen, die deutlich schneller und weniger anfällig für Flugabwehrmaßnahmen waren. Der Erfolg der Sowjets beim Start von „Sputnik 1“, dem ersten künstlichen Erdsatelliten, löste im Oktober 1957 in den westlichen Hauptstädten eine tiefe Verunsicherung aus – auch bekannt als Sputnikschock. Die Sowjets hatten zum einen ihren technologischen Vorsprung in der Raumfahrttechnik demonstriert, zum anderen war die Sorge groß, dass mithilfe der Raketentechnologie Atomwaffen von der Sowjetunion auf Ziele in Westeuropa und Nordamerika abgefeuert werden könnten. Die für Sputnik verwendete Rakete war faktisch die weltweit erste Interkontinentalrakete (ICBM). Bis 1960 zogen die USA nach und entwickelten drei zuverlässige Trägersysteme für Atomwaffen, die als „nukleare Triade“ bezeichnet wurden: Bomber, Interkontinentalraketen und U-Boote. Diese Vielfalt an Trägersystemen stellte sicher, dass die USA ihre Zweitschlagfähigkeit aufrechterhalten konnten, die als unverzichtbar angesehen wurde, um die Sowjetunion von einem Angriff auf die USA oder ihre Verbündeten abzuhalten.

Die technologische Entwicklung ging Hand in Hand mit der Entwicklung einer Strategie der Abschreckung. Im Oktober 1953 wurde unter Präsident Dwight D. Eisenhower (1953–1961) die Strategie der „Massive Retaliation“ entwickelt: Auf jede Form einer sowjetischen Aggression würden die Vereinigten Staaten mit einem Vergeltungsschlag reagieren, der auch den Einsatz von Atomwaffen umfasste. Unter Präsident John F. Kennedy (1961–1963) gingen die USA zur Strategie der „Flexible Response“ über: Die USA und ihre Verbündeten wollten damit auf ein breiteres Spektrum aus konventionellen und kleineren, sogenannten taktischen Atomwaffen zurückgreifen, ohne sich zwingend für den Einsatz größerer strategischer Atomwaffen zu entscheiden, obwohl sie weiterhin eine Option blieben. Jeden Angriff würde man mit einer robusten Reaktion kontern, dabei aber eine deutlich stärkere Kontrolle darüber behalten, wie weit man den Konflikt eskalieren lassen wollte.

Die Grundsätze der Flexible Response wurden 1967 durch die NATO im Harmel-Bericht bekräftigt. In diesem wurde die Strategie der nuklearen Abschreckung kombiniert mit einem politischen Dialog mit der Sowjetunion zur Beilegung von Spannungen und Vermeidung von Konflikten. Tatsächlich bildeten der Ost-West-Dialog und die Verhandlungen zur Rüstungskontrolle während des gesamten Kalten Krieges – und insbesondere nach der Kubakrise im Oktober 1962 – einen entscheidenden Bestandteil der Nukleardiplomatie. Parallel zur Abschreckung ermöglichte der Dialog Rüstungskontrollverträge wie das Moskauer Atomteststoppabkommen (Partial Test Ban Treaty, PTBT von 1963), den Atomwaffensperrvertrag (Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen, NVV von 1968) und den bilateralen Vertrag über die Begrenzung strategischer Waffen (SALT-I Abkommen von 1972).

Abschreckung in Zeiten der Friedensbewegung

Trotzdem ging das Streben nach einer glaubhaften nuklearen Abschreckung weiter. Dass etwa die Sowjetunion ab 1976 begann, Mittelstreckenraketen mit Nuklearsprengköpfen des Typs SS-20 in Europa zu stationieren, löste eine der größten Krisen der NATO während des Kalten Krieges aus. Als Reaktion auf die Stationierung beschloss die NATO, ihre eigenen Mittelstreckenraketen in Westeuropa zu modernisieren. Der sogenannte NATO-Doppelbeschluss vom Dezember 1979 sah vor, dass die USA fast 600 neue Raketen in Westdeutschland, Großbritannien, den Niederlanden, Belgien und Italien stationierten. Die Pläne fielen in eine besonders heiße Phase des Kalten Krieges nach dem Scheitern der Entspannungsbemühungen der 1970er Jahre. Unter US-Präsident Ronald Reagan (1981–1989) bauten die USA ihre Atomwaffenarsenale massiv aus, wodurch es zu einem neuen atomaren Wettrüsten kam. Die Reagan-Administration wandte sich von der Prämisse ab, dass man einen Atomkrieg nicht gewinnen könne, und beschwor damit das Schreckgespenst eines katastrophalen atomaren Schlagabtauschs herauf.

Millionen Menschen in Europa und Nordamerika wurden nun aktiv und protestierten gegen Atomwaffen und insbesondere gegen die geplante Stationierung von Pershing-II-Raketen, auch bekannt als Euromissiles. Bei einer Demonstration im Herbst 1981 im Bonner Hofgarten versammelten sich 250.000 Menschen, im Oktober 1983 nahmen in der gesamten Bundesrepublik mehr als eine Million Menschen an Demonstrationen gegen die Stationierung dieser nuklearen Mittelstreckenwaffen teil. Dennoch stimmte der Bundestag am 22. November 1983 der Stationierung in Westdeutschland zu.

Angesichts der wachsenden Friedensbewegung Anfang der 1980er Jahre und der ihr zugrundeliegenden Angst vor einem Atomkrieg wurden schließlich auch innerhalb der NATO Stimmen laut, die auf eine Überprüfung der Strategie des Bündnisses drängten. So forderte etwa Robert McNamara – der Architekt der Flexible Response-Strategie in der Ära Kennedy – die NATO auf, sich zu einem „Verzicht auf den Ersteinsatz“ zu bekennen, was bedeutete, dass der Westen in einer militärischen Auseinandersetzung nicht als erste Konfliktpartei Atomwaffen einsetzen würde. Diese Überlegung fiel bei einigen Staatschefs auf fruchtbaren Boden. Der kanadische Premierminister Pierre Trudeau ging noch weiter und lehnte nicht nur die Erstschlag-Strategie, sondern auch die Flexible Response der NATO ab. Hinter den Kulissen setzte er sich bei mehreren westeuropäischen Staats- und Regierungschefs dafür ein, die NATO-Strategie zu überdenken. Nach Gesprächen mit Trudeau im November 1983 schlug der belgische Außenminister Leo Tindemans, unterstützt von seinem italienischen Amtskollegen Giulio Andreotti, im Dezember 1983 eine solche Überprüfung vor, die dann auch stattfand, am Ende jedoch folgenlos blieb. In Anbetracht der Überlegenheit des Ostblocks bei konventionellen Waffen beruhte die Sicherheit Westeuropas weiterhin auf der nuklearen Abschreckung.

Zu Beginn der 1980er Jahre wurde die Logik der Abschreckung noch von einer anderen Seite infrage gestellt. In einer Fernsehansprache im März 1983 fragte US-Präsident Reagan die amerikanische Bevölkerung: „Was wäre, wenn (…) wir strategische ballistische Raketen abfangen und zerstören könnten, bevor sie unser eigenes Territorium oder das unserer Verbündeten erreichen?“ Eine solche Technologie, so Reagan, würde Atomwaffen „wirkungslos und überflüssig“ machen. Reagan bezog sich in seiner Rede auf die „Strategic Defence Initiative“ (SDI, auch „Star Wars“ genannt), ein Raketenabwehrschild, der die USA und ihre Verbündeten vor einem möglichen sowjetischen Atomangriff schützen sollte. Obwohl Reagan einräumte, dass die Entwicklung eines solchen Verteidigungssystems „Jahre, wahrscheinlich Jahrzehnte“ dauern könnte, wurde damit die Logik der nuklearen Abschreckung untergraben. Wenn die USA anfliegende sowjetische Raketen zerstören könnten, wäre ein sowjetischer Zweitschlag wirkungslos. Da eine gegenseitige garantierte Vernichtung nicht mehr gegeben wäre, könnten die USA theoretisch einen Atomangriff gegen die Sowjetunion starten und eine Vergeltungsmaßnahme überleben – und damit einen Atomkrieg gewinnen. Es überrascht nicht, dass die sowjetische Führung heftige Einwände gegen SDI erhob, weshalb auch die eigentlich vielversprechenden Abrüstungsgespräche beim Gipfel von Reykjavik im Oktober 1986 scheiterten. Die europäischen Verbündeten hegten ebenfalls Vorbehalte, weil sie befürchteten, dass SDI der Stationierung von Mittelstreckenraketen in Europa die Grundlage entziehen, die Ost-West-Beziehungen in einer ohnehin heiklen Phase destabilisieren und die Kluft im Bereich Hightech zwischen den USA und Europa weiter vergrößern würde. Am Ende blieb SDI weit hinter Reagans Vorstellungen zurück und wurde nie umgesetzt – die USA blieben weiterhin verwundbar in Hinblick auf einen Nuklearangriff und hielten auch weiterhin an der Strategie der nuklearen Abschreckung fest.

Nukleare Rüstungskontrolle

Das Jahr 1987 markiert den Beginn eines Goldenen Jahrzehnts der nuklearen Rüstungskontrolle. In der nun einsetzenden Phase der Entspannung und dem später folgenden Ende des Kalten Kriegs wurden mit dem bilateralen INF-Vertrag (1987), START I (1991) und START II (1993) sowie dem multilateralen „Vertrag über den Offenen Himmel“ (1992) und dem Umfassenden Atomteststoppvertrag (1996) bedeutende Durchbrüche in der Rüstungskontrolle erzielt. Südafrika (das unter dem Apartheid-Regime heimlich Atomwaffen entwickelt hatte) sowie die postsowjetischen Republiken Ukraine, Belarus und Kasachstan (auf deren Territorien sich bei der Unabhängigkeit sowjetische Atomwaffen befanden) gaben ihre Atomwaffen ab. Im Mai 1997 wurde die NATO-Russland-Grundakte unterzeichnet, die eine beispiellose Zusammenarbeit begründete und in der bekräftigt wurde, dass „die NATO und Russland einander nicht als Gegner betrachten“. Da die Zahl der Länder mit Atomwaffen abnahm und die bestehenden Atomwaffenstaaten sich auf einen Abbau ihrer Arsenale einigten, schien die Aussicht auf einen Atomkrieg so gering wie nie zuvor seit 1945.

Warum hielt sich die Strategie der nuklearen Abschreckung über das Ende des Kalten Krieges hinaus? Ein entscheidender Faktor war die US-Präsidentschaft von George H.W. Bush (1989–1993). Als Michail Gorbatschow gegen Ende des Kalten Krieges dazu aufrief, ein neues „gemeinsames Haus Europa“ jenseits der NATO und des Warschauer Pakts zu errichten, hielt Bush unbeirrbar an der NATO fest. Angesichts der unsicheren Lage 1989, den Revolutionen in zahlreichen Ländern und des anschließenden Zusammenbruchs der Sowjetunion, strebte Bush nach Stabilität und Kontinuität in Form von Institutionen wie der NATO. Die westeuropäischen Staats- und Regierungschefs wiederum verließen sich weiterhin auf die USA und deren Nuklearschirm als Sicherheitsgaranten. Die „Friedensdividende“ nach dem Kalten Krieg ermöglichte den europäischen Staaten eine erhebliche Senkung ihrer Verteidigungsausgaben, doch letztlich wurde ihre Sicherheit durch eine Form der erweiterten Abschreckung gewährleistet. Als der deutsche Außenminister Joschka Fischer im Dezember 1998 eine „No First Use“-Strategie (kein Erstschlag) für die NATO vorschlug, wurde der Vorstoß wie bereits 15 Jahre zuvor auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges abgelehnt. Die Sicherheit Europas sollte weiterhin über eine erweiterte Abschreckung sichergestellt werden.

Darüber hinaus bot die NATO-Strategie der nuklearen Abschreckung selbst in den 1990er Jahren, als die Beziehungen zu Russland relativ gut waren, Schutz vor einer möglichen künftigen russischen Aggression. Denn mit der Erweiterung der NATO um die Staaten des ehemaligen Ostblocks hatte das Bündnis nun Mitglieder, die einst Opfer des sowjetischen Imperialismus gewesen waren und die durch nukleare Abschreckung untermauerte Beistandsklausel der NATO als unverzichtbar erachteten.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat die nukleare Abschreckung angesichts der zunehmend antagonistischen Haltung Russlands erneut an Bedeutung gewonnen. Putins Krieg gegen Georgien (2008) und sein Angriffskrieg gegen die Ukraine (seit 2014) unterstreichen den Schutz, den Staaten unter dem nuklearen Schirm der USA genießen. Gleichzeitig wird die moralische Rechtfertigung der Abschreckung und der Atomwaffen hinterfragt. Der UN-Vertrag über das Verbot von Atomwaffen aus dem Jahr 2017 verbietet die Entwicklung und den Besitz von Nuklearwaffen, wurde jedoch von keinem Atomwaffenstaat und keinem NATO-Mitglied unterzeichnet. Im Jahr 2019 bezeichnete Papst Franziskus Atomwaffen als „himmelschreiendes Unrecht“ und forderte „eine Welt des Friedens, frei von Atomwaffen“. Ungeachtet dieser moralischen Haltung dürfte die nukleare Abschreckung in der Praxis noch einige weitere Jahrzehnte Bestand haben.

Schlussfolgerungen

Aus dieser kurzen Geschichte der Abschreckung lassen sich drei wichtige Lehren ableiten.

Die erste betrifft die Rolle der USA: Der vielleicht auffälligste Unterschied zwischen früheren und der derzeitigen US-Regierung besteht in der unklaren Haltung der USA hinsichtlich ihres Engagements für eine erweiterte Abschreckung. Seit der Berliner Luftbrücke haben US-Regierungen immer wieder unmissverständlich klargemacht, dass die USA sowjetische beziehungsweise russische Angriffe in Europa nicht tolerieren. Die Strategie der nuklearen Abschreckung, die das Herzstück der NATO bildet, untermauert dieses Engagement. Doch unter der derzeitigen Regierung wurde die selbstauferlegte Verpflichtung wiederholt vom Präsidenten infrage gestellt. Mit Äußerungen, es gebe zahlreiche Definitionen von Artikel 5, die NATO sei ein „Papiertiger“ oder Russland könne mit den europäischen Verbündeten machen, was es wolle, wenn diese ihre Verteidigungsausgaben nicht deutlich erhöhten, hat Präsident Trump die gegenseitige Sicherheitsgarantie der NATO-Mitglieder rhetorisch untergraben. Unterdessen sind zunehmend hybride Kriegsaktionen Russlands auf EU-Territorium zu verzeichnen, nicht zuletzt im August 2026 mit dem Einsatz einer mit Sprengstoff beladenen Drohne am Leipziger Flughafen. Die gemeinsame Abschreckung hat an Wirkung eingebüßt, dabei ist Europa mehr denn je darauf angewiesen. Es ist daher sinnvoll, verschiedene Ebenen einer erweiterten Abschreckung in Europa zu prüfen. Mit einer stärkeren, das bestehende Engagement der USA ergänzenden Rolle der französischen und britischen Nuklearwaffen, könnte eine verstärkte europäische Zusammenarbeit und Koordination in größerem Maße zur Sicherheit Europas beitragen als es während des Kalten Krieges der Fall war.

Die zweite Lehre betrifft die Bedeutung von Dialog und Verhandlungen: Die nukleare Abschreckung ist seit den Anfängen des Kalten Krieges ein fester Bestandteil der internationalen Beziehungen. Doch selbst in besonders angespannten Momenten, als sich das gegenseitige Misstrauen auf einem Höhepunkt befand, wurden der Dialog zwischen Washington und Moskau fortgesetzt und sinnvolle Verhandlungen zur Rüstungskontrolle geführt. Es war kein Zufall, dass der große Durchbruch in der Rüstungskontrolle – das Moskauer Atomteststoppabkommen von 1963 – weniger als ein Jahr nach der Kubakrise, in der es fast zu einer nuklearen Konfrontation gekommen wäre, zustande kam. Der kontinuierliche Dialog und die unermüdlichen Bemühungen um Rüstungskontrolle trugen dazu bei, eine Eskalation oder tragische Fehleinschätzungen im Zusammenhang mit Atomwaffen zu verhindern. Heute hingegen haben sich sowohl Washington als auch Moskau aus praktisch allen bedeutenden Abkommen zur nuklearen Rüstungskontrolle zurückgezogen, und der Dialog ist faktisch zum Erliegen gekommen. Ungeachtet der erheblichen Differenzen in zahlreichen kritischen Punkten ist eine Wiederaufnahme der Gespräche zur nuklearen Rüstungskontrolle dringend erforderlich und sollte unbedingt erfolgen. Immerhin gibt es ein gemeinsames Ziel, auf das sich alle Parteien einigen können: nämlich den Einsatz von Atomwaffen zu verhindern.

Drittens war die nukleare Abschreckung im 20. Jahrhundert in erster Linie eine bilaterale Angelegenheit zwischen Washington und Moskau. In den 2020er Jahren ist die Lage deutlich komplexer. Mittlerweile verfügen auch Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea über Atomwaffen, gleichzeitig haben die bisherigen Atommächte ihre Atomwaffenarsenale weiter ausgebaut. Besonders deutlich fiel der Ausbau des chinesischen Arsenals aus, das sich seit 2020 mehr als verdoppelt hat und nun bei über 600 liegt, womit die Volksrepublik China nach den USA und Russland weltweit die drittgrößte Zahl an Atomwaffen besitzt. Bis zum Ende dieses Jahrzehnts wird die Zahl voraussichtlich die 1000er Marke überschreiten. War die nukleare Abschreckung als bilaterales Thema schon schwierig, ist sie heute noch deutlich komplizierter. Multilaterale Gespräche zur nuklearen Rüstungskontrolle sind dringend geboten. Mit den französischen und britischen Nuklearwaffen im Rücken kann Europa eine wichtige Rolle dabei spielen, entsprechende Schritte in die Wege zu leiten.

In seiner Rede auf dem Atom-U-Boot-Stützpunkt Île Longue im März 2026 warnte der französische Präsident Emmanuel Macron, dass „das kommende halbe Jahrhundert ein Zeitalter der Atomwaffen“ sein wird. Vor diesem Hintergrund ist eine Neubewertung der nuklearen Abschreckung – mit einem klaren Verständnis ihrer Geschichte als Grundlage für die Bewältigung aktueller Herausforderungen – von entscheidender Bedeutung, um die Sicherheit Europas zu gewährleisten und seine Bürgerinnen und Bürger zu schützen.