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Europäische nukleare Sicherheit: Es ist kompliziert

Barbara Kunz

/ 15 Minuten zu lesen

Seit Russlands Vollinvasion der Ukraine im Februar 2022 ist nukleare Abschreckung in Europa kein Tabu mehr. Angesichts schwindenden Vertrauens in US-Garantien sucht Europa nach neuen Wegen. Strategische Stabilität sollte dabei jedoch nicht aufs Spiel gesetzt werden.

Noch vor wenigen Jahren war nukleare Abschreckung ein Thema, für das sich nur kleine Kreise von Experten interessierten. Deutschlands Aufgaben in der nuklearen Teilhabe im Rahmen der NATO spielten in der öffentlichen Debatte so gut wie keine Rolle. Deutsche Politiker konnten sich über Jahre nicht einigen, wie – oder ob – der Tornado als nuklearfähiges Flugzeug der Luftwaffe bei Erreichen des Endes seiner Laufzeit ersetzt werden sollte. Wie in vielen anderen europäischen Ländern lag der Fokus der deutschen Nuklearpolitik auf Abrüstung, Nichtverbreitung und Rüstungskontrolle.

Seit der russischen Vollinvasion der Ukraine am 24. Februar 2022 haben sich die Dinge grundlegend geändert. Nukleare Abschreckung ist kein Tabuthema mehr. In seiner Zeitenwende-Rede nur drei Tage später kündigte der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz den Kauf von amerikanischen F-35-Kampfjets für die nukleare Teilhabe an. Mit dem (geplanten) Erwerb von konventionellen JASSM- und Tomahawk-Marschflugkörpern wird Deutschland zudem eigenständiger Akteur im nuklearen „Spiel“ in Europa, da diese Waffen potentiell Auswirkungen auf das nukleare Gleichgewicht haben. Sie können strategisch relevante Ziele in Russland zerstören und somit Russlands Zweitschlagfähigkeit beeinträchtigen. Zudem beteiligt sich Deutschland an diversen anderen Initiativen zu Entwicklung und Erwerb solcher Waffen wie etwa ELSA (European Long-Range Strike Approach).

Die wahrscheinlich größte Bedrohung für Europa ist ebenfalls nuklear: Russlands sogenannte taktische Kernwaffen. Russland und Belarus behaupten, dass im Rahmen ihres Abkommens über die gemeinsame Nutzung von Nuklearwaffen aus dem Jahr 2023 solche Waffen in Belarus stationiert worden seien. Beobachter bezweifeln dies jedoch. Inwieweit es zu Veränderungen bei den russischen Stationierungen gekommen ist, bleibt unklar. Bisher gibt es trotz der nuklearen Rhetorik aus Moskau keine Anzeichen dafür, dass Russlands nicht-strategische Sprengköpfe tatsächlich aus ihren Lagern geholt und für einen möglichen Einsatz stationiert wurden. Ungeachtet dieser Unsicherheiten bezüglich der tatsächlichen russischen Pläne steht fest, dass die Bedrohung nicht nur konventioneller Natur ist.

Diese angespannte Sicherheitslage fällt mit einer tiefen Krise der transatlantischen Beziehungen zusammen. Somit stellen sich weit mehr Fragen als nur die der Ausgestaltung der nuklearen Teilhabe in der NATO sowie der konventionellen Aufrüstung und Abschreckungsfähigkeit. Falls auf die USA kein Verlass mehr sein sollte, während Russland eine massive Bedrohung darstellt – braucht Europa eine eigene nukleare Abschreckung?

Nukleare Teilhabe und Sicherheitsgarantien

Die nukleare Dimension europäischer Sicherheit ist heute mindestens so relevant wie im Kalten Krieg. Allerdings haben sich die geopolitischen und technologischen Vorzeichen grundlegend verändert. Die NATO ist heute ein ganz anderes Bündnis als vor 1990, mit wesentlich mehr Mitgliedern. Schon vor Donald Trump waren die sicherheitspolitischen Prioritäten der USA nicht mehr nur auf den transatlantischen Raum bezogen, wie etwa der sogenannte Pivot to Asia unter Barack Obama zeigt. Zudem stehen heute ganz andere Waffensysteme zur Verfügung, was sowohl die Reichweite als auch die Genauigkeit betrifft. Dies ist einerseits hilfreich in Abschreckungsstrategien, bedeutet jedoch auch, dass es wesentlich schwieriger geworden ist, Abschreckung so auszutarieren, dass ein größtmögliches Maß an Stabilität bewahrt werden kann.

Bislang musste sich Europa – und insbesondere Deutschland – kaum mit nuklearen Fragen und Abschreckung befassen. Dafür sorgten in erster Linie die USA mit ihren Sicherheitsgarantien, die zudem den intellektuellen Rahmen zur Verfügung stellten, innerhalb dessen in der NATO über nukleare Abschreckung diskutiert wurde. Wichtig dabei ist, zunächst zwei Dinge zu unterscheiden: die nukleare Teilhabe einerseits und amerikanische Sicherheitsgarantien andererseits.

Die nukleare Teilhabe im Rahmen der NATO dient dem Zweck der erweiterten Abschreckung und existiert seit 1957. Konkret bedeutet dies, dass amerikanische Atomwaffen – gegenwärtig sogenannte B-61-Bomben – in fünf Mitgliedsländern stationiert sind: Niederlande, Belgien, Italien, Türkei und Deutschland. Sollte die NATO im Rahmen eines Konflikts einen Nukleareinsatz durchführen, würden die B-61-Waffen von Flugzeugen der Bündnispartner, den sogenannten DCAs (Dual Capable Aircraft, also konventionell wie nuklear nutzbare Flugzeuge), über den festgelegten Zielen abgeworfen. In Deutschland ist dies der Tornado, und zukünftig der F-35. Ein Nukleareinsatz kann jedoch erst durchgeführt werden, nachdem die Nukleare Planungsgruppe (NPG) der NATO konsensual ihre ausdrückliche politische Zustimmung erteilt hat und die Genehmigungen des US-Präsidenten und des britischen Premierministers vorliegen. Den tatsächlichen militärischen Nutzen just jener B-61-Bomben kann man angesichts der vielen anderen – und im Falle eines Krieges vermutlich deutlich relevanteren – Alternativen im amerikanischen Arsenal durchaus kritisch hinterfragen. Jedoch hat die nukleare Teilhabe, jenseits der rein militärischen Dimension, noch zwei weitere wichtige Aspekte. Zum einen stellt sie eine starke politisch-symbolische Untermauerung des amerikanischen Engagements für Europas Sicherheit dar. Zum anderen darf man auch deren Beitrag zur Nichtverbreitung von Kernwaffen nicht unterschätzen: Dank der amerikanischen Sicherheitsgarantien und der nuklearen Teilhabe schwanden für viele europäischen Staaten die Anreize, nach eigenen Nuklearwaffen zu streben.

Derzeit scheint es seitens der USA keine Überlegungen zu geben, die nukleare Teilhabe im Rahmen der NATO zu beenden. Sollten sich die transatlantischen Beziehungen jedoch weiter verschlechtern, ist auch ein solcher Schritt womöglich nicht auszuschließen. Zudem ist der Trend zum amerikanischen Rückzug bei den konventionellen Kräften deutlich.

Noch bedeutsamer als die nukleare Teilhabe aber sind die amerikanischen Sicherheitsgarantien. Diese sind von der nuklearen Teilhabe unabhängig. Aus diesem Grund gilt Artikel 5 des Nordatlantikvertrages nicht nur für die Mitgliedstaaten, die in die nukleare Teilhabe einbezogen sind, sondern für alle Bündnispartner: Ein Angriff auf einen oder mehrere gilt als Angriff auf alle. Auch wenn der Vertrag dies nicht ausdrücklich erwähnt, gelten die USA als der bedeutendste NATO-Mitgliedsstaat. Die NATO wird daher oft als Rahmenwerk für amerikanische Sicherheitsgarantien gesehen. Sicherheitsgarantien jedoch wirken nur dann, wenn sie glaubwürdig sind. Was in Verträgen und juristischen Dokumenten festgehalten ist, mag zwar wichtig sein, ist aber nicht unbedingt politisch entscheidend. Die Glaubwürdigkeit von Sicherheitsgarantien beruht auf zwei Faktoren: Fähigkeit und politischer Wille. Ein Staat, der einem anderen Staat Sicherheitsgarantien gewährt, muss zunächst über die militärischen Fähigkeiten verfügen, wirksam gegen einen Angreifer vorzugehen. Wenn von Anfang an klar ist, dass der Garant gegen den Angreifer keine Chance hat, geht die abschreckende Wirkung der Sicherheitsgarantien verloren. Militärische Fähigkeiten allein reichen jedoch nicht aus. Mindestens ebenso wichtig ist der politische Wille des Garanten, im Falle einer Sicherheitskrise angemessene Maßnahmen zu ergreifen. Diese politische Unsicherheit ist seit Gründung der NATO 1949 ein zentrales Thema innerhalb des Bündnisses, insbesondere im Hinblick auf die nukleare Abschreckung: Würden die USA wirklich Boston für Berlin opfern? Charles de Gaulle beispielsweise hielt dies für so unwahrscheinlich, dass er den Bau einer eigenen, rein französischen Atombombe vorantrieb. Im Großen und Ganzen galten die Sicherheitsgarantien der USA jedoch während des gesamten Kalten Krieges als glaubwürdig, insbesondere was ihre konventionelle Untermauerung betraf. Dieses amerikanische Engagement ist natürlich nicht nur durch gemeinsame Werte zu erklären – die USA hatten auch schlicht ein klar definiertes Interesse daran, die Sowjetunion in Schach zu halten.

Was jahrzehntelang währte, hat sich seit der Rückkehr Donald J. Trumps in Weiße Haus 2025 geändert. Zusehends schwindet in Europa das Vertrauen in amerikanische Sicherheitsgarantien. Die Rhetorik von Trump selbst, aber auch von anderen Vertretern der US-Regierung wie Vizepräsident JD Vance oder Unterstaatssekretär im US-Verteidigungsministerium Elbridge Colby, führt dazu, dass sich viele ernsthaft fragen, ob nicht eine Alternative zu amerikanischen Sicherheitsgarantien vonnöten ist. Laute Kritik an der NATO und einzelnen Verbündeten, aber beispielsweise auch die offene Androhung von Gewalt in der Grönlandfrage seitens der USA, haben europäische Regierungen erschüttert.

Großbritannien und die NATO

Ob diese Sorgen berechtigt sind, ist derzeit schwer abzuschätzen. Die Signale aus Washington sind widersprüchlich. Klar ist, dass sich Europa in Bezug auf nukleare Abschreckung anders positionieren wird – mal mit amerikanischer Beteiligung, mal ohne. Derweil verändert sich die „nukleare Landschaft“ Europas bereits. Zu diesen Veränderungen gehören die 2025 angekündigte Rückkehr einer luftgestützten Komponente nach Großbritannien im Rahmen der nuklearen Teilhabe in der NATO, für die die britische Regierung zudem zwölf F-35-Flugzeuge anschaffen wird. Zuletzt stützte sich Großbritanniens nukleare Teilhabe lediglich auf U-Boote. Zudem gibt es Berichte, laut derer wieder amerikanische Atomwaffen am Luftwaffenstützpunkt Lakenheath in Großbritannien stationiert wurden. Ebenso soll auch Deutschland sein Interesse an einer engeren Zusammenarbeit mit Großbritannien bekundet haben, insbesondere im konventionellen Bereich. Dass dies einen Beitrag zur Finanzierung der nuklearen Abschreckung beinhalte, wurde jedoch von der Bundesregierung dementiert.

Die „Financial Times“ wiederum berichtete im Juni 2026, dass die USA derzeit die Ausweitung der nuklearen Teilhabe mit anderen Verbündeten diskutierten. Diesen Medienberichten zufolge sind es Länder an der sogenannten NATO-Ostflanke, die Interesse an Stützpunkten mit nuklearfähigen Flugzeugen haben, darunter Polen und die baltischen Staaten.

Allen diesen Maßnahmen und Ideen ist gemein, dass sie nicht unabhängig von den USA sind. Selbst wenn Großbritannien eigene Fähigkeiten entwickeln wollen sollte, dauert die Umsetzung Jahre. Sollten sich die transatlantischen Beziehungen weiter verschlechtern, stellt sich daher die Frage nach der Dauerhaftigkeit des amerikanischen Engagements und der Glaubwürdigkeit amerikanischer Sicherheitsgarantien.

Der französische Vorschlag

Die einzige unabhängige europäische Nuklearmacht ist Frankreich. Auch Frankreich investiert in seine nukleare Abschreckung und plant eine Vergrößerung seines Arsenals. Großbritannien und Frankreich haben zudem in ihrer Northwood-Erklärung von 2025 eine engere Zusammenarbeit in Nuklearfragen vereinbart.

Am 2. März 2026 hat Präsident Macron zudem eine viel beachtete Rede zur nuklearen Abschreckung gehalten und darin erneut die europäische Dimension betont. Reden des Präsidenten sind das Format, in dem üblicherweise einmal pro Amtszeit die öffentliche Version der französischen Nukleardoktrin dargelegt wird (anders als etwa in den USA, wo dies in Form offizieller Dokumente geschieht). Macrons Rede muss daher im Zusammenhang mit früheren Reden zum Thema gesehen werden. Bereits im Februar 2020 forderte er in seiner ersten Rede zur französischen Nuklearpolitik die europäischen Verbündeten zu einem strategischen Dialog über die Rolle der nuklearen Abschreckung für die Sicherheit Europas und dessen kollektive Verteidigung auf. Damals stieß er jedoch auf geringes Interesse, und die kurz darauffolgende Corona-Pandemie trug sicherlich dazu bei, dass die Prioritäten der Partner anderswo lagen. Angesichts der verschlechterten Sicherheitslage und der Zweifel an amerikanischen Sicherheitsgarantien stehen die Dinge heute anders. Nun zeigen die europäischen Verbündeten Interesse an dem Angebot Frankreichs. Worin das Angebot allerdings genau besteht, bleibt jedoch zumindest öffentlich eher unklar. Fest steht, dass nukleare Teilhabe an französischen Atomwaffen nach amerikanischem Vorbild nicht zur Debatte steht. Auch wird weiterhin alleine der französische Präsident Entscheidungen über den Einsatz von Kernwaffen treffen. Angedacht ist aber beispielsweise die Beteiligung Verbündeter an Übungen.

Die aus europäischer Sicht wichtigste Ankündigung in Macrons Rede vom März ist das Konzept der „dissuasion avancée“, das sich mit „Vorwärtsabschreckung“ übersetzen lässt. Macron nannte diesbezüglich keine wesentlichen Details, doch geht es um die mögliche Stationierung von Rafale-Flugzeugen mit Nuklearfähigkeit auf dem Territorium der europäischen Verbündeten. Derzeit ist bekannt, dass zehn Länder Gespräche mit Frankreich führen und eine Beteiligung an dieser vorverlegten Abschreckung in Betracht ziehen: das Vereinigte Königreich, Deutschland, Polen, die Niederlande, Belgien, Griechenland, Schweden, Dänemark und Norwegen.

Ein weiterer Bestandteil des Vorschlages sind Konsultationen mit den Partnerländern, in denen Fragen der Nuklearpolitik, des Umgangs mit Eskalationen und der Kommunikation in Krisenfällen („nuclear signalling“) erörtert werden sollen. Dies steht im Einklang mit dem seit langem von Frankreich verfolgten Ziel, sich für eine gemeinsame strategische Kultur in Europa einzusetzen. Geplant ist zudem eine besonders enge Zusammenarbeit mit Großbritannien – seit 2010 auf Grundlage der Lancaster House-Vereinbarungen, und nun vertieft infolge der Northwood Declaration – und Deutschland. Und schließlich veröffentlichten Frankreich und Deutschland am Tag der Rede vom 2. März eine Gemeinsame Erklärung von Präsident Macron und Bundeskanzler Merz, in der sie eine fortan engere deutsch-französische Kooperation in Abschreckungsfragen öffentlich machten. Unter anderem wollen Paris und Berlin in einer Nuklear-Steuerungsgruppe zusammenarbeiten. Im Juli 2026 kam es erstmals zu einer gemeinsamen Übung, bei der nuklearfähige französische Rafale und deutsche Eurofighter in der Luft betankt wurden.

Auch wenn es viel diskutiert wird: Wirklich revolutionär ist das französische Angebot nicht. Vielmehr könnte man die aus dem Vorschlag resultierende praktische Zusammenarbeit als Konkretisierung des langjährigen Diskurses in Paris interpretieren. Dass Frankreichs vitale Interessen und nukleare Abschreckung eine „europäische Dimension“ haben, betonen französische Präsidenten seit Jahrzehnten. Dass im Falle eines Angriffs auf einen europäischen Verbündeten französische vitale Interessen unberührt blieben, war nie denkbar.

Macrons Angebote an seine Partner in Europa sind somit keine Abweichung von langjähriger Rhetorik. Sie stellen auch keinen Ersatz für amerikanische Sicherheitsgarantien dar, und vor allem sind sie kein nuklearer Schutzschirm. Außer Frage steht zudem, dass auch in Zukunft jegliche Entscheidungsgewalt ausschließlich beim französischen Präsidenten liegen wird.

Keine guten Lösungen

Der französische Vorschlag löst somit nicht das grundlegende Problem: Was tun, falls man sich nicht mehr auf amerikanische Sicherheitsgarantien verlassen kann? Angesichts der russischen Bedrohung, dem Anspruch das Abschreckungspotenzial gegenüber Russland zu erhöhen und der Rolle, die Kernwaffen in diesem Zusammenhang spielen, erscheint nukleare Abschreckung für Europa – trotz aller ethischen Bedenken angesichts der katastrophalen Folgen eines Kernwaffeneinsatzes – tatsächlich notwendig. Wie dies jedoch im europäischen Kontext gelingen kann, ist eine offene Frage, für die es keine guten Lösungen gibt.

Eine gesamteuropäische Lösung ist illusorisch. Die sogenannte „Eurobombe“ taucht zwar immer wieder in der Debatte auf, doch umsetzbar ist die Idee kaum. Mit einer gemeinsamen europäischen nuklearen Abschreckung bräuchte Europa auch eine gemeinsame Nuklearpolitik, gemeinsame Kommunikation in Friedens- und Krisenzeiten, und vor allem einen Konsens über den möglichen Einsatz und seine Modalitäten. Im Krisenfall müssten Entscheidungen zudem mit äußerst kurzer Bedenkzeit gefasst werden, die sich in Minuten berechnet. Auch wenn sich Sicherheitspolitik in Europa seit 2022 rasant verändert hat, scheint es doch äußerst unwahrscheinlich, dass die europäischen Regierungen diesen Anforderungen gemeinsam gewachsen sind.

Auch eine rein deutsche Lösung wäre keine gute Idee. Etliche Hindernisse stehen der Entwicklung deutscher Kernwaffen im Weg, politisch wie rechtlich. Aus gesamteuropäischer Sicht stellt sich zudem die Frage, wie sich ein nuklear bewaffnetes Deutschland auf das geopolitische Gleichgewicht auf dem Kontinent auswirken würde.

Und auch die vermeintlich naheliegendste Lösung – französische Sicherheitsgarantien – ist alles andere als unproblematisch. Zum jetzigen Zeitpunkt ist die Diskussion darüber zwar rein hypothetisch, Herausforderungen entstünden dabei aber aus militärischer wie aus politischer Sicht. Militärisch stellt sich die Frage, inwieweit Deutschland und die deutsche Öffentlichkeit die französische Nukleardoktrin mittragen können und wollen. Das vergleichsweise kleine Arsenal von derzeit rund 300 Sprengköpfen mag zwar auf den ersten Blick weniger bedrohlich aussehen als jene Russlands oder der USA. Allerdings erlaubt dieses kleine Arsenal Frankreich im Grunde nicht, kleinere Zwischenschritte hin zur totalen nuklearen Eskalation zu gehen, begrenzte Atomschläge sind kaum möglich.

Fundamentale Abhängigkeiten zwischen europäischen Ländern hätten sicherlich Auswirkungen auf sicherheitspolitische Dynamiken in Europa allgemein. Dies ist insbesondere dann anzunehmen, wenn einer der beiden europäischen Hauptakteure – Deutschland – für sein Überleben im Wesentlichen vom anderen – Frankreich – abhängig wäre. Unter den gegenwärtigen Umständen, in denen die Existenz der Bundesrepublik nicht grundsätzlich bedroht ist, mag diese Frage keine allzu große Rolle spielen. Sollten jedoch Szenarien Wirklichkeit werden, in denen das Überleben tatsächlich auf dem Spiel steht, könnten die altbekannten sicherheitspolitischen Inkompatibilitäten zwischen Deutschland und Frankreich vollends zutage treten. So stritten Deutschland und Frankreich zum Beispiel jahrelang über Antiterroreinsätze in Afrika, und auch gemeinsame Rüstungsprojekte – wie zuletzt das Kampfjet-Projekt FCAS – waren selten von Erfolg gekrönt. Auch passen die politischen Systeme schlecht zusammen: Parlamentsvorbehalt in Deutschland, sehr viel Entscheidungsgewalt beim Präsidenten in Frankreich. Entscheidungsfindung und gemeinsames Handeln stünden dann vor großen Herausforderungen. Natürlich lässt sich behaupten, dass derartige Szenarien äußerst unwahrscheinlich sind. Allerdings ist das im gegebenen Zusammenhang kein stichhaltiges Argument: Könnte das Überleben der Bundesrepublik niemals in existentielle Gefahr geraten, bräuchte man überhaupt nicht über nukleare Abschreckung nachzudenken.

Die Frage nach innereuropäischen Sicherheitsdynamiken stellt sich umso mehr in einer Zeit, in der nicht ausgeschlossen ist, dass nationalistische Kräfte an die Macht kommen – in Frankreich, Deutschland oder anderswo. Aber auch wenn Frankreich von einem gemäßigten beziehungsweise in einem europäischen Sinne handelnden Präsidenten regiert wird, ist die Frage, ob beispielsweise Deutschland eine solche Abhängigkeit – insbesondere ohne großes Mitspracherecht – auf Dauer akzeptieren würde. Das Verhältnis zu den USA ist natürlich ebenfalls von Abhängigkeit geprägt. Allerdings ist diese Beziehung derart asymmetrisch, dass die Abhängigkeit offenbar besser auszuhalten ist. Mit Frankreich sieht man sich jedoch auf Augenhöhe. Im absoluten Ernstfall das eigene Überleben von Paris abhängig zu machen, dürfte nicht jedem in Deutschland schmecken.

Übergeordnete Sicherheitsfragen

Wenn es um nukleare Sicherheit geht, ist Abschreckung nicht der einzige Baustein. Deutschland und Europa haben weiterhin ein starkes Interesse daran, die Verbreitung von Kernwaffen zu verhindern. Dies gilt auch innerhalb Europas. Nichtverbreitung ist stets ein wichtiges Element der nuklearen Teilhabe nach amerikanischem Modell gewesen: Wenn man einen nuklearen Schutzschirm bietet, haben Verbündete keinen Grund mehr, eigene Atomwaffen zu entwickeln. Angesichts aktueller Debatten in Deutschland, Polen oder auch in den nordischen Ländern tritt dieser Aspekt nun wieder in den Vordergrund. Es ist anzunehmen, dass Macrons Angebot auch einen Versuch darstellt, die Verbreitung von Kernwaffen in Europa zu verhindern. Dass die französischen Vorschläge ausreichen, um Überlegungen über nationale Kernwaffenprogramme überflüssig zu machen, ist allerdings nicht sicher. Es ist davon auszugehen, dass das französische Angebot in vielen Hauptstädten zwar auf großes Interesse stößt, jedoch – zurecht – nicht als echte Sicherheitsgarantie aufgefasst wird.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist zudem, was nukleare Dynamiken in Westeuropa für das Abschreckungsverhältnis mit Russland bedeuten. Abschreckung geht unausweichlich mit einem Sicherheitsdilemma einher: Maßnahmen, die die NATO-Länder ergreifen, um die eigene Sicherheit zu erhöhen, werden in Russland als Bedrohung wahrgenommen (und umgekehrt). Ein Mehr an Abschreckung auf einer der beiden Seiten hat somit Auswirkungen auf die Sicherheitslage insgesamt. Eine verstärkte europäische Zusammenarbeit in Nuklearfragen, oder gar die Ausweitung von Arsenalen oder eine größere Anzahl an Nuklearstaaten, dürfte die Sichtweise Russlands auf die militärischen Aktivitäten der atomar bewaffneten NATO-Mitglieder in der Region verändern – auch wenn die französischen und britischen Abschreckungsmittel für Moskau vorerst offenbar eine vergleichsweise untergeordnete Rolle spielen.

Abschreckung ist komplex

Russland abzuschrecken ist das gegenwärtige Ziel intensiverer Zusammenarbeit unter europäischen Staaten, wobei Moskau selbstredend keine Mitsprache haben kann. Dennoch hätte eine veränderte Sichtweise in Russland auf beispielsweise die französischen Kernwaffen und entsprechende Gegenreaktionen, sowie eine veränderte russische Bedrohungswahrnehmung, unweigerlich Auswirkungen auf das Sicherheitsumfeld Europas. Diese Auswirkungen gilt es genau zu untersuchen und in die eigene Analyse zu integrieren.

Wie Europa Russland am besten abschrecken kann, ist daher keine einfach zu beantwortende Frage. Die nukleare Abschreckung spielt dabei eine wichtige Rolle. Eine Wunderlösung sind Kernwaffen jedoch auf keinen Fall. Veränderungen in der nuklearen Landschaft Europas können sich durchaus auch negativ auf die Sicherheitslage auswirken. Dies gilt es genau zu bedenken.

In schwierigen Zeiten, in denen Dialog mit Russland kaum möglich ist oder keine Option darstellt, muss das Ziel Stabilität lauten. Die beste Lösung für Europa ist daher diejenige, die am wenigsten negative Auswirkungen auf das nukleare Gleichgewicht hat. Dies gilt zunächst ganz allgemein für Dynamiken, die ein Wettrüsten befeuern und somit Instabilität befördern. Die Bewahrung des nuklearen Gleichgewichts ist jedoch auch in konkreten militärischen Krisensituationen mit nuklearem Eskalationspotenzial essentiell, da andernfalls eine der beiden Seiten keinen anderen Ausweg mehr sehen oder sich von einem erstarkenden Ungleichgewicht Vorteile versprechen könnte. Keine dieser gefährlichen Dynamiken lässt sich vollends kontrollieren. Eine stabile Lage, in der keine Seite einen Anreiz zum Erwerb neuer Waffen oder zum Einsatz von Kernwaffen hat, ist daher ein hohes Gut. Strategische Stabilität leichtfertig aufs Spiel zu setzen, wäre ein großer Fehler. Sie zu bewahren sollte gerade in sicherheitspolitisch schwierigen Zeiten das wichtigste Ziel sein.