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Der Iran-Krieg und die nukleare Ordnung Eine nichtverbreitungspolitische Katastrophe

Oliver Meier

/ 14 Minuten zu lesen

Der Krieg der USA und Israels gegen Iran hat vielfältige nukleare Facetten. Bisher scheint er die Welt weiter von einer nachhaltigen Lösung des Konflikts um das iranische Atomprogramm entfernt und Proliferation langfristig befördert zu haben.

Der Krieg zwischen Israel, den USA und Iran hat vielfältige nukleare Facetten. Die Atomwaffenbesitzer Israel und USA haben die Angriffe auf den Nichtatomwaffenstaat Iran im Juni 2025 und seit Februar 2026 damit begründet, eine iranische Atomwaffe verhindern zu wollen. Die Angriffe wurden begleitet von nuklearen Drohgebärden des amerikanischen Präsidenten Donald Trump und von iranischen Überlegungen, eigene Atomwaffen zu entwickeln. Nuklearanlagen in Iran und Israel waren Angriffsziele der Kriegsparteien.

Welche Auswirkungen haben die israelisch-amerikanischen Angriffe auf das iranische Atomprogramm und das Streben Irans nach Atomwaffen? Wie hat der Krieg die Sicht wichtiger Regionalstaaten auf Atomwaffen und die nukleare Abschreckung verändert? Und welche Folgen haben die Angriffe für internationale Bemühungen um die Kontrolle von Atomwaffen?

Da der militärische Konflikt aktuell andauert, bleiben wichtige Fragen offen. Als Zwischenbilanz lässt sich jedoch der Schluss ziehen, dass der Krieg am Golf eine nachhaltige Lösung des Konflikts um das iranische Atomprogramm zusätzlich erschwert hat und Proliferation, also die weitere Verbreitung von Atomwaffen, langfristig befördert.

Dieser vorläufige Befund bestätigt wissenschaftliche Forschungsergebnisse zur „Counterproliferation“, also Versuchen, Nuklearprogramme durch den Einsatz militärischer Gewalt zu stoppen. Solche Militäraktionen waren äußerst selten erfolgreich: Von neun seit dem Zweiten Weltkrieg durchgeführten Counterproliferation-Aktionen hat einzig der israelische Angriff auf einen im Bau befindlichen syrischen Schwerwasserreaktor 2007 militärische Nuklearaktivitäten dauerhaft beendet.

Eine Zwischenbilanz des aktuellen Krieges offenbart dieselben, bereits in der Forschung identifizierten Gründe für das Scheitern bisheriger Counterproliferation-Militäraktionen: die fehlende Legitimität der Angriffe, mangelnde Informationen über strategische Ziele, der Verlust von Wissen über den Verbleib von Nuklearexpertise und -technologie in der Folge von Angriffen, immense Folgekosten und politische Verhärtungen im angegriffenen Land. All dies führte in der Vergangenheit in der Regel dazu, dass die angestrebten nichtverbreitungspolitischen Ziele verfehlt wurden. Vielmehr kam es oft zu gegenläufigen Effekten, die Nichtverbreitungsbemühungen unterminierten und der Verbreitung von Atomwaffen Vorschub leisteten.

Vor dem Hintergrund der seit Ende Februar andauernden Blockade der Straße von Hormus und der geografischen Ausweitung des Iran-Krieges ist das ursprünglich im Zentrum stehende Problem der Kontrolle des iranischen Atomprogramms in den Hintergrund gerückt. Was aber können Deutschland und Europa im Angesicht dieser Gemengelage tun, um die Nukleardiplomatie mit Iran wieder zu beleben und zu einer einvernehmlichen Regelung zu führen, die die Proliferation von Atomwaffen dauerhaft verhindert?

Zweifelhafte Begründung der Angriffe

Israel hat seinen Angriff auf Iran am 13. Juni 2025 mit einer unmittelbaren Bedrohung des Landes durch das iranische Atomprogramm begründet und in der Folge des sogenannten Zwölftagekriegs neben militärischen Zielen und Infrastruktureinrichtungen auch eine Reihe iranischer Atomanlagen bombardiert.

Die USA griffen am 22. Juni 2025 in den Konflikt ein und führten massive Luftschlägen gegen drei iranische Atomanlagen durch (Operation „Midnight Hammer“). Sie rechtfertigten die Angriffe mit dem Recht auf Selbstverteidigung, um sich selbst und Israel vor einer nuklearen Bedrohung durch Iran zu schützen. Ähnlich war auch die Begründung für die während der Operation „Epic Fury“ (Ende Februar bis Anfang Mai 2026) erfolgten Luftschläge. Es habe eine „unmittelbare und gegenwärtige Gefahr“ („immediate and present danger“) für die Existenz des Staates Israel bestanden, die durch die Angriffe abgewendet wurde. Die USA führen weiterhin militärische Operationen gegen Iran durch, wenn auch in geringerer Intensität.

Diese Argumentation ist nicht schlüssig. Es gab keine belastbaren Belege, dass Iran zum Zeitpunkt der Angriffe ein aktives Nuklearwaffenprogramm besaß, geschweige denn bereits über solche Waffen verfügte.

Im Mai 2025, also kurz vor Beginn des Zwölftagekriegs, hatte der Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO), Rafael Grossi, in einem umfassenden Bericht über das iranische Atomprogramm festgestellt, dass die Wiener Behörde keine glaubwürdigen Hinweise auf ein geheimes, strukturiertes militärisches iranisches Nuklearwaffenprogramm habe.

Die IAEO stellte allerdings eine Reihe kritischer Fragen bezüglich iranischer Nuklearaktivitäten und des Verbleibs von Spaltmaterial an vier Atomanlagen. Diese Fragen bezogen sich auf verdächtige Aktivitäten Anfang der 2000er Jahre. Gleichzeitig hatte die IAEO bereits 2015 festgestellt, dass Iran sein militärisches Programm 2003 weitgehend eingestellt hatte, auch wenn einzelne, mit der Atomwaffenforschung im Zusammenhang stehende Aktivitäten möglicherweise bis 2009 weitergingen.

Ende der Nuklearkontrollen

Donald Trump erklärte 2018 den Austritt aus der 2015 abgeschlossenen Wiener Atomvereinbarung (Joint Comprehensive Plan of Action, JCPoA), fortan hielten die USA sich nicht mehr daran. Ab 2019 schränkte Teheran dann die Umsetzung der IAEO-Kontrollen sukzessive ein. Iran verletzte damit seine „Safeguardspflichten“ zur Offenlegung seiner Nuklearaktivitäten, wie der IAEO-Gouverneursrat im Juni 2025 erneut feststellte. Neben dem nur noch eingeschränkten Zugang befanden sich zu diesem Zeitpunkt zumindest einige Atomanlagen, wie die Anreicherungsanlage in Fordow und ein Schwerwasserreaktor in Arak sowie Uranbestände, weiter unter IAEO-Kontrolle.

Aus Sicherheitsgründen zog die IAEO ihre Inspektoren mit Beginn des Zwölftagekriegs dann ab. Die IAEO konnte seitdem zwar den Leichtwasserreaktor in Bushehr wieder inspizieren, die angegriffenen Atomanlagen jedoch nicht. Am 2. Juli 2025 unterzeichnete der iranische Präsident ein Gesetz, das die weitere Zusammenarbeit Teherans mit der IAEO untersagte. So hat die internationale Gemeinschaft seit den Angriffen nur noch einen sehr beschränkten Einblick in das iranische Atomprogramm.

Zerstörung iranischer Atomanlagen

„Iran will never have a nuclear weapon“ war das oft wiederholte Kriegsziel Donald Trumps. Unklar blieb, ob der amerikanische Präsident dieses Ziel durch Zerstörung iranischer Fähigkeiten zum Atombombenbau und/oder eine politische Abkehr Teherans vom Atomprogramm erreichen wollte.

Bisher hat Teheran zweimal rechtsverbindlich auf den Atomwaffenbesitz verzichtet. 1970 ratifizierte Teheran den Nuklearen Nichtverbreitungsvertrag (NVV) als Nichtatomwaffenstaat und verpflichtete sich damit, „Kernsprengkörper weder herzustellen noch sonstwie zu erwerben“. Im JCPoA, den der UN-Sicherheitsrat 2015 in seine Resolution 2231 übernahm, bekräftigte Iran, „dass es unter keinen Umständen jemals Kernwaffen anstreben, entwickeln oder erwerben wird.“

Nun legten Israel und die USA vor Beginn des Zwölftagekriegs keine Belege vor, dass Teheran diesen Verpflichtungen zuwidergehandelt hatte. Ihre Angriffe verfehlten aber das Ziel, das iranische Atomprogramm so zu schädigen, dass Iran objektiv nicht mehr in der Lage wäre, Aktivitäten zur Entwicklung einer Atombombe aufzunehmen.

Iran hatte bereits vor dem Krieg begonnen, Teile seines Atomprogramms vor Angriffen zu schützen. Nach Sabotageangriffen auf die Anreicherungsanlage Natanz 2020 und 2021 hatte Teheran den Bau einer neuen, tief unter der Erde gelegenen Nuklearanlage beschleunigt. Über diese Einrichtung (Kūh-e Kolang Gaz Lā, meist mit „Pickaxe Mountain“ bezeichnet) ist wenig bekannt, auch weil sie internationalen Inspektoren bisher verschlossen blieb. Irans Spaltmaterial und Technologie zur Urananreicherung könnte sich also in Pickaxe Mountain befinden.

Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht dabei der Verbleib von rund 450kg auf 60 Prozent angereichertem Uran. Diese Menge reicht aus, um acht bis zwölf Atomsprengköpfe herzustellen. Eine weitere Anreicherung auf 90 Prozent würde nur wenige Wochen in Anspruch nehmen, wenn geeignete Anlagen vorhanden sind. Iran behauptet, das Material liege unzugänglich in einer zerstörten Anlage. Die IAEO konnte dies aber bisher nicht überprüfen, und so bleibt das hochangereicherte Material einer der iranischen Trümpfe in Verhandlungen mit den USA.

Mowing the grass

Aber hat der Krieg das iranische Atomprogramm zumindest so weit zurückgeworfen, dass Teheran nun maßgeblich länger brauchen würde, um in den Besitz von Atomwaffen zu gelangen? Die israelische Kriegsstrategie zielt genau darauf ab und wird gelegentlich mit der Analogie des „Rasenmähens“ („mowing the grass“) beschrieben.

Der JCPoA war darauf angelegt, die sogenannte Ausbruchszeit des Iran – definiert als der Zeitraum, den Iran für die Herstellung von Spaltmaterial für mindestens eine Atomwaffe bräuchte – von zwei Monaten auf mindestens zwölf zu verlängern. Dieses Ziel war Anfang 2017 erreicht. Nachdem Iran in der Folge des US-Austritts aus dem JCPoA seine Anreicherungskapazitäten wieder hochfuhr, verkürzte sich die Ausbruchszeit wieder.

Bereits vor dem Juni 2025 soll Israel iranische Atomwissenschaftler getötet und Nukleareinrichtungen sabotiert haben, allerdings ohne dass dies erkennbar zu Verzögerungen im iranischen Atomprogramm geführt hätte.

US-Geheimdienste sollen nach dem Zwölftagekrieg zu dem Schluss gekommen sein, dass Iran nun bis zu einem Jahr brauchen würde, um genug Uran für eine Atomwaffe anzureichern. Berichten zufolge habe sich die Ausbruchszeit durch die Angriffe ab Februar 2026 aber nicht weiter verlängert.

Die iranische Ausbruchszeit scheint also nach den militärischen Angriffen Israels und der USA genauso so lang zu sein, wie sie es vor dem US-Austritt aus dem JCPoA 2018 war.

Von Hardlinern zu Superhardlinern

Den USA ging es in dem Krieg auch um einen politischen Wandel in Teheran. Im Zuge ihrer (gemeinsamen) Militäroperationen töteten die USA und Israel große Teile der iranischen Führung durch gezielte Luftschläge, darunter auch den Obersten Führer Ajatollah Ali Chamenei. In seiner Rede zum Beginn der Operation „Epic Fury“ am 28. Februar 2026 forderte der US-Präsident das iranische Volk auf, die Regierung nach dem Ende des Kriegs zu übernehmen („When we are finished, take over your government, it will be yours to take“).

Die mit einem „regime change“ zusammenhängenden Ziele blieben unklar. Israel und die USA scheiterten etwa mit Plänen, den früheren iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadineschad im Laufe des Kriegs als Regierungschef zu installieren. Ahmadineschad hatte in seiner Amtszeit (2005–2013) nicht nur die iranische Opposition brutal unterdrückt, sondern war auch ein nuklearer Hardliner gewesen, der Verhandlungen mit den USA ablehnte. Mit einem möglichen Plan, Iran von einem Streben nach Atomwaffen durch politischen Wandel abzubringen, passte dieser Plan also ebenso wenig zusammen wie mit der Demokratieförderung.

Die Ausschaltung großer Teile der iranischen Führung hatte hingegen zwei kontraproduktive Effekte auf die Nukleardiplomatie: Zum einen verhärtete sich die iranische Nuklearpolitik weiter. Modschtaba Chamenei wurde im März 2026 zum neuen Führer Irans ernannt – er und wichtige Gefolgsleute sollen einer iranischen Atombombe gegenüber allerdings offener eingestellt sein, als die vorherige Führung unter seinem Vater.

Zum anderen erschwerten die amerikanischen Angriffe die Nukleardiplomatie praktisch. Überlebende iranische Regierungsvertreter fürchteten in der Folge des Krieges ebenfalls umgebracht zu werden, sollten sie ihren Aufenthaltsort offenbaren. Die USA hatten deshalb Schwierigkeiten, überhaupt iranische Ansprechpartner zu finden und wandten sich sogar an die kurdische Führung im Irak, um Gesprächskanäle zu den iranischen Revolutionsgarden herzustellen.

Diplomatie unter Kriegsbedingungen

Was bleibt, ist eine grundsätzliche Skepsis Irans gegenüber Verhandlungen mit den USA, weil die israelischen und amerikanischen Angriffe kurz nach beziehungsweise während laufender Gespräche stattfanden. Teheran fühlte sich durch Washington getäuscht.

Nur zwei Tage vor Beginn der Operation „Epic Fury“, am 26. Februar 2026, hatten Iran und die USA Nuklearverhandlungen in Genf beendet und unter Vermittlung Omans weitere technische Verhandlungen für die Folgewoche vereinbart. Als klar wurde, dass ein Krieg drohte, wandte sich der omanische Außenminister Badr Albusaidi am 27. Februar in einem dramatischen Appell an die Öffentlichkeit und argumentierte, dass nach seiner Einschätzung ein Friedensabkommen in Reichweite sei. Am nächsten Tag begann die Operation „Epic Fury“.

Teheran beschuldigte Washington in der Folge immer wieder, Verhandlungen nur geführt zu haben, um deren vermeintliches Scheitern als Vorwand für Militärschläge zu nutzen. Die Nukleardiplomatie zwischen den USA und Iran kam nur langsam und unter Vermittlung Pakistans und anderer Drittstaaten wieder in Gang. Die am 17. Juni 2026 ausgehandelte Rahmenvereinbarung von Islamabad vertagte alle nuklearen Fragen auf einen späteren Zeitpunkt und erwies sich ohnehin als so vage, dass der vereinbarte Waffenstillstand schnell hinfällig war. Verhandlungen über eine Beilegung des Nuklearstreits sind seitdem nicht in Sicht.

Regionale Proliferation

Der Krieg gegen Iran veränderte auch die regionale Sicherheitslage und beeinflusst die Wahrnehmung von Atomwaffen und der nuklearen Abschreckung im Nahen und Mittleren Osten.

Die amerikanischen Angriffe auf Iran, ebenso wie die iranischen Gegenangriffe auf Golfstaaten und Israel haben dazu geführt, dass wichtige Regionalstaaten amerikanischen Sicherheitsgarantien immer weniger vertrauen. Diese suchen Sicherheit nun vermehrt allein oder untereinander und eruieren dabei auch nukleare Kooperationen.

So unterschrieben Mitte September 2025 Vertreter Pakistans und Saudi-Arabiens in Riad ein bilaterales Verteidigungsbündnis. Dies enthielt zwar keine nukleare Beistandsklausel. Allerdings sprach der pakistanische Verteidigungsminister am Tag der Unterzeichnung davon, dass im Rahmen der Vereinbarung Saudi-Arabien nukleare Fähigkeiten „zur Verfügung gestellt“ würden. Pakistan besitzt schätzungsweise rund 170 nukleare Sprengköpfe.

Im August 2026 schlossen Pakistan, Saudi-Arabien und die Türkei den trilateralen Mekka-Pakt. Das Abkommen enthält eine nur vage formulierte Beistandsklausel, und es ist unklar, ob der Pakt eine nukleare Dimension hat – die regionale Sicherheitspolitik nimmt damit aber eine weitere neue Kontur an.

Am 22. Juli 2026 verkündete US-Präsident Trump zudem den Abschluss eines Abkommens mit Saudi-Arabien über die Lieferung von Nuklearanlagen und -technologie zur zivilen Nutzung. Die Vereinbarung enthält schwächere Auflagen in Bezug auf IAEO-Inspektionen als vergleichbare Vereinbarungen mit anderen Golfstaaten. Es soll Saudi-Arabien auch die Urananreicherung bis zu einem Grad von 20 Prozent erlauben.

Schwächung globaler Kontrollen

Über die regionale Sicherheitslage hinaus hat der Krieg gegen Iran Wirkungen und schädigt globale Bemühungen zur Kontrolle von Atomwaffen. Proliferationskandidaten werden den Krieg gegen Iran sicher aufmerksam beobachten. Einerseits, weil er mit der Begründung begonnen wurde, eine iranische Atombombe zu verhindern und andererseits, weil Iran damit gescheitert war, seinen Status als latente Atommacht in politisches Kapital umzumünzen und sich so vor Angriffen zu schützen. Sie dürften zu zwei Schlüssen gelangen: Wenn man Atomwaffen anstrebt, ist es, erstens, besser so lange wie möglich im Geheimen zu agieren und, zweitens, die Latenzphase zwischen dem Beschluss zur Entwicklung einer Atomwaffe und dem Atomwaffenbesitz möglichst kurz zu halten.

Entwicklungen dieser Art würden die internationale Atomwaffenkontrolle konterkarieren. Die IAEO etwa setzt darauf, die Verbreitung von Atomwaffen durch mehr Transparenz und eine Verlängerung der Ausbruchszeit zu verhindern.

Der Krieg gegen den Iran hat auch direkte Auswirkungen auf die multilaterale Nichtverbreitungsdiplomatie. Selbst vor nuklearen Erpressungsversuchen der USA bot das Atomprogramm keinen Schutz. Immer wieder bedrohte Trump den Iran zumindest implizit nuklear. Am 7. April 2026 etwa postete der amerikanische Präsident auf seiner Plattform Truth Social, dass in der folgenden Nacht „eine ganze Zivilisation sterben werde", sollte der Iran keinem Deal zustimmen.

Die Überprüfungskonferenz des NVV im April und Mai 2026 fand daher im Schatten nuklearer Drohungen Russlands (gegen die Ukraine) und der USA (gegen Iran) statt. Die Konferenz scheiterte vornehmlich an der Frage des Umgangs mit den Angriffen auf Iran. Am Ende war nur jener Absatz strittig, in dem die Vertragsparteien von Iran eine „zügige Einhaltung seiner Verpflichtungen“ durch eine „vollständige, zeitnahe und wirksame Umsetzung“ der IAEO-Sicherungsmaßnahmen forderten. Die USA wollten auf diese Formulierung nicht verzichten, während Iran nicht bereit war dies zu akzeptieren – und im Gegenzug eine klare Verurteilung der amerikanischen Angriffe forderte.

Auch die IAEO geht geschwächt aus der Auseinandersetzung hervor. Sie musste in der Folge der Angriffe Inspektoren aus Iran abziehen und konnte seitdem den Verbleib jener spaltfähigen Materialien nicht verifizieren, die zur Herstellung von Atomwaffen besonders geeignet sind.

Am 9. September 2026 forderte der IAEO-Gouverneursrat Iran erneut auf, seine Verpflichtungen im Hinblick auf die Kontrolle seines Atomprogramms zu erfüllen und überwies den Fall – erstmalig seit 2006 – zur weiteren Beratung an den UN-Sicherheitsrat. Damit gestand die IAEO das eigene Scheitern bei der Lösung des Konflikts um das iranische Atomprogramm ein. Daraufhin brachte das iranische Parlament unter Hinweis auf die IAEO-Entscheidung am 20. September ein Dringlichkeitsgesetz auf den Weg, das den Austritt Irans aus dem NVV zum Ziel hat.

Deutschland, Europa und das iranische Atomprogramm

Der Krieg gegen Iran, begonnen mit der zweifelhaften Begründung, die Welt vor einer unmittelbaren Bedrohung durch iranische Atomwaffen schützen zu müssen, hat dazu geführt, dass die iranische Führung einer nuklearen Bewaffnung vermutlich offener gegenübersteht. Gleichzeitig ist die Einhegung solcher Ambitionen massiv erschwert. Irans Nachbarn rüsten sich für eine Zeit, in der sie ihre Sicherheit stärker selbst gewährleisten müssen und erwägen dabei auch nukleare Optionen. Proliferationskandidaten dürften den Schluss ziehen, dass die Abschreckung durch den Besitz von Nuklearwaffen wirksamer ist, als Versuche, Interventionen durch die Drohung mit dem Atomwaffenerwerb zu verhindern.

Diese Entwicklungen sind weder im deutschen noch europäischen Interesse. Momentan aber verfolgen Deutschland und die Europäer den Konflikt nur von der Seitenlinie.

Grundsätzlich hat Europa Mittel, um wieder am Verhandlungstisch zu sitzen. Frankreich und Großbritannien sind Vetomächte im UN-Sicherheitsrat, der etwa eine Aufhebung der gegen Iran verhängten UN-Sanktionen beschließen könnte – als Anreiz, Iran wieder zu Verhandlungen zu bringen. Ein europäischer Beitrag zur Absicherung eines Waffenstillstands an der Straße von Hormus wiederum könnte als Hebel genutzt werden, um auf eine Regelung zum iranischen Atomprogramm Einfluss zu nehmen.

Langfristig muss es das Ziel Europas bleiben, durch eine Regelung das Vertrauen in die friedlichen Absichten hinter dem iranischen Nuklearprogramm wiederherzustellen. Das kann nachhaltig nur im Rahmen von internationalen Regeln und Verfahren erfolgen. Sogenannte Abrüstungskriege hingegen, die das Waffenpotenzial (insbesondere von Massenvernichtungswaffen) eines anderen Staates zerstören sollen, verhindern die nukleare Proliferation nicht, sondern befördern das Streben nach Atomwaffen.