If our little boy is beset by bullies,
we may teach him how to box,
but we do not give him a razor to carry
Im Streit über die atomare Abschreckung stehen sich zwei Lager unversöhnlich gegenüber: auf der einen Seite die kühlen, rationalen Anhänger eines Abschreckungssystems, wie es sich im Kalten Krieg (1947–1989) herausgebildet hatte. Ihnen zufolge hat die atomare Abschreckung jahrzehntelang gut funktioniert, einen heißen Krieg zwischen dem kommunistischen Ostblock und dem freien Westen verhindert, ja wegen des kostspieligen Wettrüstens vielleicht sogar den Zusammenbruch des totalitären Sowjetimperiums herbeigeführt. Und dieselbe Abschreckung sei, so die Idee der Vertreter dieses Lagers weiter, auch heute das Mittel der Wahl.
Auf der anderen Seite stehen die Mahner: Sie sagen, dass die damalige atomare Abschreckung ein Spiel mit dem Feuer gewesen sei; dass die Gefahr einer Auslöschung der menschlichen Zivilisation durch einen Atomkrieg weiterhin nicht vernachlässigt werden dürfe, denn sie steige seit einigen Jahren wieder an. Und dass es trotz oder gerade wegen der amerikanischen Unzuverlässigkeit im NATO-Bündnis das Beste für Deutschland und Europa sei, sicherheitshalber vollständig auf atomare Abschreckung zu verzichten.
Zwischen diesen beiden Lagern findet sich wohl die Mehrheit der Zeitgenossen, die von dem Thema am liebsten gar nichts hören will. Und in der Tat ist es psychologisch nur zu verständlich, die Augen vor der Tatsache zu verschließen, dass die Menschheit seit geraumer Zeit über technisch avancierte Mittel ihrer Selbstvernichtung verfügt, die anscheinend von einer überaus raffinierten, paradox anmutenden Logik in Schach gehalten werden. Eine derartige Haltung können wir uns jedoch spätestens seit der „Zeitenwende“ nicht mehr erlauben. Für die Sicherheit der nächsten Jahre müssen wir Entscheidungen von größter Tragweite treffen, und es stünde unseren Gemeinwesen gut zu Gesichte, wenn wir uns nach einer breit geführten Debatte wohlinformiert über die anstehenden Änderungen unserer Atomstrategie verständigten. Zu dieser – sich vielleicht doch noch entfaltenden – Debatte möchte ich einen gewagten Beitrag leisten. Meine hoffnungsfrohe und zugleich besorgte Botschaft lautet: Die Atomwaffen können und müssen weg.
Die spieltheoretische Vorhölle
Wenden wir zunächst den Blick auf den pessimistischen Teil meiner Botschaft, den ich durch Rückblick auf historische Tatsachen ausführlich untermauern möchte.
Es hat in Nordamerika während des Kalten Kriegs eine eingeschworene Gemeinschaft hochversierter Wissenschaftler gegeben, die das amerikanische Denken zur Atomstrategie mit modernsten mathematischen Mitteln unterfüttert haben.
Laut der damals boomenden Spieltheorie, die mit der ökonomischen Theorie der rationalen Entscheidung und dem Konzept des homo oeconomicus operiert, stehen sich im nuklearen Abschreckungssystem zwei rationale Akteure gegenüber, ganz wie in einem Spiel mit wohldefinierten Gewinnen beziehungsweise Verlusten als Folge sämtlicher Spielentscheidungen. Die Spieler maximieren unter Risiko ihr jeweiliges Eigeninteresse und gehen dabei davon aus, dass die Gegenseite genau derselben eigeninteressierten Rationalität folgt.
Im Lichte bestimmter Zusatzannahmen lässt sich dann ermitteln, welche Optionen für Nuklearschläge eine Atomsupermacht haben sollte, um die andere Atomsupermacht davon abzuhalten, einen nuklearen Erstschlag oder auch nur einen konventionellen Angriff zu wagen. Und man kann analysieren, unter welchen Bedingungen ein System zweier Atomsupermächte stabil ist, es also für keine der beiden Seiten rational ist, als erstes loszuschlagen.
Wenn jeder gleichermaßen imstande ist, den Gegner in einem ersten Angriff so umfassend zu zerstören, dass ihm keine militärischen Möglichkeiten zu einem Gegenangriff bleiben, dann ist das System instabil. In einer solchen Situation gewinnt derjenige, der als erster angreift, und so wäre es irrational, nicht anzugreifen und stattdessen zu riskieren, selber zum Opfer massiver Zerstörung zu werden. Das war die Situation in den 1950er Jahren, nachdem die Sowjets den Amerikanern im Wettrüsten mit Nuklearwaffen größter Sprengkraft nah genug auf die Fersen gekommen waren.
In dieser Lage haben die spieltheoretischen Stichwortgeber den Nuklearstrategen empfohlen, eine Zweitschlagkapazität aufzubauen: das heißt so viele Atomwaffen anzuschaffen, dass sie nach einem ersten massiven Angriff der Gegenseite immer noch genug Atomwaffen übrig hätten, um ihr nicht minder massive Schäden zufügen zu können. „Wer zuerst schießt, stirbt als Zweiter“, so das geflügelte Wort, mit dem damals eine solche Rationalität auf den Punkt gebracht wurde.
Nachdem man bei dieser Theorie der massiven Vergeltung angelangt war, wurde die Nukleardoktrin immer weiter verfeinert. Ich brauche auf die Einzelheiten – flexible Reaktion, Eskalationsdominanz, strategische Vagheit und so weiter – nicht einzugehen, treffen die Einwände gegen die skizzierte Abschreckungslogik doch bereits ihr Fundament.
Denn während sie auf starken Annahmen über die Rationalität der Entscheider beruht, hat sich recht eindeutig aus der empirischen Erforschung zum tatsächlichen Verhalten von Akteuren unter Risiko ergeben, dass diese Annahmen realitätsferne Idealisierungen sind. Echte Menschen aus Fleisch und Blut verhalten sich in realen Entscheidungssituationen ganz allgemein nicht so, wie jene Theorie erwartet.
Nun könnte man die Aussagekraft solcher Untersuchungen gerade für die Abschreckungslogik anzweifeln und die optimistische These einer erzieherischen Wirkung der Atomwaffengefahr aufstellen: Wer in der sehr speziellen Lage stecke, über ein Atomarsenal zu verfügen, wer also weltvernichtende Nuklearschläge auslösen könne, der erlerne und verinnerliche unter größtem Druck eine höhere Stufe an Rationalität, als sie außerhalb der Schaltzentren nuklearer Macht üblich ist. Kurz, wem die Entscheidung über das Schicksal der Menschheit obliegt, der wird doch wohl theoriegerecht mit seiner Verantwortung umgehen!
Die Spieler
Die beruhigende Überlegung vom Ende des vorigen Abschnitts ist abstrakt. Sie verliert an Überzeugungskraft, sobald wir den Blick auf die konkreten Menschen richten, die zeitgleich in Moskau und Washington de facto über Atomwaffen gebieten oder geboten haben.
Blicken wir zunächst kurz auf die beiden derzeitigen Präsidenten im Weißen Haus und im Kreml, also die Personen, von denen gegenwärtig das Wohl und Wehe der Menschheit abhängt. Während sich der eine hochgradig unberechenbar verhält, fragt man sich beim anderen, ob er völlig von Sinnen ist oder einem eiskalten rationalen Kalkül folgt, um seine amoralischen, mörderischen Ziele zu erreichen.
Insgesamt wird man bezweifeln dürfen, ob im Fall der Fälle das Wechselspiel zwischen diesen beiden überaus eigenen Charakteren wirklich diejenigen rationalen Muster aufweisen wird, die von den Abschreckungslogikern ersonnen worden sind.
Nichtsdestoweniger müssen wir das endgültige Urteil über Putin und Trump den künftigen Historikern überlassen. Erst wenn die Archive geöffnet werden, dürfte sich mit hinreichend guten Gründen ermitteln lassen, welche Handlungsdispositionen, welche Mischungen aus Rationalität und Irrationalität ihr tatsächliches wie hypothetisches Tun definiert haben und wozu sie in ganz bestimmten brenzligen Situationen fähig waren oder gewesen wären.
Selbst aus dieser abgeklärten Sicht freilich, gleichsam von oben, können wir keine Beruhigung unserer Sorgen ziehen. Es bleibt dabei, dass es extrem gefährlich ist, solchen Leuten ein atomares Abschreckungssystem anzuvertrauen, das im Falle eines Fehlers unser aller Ende bedeuten könnte.
Um diesen Gesichtspunkt zu verstärken, möchte ich das Scheinwerferlicht auf zwei amerikanisch-sowjetische Duos aus den Geschichtsbüchern werfen und dabei zunächst ins gefährlichste Jahr des Kalten Kriegs (1983) und anschließend zur Kubakrise (1962) zurückgehen.
Beginnen wir mit Juri Andropow, dem Staatsoberhaupt der Sowjetunion vom Juni 1983 bis zu seinem Tod am 9. Februar 1984. Wie sich – erst Jahrzehnte nach seinem Tod – bei der Öffnung der Archive herausstellte, war er während seiner Amtszeit fest davon überzeugt, dass sein Gegenspieler Ronald Reagan (US-Präsident von 1981–1989) in nächster Zeit einen umfassenden Atomangriff ins Werk setzen werde.
Kaum ein Mensch im Westen wäre im Traum auf die Idee gekommen, dass der Machthaber im Kreml tatsächlich einer dermaßen verrückten Fehleinschätzung unterliegen könnte. Andropows Vorstellungen lagen so weit außerhalb der Rationalitätsannahmen der Abschreckungslogik, dass all ihre durchkalkulierten Szenarien de facto obsolet waren – was fast keinem im Westen bewusst war.
Diese Konstellation war nicht nur extrem gefährlich und hätte – infolge eines sowjetischen Fehlalarms in der Nacht vom 26. auf den 27. September 1983 – beinahe zur Apokalypse geführt.
Das bedeutet: Die westliche Theorie der atomaren Abschreckung passte, wenn überhaupt, nur auf westliche Akteure; sie hätte also im besten Fall lediglich den Konflikt zwischen zwei westlichen Atommächten leiten können.
Aus alledem ergeben sich Zweifel daran, dass wir die heutigen atomaren Gegenspieler des Westens mit den Mitteln unserer Abschreckungslogik korrekt einzuschätzen vermögen. Vermutlich verstehen wir Putin nicht besser, als wir damals Andropow verstanden haben – von einem Kim Jong-un und einem Xi Jinping ganz zu schweigen. Wir müssen mit den bizzarsten Abweichungen von unseren Rationalitätsannahmen rechnen.
Auch die Oberbefehlshaber der US-Atommacht haben immer wieder schockierende Fehleinschätzungen an den Tag gelegt. Reagan beispielsweise war nach einem Jahr im Amt tatsächlich der Ansicht, dass man einmal abgefeuerte Interkontinentalraketen wieder zurückrufen könne.
Selbst wenn die Oberbefehlshaber sehr genau informiert sind, bleiben die Risiken enorm. So hätte John F. Kennedy, der brillante junge Mann im Weißen Haus (1961–1963), wegen seiner Intelligenz geradezu ein Muster-Akteur für die Spieltheoretiker sein müssen. Doch ausgerechnet während seiner Amtszeit stand die menschliche Zivilisation kurz vor ihrer Auslöschung. Und zwar war sein Gegenspieler, Nikita Chruschtschow, das unüberlegte Risiko eingegangen, in aller Heimlichkeit atomare Mittelstreckenraketen auf Kuba zu stationieren.
Im Laufe der jäh eskalierenden Kubakrise wurden zahlreiche Fehler gemacht, die im Falle unwesentlich anderer zufälliger Umstände jeder für sich in den Atomkrieg hätten führen können.
Zur Wirksamkeit der atomaren Abschreckung
Typischerweise reagieren Anhänger der atomaren Abschreckung nicht beunruhigt auf die hier angeführten Tatsachen. Da es weder in den Jahren des Kalten Kriegs noch danach zum Atomkrieg gekommen ist, sehen sie die Wirksamkeit der Abschreckung bestätigt, auf die wir uns auch weiterhin verlassen dürfen.
Hier haben wir es mit einer Kausalbehauptung zu tun. Stimmt sie? Behauptungen über kausale Verhältnisse lassen sich nicht schnurstracks aus Beobachtungen des tatsächlichen Geschehens ableiten. Wo Ursache und Wirkung walten sollen, muss ein innerer Nexus zwischen beiden Faktoren vorliegen, der bestenfalls in Form eines Wirkmechanismus, zumindest aber in Form statistisch belastbarer Zusammenhänge nachzuweisen ist.
Weil wir bei atomarer Abschreckung schwerlich auf ersteres hoffen dürfen, müssen wir mit statistischen Schätzungen vorliebnehmen. Welche Hürden eine solche Statistik passieren muss, bevor wir eine Kausalbehauptung aufzustellen vermögen, ist keine Frage wissenschaftlicher Objektivität; es hängt auch davon ab, wieviel auf dem Spiel steht. Hiermit kommt eine weitere Dimension dessen aufs Tapet, was in der These von der Wirksamkeit der atomaren Abschreckung mitschwingt: Diese Abschreckung hat, so die normativ-wertende Dimension der These, ein gravierendes Übel verhindert, nämlich einen militärischen Angriff – und sie leistete dies ohne allzu großes Risiko katastrophaler Nebenwirkungen.
Schauen wir einmal auf die Zahlen: In den 14682 Tagen zwischen dem Beginn der sowjetischen Nuklearbewaffnung am 29. August 1949 und dem Fall der Mauer am 9. November 1989 gab es mindestens 14 Tage, in denen das Überleben der Menschheit auf Messers Schneide stand – dreizehn Tage während der Kubakrise 1962 und mindestens während einer Nacht beim sowjetischen Fehlalarm im gefährlichsten Jahr des Kalten Krieges 1983.
Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass an einem beliebigen Tag eine zivilisationsbedrohende Krise ausbricht, lag also im Kalten Krieg bei eins zu tausend. Wenn wir in einen neuen Kalten Krieg mit Russland eintreten, so könnte das tageweise Risiko dafür auf lange Sicht wieder in dieser Größenordnung liegen. Kann man bei einer solchen Wahrscheinlichkeit redlicherweise von einem geringen Risiko katastrophaler Nebenwirkungen sprechen? Angesichts dessen, was auf dem Spiel steht, sollten wir uns mit der Größenordnung der ermittelten Wahrscheinlichkeit nicht abfinden, wie ich meine.
Ein Tabu, Thatcher, die Falkland-Inseln und die Bombe
Der bisherige Gedankengang betraf die Konfrontation zwischen zwei Atomsupermächten. Was wäre im Fall eines Konfliktes zwischen einer Atommacht und einem Staat, der sich nur konventionell verteidigen kann? Unter spieltheoretischer Betrachtung sieht das Bild für den atomaren Habenichts düster aus – es sei denn, er hätte eine verbündete Atommacht auf seiner Seite. Sonst muss er sich so gut wie jedem Erpressungsversuch durch die Atommacht beugen.
Es ist genau dieses Szenario, das die Anhänger einer europäischen Atomaufrüstung vor Augen haben und dessen Bearbeitung ihnen überaus dringlich erscheint, weil sie fürchten, dass die Amerikaner den atomaren Schutzschirm für Europa zuklappen könnten.
Nun gibt es derzeit neun Atommächte und knapp zweihundert Habenichtse. Wäre die spieltheoretische Analyse korrekt, so hätte es derartige Erpressungen längst geben müssen. Stattdessen hat sich nach Hiroshima und Nagasaki keine Atommacht mehr getraut, Atomwaffen militärisch einzusetzen.
Diese Tatsache ist einigermaßen verblüffend. Weil sie so verblüffend ist, hat einer der führenden Protagonisten der spieltheoretischen Analyse, Thomas Schelling, 2005 konsterniert festgestellt, dass sich während der Jahre des Kalten Krieges in den elaborierten rationalen Strategien für Atomwaffeneinsatz ein theoriewidriger Fremdkörper herausgebildet hat: ein Tabu über jedweden militärischen Einsatz von Atomwaffen.
Das Tabu steht auf tönernen Füßen. Um das aufzuzeigen, springe ich ins Jahr 1982 zurück. 400 Kilometer östlich von Feuerland liegen im Atlantik die Falklandinseln, eine unbedeutende Inselgruppe nahe der Südspitze Südamerikas, die unter britischer Herrschaft steht. Nachdem argentinische Truppen die Inseln Anfang April 1982 überfallen hatten, setzten die Briten unverzüglich ihre Flotte in Marsch.
Wie sich Anfang der 2000er Jahre herausstellen sollte, waren einige dieser Kriegsschiffe mit Atomwaffen ausgerüstet. Nach einem Streit zwischen Außen- und Verteidigungsministerium hatte sich Großbritannien dagegen entschieden, die routinemäßig an Bord der Kriegsschiffe befindlichen Atomwaffen vor der Fahrt nach Übersee in einem zeitraubenden Prozess auszuladen; so kam es, dass Margaret Thatcher, die damalige Premierministerin, ihre Navy mit Dutzenden Atomwaffen an Bord schnurstracks ins Gebiet der Auseinandersetzung schickte.
Der Krieg wurde mit konventionellen Mitteln ausgefochten, und es war klar, dass die Briten siegen würden. Aber sie hatten Schwierigkeiten. So wurde am 4. Mai 1982 die britische Sheffield von einem argentinischen Anti-Ship Missile getroffen; sie lief wenige Tage später auf Grund. Der Treffer ging auf das Konto einer damals hochmodernen Exocet-Rakete, die französischen Waffenlieferungen an Argentinien entstammte. Als sie davon erfuhr, sah Thatcher rot.
Und zwar soll sie in einem Telefonat mit dem französischen Präsidenten François Mitterand gedroht haben, im Falle weiterer versenkter Kriegsschiffe zum Atomschlag auf Argentinien auszuholen.
Ob der Psychoanalytiker mit seiner Gesprächswiedergabe Recht hat, ist umstritten.
Wäre es dazu gekommen, so hätte dies keinen Weltuntergang, wohl aber das Ende des Tabus nach sich gezogen, das jahrzehntelang über jedwedem kriegerischen Atomwaffeneinsatz schwebte. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wäre ein atomarer Angriff auf Buenos Aires nicht die letzte Atombombenexplosion gewesen, mit der sich die Menschheit im Krieg konfrontiert gesehen hätte. Wir hätten unwiederbringlich das Zeitalter der Atomkriege, im Plural, betreten. Und genau das hätte auf lange Sicht die Wahrscheinlichkeit der Atom-Apokalypse erhöht.
Das Gesagte ist nicht allein von historischem Interesse. Wie wir heute wissen, hat Russland im Herbst 2022 recht konkrete Pläne für taktische Atomschläge auf dem ukrainischen Schlachtfeld entworfen. Einmal mehr stand die Menschheit vor dem Ende jenes so wertvollen Tabus.
Ausblick
Als die US-Geheimdienste von den zuletzt erwähnten russischen Planungen erfuhren, wich die amerikanische Regierung auf bemerkenswerte Weise von eben jenem atomaren Abschreckungsdenken ab, das den Kalten Krieg einst gekennzeichnet hatte. Sie drohte mit empfindlichen konventionellen – nicht-nuklearen – Vergeltungsschlägen gegen die Zentren der russischen Militärmacht. Dies konnte sie sich deshalb erlauben, weil ihre präzise Luftaufklärung und die Treffgenauigkeit ihrer Geschosse es anders als früher überflüssig machten, in einem größeren Radius so gigantische Verheerungen anzurichten, wie es Atomwaffen vermögen. Je genauer die Treffer, desto weniger Sprengkraft braucht man zur Zerstörung des anvisierten Ziels.
So gesehen sind Atomwaffen infolge des technischen Fortschritts möglicherweise in Zukunft nicht mehr nötig. Der Westen hatte sie im Kalten Krieg unter anderem in Stellung gebracht, weil er sich außerstande sah, einem Einmarsch des Sowjetblocks in NATO-Länder konventionell die Stirn zu bieten.
Doch was ein konventioneller Territorialkrieg bedeutet, hat sich in jüngster Zeit stark verändert. Die Front in der Ukraine ist infolge der Innovationen der Drohnentechnik längst zum gläsernen Schlachtfeld geworden, und man kann sie nur noch unter größten Verlusten verschieben. Nach aktuellen Schätzungen müssen die Angreifer zehnmal so stark sein wie die Frontverteidiger, um vorrücken zu können.
Das bedeutet: Wer sich fortan gegen einen konventionellen Überfall zu wappnen wünscht, braucht lediglich die Fähigkeit, rasch ein gläsernes Schlachtfeld aufzubauen. Wenn man – um auf das genannte Beispiel zurückzukommen – bedenkt, dass Russland ökonomisch so stark ist wie Spanien, sollte die EU alleine imstande sein, diese Fähigkeit aufzubauen. Auch ohne eigene Atomwaffen und ohne jede Hilfe vom Großen Bruder aus Übersee ist es möglich, einem rationalen Aggressor klarzumachen, dass eine militärische Annexion von NATO-Territorium rational keine Aussicht auf Erfolg hätte.
Was aber, wenn sich Putin auf irrationale Weise verkalkuliert? Hundertprozentige Sicherheit davor gibt es nicht. Nur: Wenn er sich angesichts einer atomaren Aufrüstung Europas auf irrationale Weise verkalkulieren würde, dann hätte das weit katastrophalere Konsequenzen für unseren Kontinent.
Der Oberbefehlshaber der NATO in Europa (SACEUR), Alexus Grynkewich, hat kürzlich eine Theorie des Sieges der NATO über Russland vorgestellt, die nuklearstrategisch in eine ähnliche Richtung weist wie die hier angestellten Überlegungen.
Atomwaffen sind ein Auslaufmodell und gehören auf den Müllhaufen der Geschichte. Nicht nur müssen wir das Tabu gegen ihren Einsatz mit aller Macht hochhalten, wir müssen es zu einem Tabu gegen ihren Besitz ausbauen.