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Boston für Berlin? Logiken und Dilemmata der atomaren Abschreckung

Karl-Heinz Kamp

/ 15 Minuten zu lesen

Die nukleare Abschreckung ist wieder ganz oben auf der politischen Agenda. Doch bereits im Kalten Krieg offenbarte die Strategie der Abschreckung zahlreiche Widersprüche, die ihr Sicherheitsversprechen auch heute unabwägbar machen.

Im September 2022, etwa ein halbes Jahr nach der russischen Vollinvasion in der Ukraine, erhielt der gut in Russland vernetzte US-amerikanische Geheimdienst verlässliche Informationen darüber, dass man in Moskau ernsthaft über den Einsatz einer Atomwaffe nachdenke. Denn statt die Ukraine in wenigen Tagen zu überrennen, war der russische Angriff festgefahren und das Wort „Niederlage“ machte in den Fluren des Kremls bereits die Runde. Das brachte die russischen Generäle auf den Gedanken, mit dem Einsatz einer Kernwaffe auf ukrainischem Territorium das Blatt wenden zu können. In diesen Tagen stand die Welt so nah vor einer nuklearen Katastrophe wie lange nicht. Internationale diplomatische Bemühungen und deutliche Warnungen der USA, aber auch Chinas und Indiens konnten Moskau offenbar von dem Vorhaben abbringen.

Szenenwechsel: Im Januar 2025 trat Donald Trump seine zweite Amtszeit als US-Präsident an und nutzte gleich die ersten Wochen im Amt, um seine Verachtung für Verbündete im Allgemeinen und für die Europäer im Besonderen kundzutun. Da die US-Bündnisverpflichtungen auch die nukleare Abschreckung eines Angriffs auf Europa beinhalten, begann in den europäischen NATO-Hauptstädten eine hektische Debatte, wie man denn reagieren solle, falls Trump den amerikanischen Nuklearschirm über Europa schließen würde.

Eine dritte Szene: Im Juni 2025 führte Israel im sogenannten Zwölftagekrieg mit Unterstützung der USA einen militärischen Angriff auf unterirdische Bunkeranlagen in Iran und weitere strategische Ziele durch. Das Land, in dem seit Jahren an der Entwicklung von Kernwaffen gearbeitet wird, sollte der Trump-Administration zufolge daran gehindert werden, in die Gruppe der Atomstaaten aufzusteigen. Wenn aber Nordkorea, als Kernwaffenbesitzer, sich wiederholt offene Drohungen ohne Konsequenzen gegenüber den USA erlauben kann, dürfte aus Sicht des Mullah-Regimes die Schlussfolgerung naheliegen, dass nur der Besitz von Kernwaffen vor derartigen Angriffen schützt. Sofern das iranische Regime überlebt, sollte die künftig noch energischere Entwicklung der eigenen Atombombe als mögliches Szenario ernst genommen werden.

So unterschiedlich diese drei Episoden auch sind, so verdeutlichen sie doch eines: Die nukleare Abschreckung ist wieder ganz oben auf der politischen Agenda, und Atomwaffen sind wieder ein sichtbares Element der Weltpolitik. Vorbei die Träume einer nuklearwaffenfreien Welt, die wohl ohnehin nie Aussicht auf Erfolg hatten, obgleich der amerikanische Präsident Barack Obama sie sich gleich zu Beginn seiner Amtszeit zu Eigen gemacht hatte. Stattdessen ist die dauerhafte nukleare Bedrohung wieder Realität, mitsamt den Widersprüchen und Dilemmata, die der Logik der Abschreckung innewohnen.

Einerseits kann die Abschreckungsidee Konflikte verhindern und hat dafür gesorgt, dass aus dem Kalten Krieg kein heißer wurde. Die Erkenntnis, dass derjenige, der als erster schießt als zweiter stirbt, hatte die Supermächte damals zur Zurückhaltung gezwungen, auch wenn sie sich in tiefer ideologischer Feindschaft gegenüberstanden. Andererseits ist die nukleare Abschreckung ungemein gefährlich, denn sie darf nicht versagen. In Hiroshima und Nagasaki wurde die ungeheure Zerstörungskraft von Atomwaffen deutlich. Nach wie vor werden – je nach Zählweise – rund 12.000 Kernsprengköpfe von den Nuklearmächten weltweit bereitgehalten. Der Einsatz eines Bruchteils dieser Waffen würde ausreichen, um die Erde dauerhaft unbewohnbar zu machen.

Drei Fragen drängen sich deshalb in den Vordergrund: Erstens, wie funktioniert die Abschreckung, und was ist die Logik hinter diesem Konzept? Zweitens, warum streben Staaten nach Atomwaffen, und warum weigern sich die Nuklearmächte, ihre Kernwaffen trotz aller Gefahren wieder abzurüsten? Und drittens, welche Dilemmata sind mit der Idee der erweiterten Abschreckung verbunden, in der eine Atommacht wie die USA ein nukleares Sicherheitsversprechen für seine nicht-nuklearen Verbündeten, wie etwa Deutschland, gibt?

Logik der Abschreckung

Abschreckung ist kein ausschließlich militärisches oder politisches Konzept, sondern zunächst eine Alltagserfahrung, in der durch Strafandrohung Wohlverhalten erzielt wird. Wer mit Sanktionen oder nachteiligen Konsequenzen rechnen muss, verhält sich tendenziell regelkonformer. In diesen Fällen basiert Abschreckung auf einem einfachen Mechanismus: Die zu erwartenden Kosten eines bestimmten Verhaltens übersteigen den möglichen Nutzen, sodass auf die Handlung verzichtet wird – ein Prinzip, dass sich tagtäglich findet, vom Straßenverkehr bis zur Kindererziehung.

Mit Beginn des Atomzeitalters 1945 erhielt der Begriff der nuklearen Abschreckung sein Alleinstellungsmerkmal – durch die ungeheure Zerstörungskraft von Kernwaffen, die alle bisherigen Dimensionen sprengte. Als wären die Millionen Toten und die Verwüstungen zweier Weltkriege nicht schon genug gewesen, stand auf einmal die Auslöschung der gesamten Menschheit als Möglichkeit im Raum. Die Szenarien wurden immer apokalyptischer, je mehr Kernwaffen die beiden Supermächte im Kalten Krieg in ihren Arsenalen anhäuften. Zum Höhepunkt des Ost-West-Konflikts Anfang der 1980er Jahre verfügten die USA und die Sowjetunion zusammen über die unglaubliche Zahl von rund 70.000 Atomwaffen.

Der amerikanische Politikwissenschaftler Bernard Brodie formulierte als einer der ersten, dass angesichts der Zerstörungskraft von Kernwaffen Begriffe wie „Sieg“ oder „Niederlage“ neu definiert werden müssten. Ging es in der vor-nuklearen Zeit darum, mit dem Sieg auf dem Schlachtfeld politische Ziele zu erreichen, wurde diese Logik mit dem Aufkommen der Atomwaffen als „absolute Waffen“ obsolet. Einen Nuklearkrieg könne niemand gewinnen. Im Atomzeitalter müsse es nur noch darum gehen, Kriege zu verhindern. Mehr noch: Durch die glaubwürdige Androhung eines Kernwaffeneinsatzes sollte ein Gegner mit der Gefahr gewaltiger Verheerungen konfrontiert werden und damit von jeglichem Angriff absehen – ob nuklear oder konventionell. Die Botschaft an einen potentiellen Angreifer müsse lauten: Der Schaden, den er durch eine nukleare Vergeltung erleiden würde, wäre stets größer als jeder Nutzen, den er sich von einem Angriff versprechen könnte.

Damit war die Idee der Kriegsverhinderung durch gegenseitige Abschreckung geboren. Sie war weniger ein militärisches Instrument als ein vor allem politisch-psychologisches Mittel, das Angst erzeugen und Vorsicht erzwingen sollte. Militärische Macht hatte somit nicht mehr nur mit reinem Kampf zu tun, sondern auch mit Diplomatie und Kommunikation, also der Fähigkeit, dem Gegner die eigene Entschlossenheit zu vermitteln und ihn dadurch zur Zurückhaltung zu bewegen.

So plausibel das klingen mag: Der Abschreckungsgedanke ist von immanenten Schwächen und Widersprüchen gekennzeichnet, die stets Zweifel an seiner Zuverlässigkeit wecken.

Damit Angreifer und Verteidiger die wechselseitig gesandten Abschreckungssignale nicht missverstehen, müssen die beteiligten Politiker, Diplomaten und Militärs auf beiden Seiten rational handeln. Entscheider müssten dieser Logik zufolge vor allem am eigenen Überleben und am Erhalt des eigenen Staates interessiert sein. Was zunächst banal klingt, ist bei genauer Betrachtung aber weit weniger offensichtlich. Dies wurde der Weltöffentlichkeit vor Augen geführt, als am 11. September 2001 eine Gruppe islamistischer Selbstmordattentäter des Terrornetzwerks al-Quaida amerikanische Zivilflugzeuge in ihre Gewalt brachte und unter anderem in die Doppeltürme des World Trade Centers in New York steuerte. Diese Islamisten waren nicht nur bereit, für ihre Überzeugungen zu sterben, sondern wurden in ihrer Logik dadurch sogar zu ewigen Helden, denen ein besonderer Platz im Paradies zuteilwerden würde. Wer aber den eigenen Tod nicht nur nicht fürchtet, sondern sogar als erstrebenswert für eine glorreiche Zukunft im Jenseits betrachtet, lässt sich nicht mit einer Atomdrohung abschrecken. Käme eine solche Gruppe in den Besitz von Kernwaffen, würde sie vor einem Einsatz sicher nicht zurückschrecken – ungeachtet möglicher Vergeltungsschläge.

Auch muss man, damit Abschreckung funktioniert, nicht nur über eine ausreichende Anzahl von Kernwaffen verfügen, sondern glaubhaft machen, diese im Konfliktfall auch einzusetzen. Hierfür braucht es klare Strategien, Verfahren und Pläne, die in regelmäßigen Manövern zu erproben und einzuüben sind – nicht nur für sich selbst, sondern auch als Demonstration der eigenen Ernsthaftigkeit an den Gegner. Das führt zu der paradoxen Situation, dass Kernwaffen einsetzbar sein müssen, um nicht eingesetzt zu werden. Dieser Widerspruch ist in der Öffentlichkeit nur schwer zu vermitteln, fürchtet doch mancher, dass erhöhte Einsetzbarkeit einen wirklichen Atomwaffengebrauch letztlich wahrscheinlicher macht. Der Einwand, dass Kernwaffen seit Hiroshima und Nagasaki nicht mehr eingesetzt wurden, verfängt nur bedingt, da nicht garantiert ist, dass dies auch so bleibt.

Mehr noch, zu einer glaubwürdigen Abschreckung gehört, dass man den Atomwaffeneinsatz nicht nur können, sondern auch wollen muss. Wie glaubwürdig ist es, dass man bei einem gegnerischen Angriff zu Kernwaffen greift, wenn man gleichzeitig mit der nuklearen Vergeltung des Angreifers und damit mit der weitgehenden Zerstörung des eigenen Territoriums rechnen muss? Wie groß ist die Gefahr der Selbstabschreckung – also die Furcht vor der nuklearen Eskalation –, wenn der Gegner nur einen sehr begrenzten Angriff durchführt? Was läge also näher, als möglichst viele und vor allem auch „kleine“ Atomwaffen zu stationieren, um dem Gegner stets auf Augenhöhe zu begegnen und ihm dadurch die Hoffnung zu nehmen, er könne mit einem begrenzten Angriff Erfolg haben?

Nun braucht es nicht allzu viel Phantasie, um sich die Folgen dieser rein rational betrachtet nachvollziehbaren Abschreckungslogik vorzustellen. Indem man den Gegner unmissverständlich und durch klare Signale – wie etwa militärische Übungen und Verfahren – wissen lässt, dass man ihn nuklear bedroht, passiert genau das: Er fühlt sich bedroht und handelt entsprechend. Er baut seinerseits ebenfalls eine glaubwürdige Drohkulisse auf, indem er seine Fähigkeit und Bereitschaft zur nuklearen Eskalation demonstriert und durch regelmäßige Übungen zur Schau stellt. Das ist die Situation, die allgemein als das klassische Sicherheitsdilemma bezeichnet wird: Ein Staat ergreift Maßnahmen, um den eigenen Schutz zu verbessern, die aber vom Gegenüber als Bedrohung empfunden werden und ihn dazu bringen, selbst weiter aufzurüsten. In diesem Pingpong versuchen beide, ihre Sicherheit zu erhöhen, was aber letztlich zu ständig wachsenden Arsenalen gerade der Waffen führt, die man eigentlich gar nicht einsetzen wollte.

Bei allen Bedenken gegenüber diesen Widersprüchen mussten sich während des Kalten Krieges auch die Zweifler der Abschreckungslogik eingestehen, dass Kernwaffen einen mäßigenden Effekt auf die politischen Entscheider in Ost und West hatten. Zwar führten sowohl die Sowjetunion als auch die USA Kriege in ihren eigenen Hinterhöfen, sie verzichteten aber auf Gewaltanwendung gegeneinander, weil dies stets die Gefahr nuklearer Eskalation mit sich gebracht hätte. Bis heute bewegt sich das Konzept der nuklearen Abschreckung in diesem Spannungsfeld zwischen der Möglichkeit, große Kriege zu verhindern und den unermesslichen Gefahren, sollte die Abschreckung versagen. Atomare Abschreckung ist keineswegs so sicher, wie sie von ihren Unterstützern oft dargestellt wird, aber angesichts der bisherigen Erfahrung auch nicht so apokalyptisch, wie Kritiker immer wieder hervorheben. Stattdessen ist sie voll von Unwägbarkeiten, die ein breites Verständnis erschweren und sie in der Öffentlichkeit schwer vermittelbar machen. Darüber hinaus sind Kernwaffen Teil der weltpolitischen Realität und Abschreckung, so scheint es, alternativlos.

Faszination des Nuklearen

Als Indien in den 1960er Jahren sein Atomwaffenprogramm begann, schwor der spätere pakistanische Premierminister Zulfikar Ali Bhutto in einer Pressekonferenz: „Wir werden Gras fressen und hungern, aber wir werden unsere eigenen Atomwaffen bauen.“ Das Regime in Nordkorea hat diese grimmige Ankündigung sogar in die Tat umgesetzt und reale Hungersnöte in Kauf genommen, um insbesondere sein Kernwaffenprogramm zu realisieren. Iran strebt seit vielen Jahren nach Kernwaffen und hat härteste Sanktionen sowie wirtschaftlichen Abstieg bis hin zu direkten Bombenangriffen durch die USA in Kauf genommen, ohne von seinen nuklearen Ambitionen abzuweichen.

Was ist also so Besonderes an Atomwaffen, dass Staaten solch hohe Lasten und Leiden in Kauf nehmen, um über sie zu verfügen? Nimmt man einmal alle regionalen Unterschiede heraus und konzentriert sich auf das Wesentliche, dann findet sich die Antwort in drei Schlagworten: Sicherheit, Status und Handlungsfreiheit.

Staaten streben nach Kernwaffen, weil sie dadurch ihre Sicherheit erhöhen wollen. Die nukleare Zerstörungskraft, so die Annahme, würde sich automatisch in militärische und daraus folgend auch in politische Macht übersetzen. Der neue Nuklearstaat wäre stärker als seine Nachbarn und Gegner, und niemand würde es wagen, ihn anzugreifen. Dies gilt wohl am ehesten für Staaten, die nicht Teil eines starken Bündnissystems sind und die sich, zu Recht oder zu Unrecht, einer besonderen Bedrohung ausgesetzt sehen, wie Pakistan gegenüber Indien, Indien gegenüber China oder China gegenüber den USA.

Den Wirklichkeits-Test hat das Argument der Sicherheit allerdings nicht immer bestanden. Pakistan und Indien haben Kriege gegeneinander geführt, obgleich beide über Kernwaffen verfügten. Selbst Afghanistan, wahrlich keine militärische Großmacht, hat Pakistan mehrfach angegriffen, ohne sich von dessen Atomwaffen beeindrucken zu lassen. Israel kann auf eine ganze Reihe von Aggressionen gegen sich zurückblicken, obwohl es bekanntermaßen über Atomwaffen verfügt.

Ein zweiter Grund, der Staaten nach Kernwaffen streben lässt, ist das Prestige, welches Atomstaaten in ihrer eigenen Wahrnehmung genießen. Man würde dann einem exklusiven Club angehören, der anfangs aus fünf Staaten bestand (USA, Sowjetunion, China, Frankreich, Großbritannien) und in den letzten Jahrzehnten um weitere vier Staaten (Indien, Pakistan, Israel, Nordkorea) gewachsen ist. Indien hat immer wieder betont, wie ernst das Land etwa von den USA genommen würde, seitdem man über Nuklearwaffen verfügte. Auch für Frankreich war es in seinem Selbstverständnis als „Grande Nation“ unvorstellbar, nicht mit den Insignien der nuklearen Macht ausgestattet zu sein.

Wirklich entscheidend ist aber das dritte Argument: dass Staaten durch den Kernwaffenbesitz einen größeren Handlungsspielraum gegenüber ihren nicht-nuklearen Nachbarn und Gegnern gewinnen würden. Die Fähigkeit zur nuklearen Vergeltung soll Nachbarn oder gegnerische Allianzen davon abhalten, militärisch zu intervenieren, um ein bestimmtes Verhalten zu erwirken. Auch steht die Möglichkeit im Raum, uneingeschränkt handeln und auch schwere Menschenrechtsverletzungen begehen zu können, ohne ein Eingreifen der Vereinten Nationen, eines stärkeren Staates oder einer militärischen Organisation befürchten zu müssen.

Im Falle des Ukraine-Krieges haben die russischen Kernwaffen und die entsprechenden Nukleardrohungen Moskaus einen Schutzschirm gebildet, unter dem Russland militärisch gegen seinen Nachbarn vorgehen konnte. Um diesen Punkt zu verdeutlichen, stelle man sich hypothetisch vor, Russland würde nicht über Atomwaffen verfügen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit hätten entweder die USA, die NATO oder eine Koalition der Willigen militärisch interveniert und Russland vermutlich klar besiegt. Ein Beispiel aus jüngster Vergangenheit zeigt diesen Zusammenhang noch einmal in besonderer Weise. Iran (Nicht-Nuklearstaat) wurde 2025 und 2026 von den USA und Israel mit massiven Bombenangriffen überzogen, während Nordkorea (Nuklearstaat) seit dem Koreakrieg nie wieder von den USA angegriffen wurde.

Dilemmata der erweiterten Abschreckung

Ist die Logik der nuklearen Abschreckung schon in einem bilateralen System, in dem sich zwei Nuklearstaaten gegenüberstehen, widerspruchsvoll genug, so nimmt die Paradoxie-Schraube eine weitere Umdrehung, wenn es um den Nuklearschutz eines Atomwaffenstaates für seinen nicht-nuklearen Partner geht. Die USA haben von Anfang an ein Schutzversprechen für ihre europäischen und später auch asiatischen Verbündeten gegeben und erklärt, ihnen bei einem Angriff der Sowjetunion Hilfe leisten zu wollen. Amerika würde nicht nur mit seinen konventionellen, sondern auch mit seinen nuklearen Waffen für die Sicherheit der Partner einstehen. Die USA haben somit ihren eigenen nuklearen Schutzschirm auf das Gebiet der Verbündeten erweitert, die sogenannte erweiterte Abschreckung. An die sowjetische Führung richtete sich damit die Botschaft, dass sie auch dann mit nuklearer Vergeltung rechnen müsse, wenn sie „nur“ einen amerikanischen Verbündeten angreifen würde. Ein rational agierender Kreml müsste entsprechend auf einen Angriff verzichten, und die Abschreckungsbotschaft hätte ihren Zweck erfüllt.

Für die USA hatte dieses Aufspannen des Atomschirms etwa über Westeuropa während des Kalten Krieges einen doppelten Vorteil. Zum einen schützte man seine Verbündeten und behielt die Kontrolle über ein Gebiet, das politisch, militärisch und wirtschaftlich von großer Bedeutung war. Zum anderen verhinderte man, dass Verbündete aus Furcht vor der sowjetischen Bedrohung ihre eigenen Kernwaffen entwickelten, um eine entsprechende Abschreckungsbotschaft an Moskau senden zu können. Hatte Washington die nuklearen Ambitionen Frankreichs und Großbritanniens noch unterstützt, da diese als die Siegermächte im Zweiten Weltkrieg galten und auch deshalb zu den fünf Ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen zählten, wollte man eine weitere Zunahme der Kernwaffenstaaten in jedem Fall verhindern. Mehr Atommächte hätte mehr nukleare Entscheider, mehr Gelegenheiten für Fehleinschätzungen oder Unfälle und damit für einen unbeabsichtigten Nuklearkrieg bedeutet.

Was auf den ersten Blick nachvollziehbar scheint, zeigt bei genauerem Hinschauen noch größere Widersprüche und Dilemmata. Denn bei der erweiterten Abschreckung stellt sich das Glaubwürdigkeitsproblem gleich in dreifacher Weise.

Wie glaubwürdig war es eigentlich, dass die USA etwa im Falle eines Angriffs auf die damalige Bundesrepublik Deutschland oder auf Norwegen eine Atomrakete in Richtung der Sowjetunion geschossen hätten – wohl wissend, dass dies zur sowjetischen nuklearen Vergeltung gegen amerikanisches Territorium hätte führen müssen? Wie wahrscheinlich war es, dass die amerikanische Regierung San Francisco oder Boston riskiert, um Bonn oder Oslo zu retten? Mehr noch, wie glaubwürdig war es, dass die europäischen Verbündeten an die Wirksamkeit des amerikanischen Atomschirms glaubten und sich auch ohne eigene Kernwaffen entsprechend sicher fühlten? Und drittens schließlich, wie wahrscheinlich war und ist es, dass Moskau an das amerikanische Versprechen für seine Bündnispartner glaubt und sich entsprechend abgeschreckt fühlt?

Diese drei Fragen zeigen, dass die nukleare Abschreckung geradezu zu einer Glaubensfrage wird, bei der es kaum mehr um Wissen geht. Klarheit hätte es nur in einem realen Krieg in Europa geben können, ein Szenario, dass die Europäer in jedem Fall verhindern wollten. Somit waren und sind die europäischen NATO-Mitglieder bis heute mit dem Zwiespalt konfrontiert, dass die von den USA bereitgestellte erweiterte nukleare Abschreckung einerseits Dreh- und Angelpunkt ihrer Sicherheit ist, andererseits aber immer das Element der Ungewissheit beinhaltet.

Der jeweilige Grad der Unsicherheit hing auch immer von den handelnden Personen ab. Schon Bundeskanzler Konrad Adenauer traute den Sicherheitszusagen von US-Präsident John F. Kennedy nicht über den Weg und sah sich in seiner Skepsis bestätigt, als die USA nicht willens waren, etwas gegen den Bau der Berliner Mauer im Jahr 1961 zu unternehmen. Ganz offensichtlich war Amerika doch nicht bereit, San Francisco zu riskieren, um Berlin zu retten. Helmut Schmidt hatte sich als Bundeskanzler mit dem US-Präsidenten Jimmy Carter überworfen, weil dieser anfangs nicht auf die sowjetische Stationierung von nuklearen Mittelstreckenraketen ab Mitte der 1970er Jahre, den berühmten SS-20, in Europa reagieren wollte. In Schmidts Augen war den USA die erweiterte Abschreckung offenbar nicht wichtig genug, oder der „Erdnussfarmer aus Georgia“, wie Schmidt Carter abschätzig nannte, hätte das Problem schlicht nicht verstanden. Heute ist es das irrlichternde Agieren von Donald Trump, das die Europäer an den amerikanischen Schutzversprechen im Rahmen der NATO – ob nuklear oder konventionell – zweifeln lässt.

Die USA waren sich der Zweifel ihrer Bündnispartner an der erweiterten Abschreckung von Anfang an bewusst. Um deren Befürchtungen zu mildern und um den Zusammenhalt der NATO zu wahren, wurden im Wesentlichen zwei politisch-militärische Maßnahmen ergriffen. Die erste beinhaltete die Stationierung von Kernwaffen auf dem Boden europäischer NATO-Staaten, wobei ein Teil dieser Waffen mit einem sogenannten Zweischlüssel-System ausgestattet wurde. Während die USA die Kontrolle über die Sprengköpfe behielten, wurden die Trägersysteme – wie Flugzeuge, Raketen oder Artilleriegeschütze – von den Verbündeten bereitgestellt. Im Konfliktfall würden beide „Schlüssel“ zur Aktivierung einer einsatzfähigen Kernwaffe zusammengeführt.

Dieses System, das auch als „nukleare Teilhabe“ bezeichnet wird, gilt bis heute für die auf deutschem Boden stationierten amerikanischen Atombomben. Sie würden im Einsatzfall von Piloten der Bundeswehr und mit deutschen Tornado-Flugzeugen (in Zukunft mit den von den USA gekauften F35-Bombern) ins Ziel geflogen. Allerdings steckt in diesem Verfahren auch viel Symbolik. Deutschland könnte im Extremfall den USA die Tornados für den Einsatz der Bomben verweigern, um deren Einsatz zu verhindern. Allerdings verfügen die USA über so viele Kernwaffen aller Arten, Stärken und Reichweiten, dass Washington einen Atomeinsatz zu jeder Zeit und gegen jedes denkbare Ziel befehlen kann, ohne von den Verbündeten abhängig zu sein.

Die zweite Maßnahme der USA zur Rückversicherung der NATO-Verbündeten firmiert unter dem Begriff „nukleare Mitsprache“. Dies bedeutet nicht, dass die Verbündeten über einen Kernwaffeneinsatz mitentscheiden können. Eine solche Mitentscheidung oder ein europäisches Veto-Recht war nie eine Option, denn es würde die Abschreckung sogar schwächen. Ein Gegner könnte nämlich darauf spekulieren, dass man sich im Bündnis nicht einigt und er mit seinem Angriff ungestraft davonkommt. Stattdessen geht es darum, die Bedenken um Sicherheitsinteressen der Verbündeten ernst zu nehmen und sie in die amerikanischen Nuklearplanungen einzubeziehen. Diese Mitsprache existiert seit Mitte der 1960er Jahre und wird bis heute im Rahmen der Nuklearen Planungsgruppe (NPG) der NATO praktiziert. In diesen NPG-Sitzungen, in denen alle Mitgliedstaaten stimmberechtigt sind – außer Frankreich, das sich gegen eine Teilnahme an der NPG entschieden hat –, informieren die USA ihre Verbündeten etwa über ihre nuklearen Zielplanungen und Einsatzgrundsätze. So viel Offenheit ist Washington anfangs nicht leichtgefallen, da solche Details in der Regel zu den am besten gehüteten Geheimnissen eines Nuklearstaats gehören. Auch haben die USA die Zusage gegeben, ihre NATO-Partner im Falle eines bevorstehenden Kernwaffeneinsatzes zu konsultieren. Allerdings steckt auch in diesem Zugeständnis ein Teil Symbolik, denn die USA haben die Konsultierung mit der Einschränkung versehen, dass „Zeit und Umstände“ solche Vorab-Informationen erlauben müssen.

Der eher begrenzte Wert all dieser Rückversicherungsmaßnahmen ist mit dem Beginn der zweiten Präsidentschaft Donald Trumps offensichtlich geworden. Trotz nuklearer Teilhabe und Mitsprache haben einige Äußerungen des Präsidenten, den weder die NATO noch die Abschreckungslogik zu interessieren scheint, dazu geführt, dass die Frage „Boston für Berlin?“ wieder ganz oben auf der politischen Agenda steht.

Zeit also, sich erneut mit der Strategie der nuklearen Abschreckung zu befassen und sie den neuen Realitäten eines feindlichen Russlands, eines Vertrauensverlusts in die USA und eines atemberaubenden technischen Fortschritts anzupassen.