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Warum wurde Deutschland nicht Atommacht?

Andreas Lutsch

/ 17 Minuten zu lesen

Deutschland verzichtet bis heute auf eine nationale Nuklearbewaffnung und setzt auf die erweiterte atomare Abschreckung der USA im Rahmen der NATO. Diese Position ist das Produkt historischer Umstände und Entwicklungen.

Vor etwa 70 Jahren, am 18. Dezember 1956, tagte der Bundesverteidigungsrat unter Vorsitz von Bundeskanzler Konrad Adenauer im Bundeskanzleramt in Bonn. Dieser Kabinettsausschuss der Bundesregierung war Vorläufer des Bundessicherheitsrates, dessen Aufgaben 2025 vom Nationalen Sicherheitsrat übernommen wurden. Wie stets erfolgte die Beratung auch Ende 1956 unter Geheimhaltung. Laut Kurzprotokoll wies der Kanzler darauf hin, dass „die Entscheidung“ über den Einsatz von Kernwaffen zur Verteidigung Europas „praktisch allein vom Präsidenten der USA“ abhänge und dass die „Fortschritte in der Entwicklung der Atomwaffen (…) die politische und militärische Situation Europas grundlegend verändert“ hätten. „Ziel der deutschen Politik müsse es daher sein, ebenfalls in den Besitz nuklearer Waffen zu gelangen.“

Bekanntermaßen besitzt Deutschland bis heute keine eigenen Nuklearwaffen. Wie ist das zu erklären? Hierzu ist ein Blick auf Entwicklungen der vergangenen Jahre aufschlussreich, die historisch eingebettet werden müssen. Denn Deutschlands Status und Position in der nuklearen Weltordnung sind das Produkt historischer Umstände und Entwicklungen. Die späten Jahre der Kanzlerschaft Konrad Adenauers ragen durch eine besondere Ambivalenz heraus: Es ist bis heute umstritten, ob die damaligen Bundesregierungen und Adenauer selbst beabsichtigten, die Bundesrepublik zur Atommacht zu machen. Die Sowjetunion und andere kommunistische Staaten versuchten mit aktiven Maßnahmen, die deutsche Regierung, namentlich Konrad Adenauer und Verteidigungsminister Franz Josef Strauß, sowie die Bundeswehrführung zu diskreditieren. Neben fadenscheinigen Hinweisen auf angebliche Kontinuitäten zwischen Bonner Politik und Nationalsozialismus sollte der Verdacht genährt werden, die Regierung in Bonn strebe nach Kernwaffen und sei eine Gefahr für den Weltfrieden.

„Zeitenwende“ und nukleare Abschreckung

Betrachtet man die Entwicklungen der vergangenen fünf Jahre, so scheint klar zu sein: Für keinen Kanzler und für keine Bundesregierung kam es infrage, Kernwaffen für Deutschland anzustreben. Bundeskanzler Olaf Scholz, der nach Russlands direktem Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 eine „Zeitenwende“ ausrief, erklärte die Idee, Kernwaffen für die Bundeswehr zu produzieren, für „völlig absurd“. Kontext dieser Äußerung waren öffentliche Diskussionen im Jahr 2024 in Erwartung einer möglichen Wiederwahl Donald Trumps und damit verbundener Veränderungen in den transatlantischen Beziehungen. Würden die USA aus der NATO austreten oder sie ruhen lassen? Wie verlässlich wären die nuklearen Schutzzusagen der USA dann noch? Oder würden die Veränderungen weniger einschneidend, als von vielen befürchtet? Die Medienberichterstattung sorgte für ein großes Echo im In- und Ausland. Mittlerweile werde in Deutschland, so war im „Wall Street Journal“ Ende Februar 2024 zu lesen, sogar die nukleare Dimension der eigenen Sicherheit so offen wie nie zuvor diskutiert, bis hin zur Frage: „Do we need nuclear weapons?“

Speziell in den Jahren 2024 bis 2026 veränderten sich Debattenlinien beiderseits des Atlantiks. Dabei ergaben sich nur begrenzt Wechselwirkungen zwischen Diskussionen über nukleare Sicherheit in Europa und im Westpazifik. Stimmen aus Südkorea und Japan, die eigene Nuklearstreitkräfte forderten, wurden mitunter in Europa rezipiert. Innerhalb der Strategic Community der USA lehnte die Mehrheit die Verbreitung von Kernwaffen weiterhin ab. Aber es wurde Teil der Mainstreamdebatte, ob die USA eine eigenständige Nuklearbewaffnung ausgewählter US-Verbündeter unter Umständen dulden oder unterstützen würden. In Europa wurden Expertendebatten über potenzielle Veränderungen im westlichen System der nuklearen Abschreckung aktiver, verwiesen aber in Anbetracht der Bedrohung durch Russland mehrheitlich auf die zentrale Rolle der USA, die zumindest mittelfristig nicht annährend gleichwertig zu ersetzen sei. Punktuellen Versuchen zum Trotz, eine öffentliche Debatte über nationale nukleare Aufrüstung anzufachen, erschien eine nationale Nuklearbewaffnung nur sehr wenigen öffentlichen Stimmen als erstrebenswert. Anderen erschien sie als letzte Rückfalloption, falls sich bevorzugte Ansätze – darunter der Status quo oder eine irgendwie gestärkte Rolle französischer Nuklearstreitkräfte – als unzureichend oder nicht umsetzbar erweisen würden. Wieder andere sahen sie als schädliche bis gefährliche Idee, die unter keinen Umständen erwogen werden dürfe. Manche dieser Diskussionen waren anfällig für Hysterie, Alarmismus, Dramatisierung, Wunschdenken und Mangel an militärischem Sachverstand. Ein Hang zum Provinzialismus zeigte sich, wenn US-Interessen an der US-Weltmachtposition unterschätzt wurden.

Inmitten politischer Turbulenzen in den transatlantischen Beziehungen infolge der erneuten Amtsübernahme Trumps nahm der spätere Bundeskanzler Friedrich Merz noch am Abend der Bundestagswahl 2025 bemerkenswert Stellung: Es „wird absolute Priorität haben, so schnell wie möglich Europa so zu stärken, dass wir Schritt für Schritt auch wirklich Unabhängigkeit erreichen von den USA“. Als Bundeskanzler sprach sich Friedrich Merz wie sein Vorgänger Scholz für eine möglichst dauerhafte Sicherheitskooperation mit den USA im Rahmen der NATO aus, in der europäische Partner viel stärkere Beiträge als zuvor leisten müssten. Zur euro-amerikanischen Sicherheitskooperation gehört vor allem auch der Erhalt der erweiterten nuklearen Abschreckung der USA zugunsten Europas und ein modernisierter Beitrag Deutschlands im Rahmen der nuklearen Teilhabe in der NATO. Hierzu beschafft Deutschland F-35A Lightning II Tarnkappen-Kampfflugzeuge vom US-Hersteller Lockheed Martin. Die Regierung Merz gab drei weitere Ziele aus: Erstens soll die Bundeswehr zur „konventionell stärksten Armee Europas“ ausgebaut werden. Zweitens soll der Bundesnachrichtendienst zu einem Geheimdienst werden. Drittens werde mit Frankreich und Großbritannien geprüft, inwiefern deren Nuklearstreitkräfte stärker als bislang die erweiterte nukleare Abschreckung der USA im Rahmen der NATO ergänzen könnten. Den Referenzrahmen der Diskussion mit Frankreich bildet das französische Konzept der dissuasion avancée („vorgelagerte Abschreckung“). Bei alledem stellte Bundeskanzler Merz wiederholt klar: „Ich möchte nicht, dass Deutschland über eine eigenständige atomare Bewaffnung nachdenkt.“ In der NATO – auch auf den Gipfeltreffen in Den Haag (2025) und Ankara (2026) – bestätigten die USA ihr Interesse an einer durch stärkere europäische Beiträge reformierten Verteidigungsgemeinschaft sowie ihre Zusicherung, die nuklearen Schutzzusagen der USA für die NATO zu erhalten. Im Einklang mit der Nationalen Sicherheitsstrategie der USA von 2025 will die Regierung Trump eine „balanciertere, effektivere und widerstandsfähigere Allianz“ erreichen, in der die europäischen Verbündeten die „primäre Verantwortung für ihre eigene konventionelle Verteidigung“ tragen, während die USA die erweiterte nukleare Abschreckung gewähren und begrenztere Beiträge als zuvor zur konventionellen Verteidigung leisten.

Es ist nicht unbedingt selbsterklärend, wie sich Deutschland inmitten der „Zeitenwende“ zur nuklearen Abschreckung positioniert hat. Auf den ersten Blick, der bekanntermaßen trügen kann – könnte nämlich der strategische Anreiz für Deutschland, Atommacht zu werden, als ziemlich groß erscheinen. Die Atommacht Russland wird die Hauptbedrohung für die euro-atlantische Sicherheitsordnung bleiben, zumal sie Staatsgrenzen mit Gewalt verschoben und ihren Angriffskrieg gegen die Ukraine mit nuklearer Abschreckung abgeschirmt hat. Dieser machtpolitische Missbrauch von Kernwaffen hat einen Teil der Bedingungen zerstört, unter denen Nichtkernwaffenstaaten historisch bereit waren, auf Kernwaffen zu verzichten. Zudem ist trotz zahlloser Absichtsbekundungen von nuklearer Abrüstung seitens der Atommächte nicht auszugehen. Die dynamische nukleare Aufrüstung Chinas macht es für die USA schwieriger, nukleare Schutzzusagen glaubwürdig erscheinen zu lassen. Im Unterschied zu Russland steht Deutschland als Status-quo-Macht für die Unverletzlichkeit von Staatsgrenzen ein. Die Ukraine erfährt in ihrem Freiheitskampf starke Unterstützung von Deutschland, ohne dass Deutschland oder irgendein anderer westlicher Staat Kriegspartei war, ist oder werden will. Ohne Deutschland wäre eine Verteidigung gegen eine militärische Aggression gegen die NATO-Ostflanke unmöglich. Als logistische „Drehscheibe“ auf dem europäischen Kontinent wäre Deutschland schon bei einem begrenzten Verteidigungskrieg unmittelbar betroffen. Großbritannien und Frankreich wiederum unterhalten Nuklearstreitkräfte, um sich vor den schlimmsten Auswüchsen eines Krieges möglichst lange abschirmen zu können. Wie der Ukrainekrieg zeigt, ist die Gefahr nicht auszuschließen, dass sich Russland und die USA in einer begrenzten Auseinandersetzung gegen die Interessen europäischer Staaten abstimmen könnten. Ein besonderer Anreiz zu kooperativer Konflikteindämmung entsteht beiden Großmächten aus der wechselseitigen nuklearen Abschreckung. Mit rund 86 Mrd. Euro Verteidigungsetat im Jahr 2025 betrug der deutsche Anteil rund 20Prozent aller Ausgaben für Verteidigung in der EU (418 Mrd.) und lag im Direktvergleich vor Frankreich (68 Mrd.) und Großbritannien (rund 73 Mrd.). Die Tendenz ist steigend. Gemessen am geschätzten nominalen Bruttoinlandsprodukt 2026 ist die Volkswirtschaft Deutschlands die drittgrößte der Erde (nach den USA und China) und ungefähr doppelt so groß wie die Russlands. Wahrscheinlich ist Deutschland längst auch der wichtigste Partner der USA in Europa.

Trotz alledem lässt Deutschland auch inmitten der „Zeitenwende“ weiterhin strategische Zurückhaltung in Bezug auf nukleare Abschreckung walten. Wenn man verstehen will, warum Deutschland weiterhin auf eigene Kernwaffen verzichtet, muss man diese jüngsten Entwicklungen in eine historische Perspektive einbetten. Deutschlands Status und Position in der nuklearen Weltordnung waren und sind nämlich keine Naturgegebenheiten oder Zwangsläufigkeiten, sondern das Produkt historischer Umstände. Von deren Ewigkeitsbestand kann man kaum ausgehen, wenn man annimmt, dass Veränderung die wichtigste Konstante der Geschichte ist.

Was gibt es da noch zu erklären?

Dass die Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg keine Atommacht wurde, scheint einfach zu erklären. Deutschland wurde besiegt, kapitulierte bedingungslos, wurde entwaffnet, besetzt und geteilt. Nach dem Holocaust an den Juden Europas und einem rassenideologischen Vernichtungskrieg, der alleine in der Sowjetunion 27 Millionen Menschen das Leben kostete, wog die Schuld so schwer, dass die Idee der Besitzes von „Massenvernichtungswaffen“ verpönt und praktisch irrelevant war. Bevor die Bundesrepublik als NATO-Mitglied Streitkräfte aufstellen durfte, wurde in den Pariser Verträgen von 1954/55 völkerrechtlich geregelt, dass Westdeutschland keine Kernwaffen im eigenen Gebiet produzieren durfte. Zudem agierten die USA dauerhaft als nukleare Schutzmacht der NATO. Damit war der Bedrohung durch die Sowjetunion genug entgegengesetzt. Großbritannien und Frankreich produzierten und kontrollierten Kernwaffen. Als Siegermächte des Zweiten Weltkrieges konnten beide aber nicht mit Westdeutschland verglichen werden. Hätte eine deutsche Regierung versucht, Kernwaffen zu erlangen, wäre das auf massiven Widerstand gestoßen und hätte die europäische Integration, die NATO und die deutsch-amerikanischen Beziehungen zerstört – und vielleicht sogar ein gemeinsames Vorgehen der alten Weltkriegskoalition gegen Westdeutschland hervorgerufen. Und natürlich war keine der drei Westmächte bereit, irgendeinem anderen Verbündeten Kernwaffen zu überlassen, schon gar nicht Deutschland. Durch den Beitritt zu anderen Verträgen, insbesondere zum Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen von 1968, bestätigte die Bundesrepublik ihren Nuklearverzicht einmal mehr. Im Zwei-plus-vier-Vertrag von 1990 verzichtete das wiedervereinigte Deutschland völkerrechtlich „auf Herstellung und Besitz von und auf Verfügungsgewalt über atomare, biologische und chemische Waffen“. Diese vertraglichen Regelungen gelten bis heute.

Das alles ist leicht nachzuvollziehen, ergibt intuitiv Sinn und mag im Wesentlichen selbsterklärend sein. Doch ist es das auch?

Wer so denkt, geht von zu starken Überzeugungen aus, die „auf einem sicheren Fundament“ ruhen: „unserer beinahe unbegrenzten Fähigkeit, die eigene Unwissenheit zu ignorieren“. Denn es ist allzu leicht, die reale Tiefe eines Sachverhalts zu unterschätzen und das eigene Verständnis des Sachverhalts zu überschätzen. Obendrein ist es bei Fragen der internationalen Sicherheit besonders herausfordernd, zu deuten, warum etwas nicht geschah. Denn die Suche nach der Kausalität für Absenz, so wichtig diese Bemühung ist, führt nicht zu sicheren Ergebnissen. Aber mindestens Einschätzungen zu den Gründen sind möglich, auch wenn diese unterschiedlich belastbar sein mögen. Die Befassung mit der historischen Frage, warum Deutschland nicht Atommacht wurde, kann zudem dadurch erschwert werden, dass moralische oder ideologische Prägungen, intuitive Plausibilitätsvorstellungen und populäre Geschichtsbilder die Perspektive verunklaren. In einem anderen Extrem gehen Beobachter von rigiden Annahmen aus (etwa: „Adenauer wollte Kernwaffen für Deutschland“). Infolgedessen wittern sie Verschwörung, Täuschung und Tarnung („Deutschlands damalige Beteuerungen waren nicht glaubhafter als die des Iran heute“) und machen sich dafür empfänglich, selbst bei massiver Dissonanz zu qualitativ hochwertigen Belegen an ihrer Überzeugung festzuhalten, dass die Deutschen in den frühen 1960er Jahren „nach der Bombe“ strebten.

Was man wissen kann, hängt stark davon ab, wie präzise und tiefgründig die interessierenden Sachverhalte betrachtet werden können. Der Umgang mit Belegen ist jedoch schwieriger, als vielen bewusst ist. Das gilt in besonderem Maße für sicherheitsrelevante Themen, in denen Geheimhaltung eine Rolle spielt. Mittlerweile steht die Erforschung der Frage, warum Deutschland nicht Atommacht wurde, auf soliderer Quellengrundlage als jemals zuvor. Die seinerzeit streng geheimen Akten, die Adenauer nach seiner Kanzlerschaft im wörtlichen Sinne mit nach Hause nahm und die den „Tresorbestand“ bei der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus in Bad Honnef-Rhöndorf bilden, wurden mittlerweile vollständig offengelegt. Zuvor hatte im Wesentlichen nur ein Wissenschaftler, Hans-Peter Schwarz, die sicherheitsrechtliche Befugnis und Genehmigung, nuklearpolitisch relevante Informationen aus dem „Tresorbestand“ auszuwerten. Zudem sind für die Ära Adenauer mittlerweile fast alle Sitzungsprotokolle des Bundesverteidigungsrates öffentlich zugänglich, daneben umfangreiche Überlieferungen ehemaliger Verschlusssachen des Auswärtigen Amtes, des Bundesministeriums der Verteidigung und verschiedener ausländischer Regierungsstellen insbesondere aus Großbritannien, den USA, Italien und Frankreich.

Diese maßgeblich verbesserte Quellengrundlage war ein wesentlicher Antrieb für ein internationales Forschungsprojekt zu der Frage, warum die Bundesrepublik Deutschland nicht Atommacht wurde. Inwiefern trugen Entscheidungen und Entwicklungen der ausgehenden 1950er und frühen 1960er Jahre zu diesem historischen Ergebnis bei? Wie nahmen Verbündete und Rivalen die Absichten der Adenauer-Regierung wahr?

Die deutsche nukleare Frage in der späten Ära Adenauer

Auch zur Regierungszeit Konrad Adenauers hat Deutschland nahezu sicher nicht beabsichtigt, proaktiv – also ohne Veranlassung etwa durch die USA – Atommacht zu werden. Allerdings haben die Regierungen unter Adenauer durchaus Voraussetzungen dafür zu schaffen versucht, dass Deutschland mittel- oder langfristig Atommacht werden könnte, falls eine zukünftige Bundesregierung dies anstreben sollte – etwa angesichts einer drastisch verschlechterten gesamtstrategischen Lage.

Die zugängliche Überlieferung lässt es mittlerweile zu, die entsprechenden strategischen Kalkulationen und Positionierungen der Bundesregierung präziser zu erforschen. Adenauers persönliche Haltung bleibt schwer zu deuten. Für ihn war es offenbar eine Abwägungsfrage, die er nie frei von Ambivalenz oder vielleicht gar Zwiespältigkeit betrachtete. Adenauer war zu keiner Zeit bereit, eine Revision des völkerrechtlichen Verbots von 1954/55 konkret anzustrengen, wonach es Deutschland verboten war, ABC-Waffen im eigenen Gebiet zu produzieren. Andererseits sah er den nicht-nuklearen Status der Bundesrepublik zu keiner Zeit als endgültig an, bestand auf einer „gleichberechtigten Behandlung Deutschlands“ und lehnte eine „Diskriminierung der Bundesrepublik bei der Ausstattung der NATO-Streitkräfte mit Atomwaffen“ ab.

Höchst spannungsgeladen war diese Gemengelage zum Jahreswechsel 1962/63, nachdem die US-Regierung unter Präsident John F. Kennedy einen Politikwechsel vollzogen hatte: Ein angloamerikanisches Gipfeltreffen in Nassau (Bahamas) erbrachte nämlich die US-Konzession an Großbritannien, seegestützte Mittelstreckenraketen aus US-Produktion für die unabhängige britische Nuklearstreitmacht erwerben zu können. Infolgedessen wurden strategische U-Boote mit – aus US-Produktion stammenden – Raketen mit britischen Nukleargefechtsköpfen zum Kern von Großbritanniens Nuklearstreitmacht. Noch im 21. Jahrhundert gelten zentrale Parameter der Nassauer Konzeption für die Modernisierung der britischen Nuklearstreitkräfte fort: Großbritannien produziert Kernwaffen und U-Boote selbst, bezieht die passenden Raketen aber von den USA. Ende 1962 legte die US-Regierung Wert darauf, dass Adenauer persönlich über die Ergebnisse des angloamerikanischen Treffens vom US-Botschafter informiert wurde, bevor das entsprechende Kommuniqué veröffentlicht wurde. Adenauers Bewertung des Nassauer Gipfels war nicht ausschließlich negativ, aber in der Gesamttendenz sehr kritisch: „Nach dem Briefe Kennedys wird ein solches Angebot der Bundesrepublik nicht gemacht. Die Bundesrepublik hat schon jetzt das stärkste Potential an konventionellen Waffen. Von ihr wird ständig eine Erhöhung ihrer Truppenzahl verlangt. Militärisch scheint mir das (…) wertlos. Der ‚Atomklub‘ wird geschaffen, aber ohne die Bundesrepublik. Diese wird dadurch eine Macht 3. Ranges. (…) Übrigens ist die seinerzeit von mir gegebene Zusicherung jederzeit widerrufbar, da für sie wie für alle völkerrechtlichen Erklärungen die clausula rebus sic stantibus gilt.“ Anfang 1963 teilte Bundesaußenminister Gerhard Schröder dem US-Botschafter mit, die „nukleare Dominanz“ der USA sei für Deutschland „leicht akzeptabel“, eine langfristige Diskriminierung Westdeutschlands im Vergleich zu anderen europäischen NATO-Partnern hingegen nicht. Insbesondere angesichts dieser Art von Bewertung in Bonn, die zu dem Zeitpunkt längst fest etabliert war, unterbreitete die Regierung Kennedy Anfang 1963 den Vorschlag einer „Multilateralen Atomstreitmacht“ in der NATO, der allerdings zu nichts führte.

Im Unterschied zur eingangs erwähnten Interpretation wäre es zu einfach, wenn man zu dem Schluss käme, dass sich die Frage einer nationalen Nuklearstreitmacht prinzipiell nicht gestellt hat. Eine weitere konkurrierende Interpretation ist nahezu sicher falsch, auch wenn sie vor allem in der US-amerikanischen Forschung des 21. Jahrhunderts einflussreich wurde. Diese besagt, dass die Bundesrepublik ursprünglich Atommacht werden wollte, aber eine Kehrtwende wegen der Erkenntnis vollzog, dass sie nicht Atommacht werden konnte. Diese Interpretation gibt es in einigen Permutationen, etwa der, Adenauer und seine Regierungen hätten den Kurs eingeschlagen, nationale Nuklearstreitkräfte für die Bundesrepublik zu erlangen, seien hiervon aber wirksam durch Druck- und Zwangsmaßnahmen der USA unter Präsident John F. Kennedy und dessen Nachfolger abgebracht worden, welche – je nach Lesart – tatsächliche, angedrohte oder befürchtete Maßnahmen gewesen seien. So oder so erscheint dabei eine postulierte Oppositionshaltung der USA als entscheidender Faktor, um zu erklären, warum die deutsche Regierung ihren Kurs angeblich umkehrte und Deutschland nicht Atommacht wurde.

Diese konkurrierenden Interpretationen unterstreichen die Komplexität der Problematik und zeigen, dass es weder Naturgegebenheit noch Zwangsläufigkeit, sondern das Ergebnis kontingenter historischer Umstände, Entwicklungen und Entscheidungen war, dass Deutschland nicht Atommacht wurde.

Eine markante Entscheidung, die der Forschung bis vor Kurzem unbekannt war und aufgrund von Aktenfreigaben erstmals erkennbar wurde, trafen die Spitzen der Bundesregierung in einer Sitzung des Bundesverteidigungsrats am 17. Juli 1962: Für den „weiteren Aufbau der Bundeswehr“ für die 1960er Jahre und darüber hinaus wurde „die Konzeption der abgestuften Abschreckung gebilligt“, deren erstes Prinzip lautete: „Keine Beteiligung am strategischen Deterrent, jedoch Beteiligung an einer integrierten Mittelstreckenraketen-Streitmacht unter SACEUR“.

Das war eine förmliche und explizite Entscheidung gegen eine nationale Nuklearstreitmacht zur Abschreckung (deterrence). Als solche ist sie die einzige, die in den Akten nachweisbar ist: Die Bundesrepublik sollte nicht an der Seite der USA, Großbritanniens und Frankreichs zu einem unabhängigen Entscheidungszentrum mit nationalen strategischen Nuklearstreitkräften gemacht werden.

Diese Entscheidung, „keine Beteiligung am strategischen Deterrent“ anzustreben, stand in einem schon in der Formulierung erkennbaren unmittelbaren Zusammenhang mit der Entscheidung, die Bundeswehr an einer sogenannten NATO-MRBM-Streitmacht zu beteiligen, wie es damals hieß. Unter dem integrierten Oberbefehl des Alliierten Oberkommandierenden in Europa (SACEUR) der NATO – also gerade nicht unter exklusiver nationaler Kontrolle teilnehmender Verbündeter – sollten hunderte mobile Mittelstreckenraketen („Medium Range Ballistic Missiles“, MRBM) mit Nuklearsprengköpfen zur See und zu Lande eingeführt werden, um bestimmten militärischen Zielen ein Abschreckungspotenzial entgegenzusetzen, vor allem zeitkritischen Zielen wie den nuklearen Mittelstreckenraketen in den westlichen Militärbezirken der Sowjetunion. Was die von der Adenauer-Regierung angestrebte deutsche „Beteiligung“ anging, so lauteten zentrale deutsche Präferenzen im Sommer 1962: Im Rahmen bilateraler nuklearer Teilhabe mit der Bundesmarine und der Luftwaffe sollten die Nukleargefechtsköpfe der MRBM US-Eigentum und im Gewahrsam der US-Streitkräfte bleiben. Der deutsche Anteil sollte bei rund 100 Stück MRBM-Abschussvorrichtungen liegen. „(…) 2/3 sollten zur See basiert, 1/3 auf Land basiert sein“. Und seebasierte MRBM sollten auf U-Booten mit Nuklearantrieb verfügbar sein.

Diese Präferenzen bedeuteten, dass bei entsprechender Umsetzung beiläufig auch der Grad an strategischer Latenz Westdeutschlands mit Blick auf potenzielle nationale Nuklearstreitkräfte stark erhöht worden wäre – und dies zwar nicht ohne Beeinflussung, wohl aber ohne Präjudizierung der fundamentalen politischen Frage, ob eine zukünftige Bundesregierung unter Umständen eine „Beteiligung am strategischen Deterrent“ anstreben wollen oder umsetzen können würde. Man muss sich hierfür insbesondere folgende Parameter von U-Booten mit MRBM vor Augen halten: Atomantrieb, lange Tauchdauer, hohe Überlebensfähigkeit (zumal angesichts der Dominanz der NATO in Atlantik und Mittelmeer), Flexibilität des Einsatzraums, Wirksamkeit und Feuerkraft der MRBM.

Eine NATO-MRBM-Streitmacht wurde tatsächlich nie errichtet. Schon angesichts der Positionierung der Adenauer-Regierung in der Frage stellten sich den Verbündeten Deutschlands auch Jahre später noch profunde Fragen: Was, wenn keine NATO-MRBM-Streitmacht aufgebaut oder keine ausreichende Alternative in der NATO gefunden würde? „Can the West Germans then be expected to embark on a program to acquire, through their own efforts, a nuclear capacity of their own? This is the key question to the Atlantic nuclear problem (…).“

Schluss

Es war stets – und ist bis heute – ein fundamentales Element der nuklearen Sicherheitspolitik der Bundesrepublik Deutschland, auf eine nationale Nuklearbewaffnung zu verzichten. Zum Schutz gegen nukleare und andere Bedrohungen setzte Deutschland stets auf die erweiterte nukleare Abschreckung der USA im Rahmen der NATO. Die Frage, warum Deutschland nicht Atommacht wurde, ist scheinbar einfach, erweist sich aber bei näherer Betrachtung als komplexes Problem. Vor allem die Jahre der Kanzlerschaft Konrad Adenauers sind hierbei in höchstem Maße relevant, ist doch bis heute umstritten, was die damaligen Bundesregierungen im Hinblick auf den Status und die Position Deutschlands in der nuklearen Weltordnung und im westlichen System der nuklearen Abschreckung beabsichtigten. Die beste Einschätzung lautet allerdings, dass Deutschland auch in der Adenauer-Zeit nahezu sicher nicht proaktiv beabsichtigt hat, Atommacht zu werden. Die hohe Prägekraft der Entwicklungen dieser Zeit zeigt sich noch heute in der „Zeitenwende“.