Das internationale Staatensystem ist gegenwärtig von drei Entwicklungen gekennzeichnet.
Es überrascht nicht, dass in jüngerer Zeit wieder publikumswirksame Filme über Nuklearwaffen erscheinen. Mit Kathryn Bigelows „A House of Dynamite“ (2025) haben Millionen Menschen auf Netflix (wieder-)entdeckt, dass die Menschheit nach wie vor in einer Ära lebt, in der sie sich als Spezies gänzlich selbst auslöschen könnte.
Der Grund für die wiedererstarkte popkulturelle Präsenz der Bombe ist, dass Nuklearwaffen nach drei Jahrzehnten vergleichsweise geringer Prominenz nun wieder vermehrt als Instrumente aggressiver Machtpolitik in Erscheinung treten. Putin droht allen mit Nuklearschlägen, die sich seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine in den Weg stellen. Donald Trump verkündet, dass „eine ganze Zivilisation heute Nacht sterben“
Die in den 1990er Jahren aufgekeimte und in den 2000er Jahren verfolgte Hoffnung auf nukleare Abrüstung und die „globale Null“ ist längst verflogen. Nuklearwaffen behalten bis auf Weiteres auch im 21. Jahrhundert ihren Status als „absolute Waffen“
Um die Charakteristika dieses dritten Nuklearzeitalters besser zu verstehen, müssen zunächst die Veränderungen in den Arsenalen der Nuklearwaffenstaaten beleuchtet werden. Daraufhin gilt es, einen Blick auf die Krise der nuklearen Rüstungskontrolle zu werfen, um sich anschließend die Implikationen für die Praxis der nuklearen Abschreckung vor Augen zu führen.
Trend zu mehr Nuklearwaffen
1986 erreichte der weltweite Nuklearwaffenbestand mit schätzungsweise 70300 Nuklearsprengköpfen seinen Höchststand. Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts begann in den 1990er Jahren ein drastisches Schrumpfen der weltweiten Arsenale. Anfang 2026 waren es nach Schätzungen der Federation of American Scientists noch etwa 12200 – ein Rückgang um mehr als 80 Prozent.
Doch dieser Abrüstungstrend bricht.
Nuklearwaffen zu zählen ist eine Wissenschaft für sich. Es gilt zu unterscheiden zwischen strategischen und nicht-strategischen Sprengköpfen. Außerdem: Welche Sprengköpfe sind bereits ausgemustert, aber noch nicht demontiert? Welche sind wiederum Teil des aktiven Arsenals, aber nicht mit Trägersystemen verbunden? Es greifen zudem verschiedene Zählregeln, abhängig von der Art des Trägersystems, also etwa Bomber oder Interkontinentalrakete.
Mit rund 5420 Sprengköpfen verfügt Russland auch 2026 weiterhin über das größte Arsenal, die USA über 5042. Betrachtet man nur die militärisch relevanten Aktivbestände, die deployed warheads, sind es etwa 1796 beziehungsweise 1770. Zusammen halten diese beiden Staaten damit 83 Prozent aller Nuklearwaffen. Mit dem Wegfall der bilateralen Rüstungskontrolle und damit der vertraglich festgelegten Obergrenzen hegt nun nichts mehr ein neues nukleares Wettrüsten zwischen den USA und Russland ein.
Diese Aufrüstung wird sich zumindest in naher Zukunft noch nicht durch aufwachsende Gesamtarsenale in den USA und Russland manifestieren, weil für die Gefechtskopfproduktion in größerem Umfang in beiden Ländern aktuell die industrielle Infrastruktur fehlt. Durch Uploading aber lassen sich die aktiven, unmittelbar einsetzbaren Arsenale vergrößern. Uploading bezeichnet die Möglichkeit, vorhandene Träger mit zusätzlichen Sprengköpfen zu bestücken oder bislang ungenutzte Startvorrichtungen wieder zu aktivieren. Viele Interkontinental- und U-Boot-gestützte Raketen können nämlich mehrere unabhängig voneinander, auf verschiedene Ziele ausrichtbare Gefechtsköpfe tragen, sind aber aus vertraglichen Gründen nicht maximal beladen. Diese Maximalbeladung ist nun nach dem Ende von New START wieder möglich. Auch deaktivierte Startrohre in U-Booten, Reservegefechtsköpfe und leere Silos bilden Aufwuchspotenzial für die aktiven Arsenale.
China wiederum vergrößert sein Arsenal tatsächlich sehr rasch durch neue Sprengköpfe. Anfang 2026 hat China bereits Hunderte neue Raketen in drei großen neuen Silofeldern in der Wüste im Nordwesten des Landes stationiert. Sein gewachsener Bestand von aktuell rund 620 Sprengköpfen liegt noch weit unter den russischen und amerikanischen Arsenalen; das Land baut jedoch schneller aus als jede andere Atommacht und könnte bis 2030 an Russland und die USA heranrücken. Die mit einem Sprint Chinas zur Parität einhergehenden Konsequenzen sind bereits in Washington spürbar. Wenn gemäß der Logik nuklearer Zielplanung jedes der rund 600 chinesischen Silos mit zwei Gefechtsköpfen belegt werden soll, um es im Ernstfall sicher zu vernichten, dann sind bereits 1200 Gefechtsköpfe des aktiven US-Arsenals nur für diese Aufgabe gebunden. Die chinesischen Silos saugen aus US-Sicht gleichsam Gefechtsköpfe auf wie ein Schwamm und erzeugen dadurch zusätzlichen Aufrüstungsdruck – das klassische Aktions-Reaktions-Schema des Rüstungswettlaufs.
Indien (circa 190 Sprengköpfe) und Pakistan (circa 170 Sprengköpfe) erweitern ihre Arsenale ebenfalls oder bereiten dies vor. Beide arbeiten an neuen Trägersystemen. Nordkorea hat inzwischen schätzungsweise 60 Gefechtsköpfe und macht stetig Fortschritte beim Ausbau seines Arsenals und vor allem bei der Entwicklung leistungsfähigerer Trägersysteme mit interkontinentaler Reichweite.
Das auf insgesamt 90 Sprengköpfe geschätzte israelische Arsenal bleibt das am schlechtesten gehütete Geheimnis der Welt, und Bautätigkeiten im nuklearen Forschungszentrum nahe der Stadt Dimona legen nahe, dass auch Israel Modernisierungen anstrebt.
Großbritannien hatte schon 2021 die Erhöhung seiner Arsenalobergrenze auf 260 bekanntgegeben – aktuell liegt der Gesamtbestand bei geschätzt 225. Frankreich hat 2026 die Vergrößerung seines rund 370 Sprengköpfe umfassenden Arsenals im Lichte der angespannten Sicherheitslage in Europa durch Russlands Aggressionen angekündigt, aber den Aufwuchs nicht näher beziffert.
Gemäß der Unterscheidung zwischen horizontaler und vertikaler Verbreitung von Nuklearwaffen verläuft das neue Wettrüsten also bisher vor allem vertikal: mehr Silos, neue Trägersysteme, modernisierte Sprengköpfe in den schon existierenden Nuklearwaffenstaaten. Horizontal würde sich die Bombe verbreiten, wenn ein weiterer, bisher nicht nuklearwaffenfähiger Staat Atomwaffen erwirbt. Seit Nordkoreas Aufstieg zur neunten Nuklearmacht im Jahr 2006 ist die Zahl der Besitzer nicht weiter gestiegen. Das ist einerseits ein Erfolg der Bemühungen um Nichtverbreitung. Andererseits dürfte Iran sich angesichts des aktuellen Kriegs künftig noch entschlossener um eine eigene nukleare Lebensversicherung bemühen. Und auch in Staaten wie Polen oder Südkorea hat eine rege Diskussion um eigene Nuklearwaffen begonnen, weil die nuklearen US-Sicherheitsgarantien unter Donald Trump weltweit erodieren.
Krise der Rüstungskontrolle
Am 5. Februar 2026 lief der Rüstungskontrollvertrag New START aus. Das 2010 geschlossene und 2021 um fünf Jahre verlängerte Abkommen begrenzte Russland und die USA jeweils auf 1550 aktive strategische Sprengköpfe (die oben genannten Zahlen für deployed warheads liegen aufgrund der zur Erhebung angewandten Zählregeln höher). Wichtiger als die Obergrenzen jedoch waren Transparenz und Vertrauensaufbau: Datenaustausch, Vorab-Meldungen und Inspektionen vor Ort etablierten ein geteiltes Bild der amerikanisch-russischen nuklearen Beziehungen.
Russland hatte seine Teilnahme an New START 2023 ausgesetzt, Inspektionen fanden schon zuvor aufgrund der weltweiten Covid-Pandemie nicht mehr statt. Vor Ablauf des Vertrags waren keine ernsthaften Bemühungen um eine Verlängerung oder einen Ersatz begonnen worden.
Mit dem Auslaufen gibt es nun erstmals seit mehr als einem halben Jahrhundert keine rechtsverbindlichen Obergrenzen für die strategischen Arsenale der beiden größten Atommächte. Das bedeutet, dass Entscheidungen über Aufwuchs von Arsenalen künftig ohne quantitative Leitplanken und ohne den Austausch von Informationen fallen.
Rüstungskontrolle hat bekanntlich den Zweck, Risiken einzuhegen. Sie erzeugt Vertrauen durch Regeln und das verifizierbare Einhalten von Absprachen, verlängert Entscheidungszeiten und macht das Verhalten des Gegners transparenter, was Fehlwahrnehmungen und Fehlentscheidungen vorbeugt. Entgegen landläufiger Annahme ist Rüstungskontrolle also keine Schönwetterveranstaltung unter Friedensbewegten, sondern komplementär zu nuklearer Abschreckung betriebene Macht- und Interessenpolitik. Man betreibt Rüstungskontrolle nicht mit Freunden, weil es ein gutes Gefühl macht, sondern mit Feinden, weil man überleben will.
Eine neue bilaterale nukleare Rüstungskontrolle ist allerdings nicht in Sicht. Moskau und Washington bekennen sich zwar abstrakt zu weiterer Rüstungskontrolle, doch Putins Aggression und Trumps erratisches Verhalten erlauben keine substanziellen Verhandlungen.
Washington verlangt zudem ein moderneres trilaterales Format der nuklearen Rüstungskontrolle, das China einbezieht. Der Gedanke ist plausibel: Wenn Chinas Arsenal so rasant wächst und ein Gleichziehen absehbar ist, dann muss China ebenfalls mit Russland und den USA an einen Tisch. Doch Peking hat daran keinerlei Interesse und verweist darauf, dass sein militärischer Bestand nach wie vor nur einen Bruchteil der amerikanischen und russischen Bestände ausmacht. Trilaterale Abrüstungsverhandlungen lehnt das Land derzeit als „weder fair noch vernünftig“
Die globale, multilaterale Nichtverbreitungsordnung existiert derweil weiter. Ihr Fundament bleibt der 1970 in Kraft getretene NVV. Er beruht auf einem Handel: Die große Mehrheit der Staaten verzichtet auf Atomwaffen und akzeptiert Kontrollen der Internationalen Atomenergie-Organisation, im Gegenzug wird ihr die friedliche Nutzung der Kernenergie zugesichert. Die fünf im Vertrag anerkannten offiziellen Atommächte verpflichten sich zu nuklearer Abrüstung. Mit 191 Vertragsparteien ist der NVV weiterhin nahezu universell. Die vier inoffiziellen Nuklearwaffenstaaten aber haben den Vertrag nicht unterzeichnet: Indien, Israel und Pakistan gehören dem NVV nicht an, Nordkorea erklärte 2003 seinen Austritt.
Der NVV hat Historisches geleistet. Die in den 1960er Jahren verbreitete Befürchtung von dutzenden Atommächten ist nicht eingetreten. Südafrika demontierte sein Arsenal, Belarus, Kasachstan und die Ukraine gaben nach dem Zerfall der Sowjetunion die auf ihrem Gebiet stationierten Nuklearwaffen ab, und zahlreiche weitere Staaten beendeten Programme oder Ambitionen. Der NVV-Deal wackelt allerdings zusehends. Wenn Nichtatomwaffenstaaten dauerhaften Verzicht üben sollen, während Atommächte ihre Arsenale vergrößern und modernisieren, dann verliert die Ordnung an Legitimität. Dass die letzte NVV-Überprüfungskonferenz 2026 zum dritten Mal in Folge ohne gemeinsames Abschlussdokument endete, ist deshalb kein diplomatisches Missgeschick, sondern Ausdruck der Krise der nuklearen Nichtverbreitungsordnung.
Der 2021 in Kraft getretene Atomwaffenverbotsvertrag strebt, anders als der NVV, ein generelles Verbot von Besitz, Stationierung und Einsatz von Nuklearwaffen an. Er bindet allerdings bisher nur 75 Vertragsstaaten, darunter keine einzige Atommacht und kein Staat, der in einem Arrangement der nuklearen Teilhabe inkludiert ist, also durch das Arsenal eines nuklearen Drittstaats von erweiterter Abschreckung profitiert. Der Atomwaffenverbotsvertrag wird somit bisweilen auch als zweischneidiges Unterfangen kritisiert. Einerseits verfolgt er ein erstrebenswertes Ziel. Da die Nuklearmächte sich ihm andererseits aber nie unterwerfen werden, läuft die lobenswerte Absicht, Nuklearwaffen generell zu ächten, Gefahr, am Ende den NVV zu unterminieren, weil Nichtatomwaffenstaaten diesen im Protest zugunsten des neuen Vertrags quittieren könnten.
Zunehmend komplizierte nukleare Abschreckung
Auch im Kalten Krieg war die nukleare Ordnung nicht einfach.
Heute sind die globalen Abschreckungsbeziehungen komplizierter, was sowohl politische als auch technische Ursachen hat.
An der nuklearen Teilhabe im Rahmen der NATO lässt sich der politische Vorher-Nachher-Vergleich gut festmachen. Das Arrangement, bei dem die USA in Europa stationierte US-Atomwaffen unter eigener Kontrolle halten, während europäische Verbündete – darunter Deutschland – die Trägerflugzeuge bereitstellen, teilt nicht nur Risiken, Verantwortung und politische Mitsprache bei der nuklearen Abschreckung. Es war vor allem aus US-Sicht stets Teil der globalen Ordnungs- und Nichtverbreitungspolitik. Durch die nukleare Teilhabe entfiel für Staaten wie Deutschland im Kalten Krieg der Anreiz, selbst Nuklearwaffenstaat zu werden.
Die Zweifel an den US-Nukleargarantien in Trumps zweiter Amtszeit führen nun zu Debatten über die europäische Rolle der französischen und britischen Nuklearwaffen und zu Reaktionen, mit denen etwa Frankreich durch eine Vorwärtsverschiebung seiner Abschreckung („dissuasion avancée“) Kompensation zu leisten versucht. In mehreren europäischen Staaten – wie etwa dem oben bereits genannten Polen, den baltischen und nordischen Staaten, aber zunehmend auch in Deutschland – halten sich zudem hartnäckig Überlegungen in Richtung einer „eigenen Bombe“.
Die USA müssen unterdessen weiterhin Russland und vermehrt China berücksichtigen. Russlands und Chinas enge militärische und technische Kooperation beeinflusst dabei die amerikanischen Planungen. China wiederum kalkuliert mit den USA, aber auch mit Indien; Indien wiederum mit Pakistan, aber auch China. Die relativ neue Nuklearmacht Nordkorea richtet seine Abschreckungsgebärden gegen die USA, aber auch gegen Südkorea und Japan, die wiederum ähnliche Trump-induzierte Zweifel umtreiben wie die Europäerinnen und Europäer.
Zu einer fragmentierteren politischen Landschaft kommt die zunehmende Verflechtung der konventionellen und der nuklearen Domäne durch neue Technologien.
In Russlands Nuklearprogramm verdichten sich beispielhaft die Krise der Rüstungskontrolle und die komplizierter werdende Abschreckung im Rahmen einer insgesamt konfliktiver werdenden Weltordnung. Ausdrücklich als asymmetrische Reaktion auf den amerikanischen Ausstieg aus dem ABM-Vertrag 2002 – der den USA und Russland den Aufbau strategischer Raketenabwehr verbot – entwickelt das Land seit Jahren eine Reihe neuer strategischer Trägersysteme: Awangard (dt. „Vorhut“) ist ein nuklear bestückbarer hyperschallschneller Gleitflugkörper, der Raketenabwehr durch Geschwindigkeit und Manövrierfähigkeit überwinden soll; Burewestnik (dt. „Sturmvogel“) ist ein nuklear angetriebener und nuklear bewaffneter Marschflugkörper mit praktisch unbegrenzter Reichweite und somit schwer vorhersehbarem Anflugpfad; Poseidon schließlich ist eine nuklear bewaffnete Unterwasserdrohne mit interkontinentaler Reichweite, die Raketenabwehr vollständig umgeht. Strategisch verfolgen alle drei dasselbe paranoide, aber aus Sicht der nuklearen Abschreckung plausible Ziel: die gesicherte russische Zweitschlagfähigkeit auch gegenüber einer künftig leistungsfähigeren amerikanischen Raketenabwehr zu erhalten.
Was eine informierte Öffentlichkeit wissen sollte
Erstens ist es mitnichten so, dass ein neuer nuklearer Rüstungswettlauf droht. Vielmehr ist dieser schon längst im Gange.
Zweitens werden durch weggefallene Rüstungskontrollverträge und gestiegene Geheimhaltungsbedürfnisse (explizit angekündigt zum Beispiel von Großbritannien und Frankreich) die strategischen Arsenale zukünftig noch schwerer von außen abzuschätzen sein. Die Zahl der bisher nie von Rüstungskontrollverträgen erfassten nicht-strategischen (vulgo: taktischen) Nuklearwaffen Russlands wird auch weiterhin nur grob zu beziffern sein.
Drittens ist „taktisch“ kein Synonym für klein oder weniger verheerend. Die Bezeichnung leitet sich vor allem ex negativo daraus ab, dass strategische Waffen in der Vergangenheit rüstungskontrollpolitisch, etwa in New START, erfasst waren. Taktisch war demgemäß alles, was nicht der strategischen Rüstungskontrolle unterworfen war. Funktional wiederum lässt sich der Unterschied anhand der militärischen Aufgabe treffen: Strategische Waffen sollen vernichtende nukleare Erstschläge abschrecken; taktische Waffen sollen Effekte auf dem Gefechtsfeld haben. Strategische Waffen dienen der Vergeltungsdrohung, möglichst ohne sie je einsetzen zu müssen; taktische sollen hingegen im Zweifel einsetzbar sein. Deswegen können taktische Waffen geringere Sprengwirkung und Trägersysteme mit geringerer Reichweite aufweisen. Aber auch eine Waffe mit geringerer Sprengkraft kann eine Stadt verwüsten; und auch ihr Einsatz könnte eine Eskalationskette auslösen. Ein sauber begrenzbarer Nuklearkrieg bleibt kaum vorstellbar.
Viertens ist Abschreckung kein Naturgesetz, sondern menschengemacht. Mit dem Besitz von Nuklearwaffen entsteht Abschreckung nicht automatisch. Sie kann wirken, wenn die technischen Voraussetzungen gegeben sind und politische Führungen katastrophale Vergeltung fürchten.
Fünftens ist Rüstungskontrolle nicht Abrüstung. Sie kann sogar kontrollierte Aufrüstung bedeuten. Entscheidend ist, dass Rüstungskontrolle Transparenz schafft sowie Kosten und Risiko eines unbeabsichtigten Krieges senkt.
Sechstens muss eine informierte Öffentlichkeit nicht jedes Trägersystem und jede Verästelung der nuklearen Abschreckungstheorie kennen. Aber sie sollte sehr wohl fragen können, welche Risiken eine bestimmte Strategie im Lichte einer Bedrohung mindert, welche sie erzeugt oder verstärkt und welche Annahmen der Strategie zugrunde liegen. Solche Kenntnisse, die nach dem Ende des Ost-West-Konflikts scheinbar überflüssig wurden und rasch vergessen waren, müssen nun wieder vermittelt werden, damit die demokratische Debatte auf der Grundlage eines gewissen Maßes an nuklearem IQ geführt werden kann. Es ist in diesem Rahmen durchaus vernünftig, die Bombe zu fürchten, aber blanke atomare Dauerpanik ist keine Diskussionsgrundlage und kein funktionierender politischer Handlungsmaßstab.
Das dritte Nuklearzeitalter bringt nicht deshalb Neues mit sich, weil die Menschheit mehr Sprengköpfe besitzt – sie besitzt nach wie vor sehr viel weniger als 1986. Neu ist, dass wieder wachsende Arsenale, der Kollaps der regelgeleiteten Weltordnung, technologische Beschleunigung und mehrere politisch rivalisierende und revisionistisch agierende Großmächte zugleich aufeinandertreffen. Die richtige Reaktion ist doppelte Nüchternheit: glaubwürdige Abschreckung dort entschlossen herstellen, wo nukleare Erpressung droht; beharrliches Drängen auf Transparenz und Begrenzung dort, wo Rüstungskontrolle Risiken (wieder) einhegen kann. Die Augen vor dem Geschehen zu verschließen ist jedenfalls keine Option, denn die vergangenen dreißig Jahre zeigen: Die Bombe verschwindet nicht, nur weil wir ihre Existenz eine Weile verdrängen konnten.