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Kommentar: Wir brauchen eine De-Kolonisierung und Aufwertung der Osteuropaforschung | Ukraine-Analysen | bpb.de

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Kommentar: Wir brauchen eine De-Kolonisierung und Aufwertung der Osteuropaforschung Ukraine-Analyse Nr. 269

Gwendolyn Sasse Berlin) Von Gwendolyn Sasse (ZOiS

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Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine ist eine Zäsur für die Osteuropaforschung. Im besten Fall führt der notwendige Wiederaufbau auch zum zukunftsgewandten Umbau wissenschaftlicher Strukturen in der Ukraine.

Ein Gebäude der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der V.N. Karazin-Universität in Charkiw ist nach einem russischen Raketeneinschlag schwer beschädigt. (© picture-alliance, AA)

Herausgeber der Länderanalysen

Die Ukraine-Analysen werden von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., dem Deutschen Polen-Institut, dem Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, dem Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH gemeinsam herausgegeben. Die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb veröffentlicht die Analysen als Lizenzausgabe.

Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine ist eine Zäsur für die Ukraine-Forschung und für die Osteuropaforschung insgesamt. Was diese Zäsur in der Praxis bedeutet bzw. bedeuten kann, zeichnet sich erst in Ansätzen ab. Die Bedeutung der Ukraine in der Forschung sowie in europäischen und globalen Zusammenhängen wird kaum mehr infrage gestellt werden. Inmitten eines Krieges können die Sozialwissenschaften darüber hinaus auch einen Beitrag zur empirischen Dokumentation der Kriegsdynamik (s. z. B. #DataforUkraine, Externer Link: https://mlp.trinity.duke.edu/dataforukraine.php#en) und ihrer Auswirkungen auf Einstellungen, Identitäten und Verhalten leisten. Es fällt noch schwer, vorausschauend eine Forschungsprogrammatik zu formulieren. Auf dem Weg dahin wäre eine engere Verknüpfung der Osteuropaforschung mit der Konfliktforschung und der Fluchtforschung wünschenswert.

Der Krieg zwingt die Osteuropaforschung und ihre Geldgeber zu einer kritischen Selbstreflexion. Eine breitere Diskussion über die Strukturen und Versäumnisse der Osteuropaforschung geht über den Zirkel derer, die sich in Forschung und Lehre mit Osteuropa beschäftigen, hinaus und betrifft im Kern die Praktiken verschiedener akademischer Disziplinen. Es stimmt nicht, dass es keine sozialwissenschaftliche Forschung zur Ukraine gegeben hätte, selbst wenn es in den Sozialwissenschaften an westlichen Universitäten nur wenige Professuren mit Osteuropa- oder gar Ukraine-Denomination gab. Diese Forschung (wie auch die zu anderen osteuropäischen Ländern) wurde insbesondere von den Politikwissenschaften als Nischenthema betrachtet und fand kaum Zugang zu den renommiertesten internationalen Zeitschriften. Außerdem konzentriert sich viel wissenschaftliche Expertise zur Ukraine in der Ukraine. Der Krieg führt uns die Notwendigkeit einer engeren Einbindung ukrainischer und anderer osteuropäischer Wissenschaftler*innen vor Augen.

Die Ukraine-Forschung verdient es nicht erst seit dem 24.02.2022, in all ihren Facetten ausgeweitet zu werden. Der Reflex, diese Korrektur nun vorzunehmen, sollte jedoch nicht als Kurzschlusshandlung erfolgen. Was genau heißt es, die Ukraine-Forschung zu stärken? Woher kommt jetzt und in Zukunft die Expertise zur Ukraine, einschließlich Sprach- und Landeskenntnis? Hierbei geht es um einen längerfristigen Prozess, der strukturell in der Wissenschaftslandschaft verortet sein muss.

Seit der Gründung des ZOiS 2016 merkten politiknahe und akademische Stimmen in regelmäßigen Abständen an, dass am Institut erstaunlich wenig Russland-Forschung betrieben werde. Ein genauerer Blick auf das Forschungsprofil des ZOiS zeigt durchaus empirische Forschung zu Russland, aber sie nimmt keine dominierende Rolle ein und reiht sich neben der Forschung über die Ukraine, Moldau, Belarus, Georgien, Zentralasien usw. ein Wenn man diese Logik weiterdenkt, geht es in der Osteuropaforschung thematisch und institutionell um eine bewusste De-Kolonisierung.

Es wäre wünschenswert, wenn die Ukraine-Forschung nicht nur als ein Feld mit Nachhol- und Kompensationsbedarf verstanden würde, sondern in interdisziplinäre und transregionale Kontexte eingebettet wird und dabei unterschiedliche Formen annehmen kann und an verschiedenen Orten gleichzeitig an Präsenz gewinnt. Neben einschlägigen Professuren, die in ihrer Gesamtzahl immer begrenzt sein werden, muss die Ukraine inhaltlich in verschiedenen Forschungsfeldern, in den Köpfen von Wissenschaftler*innen, Herausgeber*innen von wissenschaftlichen Zeitschriften und im öffentlichen Diskurs stärker und nachhaltiger verankert werden.

Kurz- und mittelfristig ist die Unterstützung ukrainischer Wissenschaftler*innen, die die Ukraine verlassen mussten, eine wichtige Aufgabe. Ebenso wichtig ist die Unterstützung ukrainischer Wissenschaftler*innen, die in der Ukraine geblieben sind, z. B. in der Form von Non-Residential Fellowships. Es geht konkret um den Erhalt wissenschaftlichen Potenzials vor Ort. Hinzu kommt die Beteiligung am Wiederaufbau universitärer und anderer wissenschaftlicher bzw. wissenschaftsnaher Institutionen in der Ukraine. Im besten Fall wird der notwendige Wiederaufbau zum zukunftsgewandten Umbau wissenschaftlicher Strukturen in der Ukraine.

Fussnoten

Weitere Inhalte

Wissenschaftliche Direktorin des ZOiS und Einstein-Professorin für Vergleichende Demokratie- und Autoritarismusforschung, Humboldt-Universität zu Berlin.