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Kommentar: Stimmen die Ergebnisse von Umfragen, die während des Krieges durchgeführt werden? | Ukraine-Analysen | bpb.de

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Kommentar: Stimmen die Ergebnisse von Umfragen, die während des Krieges durchgeführt werden? Ukraine-Analysen Nr. 278

Wladimir Paniotto

/ 6 Minuten zu lesen

Sind die Umfragen des Kyjiwer Internationalen Instituts für Soziologie (KIIS) repräsentativ? Eine Reflexion über Möglichkeiten und Grenzen von Meinungsforschung im Krieg.

Ukrainer:innen, welche die Ukraine verlassen haben, können oft nicht für eine Befragung durch Meinungsforscher:innen kontaktiert werden. (© picture-alliance, NurPhoto | Dominika Zarzycka)

Während eines Krieges Umfragen durchzuführen, die für die Bevölkerung des Landes repräsentativ sind, wirft viele Fragen auf. Einige Soziolog:innen, Politiker:innen und Journalist:innen sind der Ansicht, dass solche Umfragen sinnlos sind, dass diese Umfragen nicht die öffentliche Meinung wiedergeben und lediglich in die Irre führen. Betrachten wir das etwas eingehender.

Als Leiter eines soziologischen Zentrums, des "Kyjiwer Internationalen Instituts für Soziologie" (KIIS), das seit bereits 30 Jahren in der Ukraine Umfragen durchführt, werde ich vor allem über die Durchführung von Umfragen in der Ukraine sprechen. Werden Umfragen während eines Krieges durchgeführt, ergeben sich in der Tat viele Probleme. Das sind zum einen finanzielle Probleme (praktisch sämtliche Auftraggeber zogen ihre Projekte in der Ukraine zurück und die Meinungsforschungsinstitute in der Ukraine stellten in den ersten Monaten des Krieges ihre Arbeit ein). Daneben ergeben sich Personalprobleme (aufgrund der Mobilmachung und Emigration), und es gibt technische Probleme (Ausfälle bei der Stromversorgung und des Internets aufgrund von Artillerie- und Raketenbeschuss). Doch wollen wir hier nur methodologische Probleme betrachten, die sich aufgrund des Krieges ergeben.

Während des Krieges besteht die wichtigste Umfragemethode in computergestützten Telefoninterviews (CATI). Die beiden wichtigsten Fragen lauten: Können wir unsere Daten als repräsentativ bezeichnen (befragen wir wirklich alle Bevölkerungskategorien proportional zu ihrem Anteil an der Bevölkerung)? Und können wir den Antworten der derjenigen vertrauen, die wir befragen (das Problem der aufrichtigen Antworten)?

1. Repräsentativität der Umfragen während des Krieges (coverage- oder frame error)

Stand 5. Dezember 2022 befanden sich in Europa 7,9 Millionen Flüchtende aus der Ukraine (Externer Link: https://reliefweb.int/report/ukraine/ukraine-situation-flash-update-37-16-december-2022; ukrainische Demograf:innen halten diese Zahl allerdings für überhöht). Dem Express-Update zum 11. Bericht der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zu Binnenflüchtenden in der Ukraine zufolge sind 5,9 Millionen Menschen aufgrund des Krieges innerhalb des Landes vertrieben worden (Externer Link: https://dtm.iom.int/reports/ukraine-internal-displacement-report-general-population-survey-round-11-25-november-5). Ein Teil der Bevölkerung befindet sich auf besetztem Gebiet, ein anderer Teil hat die Ukraine verlassen, ging in die Russische Föderation oder wurde dorthin verschleppt. Dadurch ergeben sich aufgrund des Krieges hinsichtlich der Befragung folgender Bevölkerungskategorien Probleme:

  1. Geflüchtete, die die Ukraine verlassen haben. Wir können sie befragen (wir können ihre neuen Telefonnummern über soziale Netzwerke mit Freund:innen und Verwandten ausfindig machen, die in der Ukraine geblieben sind), obwohl das sowohl teuer wie auch bei vielen Befragungen irrelevant ist (So können wir sie nicht fragen, ob sie "bereit für den nächsten möglichen Stromausfall sind"; oder: "Sind Sie mit territorialen Zugeständnissen im Gegenzug für eine Beendigung des Beschusses einverstanden?").

  2. Binnengeflüchtete. Bei denen gibt es für uns keine Probleme bei der Befragung. Sie ändern ihre Telefonnummern nicht, wenn sie in einen anderen Teil der Ukraine ziehen. Bei einer zufälligen Stichprobe der Telefonnummern sind sie in unserer Stichprobe ungefähr zu gleichen Anteilen vertreten, wie in der Bevölkerung der Ukraine.

  3. Der Bevölkerung der besetzten Gebiete. Wir haben auch schon vor dem Krieg kaum Menschen befragt, die sich auf der Krim oder in den besetzten Teilen der Gebiete Donezk und Luhansk aufhalten (eine Befragung hatte hier in den meisten Fällen keinen Sinn; sie nahmen nicht an Wahlen oder anderen gesellschaftlichen Vorgängen teil, die unsere Auftraggeber interessierten). Was die Gebiete anbelangt, die nach Beginn des Krieges am 24. Februar 2022 neu besetzt wurden, so konnten wir die Menschen anfangs dort noch befragen. Allerdings hat die Besatzungsmacht bald die ukrainischen Mobilfunkbetreiber abgeschaltet, wodurch Umfragen jetzt praktisch nicht mehr möglich sind. Wir schätzen den Anteil dieser Gruppe unerreichbarer Bürger:innen auf 3–5 Prozent.

  4. Die Bevölkerung der Gebiete, in denen an der Kontaktlinie aktuell Kampfhandlungen stattfinden (maximal ein bis zwei Prozent der Bevölkerung).

Somit sind die Ergebnisse der Umfragen in der Ukraine für 93 bis 96 Prozent der Bevölkerung, die sich derzeit auf dem Gebiet der Ukraine aufhält, repräsentativ.

2. Aufrichtigkeit der Antworten

Die beiden Faktoren, die am meisten die Aufrichtigkeit der Respondent:innen beeinflussten waren der administrative Druck (die Furcht vor einer Verfolgung wegen einer geäußerten Meinung) und die so genannte Schweigespirale, wie sie von Elisabeth Noelle-Neumann beschrieben wurde: Die Menschen neigen dazu, nicht ihre wirkliche Meinung zu äußern, wenn sie spüren, dass sie dadurch einer Minderheit angehören.

Vor dem Krieg war die Bevölkerung der Ukraine der Regierung gegenüber sehr kritisch eingestellt und hatte keine Furcht vor Druck von Seiten des Staates. Die Umfrageergebnisse entsprachen in hohem Maße den Wahlergebnissen. So belief sich beim ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen 2019 der maximale Unterschied zwischen einer Umfrage des KIIS zwei Wochen vor der Wahl und den Wahlergebnissen lediglich auf 2,6 Prozentpunkte (Externer Link: https://kiis.com.ua/?lang=eng&cat=reports&id=849&page=9). Seit Beginn des Krieges hat sich die Gesetzgebung hierzu nicht verändert, deshalb gehen wir davon aus, dass die Bevölkerung keinen administrativen Druck befürchtet.

Was jedoch den Noelle-Neumann-Effekt betrifft, so bestand der sowohl vor dem Krieg wie auch nach dessen Beginn, wobei er sich erheblich verstärkte, da bei einigen Fragen die Einförmigkeit der Antworten zunahm und die Unterstützung für verschiedene Ansichten zwischen 70 und 90 Prozent beträgt. Die Soziolog:innen verfügen über verschiedene Methoden, um die Aufrichtigkeit der Antworten zu bewerten und die Unaufrichtigkeit der Respondent:innen zu reduzieren. Methodische Experimente des KIIS haben ergeben, dass neben zufälligen Fehlern bei der Stichprobe eine systematische Verschiebung der Antworten in Richtung proukrainischer Standpunkte besteht. Unsere Analysen zeigen, dass der Anteil der Respondent:innen, die ungeachtet des Krieges mit Russland sympathisieren und sich weigern, auf unseren Fragebogen zu antworten, sechs bis sieben Prozentpunkte beträgt. Allerdings sind bei den Ansichten der Menschen die Veränderungen aufgrund des Krieges derart erheblich, dass unsere Ergebnisse unvermindert als korrekt eingestuft werden müssen.

So hat sich beispielsweise nach dem großangelegten Einmarsch Russlands das Verhältnis zu Russland drastisch verschlechtert:

  1. die Anzahl derjenigen, die mit Russland sympathisieren, ging von 34 Prozent auf 2 Prozent zurück, eine überwiegende Mehrheit empfindet Hass auf Russland;

  2. Die Unterstützung für die Unabhängigkeit der Ukraine liegt bei über 90 Prozent;

  3. Das Vertrauen in den ukrainischen Präsidenten stieg von 27 auf 84 Prozent;

  4. Das Vertrauen in die Streitkräfte der Ukraine liegt bei 96 Prozent;

  5. 85 Prozent der Ukrainer:innen sind der Ansicht, dass die Ukraine unter keinen Umständen auf ihre Territorien verzichten sollte, selbst wenn dadurch der Krieg länger dauern und die Unabhängigkeit gefährdet werden sollte.

Der Anstieg des systematischen Fehlers um 6 bis 7 Prozentpunkte beeinflusst in keiner Weise die Aussagekraft dieser Feststellungen.

Darüber hinaus setzen die Soziolog:innen auch qualitative Methoden ein (Tiefeninterviews, Befragung von Informant:innen, Analysen sozialer Netzwerke usw.), die der zusätzlichen Kontrolle der durch die Umfragen gewonnenen Ergebnisse dienen.

Somit steigt zwar während des Krieges der systematische Fehler in Bezug auf die Ehrlichkeit der Respondent:innen, doch nicht derart stark, dass die wichtigsten Umfrageergebnisse in Zweifel zu ziehen wären.

In Russland ist die Lage komplizierter. Dort gibt es zwar keine Probleme mit der Repräsentativität, doch kommt bei der Abschätzung der Aufrichtigkeit zum Effekt der "Schweigespirale" die Furcht vor einer Strafverfolgung hinzu. So sieht ein Gesetz vom 4. März 2022 für illoyale Äußerungen über die Armee eine Strafe von bis zu 15 Jahren Freiheitsentzug vor. Im Internet kursiert ein Zweizeiler: "Wenn du 'für' oder 'gegen' sagen sollst, bedenke, dass es für 'gegen' einen Paragrafen gibt". Ein Problem ist auch, dass die russische Soziologie überwiegend servil und dem Regime zu Diensten ist. Dabei stellen die wenigen unabhängigen russischen Soziolog:innen methodische Experimente an, um Verschiebungen abschätzen zu können. Sie gehen davon aus, dass die wichtigsten Entwicklungen der öffentlichen Meinung selbst unter diesen Bedingungen festgestellt werden können.

Fazit

Meinungsumfragen sind zu Kriegszeiten lebenswichtig. Sie erlauben es, den Schaden für die Bevölkerung zu erfassen wie auch die Anzahl der Familien abzuschätzen, die getrennt wurden. Oder den zerstörten Wohnraum, die Anzahl der Vertriebenen oder Geflüchteten, die am Ort ihrer Evakuierung bleiben wollen, die Bereitschaft der Bevölkerung, sich selbst mit Heizwärme zu versorgen, die Haltung zu den Stromausfällen usw. Sehr wichtige Informationen sind jene über die Bereitschaft der Bevölkerung, den Kampf fortzusetzen sowie über die Unterstützung oder fehlende Unterstützung in Bezug auf Gebietsabtretungen usw. Fehler bei Meinungsumfragen wegen des Problems der Repräsentativität und der Frage der Aufrichtigkeit der Antworten nehmen während des Krieges zu. Dabei können Meinungsforscher:innen jedoch mögliche Verschiebungen abschätzen und wahrhaftige (zuverlässige und valide) Informationen über den Zustand der öffentlichen Meinung und über die Entwicklungstendenzen gewinnen.

Übersetzung aus dem Russischen: Hartmut Schröder

Fussnoten

Weitere Inhalte

Prof. Dr. Wladimir Paniotto ist Direktor des Kyjiwer Internationalen Instituts für Soziologie und Professor an der Nationalen Universität "Kyjiw-Mohyla-Akademie".