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Kommentar: Europas Rüstungsindustrie im Stresstest: Warum die Unterstützung der Ukraine stockt | Ukraine-Analysen | bpb.de

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Kommentar: Europas Rüstungsindustrie im Stresstest: Warum die Unterstützung der Ukraine stockt Ukraine-Analysen Nr. 312

Esther Locher

/ 6 Minuten zu lesen

Europa will die Ukraine mehr unterstützen, jedoch gibt es wirtschaftliche und produktionstechnische Schwierigkeiten in der Rüstungsindustrie, die eine effiziente Hilfe verzögern.

Flexrotor Drohne auf dem Airbus Messestand auf der Messe XPONENTIAL Europe 2025. (© picture-alliance, Rupert Oberhäuser)

Herausgeber der Länderanalysen

Die Ukraine-Analysen werden von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., dem Deutschen Polen-Institut, dem Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, dem Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH gemeinsam herausgegeben. Die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb veröffentlicht die Analysen als Lizenzausgabe.

Hausgemachte Probleme in Europas Rüstungsindustrie

Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine versetze Europa einen Schock und löste tiefe Bestürzung und Besorgnis aus. Während ein Großteil der europäischen Länder unverzüglich humanitäre Hilfe leistete, bleibt die militärische Unterstützung, insbesondere Waffenlieferungen, ein ständiges Diskussionsthema. Länder wie Deutschland zeigten sich anfänglich zögerlich und begründeten ihre Zurückhaltung mit der Angst vor einer Eskalation des Kriegs. Doch diese politischen Gründe erklären die stockende militärische Unterstützung Europas für die Ukraine nur teilweise. Tatsächlich gibt es zahlreiche wirtschaftliche Faktoren in der europäischen Rüstungsindustrie, die eine umfassendere Unterstützung erschweren. Diese reichen von unzureichenden Produktionskapazitäten in einem jahrzehntelang unterfinanzierten Sektor bis hin zu fehlendem Know-how und mangelnder Koordination.

Die Unterstützung der Ukraine im Krieg gegen Russland hat Europas Rüstungsindustrie vor massive Herausforderungen gestellt, die die Unterstützung der Ukraine mit Rüstungsgütern erschwerte. Der Krieg legte auch langfristige strukturelle Schwächen offen, die sich insgesamt auf Europas Sicherheits- und Verteidigungspolitik auswirken.

Nach dem Ende des Kalten Krieges hat Europa seine Verteidigungsindustrie vernachlässigt, so dass die europäischen Staaten heute nicht auf einen Krieg mit hoher Intensität und hohem Nachschubbedarf vorbereitet sind. Diese Tendenz wird deutlich, wenn man die vom Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) veröffentlichten Daten zu den 100 größten Rüstungsproduzenten im Jahr 2022 betrachtet. Schnell wird deutlich, dass die Rüstungsproduktion überwiegend von Unternehmen aus den USA, Russland und China dominiert wird. Europäische Rüstungsunternehmen sind deutlich unterrepräsentiert und rangieren mit ihren Produktionsleistungen meist auf den hinteren Plätzen der Rangliste.

Die bereits an die Ukraine erfolgten Lieferungen von Waffen, Ausrüstung und Munition haben die eigenen Bestände zudem erheblich reduziert, was die bestehenden Schwächen der Industrie verdeutlicht. Die russische Invasion der Ukraine im Jahr 2022 führte zwar zu einem sprunghaften Anstieg der europäischen Verteidigungsausgaben und Investitionen in die Rüstungsindustrie, doch trotz dieser Mehrausgaben bleibt Europa bei zentralen Waffensystemen wie Mehrfachraketenwerfern und gepanzerten Fahrzeugen auf die USA angewiesen und kämpft weiterhin mit Schwierigkeiten, den ukrainischen Bedarf an Waffen und Ausrüstung zu decken.

Vielseitige Gründe für die europäische Schwäche

Erstens verfügt die europäische Rüstungsindustrie über eine unzureichende Produktionskapazität und ist nicht in der Lage, die erschöpften Lagerbestände wieder aufzufüllen, geschweige denn, die von der Ukraine benötigten Mengen schnell genug zu produzieren. Zusätzlich fordern moderne Waffensysteme komplexe Fertigungsschritte und spezialisierte Technologien, was zu langen Produktionszyklen führt. Die Abhängigkeit von Rohstoffen, die teilweise aus Drittstaaten wie China importiert werden müssen, verschärft die Situation. Die Europäische Union hat zwar Maßnahmen ergriffen, um die Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten und Rohstoffquellen zu reduzieren, doch bestehen weiterhin Engpässe – insbesondere bei Munitionsprodukten wie Sprengstoff, Granaten und Raketen.

Zweitens bleiben EU-Investitionen in die Beschaffung trotz der jüngsten Zuwächse im internationalen Vergleich nach wie vor gering. Der Europäische Verteidigungsfonds, den die Europäische Kommission 2017 eingerichtet hat, verfügt über ein Budget von acht Milliarden Euro für den Zeitraum 2021 bis 2027. In den USA sind allein die jährlichen Mittel für die Forschung im Rüstungsbereich etwa viermal so hoch.

Drittens ist es irreführend von einer gemeinsamen europäischen Verteidigungsindustrie zu sprechen, da eine solche schlicht nicht existiert. Die Rüstungsindustrie ist stark fragmentiert. Nationale Sicherheitsinteressen werden oft über gemeinsame EU-Prioritäten gestellt, was die Entwicklung einer gemeinsamen Verteidigungspolitik behindert. Gleichzeitig führt dies zur Entwicklung einer Vielzahl unterschiedlicher Waffensysteme, was die Effizienz mindert und Skaleneffekte verhindert. Zum Vergleich: Während die US-Armee nur eine begrenzte Anzahl an Waffensystemen einsetzt, sind es in Europa über 150 – fast sechsmal so viele.

Ein weiterer einflussreicher Faktor sind die USA und ihre dominierende Rolle in der Rüstungsproduktion. Die USA streben traditionell die Sicherung ihrer Überlegenheit in der militärischen Produktion an, und der immense sowie rasche Rüstungsbedarf der Ukraine verstärkt ihre Dominanz als führender Waffenexporteur.

Trotz dieser Herausforderungen gibt es mittel- bis langfristig auch positive Entwicklungen. Ein Beispiel hierfür ist die Einweihung einer Munitionsfabrik im niedersächsischen Unterlüß Anfang 2025, an der die Staats- und Regierungschefs Deutschlands und Dänemarks teilnahmen. Zudem soll das Rheinmetall-AG-Werk in Norddeutschland jährlich etwa 200.000 Stück Artilleriemunition sowie Sprengstoff und möglicherweise auch Sprengköpfe herstellen. Dies reicht allerdings bei weitem nicht für den ukrainischen Bedarf, der nach Angaben Kyjiws bei 75.000 Artilleriegeschossen pro Monat liegt.

Um die Produktionskapazität nachhaltig auf eine solide Grundlage zu stellen, muss eine verstärkte innereuropäische Kooperation angestrebt werden. Eine verstärkte Zusammenarbeit würde Redundanzen verringern und die Entwicklung von EU-Standardlösungen fördern. Initiativen wie PESCO (Permanent Structured Cooperation), sind Schritte in die richtige Richtung, aber die nationalen Sektoren müssen noch stärker zusammenarbeiten. PESCO ist ein vertragsbasiertes Rahmenwerk für die 26 teilnehmenden Mitgliedstaaten, das ihnen ermöglicht, gemeinsam militärische Fähigkeiten zu planen, zu entwickeln und in kooperative Rüstungsprojekte zu investieren. Zudem soll es die Einsatzbereitschaft und den Beitrag der Streitkräfte stärken.

Die Europäische Union sollte zusammen mit den Mitgliedstaaten und der Rüstungsindustrie spezifische Schwerpunkte festlegen, um die Versorgung mit modernen Waffensystemen und Munition zu verbessern. Schlussendlich benötigt die Verteidigungsindustrie langfristige Planungsgrundlagen, um auf Krisen wie Lieferkettenprobleme oder Rohstoffknappheit reagieren zu können. Wichtig ist auch, dass die EU die Regeln des Binnenmarktes durchsetzt, um staatlichen Protektionismus im Verteidigungsbereich zu unterbinden. Zugleich kann sie regulatorische Anreize für die Forschungsförderung oder Steuererleichterungen bieten. Zudem sollten westeuropäische Rüstungsunternehmen dazu ermutigt werden, ihre Lieferketten und die Produktionsstätten nach Osteuropa auszuweiten. Insbesondere Deutschland hat jüngst angekündigt, mit ukrainischen Waffenproduzenten zu kooperieren. Damit wird auch die Rüstungsproduktion direkt in der Ukraine gestärkt.

Fazit und Ausblick

Die europäischen Rüstungsunternehmen haben in der aktuellen Krise Handlungsfähigkeit bewiesen, doch die strukturellen Schwächen sind unübersehbar. Um eine nachhaltige Unterstützung der Ukraine und die eigene Sicherheit Europas zu gewährleisten, bedarf es einer strategischen Neuausrichtung. Der Krieg in der Ukraine ist nicht nur ein Test für militärische Fähigkeiten, sondern auch ein Weckruf für die europäische Verteidigungsindustrie.

Unabhängig von einem möglichen Waffenstillstand bleibt die Notwendigkeit bestehen, die Produktionskapazitäten zu stärken. Selbst wenn die heiße Phase des Krieges in der Ukraine endet, bleibt die Bedrohung durch Russland bestehen – sei es in Form erneuter militärischer Eskalationen oder durch hybride Kriegsführung. Ein abrupter Rückgang der Rüstungsproduktion würde daher langfristige Risiken für die Verteidigungsfähigkeit Europas mit sich bringen. Vielmehr könnte die gegenwärtige Krise als Ausgangspunkt dienen, um eine nachhaltige industrielle Basis zu schaffen, die nicht nur auf akute Krisen reagiert, sondern strategische Autonomie sichert.

Darüber hinaus verdeutlicht der Konflikt, dass Europa langfristig nicht auf die USA als Hauptlieferanten militärischer Schlüsseltechnologien angewiesen sein sollte. Die Wiederwahl Trumps wird die transatlantische Rüstungskooperation voraussichtlich weiter erschweren. In einigen Bereichen, insbesondere bei Munition, gepanzerten Fahrzeugen und Luftabwehrsystemen, ist eine größere Eigenständigkeit notwendig. Hierfür wäre eine gezieltere europäische Koordination erforderlich, auch wenn eine vollständige Harmonisierung der Rüstungsproduktion unrealistisch bleibt.

Die gute Nachricht ist, dass Europa über die gesamte Bandbreite an Rüstungsunternehmen verfügt, um eine autonome Verteidigung zu gewährleisten und die Ukraine gezielt zu unterstützen – vorausgesetzt, Produktion und Beschaffung werden konsequent ausgeweitet. Es kommt jetzt darauf an, die richtigen Anreize zu setzen, um eine langfristig belastbare Verteidigungsindustrie aufzubauen, die nicht nur auf akute Bedrohungen reagiert, sondern Europa strategisch absichert.

Anmerkung: Der Text wurde am 21. Februar 2025 abgeschlossen.

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Esther Locher ist Masterstudentin der Politikwissenschaft an der Universität Zürich und derzeit Praktikantin am Ukraine-Zentrum der Universität Tartu. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf Sicherheits- und Konfliktstudien.