Die Energiewende verändert nicht nur Technik, Märkte und Preise. Sie greift in Landschaften, Infrastrukturen, kommunale Entwicklung und lokale Lebenswelten ein. Deshalb entstehen an vielen Orten Konflikte. Gleichzeitig gibt es heute mehr Möglichkeiten der Beteiligung als noch vor zwanzig Jahren – von der formellen Öffentlichkeitsbeteiligung über Arbeitsgruppen und Mediation bis hin zu Bürgerräten, Bürgerentscheiden und digitalen Dialogtools. Der Beitrag zeigt, warum es zu Protesten kommt, welche Beteiligungsformen eine Rolle spielen und warum Beteiligung Konflikte manchmal entschärft, manchmal aber auch neue Frustration erzeugt.
Warum Konflikte zur Energiewende gehören
Proteste sind kein Randphänomen der Energiewende. Sie gehören zu ihr, weil der Umbau des Energiesystems nicht im luftleeren Raum stattfindet: Windparks, Stromleitungen, Umspannwerke, große Solarflächen oder neue Wärmenetze verändern Landschaften, Eigentumsfragen und alltägliche Routinen. Auf nationaler Ebene geht es um
Die verbreitete NIMBY-Erklärung (Not-in-my-backyard, übersetzt: Nicht in meinem Hinterhof) greift dabei zu kurz. Zwar spielt etwa die Nähe zu Windkraftanlagen für viele Menschen eine Rolle. Häufig geht es aber ebenso um Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Vorhabenträgers, fehlende Transparenz und die Wahrnehmung, dass wesentliche Entscheidungen ohnehin bereits getroffen wurden. Opposition gegen ein Projekt ist deshalb oft auch Kritik am konkreten Planungs- und Entscheidungsprozess des Bauvorhabens: daran, wie informiert, abgewogen und entschieden wird (Eichenauer, 2018; Radtke, 2026b).
Hinzu kommt, dass Energiewendekonflikte häufig mehr sind als technische oder planerische Sachstreitigkeiten. Verhandelt werden auch Zukunftsbilder: Soll eine Region industrieller und dichter werden oder landschaftlich und landwirtschaftlich geprägt bleiben? Zugleich geht es um Kosten und Nutzen: Werden Haushalte oder Kommunen zusätzlich belastet? Bleiben Gewerbesteuern, Pachteinnahmen oder Beteiligungserlöse in der Region? Wer profitiert von der Transformation, wer verliert Handlungsspielräume? Gerade in ländlichen Regionen verbinden sich Energiefragen deshalb häufig mit breiteren Auseinandersetzungen über Entwicklung, Heimat, soziale Anerkennung und eine faire Verteilung – das macht solche Konflikte besonders sensibel (Kerker & Vogel, 2024; Kuhlmann et al., 2026).
Wie Protest in der Energiewende aussieht
Protest richtet sich meist gegen konkrete Vorhaben: gegen Windparks, Stromtrassen, Umspannwerke, große Solarflächen oder Wärmenetze. Er beginnt häufig mit lokalen Initiativen, Informationsveranstaltungen oder Einwendungen in formellen Verfahren. Später können Social-Media-Aktivitäten, Demonstrationen, Klagen oder Bürgerbegehren hinzukommen. Nicht jeder Konflikt eskaliert. Viele verlaufen jedoch in Phasen: Irritation, öffentliche Mobilisierung, Verhärtung der Positionen, Suche nach Verhandlungswegen oder Verlagerung in Gerichtsverfahren. Protest ist damit oft eine Form politischer Artikulation, mit der lokale Akteure Einfluss und Anerkennung einfordern (Hoeft et al., 2017; Radtke, 2024).
Konflikte verlaufen zudem nicht im politischen Vakuum. In ihnen können ältere und neuere Konfliktlinien zusammenlaufen: Stadt und Land, Skepsis gegenüber staatlicher Planung sowie Misstrauen gegenüber Medien, Wissenschaft oder Parteien (Elitenkritik). Dadurch können sich lokale Auseinandersetzungen politisch aufladen und in breitere Polarisierungsdynamiken eingebunden werden – leichter dort, wo Verfahren als unfair und Eingriffe als einseitig erlebt werden (Marg & Radtke, 2022; Zilles & Marg, 2023).
Ebenso wichtig ist die Erkenntnis, dass viele Konflikte an den Schnittstellen von Beteiligung und Frustration entstehen. Wo Mitsprache versprochen, aber nicht eingelöst wird, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass Enttäuschung in Misstrauen und Protest umschlägt. Konflikte drehen sich dann nicht nur um die Sache, sondern um das Gefühl, übergangen, nicht ernst genommen oder bloß verwaltet zu werden. Gerade darin liegt einer der wichtigsten Gründe, warum Protest und Partizipation nicht als Gegensätze verstanden werden sollten (Drewing & Zilles, 2025; Zilles, 2023).
Welche Beteiligungsformen gibt es?
In der Energiewende gibt es nicht die eine Beteiligung. Unterschiedliche Formate erfüllen unterschiedliche Aufgaben: Manche sichern Information, andere machen Konflikte früh sichtbar, wieder andere ermöglichen Verständigung oder sichern Entscheidungen politisch ab. Entscheidend ist daher nicht die bloße Zahl der Angebote, sondern ob das jeweilige Format zur Aufgabe und zum Zeitpunkt passt (Holstenkamp & Radtke, 2018).
Die formelle Öffentlichkeitsbeteiligung ist ein rechtlich verankertes Verfahren bei staatlichen Planungs- und Genehmigungsverfahren: Dazu gehören die öffentliche Auslegung von Unterlagen, Einwendungen, Anhörungen und Erörterungstermine. Sie schafft Rechtsklarheit, setzt aber meist erst ein, wenn wesentliche Weichen schon gestellt sind – und wird dann leicht als defensiv oder rein symbolisch erlebt (Bock et al., 2017).
Informelle Dialogformate setzen früher an und sind offener: Informationsabende, Runde Tische, Zukunftswerkstätten oder moderierte Foren. Ihr Vorteil liegt in größerer Offenheit und niedrigeren Zugangsschwellen. Ihr Nachteil darin, dass Ergebnisse oft nicht verbindlich sind. Bleiben Rückmeldungen folgenlos, erzeugen sie neue Frustration. Bei komplexen und lang laufenden Projekten kommen kontinuierliche Arbeitsgruppen oder Projektbeiräte ergänzend zum Einsatz. Diese sind weniger sichtbar als Großveranstaltungen, können aber wirksamer sein, wenn sie wiederkehrenden Austausch, eine faire Zusammensetzung und einen erkennbaren Zugang zu Entscheidungen ermöglichen (Holstenkamp & Radtke, 2018; Radtke, 2025a).
Windpark bei Zittau (Sachsen) (© picture-alliance, Rupert Oberhäuser)
Windpark bei Zittau (Sachsen) (© picture-alliance, Rupert Oberhäuser)
Wo Konflikte bereits verhärtet sind, kommen Mediation, Konfliktmoderation oder andere neutrale Vermittlungsformate in Betracht – wichtig vor allem, wenn das Vertrauen zwischen Bevölkerung, Politik und Vorhabenträgern beschädigt ist. Entscheidend sind neben fachlicher Kompetenz vor allem Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit: Werden Anliegen beider Seiten sichtbar aufgenommen und Änderungen im Verfahren erkennbar gemacht? Gute Vermittlung löst Konflikte selten vollständig auf. Sie kann aber allgemeine Einwände in konkrete, überprüfbare Schutz- und Planungsregeln übersetzen – etwa Abstände, Ausschlussflächen, Trassenvarianten, Monitoring oder zeitliche Auflagen (Boretzki & Heider, 2023).
Anders gelagert sind Bürgerräte: Das sind ausgeloste Kleingruppen mit viel Zeit für Information und Abwägung. Sie können politische und planerische Leitlinien, Prioritäten, Standortkriterien oder Regeln der Nutzenverteilung beraten und Empfehlungen an Parlamente oder Kommunalvertretungen formulieren. Bei konkreten lokalen Infrastrukturkonflikten ist ihre Wirkung jedoch begrenzt, wenn Standorte, Trassen oder Genehmigungsrahmen bereits feststehen. Entscheidend ist deshalb, dass offene Entscheidungsspielräume benannt und die Empfehlungen politisch sichtbar weiterverarbeitet werden. In der Energiewende werden Bürgerräte bislang eher selten eingesetzt, obwohl sie bei grundlegenden Richtungsfragen sinnvoll sein können (Griessler et al., 2026; Newig, 2025; Perlaviciute et al., 2024; Radtke & Renn, 2023; Radtke & Stenzhorn, 2022).
Direktdemokratische Formate wie Bürgerbegehren und Bürgerentscheide erhöhen die Sichtbarkeit von Konflikten und schaffen klare Entscheidungsmomente. Sie vereinfachen komplexe Planungs- und Verteilungsfragen jedoch häufig zu einem Ja-Nein-Schema. Wo differenzierte Varianten nicht mehr zur Wahl stehen oder die Planung weit fortgeschritten ist, kann eine Abstimmung eher den Status quo sichern und Polarisierung verstärken. Sinnvoll sind Bürgerentscheide deshalb vor allem dann, wenn sie an einen längeren Dialogprozess anschließen, in dem Alternativen bereits breit diskutiert wurden (Holtkamp & Radtke, 2026).
Digitale und hybride Beteiligungsformen gewinnen weiter an Bedeutung: Digitale Karten und 3D-Visualisierungen von Standort-, Flächen- oder Trassenvarianten, Online-Dialoge und Kommentierungsfunktionen können Informationen zugänglicher machen und Menschen erreichen, die an Präsenzformaten nur schwer teilnehmen können – vorausgesetzt, die digitalen Zugänge sind barrierearm gestaltet. Sie ersetzen aber keine glaubwürdigen Verfahren. Überzeugend sind sie für Teilnehmende erst, wenn Rückmeldungen dokumentiert, ihre weitere Verwendung erklärt und Online- mit Präsenzformaten sinnvoll verbunden werden (Radtke, 2025b; Radtke & Bohn, 2026; Radtke et al., 2026).
Neben Verfahren der Mitsprache gibt es materielle Formen der Teilhabe: Bürgerenergie, Genossenschaften, lokale Fonds oder kommunale Beteiligungen. Sie können Kosten- und Verteilungskonflikte entschärfen, wenn Belastungen, Erlöse und regionale Nutzen transparent und nachvollziehbar verteilt werden. Eine faire Mitsprache ersetzen sie jedoch nicht. Wo Menschen sich mit Geld ruhiggestellt fühlen, kann finanzielle Teilhabe Misstrauen sogar verstärken. Tragfähig wird sie erst, wenn Nutzen, Transparenz und Mitgestaltung zusammengedacht werden (Radtke, 2020).
Wann Beteiligung gelingt – und wann nicht
Ob Beteiligung Konflikte entschärft, hängt stark von ihrer Gestaltung ab. Sie misslingt häufig, wenn sie spät einsetzt, auf Information beschränkt bleibt oder Erwartungen weckt, die das Verfahren nicht einlösen kann. Dann entsteht leicht der Eindruck einer bloßen Gesprächsinszenierung. Gelingen kann Beteiligung dagegen, wenn Spielräume früh sichtbar werden, Konflikte bearbeitet statt übergangen werden und Beteiligte nachvollziehen können, was sich durch ihre Einwände verändert. Entscheidend sind faire Moderation, verständliche Informationen und eine klare Verbindung zwischen informellen Dialogen und formellen Entscheidungen (Fraune & Knodt, 2017; Radtke, 2025a).
Ein Beteiligungsverfahren im Landkreis Ebersberg zeigt, wie aus einer polarisierten Debatte über Windkraft und Photovoltaik eigene Standortideen entstehen können. Eine Gruppe von Bürgerexpertinnen und Bürgerexperten entwickelte dafür Vorschläge, nutzte Karten und 3D-Visualisierungen und stellte Zwischenergebnisse öffentlich vor. Ein anschließender Bürgerentscheid zur Windnutzung im Forst fiel positiv aus. Der Fall zeigt: Beteiligung trägt dann, wenn sie Menschen in die Lage versetzt, Alternativen zu prüfen und eigene Vorschläge zu entwickeln, statt nur Einwendungen zu sammeln (Radtke & Leschinger, 2025).
Je nach Technologie verschieben sich die konkreten Konfliktgegenstände. Windenergie greift sichtbar in Landschaften ein und bündelt Konflikte um Natur- und Artenschutz, Ortsbild und regionale Entwicklung. Hier zählen vor allem verständliche Informationen, nachvollziehbare Standort- und Flächenkriterien und echte Mitsprache – finanzielle Angebote allein reichen selten. Beim Netzausbau werden Stromtrassen häufig als von außen vorgegebene Projekte wahrgenommen, weil sie überregionalen Systemlogiken folgen. Beteiligung wird dann produktiv, wenn Konflikte in konkrete Verhandlungen über Trassenvarianten, Erdverkabelung, Abstände oder Kompensation übersetzt werden. Bei Freiflächen-Solarparks steht die Landnutzung im Vordergrund, in der Wärmewende vor allem Kosten, Gebäudeeigentum und Anschlussentscheidungen. Unabhängig von der Technologie, entscheidet die Wahrnehmung eines fairen, verständlichen und einflussrelevanten Verfahrens über dessen Legitimität (Kamlage et al., 2020; Langer et al., 2017; Leibenath et al., 2016; Radtke, 2025a).
Kann Beteiligung Protest abschwächen?
Beteiligung kann Konflikte entschärfen, aber sie wirkt nicht automatisch befriedend. Frühzeitige Beteiligung, faire Moderation, sichtbare Reaktionen auf Einwände und lokale Nutzenperspektiven erhöhen die Chance, dass Konflikte bearbeitbar bleiben. Umgekehrt führen späte oder folgenlose Verfahren und undurchsichtige Lastenverteilung häufig dazu, dass Protest an Schärfe gewinnt. Beteiligung ist also weder Garant für Zustimmung noch bloße Kulisse – sie kann Konflikte öffnen und begrenzen, oder unter ungünstigen Bedingungen neue Empörung erzeugen (Radtke, 2025a; Radtke, 2026b).
Ein weiterer Punkt ist für das Verständnis solcher Konflikte besonders wichtig: Nicht nur die Aktiven zählen. Zwischen engagierten Befürworterinnen und Befürwortern sowie lautstarken Gegenstimmen steht eine große Gruppe, die sich nicht aktiv beteiligt. Dennoch bildet sie sich Urteile, äußert Kritik und ist für lokale Mehrheiten wichtig. Diese „Unbeteiligten“ unterstützen die Energiewende oft grundsätzlich, kritisieren aber ihre konkrete Umsetzung. Oft wünschen sie sich mehr Fairness und sind gegenüber politischen Versprechen nicht selten skeptisch. Für politische Bildung und kommunale Praxis ist diese Gruppe zentral, weil sie häufig darüber entscheidet, ob Konflikte als begrenzter Streit oder als tiefer Vertrauensbruch wahrgenommen werden (Kerker et al., 2022; Teune et al., 2021).
Glaubwürdigkeit
Wie stark Glaubwürdigkeit über Zustimmung entscheidet, zeigt ein faktorielles Surveyexperiment im Rahmen der German Longitudinal Environmental Study (GLEN) 2025. Insgesamt 7.478 Befragte erhielten zufällig eine von 720 Varianten eines CO₂-Preises. Wurden die Einnahmen für Klimaschutzprojekte oder eine allgemeine Senkung der Energiekosten eingesetzt, stieg die Zustimmung gegenüber einer vollständigen Pro-Kopf-Rückzahlung nur bei hoher institutioneller Glaubwürdigkeit deutlich. Bei niedriger Glaubwürdigkeit verschwand dieser Vorteil. Verteilungsversprechen wirken somit nicht allein durch ihren Inhalt: Entscheidend ist, ob Bürgerinnen und Bürger ihrer Umsetzung trauen. Transparente Verfahren, überprüfbare Zusagen und sichtbare Rückkopplung sind deshalb nicht nur ein kommunikativer Bonus.
(© bpb)
Danksagung Für die Auswertung des Surveyexperiments wurden Daten der German Longitudinal Environmental Study (GLEN), Release 1.0 (ZA9085, Version 1.0), bereitgestellt von GESIS, verwendet. Für die Bereitstellung und Dokumentation des Datensatzes gilt dem GLEN-Projekt und GESIS mein Dank (German Longitudinal Environmental Study [GLEN], 2026).
Was folgt daraus für eine demokratische Energiewende?
Die Energiewende wird auf absehbare Zeit nicht konfliktfrei verlaufen. Je stärker sie in Landschaften, Eigentumsverhältnisse und Alltagsroutinen eingreift, desto eher entstehen Auseinandersetzungen. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, wie Protest ganz vermieden werden kann, sondern wie Konflikte demokratisch bearbeitbar bleiben. Nötig sind eine gut erkennbare Verfahrenslogik, frühe und faire Beteiligung, neutrale Vermittlung in verhärteten Situationen und die Bereitschaft, auch mit anhaltendem Dissens umzugehen. Gerade deshalb ist die Energiewende kein Gegenbeispiel zur Demokratie, sondern ein Prüfstein dafür, wie gut demokratische Gesellschaften mit tiefgreifendem Wandel umgehen können (Radtke, 2026b; Webler & Tuler, 2025).