Kinder der jüdischen Grundschule in Frankfurt am Main sitzen zusammen an einem Tisch

11.5.2021 | Von:
Hannah Peaceman

Jüdische Vielfalt in Deutschland: Alternative und emanzipatorische Räume

Eine jüngere Erwachsenengeneration fordert zunehmend Sicht- und Hörbarkeit jenseits etablierter Gemeindestrukturen, die insbesondere einer jüngeren jüdischen Generation ein alternatives jüdisches zu Hause bietet.

Berliner “Goldadelux”, Israeli Pop Up Food im Jüdischen Café PilzBerliner “Goldadelux”, Israeli Pop Up Food im Jüdischen Café Pilz (© David Bachar)

Keshet (Regenbogen), Jalta, Machloket (Streitbarkeit), Desintegration: All diese (neu angeeigneten) Begriffe stehen für ein vielfältiges, junges Judentum in Deutschland. Jüd*innen, vor allem der jüngeren Erwachsenengeneration, fordern zunehmend Sicht- und Hörbarkeit jenseits von innerjüdischen Erwartungen und jenseits von dominanzgesellschaftlichen Rollenbildern ein.

In den letzten zehn Jahren gründeten sich viele kleinere Zusammenhänge, die außerhalb von Gemeindestrukturen agieren und insbesondere einer jüngeren jüdischen Generation ein alternatives jüdisches zu Hause bieten. Die Vielfalt an neu angeeigneten Begriffen spiegelt eine Auseinandersetzung mit Identitätsfragen, innerjüdischen und gesamtgesellschaftlichen Machtverhältnissen sowie Emanzipationsprozessen wider.

Unter alternativen Räumen werden solche verstanden, die außerhalb der Strukturen agieren, die die großen Verbände wie der Zentralrat der Juden in Deutschland, die darunter organisierten Jüdischen Gemeinden oder die Zentrale Wohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland bereit stellen. "Alternativ“ ist zugleich nicht nur eine Verortung, sondern auch mit einem Emanzipationsanspruch von bestehenden Machtstrukturen verbunden.

Alternative Räume außerhalb der Jüdischen Gemeinden gab es auch schon vorher. Allerdings sind es seit 2010 deutlich mehr Räume geworden und sie haben sich verändert. Hintergrund dieser Entwicklung ist der demographische Wandel der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland seit 1990. Lebten 1990 noch rund 30.000 Jüd*innen in Deutschland, so sind es heute rund 200.000. Der Zuzug aus der ehemaligen Sowjetunion, die Migration von Israelis nach Deutschland, die zahlenmäßig nicht erfasst werden kann, sowie vielen anderen Jüd*innen aus aller Welt, hat nicht nur zu einer Vergrößerung der jüdischen Gemeinschaft beigetragen, sondern auch zu ihrer Diversifizierung.

Diese Diversifizierung steht in einer Diskrepanz zu der Politik der großen Verbände wie dem Zentralrat der Juden in Deutschland und den unter seinem Dach organisierten Jüdischen Gemeinden. Diese setzen nach wie vor darauf, eine möglichst einheitliche jüdische Perspektive nach außen zu repräsentieren. Dabei ist nur etwa die Hälfte der in Deutschland lebenden Jüd*innen Mitglied in Jüdischen Gemeinden und damit offiziell durch den Zentralrat der Juden repräsentiert. Ca. 100.000 Jüd*innen gehören offiziell keiner Gemeinde an, weil sie diese nicht als jüdisches zu Hause empfinden (Vgl. Pletoukhina 2017, 113 ff.; Vgl. Zentralrat der Juden in Deutschland 2020, 21 ff.). Die Gründe hierfür sind vielfältig. Vielen fehlt ein religiöser Pluralismus in den Gemeinden, in denen mehrheitlich nach orthodoxem Ritus gebetet wird. Für die Altersgruppe junger Erwachsene fehlen Angebote. Ein großes Thema ist auch die politische Repräsentation, die als konservativ empfunden wird, sowie ein Mangel an Mitspracherechten. Schließlich gibt es auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft Hierarchisierungen und Diskriminierung. Dies betrifft Migrationshintergründe, Gender- und Klassenfragen. Ein weiterer Aspekt sind Generationenkonflikte.

Entgegen dem Sprechen mit einer Stimme, sind auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft alle politischen Haltungen, pluralistische Zugänge zu Religion sowie sich widersprechende Interessen und Bedürfnisse vertreten (Vgl. Peaceman 2018).

Die vereinheitlichende Repräsentation auf Verbandsebene kann zu einem Gefühl mangelnder Zugehörigkeit zu Jüdischen Gemeinden von all jenen führen, die sich darin nicht wiederfinden. Sie kann dem Bedürfnis nach jüdischen Räumen als religiöses und nicht-religiöses, als politisches, als emotionales, als identitätsstiftendes zu Hause entgegenstehen. Dieser Mangel hat das Bedürfnis nach alternativen jüdischen Räumen gestärkt.

Das Bedürfnis nach alternativen jüdischen Räumen besteht aber auch, weil die Erfahrung von allgegenwärtigem Antisemitismus und schrägen Assoziationen mit Jüd*innen in dominanzgesellschaftlichen Kontexten, explizit jüdische Räume als Schutzräume, aber auch als emanzipative Orte, notwendig machen.
Dieser Text hat das Ziel, sich anhand einer Auswahl gegenwärtiger alternativer Räume näher mit den mit ihnen verbundenen Anliegen, Themen und den neu angeeigneten Begriffen auseinanderzusetzen. Dabei werden die alternativen Räume im Spannungsfeld – zwischen innerjüdischen Erwartungen und gesamtgesellschaftlichen Rollenbildern – verortet.

Insbesondere geht es darum zu zeigen, wie sich alternative jüdische Räume sowohl inhaltlich als auch in ihrem Verhältnis zu den Verbänden verändern. Ich beginne daher mit einer Bestimmung der alternativen jüdischen Räume in den 1990er Jahren und komme von dort in der Gegenwart an, um ihr emanzipatives Potential herauszustellen.

Räume emanzipativen Judentums in den 1990er Jahren: Alternative Orte parallel zu den Verbänden

Die 1990er Jahre waren für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland von großen Veränderungen geprägt. Mit der Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion gab es eine Antwort auf die Frage: "Hat jüdisches Leben in Deutschland eine Zukunft?“ – "Ja!“. Ohne den Zuzug aus der ehemaligen Sowjetunion wäre die Antwort vermutlich negativ ausgefallen. Die jüdischen Gemeinden hatten ein Überalterungsproblem und es sah so aus, als würde die Anzahl der in Deutschland lebenden Jüd*innen weiter zurückgehen.

Die Jüdischen Gemeinden erlebten also eine unverhoffte Vergrößerung und mit ihr eine Diversifizierung ihrer Mitglieder. Eine Mehrheit von Jüd*innen in der ehemaligen Sowjetunion hatte ihre Religion nicht (offen) gelebt, weil das bedeutet hätte, sich Diskriminierung auszusetzen. Sie migrierten in ein mehrheitlich konservativ-orthodoxes Judentum hinein, das ihnen bis dato fremd gewesen war. Anders als die Mehrheit der Jüd*innen, die seit dem Ende der Shoah in Deutschland lebten und von denen ein großer Teil selbst bzw. die Eltern die Shoah überlebt hatten, brachten die in der Sowjetunion sozialisierten Jüd*innen eine neue Perspektive mit: Als Soldaten in der Roten Armee hatten sie das nationalsozialistische Deutschland im Zweiten Weltkrieg besiegt und Auschwitz befreit (Vgl. Belkin et al. 2017).

Trotz dieser hier beispielhaft angedeuteten inneren Diversifizierung, spiegelte sich diese nicht auf der Ebene der Repräsentation wider. Die Funktionärsposten wurden mehrheitlich von den sogenannten Alteingesessenen besetzt. Statt die pluralistischen Perspektiven innerhalb der Jüdischen Gemeinden zu stärken oder zumindest stärker einzubeziehen, blieb es bei einer vereinheitlichenden Politik und bei orthodoxen Gottesdienstriten, die von den neu Zugewanderten übernommen werden sollten.

Parallel zu der großen jüdischen Migrationsgeschichte der 1990er Jahre verließen einige Jüd*innen die Jüdischen Gemeinden, die bereits seit Längerem unzufrieden gewesen waren. Nachdem ihre Forderungen nach alternativen Gottesdienstpraxen, nach politischen Debatten um Machtstrukturen und nach Auseinandersetzungen mit unterschiedlichen jüdischen Identitäten nicht hinreichend aufgenommen wurden, entstanden neue Räume außerhalb der Jüdischen Gemeinden.

Um dem Bedürfnis nach religiösem Pluralismus und insbesondere nach einem liberalen Judentum gerecht zu werden, wurden alternative Betgemeinschaften gegründet, sogenannte Egalitäre Minjanim, in denen alle Gender gleichberechtigt partizipieren können sollten. Beispiele hierfür, die inzwischen gewachsen sind, sind der Egalitäre Minjan Frankfurt am Main oder Ohel Hachidusch in Berlin. Ein zentrales Thema der Unzufriedenheit in jüdischen Verbandsstrukturen war nämlich die mangelnde Geschlechtergerechtigkeit in Gottesdienstpraxen, aber auch im sozialen Miteinander. 1998 wurde Bet Debora, ein Netzwerk jüdischer Frauen in Europa, ins Leben gerufen, um einen intellektuellen und sozialen Raum des Austauschs über religiöse und politische Perspektiven jüdischer Frauen zu schaffen.

Neben Räumen für die Emanzipation von Frauen, gab es auch das Bedürfnis nach politischen Reflexionen und einer Auseinandersetzung mit jüdischen Identitäten. Die Gruppe Meshulah (hebr. Dreieck) gründete sich 1991 nach den Pogromen in Rostock-Lichtenhagen, um sich einerseits aus einem jüdischen Zusammenhang heraus zu politischen Ereignissen zu positionieren (hagalil o.A.). Andererseits ging es darum, einen jüdischen Raum mit Platz für heterogene Perspektiven zu öffnen. Es gab in der sogenannten zweiten Generation auch ein Bedürfnis, über jüdisch-europäische Identitäten neu und nicht nur mit Bezug auf die Shoah und das Überleben nachzudenken. 1999 erschien erstmals die jüdisch-europäische Zeitschrift GOLEM, in der der Anspruch jüdischer Selbstermächtigung bestärkt wurde:

"Der Name GOLEM steht jedoch nicht für Narren (hebr. Golem), sondern ist Metapher für etwas Entstehendes, für einen offenen, kreativen Prozess in einem sich neu findenden jüdischen Europa.“ (Frajman 2001)

Eine wichtige Ausdrucksform für die Akteur*innen waren künstlerische Mittel: Provokative Ausstellungen wie FEINKOST ADAM © (1997) von Anna Adam, die sich satirisch mit Vorurteilen gegen Jüd*innen auseinandersetzte, aber auch Prosa und Lyrik als Formen für eine kritische Auseinandersetzung mit jüdischen Gegenwarten. Adam zum Beispiel verstand ihre Arbeit als "künstlerische Antwort auf immer wiederkehrende, oftmals absurde Mißverständnisse und auf Klischeevorstellungen der nichtjüdischen Mehrheitskultur von Juden“ (Adam). Zugleich kritisierte sie patriarchale Strukturen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft. Einige jüdische Funktionäre versuchten, ihre öffentliche kritisch-humoristische Auseinandersetzung mit innerjüdischen Widersprüchen zu verhindern (Rebling 2018). Zumeist aber wurden diese alternativen Räume und die darin artikulierte Kritik von Seiten der Verbände ignoriert. Kaum etwas führte zu einer Veränderung innerhalb der Gemeinden.

Die Entwicklungen der 1990er Jahre lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: Alternative Räume, in denen jüdische Kultur und Religion gelebt wurden, entwickelten sich parallel zu den Jüdischen Gemeinden und blieben weitgehend unbeachtet. Die Gruppen waren klein und meist auf Großstädte zentriert. Während innerhalb der Jüdischen Gemeinden nur wenige Frauen repräsentiert waren, waren die alternativen Räume stark von Frauen sowie von feministischen Themen geprägt. Die Auseinandersetzung mit dem Judentum zielte darauf, sich jüdische Traditionen neu und mit Blick auf die Zukunft anzueignen.

Alternative Räume heute

Interessant ist, dass die nachfolgende Generation junger Erwachsener über diese alternativen Räume der 1990er Jahre, die es zum Teil noch gibt, kaum etwas weiß – und das, obwohl viele der schon vor 30 Jahren angestoßenen und wichtigen Themen auch heute eine Rolle spielen. Gleichzeitig hat sich das Verhältnis der alternativen Räume zu den Jüdischen Gemeinden verschoben und die in der Gegenwart reformulierte Kritik an Geschlechterfragen, jüdischem Pluralismus und Streitbarkeit wirkt stärker in die Gemeinden hinein.

Die Generation der als Kinder in den 1990er Jahren Eingewanderten ist erwachsen geworden. Viele von ihnen wurden in den Jüdischen Gemeinden, in jüdischen Ferienlagern und in jüdischen Jugendzentren sozialisiert. Sie haben ein selbstbewusstes jüdisches Selbstverständnis entwickelt und identifizieren sich in großer Zahl mit den Jüdischen Gemeinden. Zugleich äußern sie von innen heraus Kritik an Hierarchien innerhalb der Jüdischen Gemeinden, an ihrem fehlenden Mitspracherecht und der mangelnden Repräsentation. Sie erzeugen also einen Veränderungsdruck von innen.

Diese Entwicklung geht Hand in Hand mit der Entstehung neuer Institutionen, insbesondere dem Ernst-Ludwig Ehrlich Studienwerk (ELES) [LINK], dem jüdischen Begabtenförderwerk. Hier werden seit 2010 jüdische Studierende und Promovierende gefördert. ELES steht für jüdischen Pluralismus (Vgl. Frank et al. 2018). Die Stipendiat*innen werden im Rahmen der ideellen Förderung dazu aufgefordert, ihre eigenen Zugänge zum Judentum mit anderen ins Verhältnis zu setzen, innerjüdische Machtstrukturen zu hinterfragen, sowie sich in Machloket – in der Praxis der demokratischen Streitbarkeit – zu üben. Im Zuge dessen werden die in der Mehrheit der Jüdischen Gemeinden gesetzten orthodoxen und konservativen Zugänge zum Judentum zum Gegenstand einer Auseinandersetzung.
ELES bietet als Ort intellektueller Auseinandersetzung mit dem Judentum eine Alternative zu den Räumen innerhalb der Jüdischen Gemeinden. Alternativ bedeutet hierbei nicht, sich entweder in den Jüdischen Gemeinden zu Hause zu fühlen oder Teil von ELES zu sein. Vielmehr gibt es Überschneidungen auf Seiten der Stipendiat*innen, die dazu führen, dass im ELES diskutierte Themen wie jüdischer Feminismus oder jüdisch-muslimische Allianzen in die Jüdischen Gemeinden hineinwirken und sich mit den von "innen“ geforderten Veränderungen verbinden.

Die Jüdische Studierendenunion Deutschland (JSUD), die eine politische Repräsentation jüdischer Studierender für sich beansprucht, sowie Keshet, ein Verein, der sich für die Anerkennung von LGTBIQ* Personen innerhalb der Jüdischen Gemeinden einsetzt, sind 2016 bzw. 2018 von jungen Erwachsenen, die sich stark mit den Jüdischen Gemeinden identifizieren, gegründet worden. Viele von ihnen waren oder sind in der Förderung von ELES. Aber auch die Vernetzung in internationalen Studierendenvertretungen bringt den innerjüdischen Pluralismus in das Bewusstsein der jungen Erwachsenen.

Man könnte die JSUD und Keshet als halb-alternative Räume bezeichnen. Sie vertreten Positionen, die innerhalb der Jüdischen Gemeinden bislang keinen Ort hatten, z.B. Feminismus, LGTBIQ*-Rechte oder auch progressivere politische Positionierungen. Weil die Akteur*innen zugleich stark in den Jüdischen Gemeinden verwurzelt sind, wirken sie auch von "innen“ auf sie. Die Themen, die in den 1990er Jahren von den Jüdischen Gemeinden ausgeschlossen waren, wirken also nun durch die JSUD und Keshet in sie hinein. Dass diese Themen nun nicht mehr nur außerhalb der Jüdischen Gemeinden ihren Ort finden, sondern mehr und mehr von Funktionär*innen gehört werden, liegt sicher auch daran, dass die Jüdischen Gemeinden unter Überalterung Mitgliederschwund leiden und sie daher einem weiteren Weggang jüngerer Mitglieder entgegen wirken müssen.

Neben diesen halb-alternativen Räumen gibt es auch in der Gegenwart Zusammenhänge, die außerhalb der Jüdischen Gemeinden und anderen jüdischen Institutionen agieren. Dazu gehört die Zeitschrift "Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart“, (Brumlik et al. 2017) die sich als intellektuelles Forum für jüdische und nicht-jüdische Streitkultur versteht. In ihrem Selbstverständnis bedeutet jüdische Selbstermächtigung Dissens über "inner“- und "außer“-jüdische Themen öffentlich zu diskutieren, mit dem Ziel gleichzeitig nach ‚innen‘ und nach "außen“ emanzipatorische Politiken anzustoßen. Jalta hat einen Raum geschaffen, in dem (selbst-)kritische Reflexionen sowie Kritik an gesellschaftlichen Exklusionsmechanismen und Hierarchien öffentlich möglich geworden sind. Zugleich bildet die Vielfalt der Beiträge die Diversität jüdischen Lebens in Deutschland heute ab und setzt sich so über Rollenerwartungen der Dominanzgesellschaft hinweg. Zum Beispiel wird gezeigt, dass jüdisches Leben nicht nur im Dreieck von Shoah, Antisemitismus und Israel stattfindet. Insbesondere geht es in Jalta auch um Allianzen zwischen Jüd*innen und anderen Minderheitengruppen.

Die von der Gruppe Meshulah in den 1990ern organisierten Kulturtage haben heute Nachfolger in den Radikalen Jüdischen Kulturtagen gefunden. Eine Vielzahl von Auseinandersetzungen mit jüdischer Identität und einer neuen jüdischen Kultur in Deutschland findet in künstlerischen Projekten ihre Ausdrucksform. Ein Ort dafür ist u.a. das Maxim Gorki Theater in Berlin. Der sogenannte Desintegrationskongress (kuratiert von Sasha Marianna Salzmann und Max Czollek) eröffnete 2016 ein Forum für eine kritische Auseinandersetzung mit den Rollenerwartungen der Dominanzgesellschaft an Jüd*innen. Die dezentral organisierten Tage der "Jüdisch-Muslimischen Leitkultur“ im Jahr 2020 wiederum zielten darauf (kuratiert von Max Czollek), das Konzept einer deutschen Leitkultur und die damit verbundenen Homogenisierungsvorstellungen einer Kritik zu unterziehen und ihnen die Alternative radikaler postmigrantischer Vielfalt entgegen zu stellen.
Die kritische, eigenständige Auseinandersetzung mit Judentum in Deutschland zeigt sich auch außerhalb von Institutionen oder größeren Zusammenhängen. Der Film "Masel Tov Cocktail“ (Arkadij Khaet, Mickey Paatzsch 2020) spiegelt die Erfahrungen eines jüdischen Jugendlichen wider, der sich zugleich mit den stereotypen Reaktionen der dominanzgesellschaftlichen Umwelt und den familiären und innerjüdischen Erwartungen auseinandersetzen muss. Dabei, so zeigt der Film eindrücklich, lässt sich jüdisches Leben nicht in eindeutige Rollen und Kategorien einordnen.

Zunehmend wird innerjüdischer Dissens auch in der Öffentlichkeit ausgehandelt. Ein Beispiel hierfür ist die Auseinandersetzung mit rechten Positionen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft. Die Gründung der Gruppe "Juden in der AfD“ führte 2017 zu Demonstrationen und Statements gegen rechts von Seiten der Jüdischen Gemeinden, jüdischer Institutionen und kleinerer Zusammenhänge (Vgl. Brumlik et al. 2018; Vgl. JSUD 2018). In dieser Situation haben Jüd*innen in ihren vielfältigen und widersprüchlichen Identitäten und aus alternativen und nicht-alternativen Zusammenhängen zusammengefunden und gemeinsam Haltung gezeigt.

Immer hörbarer werden jüdische Perspektiven indes auch in gesamtgesellschaftlichen politischen Auseinandersetzungen. Nicht zuletzt im Kontext der rechtsterroristischen Anschläge von Hanau und Halle haben viele Jüd*innen ihre Stimme erhoben. Eine Vielzahl der Betroffenen aus der Synagoge in Halle fordert unbedingte Solidarität mit Betroffenen von Rassismus. Beim "Festival of Resilience“ in Berlin im Herbst 2020 trafen sich die Betroffenen und Hinterbliebenen der Anschläge von Hanau und Halle, um gemeinsam zu gedenken und gemeinsam Kraft zu schöpfen. Das Festival fand in einer Sukkah (hebr. Laubhütte) und nicht hinter Panzerglas statt. Es war ein offener Raum, der die Grenzen zwischen alternativ und nicht-alternativ herausgefordert hat, und der einen jüdisch-nicht-jüdischen Ort geschaffen hat (Vgl. Schmitt 2020).

Insgesamt zeigt sich: Die Diversität jüdischer Perspektiven wird zunehmend sichtbar, sie wirkt in die Jüdischen Gemeinden hinein. Die innerjüdische Diversität findet aber auch in der Dominanzgesellschaft als einer von Migration geprägten Gesellschaft immer mehr einen Platz. Dies entfaltet eine emanzipatorische Wirkung im Sinne einer Veränderung und Gestaltung von Gesellschaft.

Literaturverzeichnis

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Belkin, Dmitrij; Hensch, Lara; Lezzi, Eva (Hg.) (2017): Neues Judentum - altes Erinnern? Zeiträume des Gedenkens. Berlin: Hentrich & Hentrich (Schriftenreihe des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks, Band 1).

Brumlik, Micha; Chernivsky, Marina; Czollek, Max; Peaceman, Hannah; Schapiro, Anna; Wohl von Haselberg, Lea (Hg.) (seit 2017): Jalta - Positionen zur jüdischen Gegenwart

Brumlik, Micha; Chernivsky, Marina; Czollek, Max; Peaceman, Hannah; Schapiro, Anna; Wohl von Haselberg, Lea (2018): "Die AfD vertritt menschenfeindliche und antisemitische Positionen". Hg. v. Zeit Online. Online verfügbar unter https://www.zeit.de/kultur/2018-09/juden-afd-gegenbewegung-positionspapier, zuletzt geprüft am 17.05.2019.

Frajman, Michael (2001): Editorial. In: Golem - ein europäisch jüdisches Magazin 12-2001 (2). Online verfügbar unter https://www.hagalil.com/golem/juedische-familie/editorial-d.htm, zuletzt geprüft am 04.02.2021.

Frank, Jo; Fegert, Jonas; Homolka, Walter (Hg.) (2018): "Weil ich hier leben will …". Jüdische Stimmen zur Zukunft Deutschlands und Europas. Freiburg im Breisgau: Herder Verlag.

hagalil (Hg.) (o.A.): Meshulah Berlin. Online verfügbar unter http://www.berlin-judentum.de/gruppen/meshulash.htm, zuletzt geprüft am 10.05.2019.

JSUD (2018): #AfNee - Diese Alternative ist nicht koscher! Online verfügbar unter https://www.facebook.com/events/629018374160758/?notif_t=event_aggregate¬if_id=1538885940657428, zuletzt geprüft am 26.05.2019.

Peaceman, Hannah (2018): Einigkeit um jeden Preis? Ein Plädoyer für mehr Machloket. In: Frank, Jo; Fegert, Jonas; Homolka, Walter (Hg.): "Weil ich hier leben will …". Jüdische Stimmen zur Zukunft Deutschlands und Europas. Freiburg im Breisgau: Herder Verlag, S. 110–131.

Pletoukhina, Anastassia (2017): Parallele Welten oder eine vielfältige Gemeinschaft? Organisationen und Initiativen jüdischer junger Erwachsener in Deutschland. In: Jalta - Positionen zur jüdischen Gegenwart (1), S. 113–120.

Rebling, Jalda (2018): Allianzen einer Berlinerin. Mein Bund mit Berlin - ein Abschied. In: Jalta - Positionen zur jüdischen Gegenwart (3), S. 88–94.

Schmitt, Christine (2020): "Wir stehen zusammen". In: Jüdische Allgemeine 2020, 09.10.2020.

Zentralrat der Juden in Deutschland (Hg.) (2020): Gemeindebarometer. Zentralrat der Juden in Deutschland. Online verfügbar unter https://www.zentralratderjuden.de/aktuelle-meldung/artikel/news/gemeindebarometer-1/, zuletzt geprüft am 04.02.2021.

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