Kinder der jüdischen Grundschule in Frankfurt am Main sitzen zusammen an einem Tisch

25.8.2021 | Von:
Stefanie Schüler-Springorum

Geschlechterrollen im deutschen Judentum

Vom 18. Jahrhundert bis zum 2. Weltkrieg

Jüdische Menschen kämpften im 19. und 20. Jahrhundert lange für ihre Gleichberechtigung. Doch wie sah es damals innerhalb der jüdischen Gemeinde aus? Wie stand es um die Geschlechterrollen? (© 2021 Bundeszentrale für politische Bildung)

Moses Mendelssohn (1729-1786), der große Intellektuelle und Wegbereiter der jüdischen Aufklärung, hatte insgesamt zehn Kinder, von denen sechs das Erwachsenenalter erreichten. Von den drei Söhnen und drei Töchtern ließen sich vier im Laufe ihres Lebens taufen, zwei junge Männer und zwei junge Frauen. Aber keine erntete dafür so viel Verachtung, Zorn und Häme wie Brendel (1764-1839), die älteste, die sich später Dorothea nannte und den Philosophen und Dichter Friedrich Schlegel (1772-1829), einen Nichtjuden, heiratete. Ihre Mutter versöhnte sich nicht mehr mit ihr und für die jüdische Geschichtsschreibung blieb sie eine zerrüttete, ihrem Manne hörige, willenlose Abtrünnige. Dorotheas Geschichte zeigt zum einen, dass die ohnehin engeren Grenzen der Selbstbestimmung, denen Frauen ganz allgemein ausgesetzt waren und zum Teil immer noch sind, für die weiblichen Mitglieder einer Minderheit noch schwieriger zu überwinden sind und der Preis höher ist, den man für dieses Wagnis zahlt. Zum anderen aber macht sie deutlich, dass es immer auch auf die Perspektive der Betrachterin ankommt: Die Frauenbewegung des späten 20. Jahrhunderts entdeckte Dorothea Schlegel und andere jüdische Frauen wie Henriette Herz (1764-1847) oder Rahel Varnhagen (1771-1833) als emanzipierte Vorbilder wieder, die sich aus den Fesseln ihrer arrangierten jüdischen Ehen befreiten, ihre Liebe zu christlichen Männern auslebten und als emanzipierte Frauen in ihren Salons geistreiche Gespräche mit Gleichgesinnten führten. Denn vor allem waren es jüdische Frauen, in deren Salons sich jüdische und christliche Intellektuelle, Bürgerliche und Adlige versammelten. Finanziell abhängig von ihren Ehemännern oder Vätern und ohne wirkliche Entfaltungsmöglichkeiten außerhalb des eigenen Hauses, wurden die Salons zu Orten der Emanzipation im häuslichen Rahmen.

Zwar waren auch die Salons weder wirklich egalitär noch deren christliche Besucher völlig frei von antijüdischen Ressentiments, aber dennoch konnten die Frauen dieser Generation jene feinsinnigen Freiräume nutzen, die ihnen der Aufbruch durch Aufklärung, französische Revolution und französische Besatzung für einige Jahre bot. Denn da in Frankreich die Juden im Jahre 1791 die volle Gleichstellung erreicht hatten, galt dieses Recht auch für all jene deutschen Territorien, die von Napoleon erobert, nun unter französischer Herrschaft Napoleons auch das französische Recht übernahmen. Während also jüdische Frauen erstmals neue Freiheitsräume für sich gestalteten – der freie Umgang mit Männern, besonders nicht-jüdischen Männern, wäre zuvor undenkbar gewesen, Kontakte zwischen den Gesellschaftsgruppen beschränkten sich fast ausschließlich auf geschäftliche Beziehungen – widmeten sich ihre Brüder hingegen den innerjüdischen Konflikten um das Verhältnis von Religion und Haskalah (also der jüdischen Aufklärung), den politischen Kämpfen um die Emanzipation oder schlicht und einfach dem Familiengeschäft. Aber auch im Judentum folgte auf den Aufbruch um 1800 und der konservativen Wende nach den anti-napoleonischen Kriegen eine Phase des Stillstands, zumindest was die Dynamik der Geschlechterbeziehungen angeht. Von nun an konzentrierte man sich stärker auf den sozialen und kulturellen Aufstieg ins Bürgertum, was immer ein Familienprojekt war: Die Männer, deren wichtigste Aufgabe im traditionellen Judentum das Thorastudium gewesen war, mussten und durften nun "hinaus in die Welt", um den Broterwerb der Familie zu sichern. Für die Frauen dagegen, deren Aufgabe dies früher oft gemeinsam mit den Ehemännern gewesen war, galt nun das Idealbild der bürgerlichen Hausfrau: demzufolge hatte sie sich um Haus und Hof, die Erziehung der Kinder und das emotionale Wohl der ganzen Familie zu kümmern. Da keineswegs alle jüdischen Familien im 19. Jahrhundert einen Lebensstandard erreichten, der es ermöglichte, auf die Erwerbsarbeit der weiblichen Familienmitglieder zu verzichten, war dies bis zur Gründung des Deutschen Kaiserreichs hinein eher Idealbild als gelebte Realität. Als solches entfaltete es jedoch eine große Wirkung, was die Lebenschancen der Geschlechter betraf: Zwar legte man im Judentum traditionell auch auf die Bildung der Mädchen großen Wert, aber es machte eben doch einen Unterschied aus, ob diese eher als Schmuck und Zierde einer jungen Frau auf dem Heiratsmarkt galt oder aber, wie bei Männern, die Existenz sichern sollte. Dass diese größere Bildungs- und Wahlfreiheit zugleich immer auch einen enormen Druck für jüdische Jungen bedeutete, schildert uns die Wienerin Toni Stolper (1890-1988) in ihren Erinnerungen: "Wenn mein Bruder mal mit einer etwas schlechteren Note in Latein aus der Schule kam, dann war das eine Familienkatastrophe. Flüsternd, mit Tränen in den Augen und Leidensmiene saßen wir am Tisch, als ob gerade jemand im Haus gestorben wäre". Dennoch, wie andere junge Mädchen aus christlich-bürgerlichen Familien auch, begannen die gebildeten jüdischen Frauen in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts langsam aufzubegehren gegen die klare Rollenverteilung der Geschlechter. Die Mädchen und Frauen des Kleinbürgertums dagegen, auf deren "Mithilfe" ihre Familien weiterhin angewiesen waren, litten an prekären Verdienstmöglichkeiten.

Konsequenterweise entstanden ab 1865 in allen deutschen Großstädten Organisationen und Vereine der bürgerlichen Frauenbewegung. Diese setzten sich für eine bessere Berufsausbildung von Mädchen sowie für den Zugang zu Höherer Bildung ein, um den Frauen aller Schichten ein selbständiges Auskommen bzw. die Möglichkeit einer gesellschaftlich nützlichen Tätigkeit zu ermöglichen – selbstverständlich immer nur auf jenen Gebieten, die als "weiblich" bzw. "schicklich" galten. Dies waren in erster Linie die sozialen Berufe, aber auch die ehrenamtliche Sozialarbeit in den jüdischen Gemeinden und darüber hinaus: Lina Morgenstern (1830-1909) zum Beispiel engagierte sich ab 1866 in der Armenpflege: Als "Suppen-Lina" wurde sie über die Stadt hinaus bekannt, ihre Volksküchen erfreuten sich großer Beliebtheit und sie selbst sogar, für eine Jüdin ungewöhnlich, großer Wertschätzung bei Hofe.

In der ersten, bürgerlichen Frauenbewegung, die in den letzten beiden Jahrzehnten des Kaiserreichs aktiv wurde, war der Anteil der Jüdinnen bzw. von Frauen jüdischer Herkunft mit ca. einem Drittel ebenfalls vergleichsweise hoch. Um sich spezifisch jüdischen Themen, aber auch der Gleichberechtigung in den Gemeinden zu widmen, gründete Bertha Pappenheim (1859 - 1936) im Jahre 1904 den Jüdischen Frauenbund, der später mit rund 50.000 Mitgliedern – das waren ein Viertel aller in Frage kommenden Frauen – einer der größten jüdischen Vereine in Deutschland werden sollte. Seine Beliebtheit war nicht zuletzt auf den latenten, nach dem Ersten Weltkrieg auch offenen Antisemitismus im Bund Deutscher Frauenvereine zurückzuführen, in dem sich bis dahin zahlreiche Jüdinnen aktiv eingebracht hatten: so florierten beispielsweise die Berliner "Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit" ab 1897 unter der Leitung von Jeannette Schwerin (1852–1899), ähnliches galt für die 1908 von Alice Salomon (1872 – 1948) gegründete und geleitete "Soziale Frauenschule". Die dort ausgebildeten Frauen sollten in der Weimarer Republik maßgeblich zur Modernisierung der kommunalen Fürsorge beitragen, die gerade in den Großstädten der 1920er Jahre jungen, politisch meist auf der Linken engagierten Sozialarbeiterinnen, Juristinnen und Ärztinnen ein kreatives Betätigungsfeld bot. Frauen wie Käthe Frankenthal, Eva Jungmann-Reichmann oder Hertha Nathorff und viele andere jüdische Frauen prägten das Bild der "Neuen Frau" der Weimarer Republik mit. Mit Beginn des nationalsozialistischen Regimes wurde ihnen ab 1933 sofort jegliche berufliche Betätigung im öffentlichen Raum – als Jüdinnen und als Frauen – untersagt.

Das Vorgehen des NS-Regimes gegen Jüdinnen und Juden übte in den 1930er Jahren in vielfacher Weise einen massiven Druck auf beide Geschlechter aus: Handlungsmöglichkeiten und Lebenspläne jüdischer Männer und Frauen wurden zusehends begrenzter. Das führte angesichts der hierarchischen Verteilung der Geschlechtsrollen in den Familien und auf dem Arbeitsmarkt dazu, dass sich die beruflichen und sozialen Spielräume für Frauen massiv einschränkten: In der allgemeinen Notlage wurde Männer auf allen Gebieten deutlich der Vorrang eingeräumt, dies war sowohl innerhalb der jüdischen Gemeinschaft als auch in den Familien kaum umstritten. Gleichzeitig waren jüdische Männer den Brutalitäten des Regimes in sehr viel stärkerem Maße ausgesetzt. Die antisemitische Hasspropaganda, die immer häufiger in physische Gewalt umschlug, richtete sich fast ausschließlich gegen sie. Da sie zudem ihre angestammte und tief verinnerlichte Rolle als Ernährer und Beschützer ihrer Familien immer weniger ausfüllen konnten, war der NS-Angriff auf die Geschlechtsidentität für jüdische Männer weitaus massiver als für jüdische Frauen. Diese wiederum sahen sich zurückgeworfen auf traditionelle weibliche Rollen, Tätigkeitsbereiche und Anforderungen: Es wurde erwartet, dass sie anstandslos zurückstanden, dem Bruder den Vortritt ließen und dem Ehemann zuarbeiteten und zugleich die Gemeinschaft, die Familie zusammenhielten, Spannungen ausglichen und für Geborgenheit und psychische Stabilität von Männern und Kindern sorgten. Auch wenn dies sicher nicht immer und immer weniger gelang, hat diese Rollenerwartung doch dazu geführt, dass Viele in ihren Erinnerungen an diese Zeit besonders häufig von starken und aktiven Müttern sprechen. Und schließlich erhielten auch bei der Auswanderung die Männer den Vorrang, Töchter und Schwestern blieben tendenziell eher zur Versorgung der älteren Verwandten zurück. Dies führte dazu, dass zu Kriegsbeginn die Alten und die Frauen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft die Mehrheit hatten: 1939 waren drei Viertel der jüdischen Bevölkerung älter als 40, ein Drittel älter als 60, ca. 60 Prozent waren weiblich, viele davon alleinstehend. Im Mai 1939 lebten in Deutschland 6674 Witwer und 28.347 Witwen. Kaum einer von ihnen entkam dem Massenmord.


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