Koffer

30.4.2020 | Von:
Sineb El Masrar

"Der Kampf um Anerkennung ist äußerst ermüdend und schwierig."

Ein Gespräch mit der Autorin und Publizistin Sineb El Masrar über muslimische Männlichkeit, Religion sowie die Suche nach Identität und Zugehörigkeit.

Junge arabische Männer auf der Rheinuferpromenade in DüsseldorfJunge arabische Männer auf der Rheinuferpromenade in Düsseldorf. Die Lebensrealitäten muslimischer Männer sind vielschichtiger als es die stigmatisierende und stereotypische Darstellung muslimischer Männlichkeit vermuten lässt. (© picture-alliance)

Muslimische Männlichkeit wird in öffentlichen und medialen Diskursen überwiegend als patriarchalisch, sexistisch und gewalttätig dargestellt. Zugespitzt hat sich der Diskurs seit der sogenannten "Flüchtlingskrise" sowie nach den Übergriffen in Köln in der Silvesternacht 2015/2016. Muslimische oder auch muslimisch markierte Männer werden von Teilen der Bevölkerung kritisch beobachtet. Manchmal stehen sie sogar unter dem Generalverdacht, Terroristen zu sein. Dass die Lebensrealitäten muslimischer Männer vielschichtiger sind als diese stigmatisierende und stereotypische Darstellung muslimischer Männlichkeit vermuten lässt, zeigt Sineb El Masrar in ihrem Buch "Muslim Men".

Frau El Masrar, für Ihr Buch "Muslim Men", das 2018 erschienen ist, haben Sie mit unterschiedlichen muslimischen Männern Interviews geführt, um ihre vielschichtigen Lebensrealitäten zu porträtieren. Sie wollten all jenen eine Stimme zu geben, die aufgrund von Generalisierungen und Stigmatisierungen durch die Mehrheitsgesellschaft unsichtbar bleiben. Wie war es für Sie über muslimische Männlichkeit zu schreiben?

Sineb El MasrarSineb El Masrar (© picture-alliance)
Nicht nur die Mehrheitsgesellschaft, auch muslimische Communities reduzieren das Muslimsein auf homogene Männlichkeitsvorstellungen. Das wurde durch die zahlreichen Gespräche deutlich! Für mich war es überhaupt nicht schwierig, Gesprächspartner zu finden. Ganz im Gegenteil, es gab ein großes Interesse offen reden zu können.

Ich hatte mich ja bereits viel mit der Frage nach der Emanzipation der muslimischen Frau beschäftigt. Die kann aber nicht ohne den anderen Part, nämlich den männlichen, wenn wir im Zweigeschlechtermodell bleiben, gedacht werden. Insbesondere weil der Islam patriarchal ausgelegt ist, können wir die Männer in diesem Kontext gar nicht ausblenden. Warum schaffen es die einen Männer liberal und progressiv zu sein und Ungerechtigkeit – auch innerhalb des Islams – aufzubrechen, obwohl es hochgradig tabuisiert ist, den Islam zu kritisieren. Und warum schaffen es andere nicht? Das sind Fragen, auf die ich Antworten finden wollte. Es wird unheimlich viel über "die Männer" gesprochen und debattiert. Aber wer sind denn "diese muslimischen Männer" eigentlich?

Gibt es überhaupt "die muslimischen Männer"?

Nein, natürlich gibt es nicht "den muslimischen Mann", denn es gibt ja auch nicht "den Mann". Die Persönlichkeit eines Menschen hängt nicht zuletzt von der Sozialisation ab, also aus welcher Familie er stammt und welchen historischen, kulturellen oder sozialen Hintergrund er hat.

Es gibt auch nicht "den Islam". Es gibt Islamversionen und -interpretationen, die sich von Land zu Land unterscheiden. Aber es dominieren natürlich bestimmte Traditionen und Praktiken – wie die fünf Säulen des Islams: das Gebet, das Fasten, die Almosenabgabe, das Glaubensbekenntnis und die einmalige Pilgerreise nach Mekka –, die überall gleich sind, egal, ob im Sunnitentum, Schiitentum, der Ahmadiyya oder bei liberalen Muslim*innen. Der Umgang mit Toleranz und theologischen Fragen unterscheidet sich aber.

Es gibt Vordenker*innen, die im Laufe der Jahrhunderte zu bestimmten Fragen der Gesellschaft verschiedene Antworten gefunden haben. Manche Reformströmungen innerhalb des Islams, wie etwa der Islamismus, sind rückwärtsgewandt und faschistoid. Andere Reformbewegungen stehen dagegen sehr wohl für einen auf Emanzipation ausgerichteten Islam.

Sie sprechen die Vielfalt von Islamauslegungen und Männlichkeitsvorstellungen an. Trotzdem halten sich sehr einseitige Bilder muslimischer Männer. Wie kommt das?

Es ist schon so, dass in vielen Einwandererfamilien und -gruppen patriarchale Männlichkeitsvorstellungen vorherrschen. Das äußert sich natürlich im Zusammenleben mit Nicht-Muslim*innen oder liberalen Muslim*innen und trägt dazu bei, dass sich dieses Klischee des sehr dominant auftretenden, unterdrückenden muslimischen Mannes verfestigt. Um zu verstehen, warum solche tradierten Männlichkeitsvorstellungen dominieren, muss man sich verschiedene Faktoren anschauen, wie Entwicklungen im Herkunftsland, die persönliche Einwanderungsgeschichte, die Herkunftsfamilie und die Erziehung.

Viele muslimische Eingewanderte in Deutschland stammen aus ländlichen Regionen und bildungsfernen sowie sozial benachteiligten Elternhäusern. Oft sind die Väter abwesend. Gewalt in der Erziehung spielt ebenfalls eine Rolle. Familien halten an Traditionen fest, weil sie ihnen Halt geben und sich sozusagen über Generationen bewährt haben. Anders zu denken führt schnell dazu, aus der Gemeinde ausgegrenzt zu werden und kostet die Familie Kraft. Das alles – und viel mehr – prägt die heranwachsenden Männer. Solche Prägungen ändern sich nicht von heute auf morgen, sondern im Laufe langer Auseinandersetzungsprozesse.

Das ist in Deutschland nicht anders. Hier war die Gesellschaft in den 1950er Jahren unter Konrad Adenauer zum Beispiel in Bezug auf Frauenrechte nicht so fortschrittlich, wie sie es heute ist. Die heutige Gleichberechtigung konnte nur erreicht werden, weil es Bewegungen gab, die Forderungen artikulierten und dafür entsprechende Räume für sich einnehmen konnten, auch wenn sie bis heute in manchen Kreisen auf Gegenwind stoßen. Emanzipation war möglich durch Tabubrüche, Bildung und offene Debatten.

Die Arbeitsmigrant*innen der 1950er bis 1970er Jahre zum Beispiel kamen unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit aus Regionen mit traditionellen, patriarchalen Gesellschaftsstrukturen. Das war auch der damaligen Zeit geschuldet und zeigte sich, wie erwähnt, auch in der Gesellschaft im Deutschland der 1950er Jahre. Die Arbeitsmigrant*innen waren in erster Linie mit der Sicherung ihrer eigenen Existenz beschäftigt. Deswegen waren sie ja ausgewandert: Sie wollten sich und – noch wichtiger – ihren Kindern einen höheren Lebensstandard ermöglichen. Da blieb weder die Zeit für emanzipatorische Reflexion noch gab es entsprechende Räume der Artikulation von Bedürfnissen oder politischen Forderungen. Es dominierte auch eher Tradition als Religion. Entfaltungsräume, um Haltungen und Werte zu hinterfragen, waren letztlich Luxus und dieser Luxus muss allen Mitgliedern unserer Gesellschaft erst einmal zugänglich gemacht werden, um den Gewinn liberaler Haltungen und Werte zu erkennen.

Welche Rolle spielt die Familie mit Blick auf Männlichkeitsvorstellungen und Geschlechterbeziehungen?

Viele muslimische Männer erfahren in ihrer Kindheit und Jugend Gewalt von ihren Eltern, also auch von der Mutter – eine Tatsache, die im öffentlichen Diskurs in dieser Form gar nicht präsent ist. Gleichzeitig ist die Mutter die erste Frau, zu der sie eine Beziehung haben und das beeinflusst ihren späteren Umgang mit Mädchen und Frauen. Ebenso prägt die Beziehung der Eltern die Vorstellungen von geschlechtlichen Beziehungen und Beziehungsmodellen. Manche Männer realisieren das sehr früh und merken, dass es da viel Ungerechtigkeit gibt. Im Idealfall erleben sie in ihrem Umfeld noch andere Beziehungsmodelle oder Rollenmodelle, die auf Austausch und Zuneigung beruhen. Das ermöglicht ihnen einen Perspektivwechsel und Vorbildmodelle.

Dann stellt sich natürlich auch die Frage, welche Gestaltungsfreiheiten junge Männer in ihren Familien haben. Können sie mit Familienmitgliedern offen reden, können sie sich öffnen und über Gefühle sprechen, vielleicht auch Widersprüche innerhalb der Familie thematisieren? Gibt es diese Möglichkeit nicht, geraten die Jungs relativ schnell an einen Punkt, an dem sie sich entscheiden müssen: Ordnen sie sich unter und ertragen es schweigend oder rebellieren sie, indem sie sich emanzipieren und einen eigenen Weg suchen? Damit das funktioniert, braucht man schon ein sehr starkes Selbstwertgefühl und dieses Selbstwertgefühl muss im Idealfall von den Eltern oder anderen Bezugspersonen unterstützt werden.

Es gibt also oft bereits ein großes Spannungsverhältnis innerhalb der Familie. Das ist mir auch in meinen Gesprächen für "Muslim Men" aufgefallen: Junge Männer, die bestimmte Stereotypen bedienen, sind meist überfordert im Leben. Einerseits stellen sie familiäre, kulturelle oder religiöse Werte infrage. Andererseits gibt es für sie keinen Raum, diese Zweifel zu artikulieren sowie zu diskutieren und dann in ihren eigenen Lebensvorstellungen umzusetzen. Sie werden nirgendwo ihrer selbst wegen aufgefangen. Die Betroffenen berufen sich oft auf den Islam und islamische Traditionen, wie sie es beispielsweise von ihren Familien schon kennen, wenn ihnen der Raum der Aushandlung fehlt – also ein Raum, in dem sie eigene Widersprüche und Ambivalenzen thematisieren, aushalten und das rigide Männlichkeitskonzept aufbrechen könnten. Wenn die Mehrheitsgesellschaft dann bestimmte Verhaltensweisen als typisch erachtet, bedienen sie diese Verhaltensweisen und fallen unter Umständen negativ auf. Aggression und Gewalt sind häufig ein Ventil für ungelöste Konflikte.

Die Familie ist die erste kleine Gesellschaft, die ein Mensch erlebt, bevor er in die große Gesellschaft entlassen wird. Also ist es schon von klein auf wichtig, sich entfalten und diskutieren zu dürfen sowie Toleranz zu lernen, statt zu hören, dass dies oder das gegen den Islam verstößt. Das ist wichtig, um überhaupt mit der großen, heterogenen Gesellschaft leben und auch in den Austausch treten zu können.

Warum besinnen sich manche muslimischen Männer stärker auf ihre Religion als andere?

Eine starke Rückbesinnung auf den Islam ist das Ergebnis historischer Entwicklungen in den Herkunftsstaaten und auch in Deutschland, die sich wechselseitig bedingen. Es handelt sich um die Suche nach der eigenen Identität. Wie etwa rechtsextreme Gruppierungen suchen auch Islamist*innen nach Eindeutigkeit und etwas vermeintlich Reinem. Für sie ist das einzig Wahre und Reine ihr Konstrukt "des Islams". In ihrer Vorstellung vereint "der Islam" Menschen über die Herkunft hinweg, indem er, ähnlich wie im Nationalismus, eine binäre Weltanschauung vorgibt und das Eigene in der Abgrenzung zu Nicht-Muslimen erhöht. In verschiedenen Staaten wie dem Iran, Afghanistan und der Türkei fanden in der Vergangenheit gesellschaftliche Umbrüche statt: Unterschiedliche Faktoren drängten die islamische Religion mehr und mehr zurück. Als das Osmanische Reich zerfiel, entstand z.B. die laizistische Türkei, die sich unter Atatürk stark am fortschrittlichen Westen orientierte. Auch die Besetzung Afghanistans durch sowjetische Truppen führte zur Zurückdrängung der Religion. Trotzdem war Religion für viele Menschen über Jahrhunderte ein wichtiger Teil ihrer Identität geworden. Mit der Einwanderung zum Beispiel aus Afghanistan, Ägypten, dem Irak und Iran, Marokko, Tunesien, der Türkei und Syrien nach Deutschland brachten diese Menschen ihre Religion mit – einige mit islamistischen Tendenzen, denn es haben beispielsweise auch verfolgte Islamist*innen aus Syrien, Ägypten oder Tunesien Asyl erhalten. Diese haben ihre islamistischen Aktivitäten in Deutschland teilweise weiterverfolgt und ausgebaut. Wenn der Glaube das Zuhause bieten kann, das man in der eigenen Familie oder in Deutschland nicht zu finden glaubt, besteht die Gefahr, dass islamistische Gruppen großen Anklang bei identitätssuchenden Menschen finden.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen einem starken Bezug zur (islamischen) Religion und dem Gefühl, nicht zu Deutschland zu gehören bzw. nicht als Deutsche/r anerkannt zu werden?

Viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte haben das Gefühl, es werde von ihnen erwartet, dass sie ihre Wurzeln aufgeben müssen, um in Deutschland richtig ankommen zu dürfen und in Freiheit zu leben. Dabei hat jeder Mensch das Recht, sich sowohl mit seiner Herkunftsreligion, -kultur oder dem -land seiner Eltern und Großeltern als auch mit Deutschland zu identifizieren. Genauso ist es legitim, wenn eine Person sagt, dass sie sich türkisch, marokkanisch und/oder muslimisch definiert. Das heißt aber ja nicht automatisch, dass sich das in rückwärtsgewandten oder menschenfeindlichen Haltungen äußern muss.

Die Reflexion darüber, wie wichtig Herkunft und Zugehörigkeit für die Identitätsbildung sind, fängt in Deutschland erst langsam an und wird in den nächsten Jahren weiter zunehmen. Dazu gehört auch, dass Nachkommen von Eingewanderten erkennen müssen, dass es eine homogene Herkunftskultur nicht gibt und auch der Islam nicht immer schon Teil ihrer Herkunftsregion war. Identitäten sind immer fluide. Das zu erkennen ist natürlich auch Aufgabe der Mehrheitsgesellschaft. Es wird immer deutlicher, dass die vereinfachte Erklärung: "Das ist so, weil die aus dem Ausland kommen oder einer anderen Religion angehören" nicht ausreicht, um unsere heterogene Gesellschaft zu verstehen.

Es gibt unheimlich viele Möglichkeiten, einen eigenen Weg für sich zu finden. Diese Vielfalt an Möglichkeiten überfordert aber auch viele Menschen. Die Suche nach dem eigenen Weg braucht Zeit, Ruhe und Räume der Anerkennung und Auseinandersetzung. Solange diese Räume – allen voran in den Familien – nicht für alle zugänglich sind, wird es immer wieder Menschen geben, die sich (reaktionär-religiösen) Gruppen anschließen, die ihnen das Gefühl geben, dort dürfen sie sie selbst und zugehörig sein, wenn sie die Regeln befolgen.

Welche Rolle spielen Vorstellungen von "Ehre" in Selbstbildern muslimischer Männer?

Ehrvorstellungen sind stark an das Patriarchat gekoppelt, das davon lebt, dass Männer die Frauen ihrer Familie kontrollieren. Tun sie das nicht, besteht ständig die Gefahr, dass das Bild des Mannes und seiner Familie entehrt wird. Personen, die in sich ruhen und sich selbst wertschätzen, ist das egal. Sie benötigen keine Bestätigung von außen. Sie konzentrieren sich auf das Individuelle und die eigene Freiheit, die ihnen im besten Falle bereits in der Kindheit vermittelt wurde, und akzeptieren das Selbstverständnis von Frauen und Mädchen. Andere hatten in der Familie nie diese Freiheit und haben auch nicht gelernt, mit Freiheit umzugehen. Sie brauchen viel eher permanent Bestätigung von der Mutter, dem Vater, der Familie, der Sippe, der Community oder der Islam-Gemeinde. Halten diese Menschen also an patriarchalen Strukturen fest, geht es nicht darum, sich selbst zu finden, sondern immer von außen an sie herangetragenen Erwartungen zu genügen. Daher spielt Ehre in konservativen bis reaktionären Familien eine ganz große Rolle: In diesen Kreisen glauben viele Männer, dass die Wahrung der Ehre das Einzige ist, womit sie es am Ende ihrer Familie oder der Gemeinschaft recht machen können.

Wie reagieren muslimische Männer auf stereotype Vorstellungen muslimischer Männlichkeit?

Die Ambivalenz bei Klischees oder Vorurteilen ist ja immer, dass es tatsächlich Menschen gibt, die bestimmte Klischees oder Vorurteile erfüllen. Zuschreibungen fallen nicht vom Himmel, sondern begründen sich in Erfahrungswerten, die mehrheitsgesellschaftlich generalisiert wurden. Wichtig ist hier die Frage: Warum bedienen manche muslimischen Männer Klischees und Vorurteile?

Unabhängig davon, ob sie wirklich in traditionellen, religiösen Familien aufgewachsen sind, wird die gesamte Gruppe muslimischer Männer nahezu permanent mit bestimmten Weltbildern konfrontiert – sei es aufgrund des Namens, der Hautfarbe, der Herkunft oder weil sie muslimisch sind oder muslimisch markiert werden. Je nach Persönlichkeit nehmen Personen das mit Humor, fühlen sich verletzt oder äußern ihren Unmut über kurz oder lang durch aggressives Verhalten. Sie reagieren zum Beispiel mit Trotz: "Ihr wollt den machohaften Kanaken? Hier bekommt ihr ihn!" – oder sie radikalisieren sich. Kritisch wird es dann, wenn sie in salafistischen und anderen islamistischen Gruppierungen Anschluss finden. Die lehnen nämlich auch die deutsche Heterogenität sowie alle Nicht-Muslim*innen und Muslim*innen ab, die nicht ihren Glaubensvorstellungen entsprechen, und ziehen sich mehr und mehr aus der Gesellschaft zurück. Andere Männer wiederum reagieren, indem sie sich gezielt gegen Rassismus, bestimmte Klischees und Vorurteile engagieren. Wo sie sich aber das Recht herausnehmen, frei zu leben oder gar atheistisch zu leben und nicht ein bestimmtes Islamverständnis oder eine bestimmte Tradition zu verinnerlichen, werden sie häufig von "den eigenen Leuten" als Verräter betrachtet, die ihre Herkunft und ihre Religion verleugnen. Und dennoch: Sich gegen antimuslimischen Rassismus einzusetzen, öffnet ihnen trotz ihrer Lebensart zumindest wieder die Tür in ihre Peer-Group und Gemeinschaft, in der sie sozialisiert worden sind bzw. mit der sie sich verbunden fühlen.

Gemeinsam ist den Männern, dass sie an verschiedenen Fronten versuchen, es den Menschen in ihrer Umgebung oder der Gesellschaft recht zu machen. Der eine ist stark dem Patriarchat und seiner religiösen Community verhaftet und versucht es dieser sozusagen über den Ehrbegriff recht zu machen. Der andere versucht, gegen Rassismen und Stereotype anzukämpfen. Gleichzeitig möchte er es der eigenen Familie oder Gemeinschaft, die er durchaus auch kritisch betrachtet, recht machen und dazugehören. Das kann dazu führen, dass er bestimmte Traditionen oder religiöse Ausrichtungen verteidigt oder nicht öffentlich kritisiert, um wenigstens in der eigenen Gemeinschaft angenommen zu bleiben. Insgesamt ist dieser Kampf um Anerkennung an allen Fronten äußert ermüdend und schwierig und erschwert zunehmend die Debatten um die Themen Emanzipation, Demokratie, Integration und Islam.

Das Interview führte Laura Hartmann.

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