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1.2.2013 | Von:
Marta Gałązka

Analyse: Der Wähler 2.0. Junge Polen über Politik und Demokratie

Junge Menschen haben oft eine kritische Haltung gegenüber der Politikern und dem politischen System. Viele finden keine Partei, die ihre Ansichten und Interessen repräsentieren. Die neuen Technologien sind für die jüngste Generation sehr wichtig. Was ist die Einstellung der jungen Polen zur Demokratie, Politik, Politikern und den Parteien?

Eine junge Frau schreit Parolen während einer Frauen-Demonstration in Warschau. Mehrere tausend Menschen zogen durch die Warschauer Innenstadt um mehr Rechte für Frauen zu fordern.Eine junge Frau schreit Parolen während einer Demonstration für mehr Frauenrechte in Warschau. (© AP)

Die hier vorgestellten Daten und Erkenntnisse sind der Publikation des Instytut Spraw Publicznych (Institut für Öffentliche Angelegenheiten) "Wyborca 2.0. Młode pokolenie wobec procedur demokratycznych" ("Der Wähler 2.0. Die junge Generation gegenüber demokratischen Prozeduren") entnommen, die von Dominik Batorski, Marcin Drabek, Marta Gałązka und Jarosław Zbieranek 2012 verfasst wurde. Während der zugrunde liegenden Untersuchung wurde eine Durchsicht der bisherigen polnischen und ausländischen Forschung zur Wahlbeteiligung junger Menschen vorgenommen. Analysiert wurden u. a. die Forschungsergebnisse von Polskie Generalne Studium Wyborcze und Diagnoza Społeczna sowie Daten, die vom Centrum Badania Opinii Społecznej (CBOS) und SMG/KRC im Auftrag des Instytut Spraw Publicznych erhoben wurden. Darüber hinaus wurden im Juni 2012 in Warschau fokussierte Gruppeninterviews mit Jugendlichen und Studierenden im Alter von 15 bis 25 Jahren durchgeführt. Die dabei geäußerten Meinungen und Ideen waren wesentlich für das Verständnis der analysierten quantitativen Untersuchungsergebnisse.

Einstellungen zur Demokratie

Seit vielen Jahren hält sich das Interesse der Jugend an der Politik auf niedrigem Niveau. Die Mehrheit der Jugend bezeichnet ihr Interesse an Politik als "mittelmäßig" und bekennt, nur den wichtigsten politischen Fragen Aufmerksamkeit zu schenken. Diese Haltung wurde von 52 Prozent im Jahr 1996 bis hin zu 40 Prozent im Jahr 2010 eingenommen. Aktuell beobachten nur 14 Prozent der jungen Polen aufmerksam die politische Bühne. Viele junge Menschen unterstreichen, dass ihnen die Politik durch grundlosen Streit zwischen den Politikern und deren Beschäftigung mit "Stellvertreterproblemen" verleidet wird. Unabhängig davon, wie groß ihr Interesse an öffentlichen Problemen ist, missfällt ihnen, dass sich die Politik ständig mit denselben, in den Augen der Jugend unwesentlichen Themen beschäftigt, wie weltanschaulichen und historischen Fragen. Ein signifikanter Teil der Jugend erwartet fachliche Debatten und konkrete Handlungen in wichtigen Bereichen, wie zum Beispiel Rente, Schulwesen oder Wohnungsmarkt. Dies ist besonders interessant, wenn man diese Ergebnisse mit dem Stereotyp vergleicht, dass sich die Jugend nur ungern mit derlei Fragen beschäftigt und sich gerade den "Stellvertreterthemen" zuwendet. Das Verhältnis der jungen Generation zur Demokratie ist nicht eindeutig und eher reserviert. Alle zwischen 1994 und 2010 durchgeführten Untersuchungen zeigten, dass unter den jungen Menschen prodemokratische und ambivalente Einstellungen vorherrschen. Assoziiert wird die Demokratie mit einer relativ autonomen Wertesphäre, gleichgesetzt mit Menschenrechten und der allgemeinen Verbreitung der Wahlfreiheit, aber nicht immer funktioniert die Demokratie entsprechend den Erwartungen der jungen Generation. Im Jahr 2010 äußerten 61 Prozent der Jugendlichen ihre Missbilligung gegenüber der polnischen Demokratie. Außerdem sind für einen bedeutenden Teil der Jugend die Regeln der Demokratie nicht vollkommen verständlich und wecken viele Zweifel. Unzufriedenheit rufen u. a. der fehlende unmittelbare Einfluss auf die Realität hervor, Probleme der politischen Repräsentation, die zu enge Verbindung zwischen Politik und Medien, die inadäquate Finanzierung der Parteien und die fehlende tatsächliche Kontrolle der Aktivitäten der Politiker. Viele negative Eigenschaften werden der kurzen Phase in der Entwicklung der Demokratie zugeschrieben, was die im Allgemeinen positive Haltung zur Demokratie in normativer Hinsicht bestätigt. Abgesehen von der Kritik an der aktuellen Ausprägung der polnischen Demokratie unterstreicht die Jugend deutlich den grundsätzlich positiven Einfluss, den sie auf die zivilgesellschaftliche Entwicklung und die Verbesserung der Qualität des politischen Lebens nehmen kann.

Das Image der Politik und der Politiker

Unabhängig vom Grad des Interesses an öffentlichen Angelegenheiten und den Ansichten zum Thema Demokratie erfreuen sich die Politiker und die Parteien keiner hohen Meinung unter den Jugendlichen. Die jungen Menschen haben kein Vertrauen zu den Politikern, sind sie doch der Meinung, dass die politisch Verantwortlichen ihre Versprechen und Erwartungen nicht erfüllen und sich in ihren Handlungen nur von ihren eigenen Interessen leiten lassen. Sie würden sich nicht mit den Angelegenheiten befassen, die für die Gesellschaft wesentlich sind, dafür seien sie ständig in grundlose Streitereien verwickelt. Die Mehrheit von 77 Prozent meint, dass Macht zu erlangen das Hauptziel politischer Gruppierungen sei bzw. für die politischen Führer, persönlichen Nutzen zu erzielen. Nur wenige sind der Meinung, dass die Parteien ihre Interessen vertreten (7 Prozent) oder herausstellen, welche Fragen wichtig sind und welche Richtung angestrebt werden soll (6 Prozent). Die Jugend ist sich allerdings bewusst, dass das Bild der Politiker in sehr hohem Maße von den Medien abhängt, sowohl davon, wie sie dargestellt werden, als auch wie sie sich selbst in den Medien inszenieren. Viele Jugendliche geben an, dass sie das "wahre Gesicht" der Politiker kennenlernen möchten, sie sind aber gleichzeitig der Ansicht, dass die Medien daran nicht interessiert sind. Die Aktivitäten der Politiker werden überwiegend negativ beurteilt. Das Stereotyp des Politikers setzt sich aus Sicht der Jugend aus folgenden Faktoren zusammen: vermögend, (immer noch) männlich, passiv in öffentlichen Angelegenheiten, aber ständig um Echo bemüht, streitsüchtig. Er führt aggressive Diskussionen und lässt sich von seinem eigenen oder vom Parteiinteresse leiten. Ein großer Teil der Jugendlichen meint ebenfalls, dass sich die Parteien für die Wähler und dafür, was diese zu sagen haben, ausschließlich im Wahlkampf interessieren, daher haben gewöhnliche Bürger keinen Einfluss darauf, was die Regierung macht. Diese Überzeugungen bestimmen das fehlende Vertrauen in die Politiker. Die Jugend hat das Gefühl, dass das politische Milieu hermetisch ist, was sowohl die Probleme betrifft, mit denen sich die Politiker beschäftigen, als auch die Personen, die im öffentlichen Leben auftreten. Sie ist außerdem überzeugt, dass die Medien die Tendenz verstärken, dass sich die Politiker nicht mit Schlüsselfragen junger Menschen auseinandersetzen, orientieren sich diese doch an der Medienberichterstattung statt an den Bedürfnissen ihrer Wähler.


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