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Dossierbild Polen

6.12.2012 | Von:
Sebastian Kinder
Lech Suwala

Analyse: Rzeszów und das "Aviation Valley" – Perspektiven für eine dynamische Wirtschaftsentwicklung in Südostpolen

Die Stadt Rzeszów, im Südostpolen, gehört inzwischen zu den sechstgrößten Produktionsstandort der Luftfahrtbranche weltweit. Unter dem Namen "Aviation Valley" haben sich zahlreiche technologieintensive Produktionsbetriebe, Forschungs- und Entwicklungszentren sowie Bildungseinrichtungen etabliert.

German MTU factory in Rzeszow, Poland, 08 May 2009. MTU Aero Engines Polska is a new foreign site MTU Aero Engines, established on seven-hectare grounds in Poland?s Aviation Valley. New MTU affiliate will develop and manufacture turbine blades, assemble modules and repair engine parts. EPA/BARTOSZ BATOR POLAND OUT +++(c) dpa - Report+++Der größte deutsche Triebwerkhersteller MTU produziert auch im "Aviation Valley" in Rzeszow. (© picture-alliance/dpa)

Die Anfänge der Luftfahrtindustrie in Rzeszów

Rzeszów zählt zu den polnischen Städten, die eine vergleichsweise späte Industrialisierung erfahren haben. Trotz seiner Lage an einem wichtigen transkontinentalen Handelsweg konnte sich Rzeszów jahrhundertelang nur als peripherer Verwaltungs- und Handelsstützpunkt etablieren, den die Städte Krakau (Kraków) und Lemberg (poln. Lwów, ukr. L'viv) politisch und ökonomisch weit in den Schatten stellten. Auch die Eisenbahnanbindung Mitte des 19. Jahrhunderts brachte Rzeszów im Vergleich zu anderen Städten nur eine bescheidene wirtschaftliche Blüte. Den entscheidenden Impuls für die heutige wirtschaftliche Basis der Stadt bildete das ambitionierte Förderprogramm des Zentralen Industriebezirks (Centralny Okręg Przemysłowy, COP), das die Zweite Polnische Republik ursprünglich für die Jahre 1936 bis 1940 plante. Ziel des Programms war die Errichtung eines Schwerindustriereviers in der Mitte Polens. Es verfolgte vier Ziele: Erstens sollte mit der Schwerindustrie zugleich auch die Rüstungsindustrie verstärkt aufgebaut werden. Die Positionierung des COP in der Landesmitte verfolgte militärisch-strategische Absichten, da von hier aus relativ große Distanzen zu den Landesgrenzen bestanden und die Produktionsstandorte damit als vergleichsweise sicher galten. Zweitens wurden mit dem Programm demographische Ziele verfolgt, da sich in dieser Region eine hohe Bevölkerungsdichte mit hoher Arbeitslosigkeit koppelte und mit Hilfe der Industrialisierung eine Abwanderung der Bevölkerung vermieden und eine demographische Stabilisierung erzielt werden sollten. Drittens verfolgte man wirtschaftliche Ziele. So sollten die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten Ostpolens wie auch der Absatz von Industriewaren Westpolens gesteigert werden und einzelne Branchen der Schwerindustrie autark werden. Viertens wurden schließlich auch soziale Ziele verfolgt, indem Arbeitslosigkeit abgebaut und die sozialen Folgen der Weltwirtschaftskrise reduziert werden sollten. Die Region um Rzeszów, die im Polen der Zwischenkriegszeit eine vergleichsweise zentrale Lage innerhalb des Landes einnahm, zählte Ende der 1930er Jahre zu den wirtschaftlich rückständigen Regionen Polens. Gemeinsam mit Mielec und Stalowa Wola wurde Rzeszów deshalb ein Investitionsschwerpunkt im Rahmen der Planungen für den Zentralen Industriebezirk. Vor allem in Rzeszów wurden Investitionen im Bereich des Verteidigungssektors und der metallverarbeitenden Industrie getätigt. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs, der die Durchführung des Investitionsprogramms unterbrach, entstanden in Rzeszów zahlreiche Arbeitsplätze in der Luftfahrtindustrie. Diese konzentrierte sich vor allem auf die Produktion von Flugzeugmotoren. Darüber hinaus entstanden in Rzeszów auch größere Fabriken für die Ausrüstung der Artillerie. Die Einwohnerzahl verdoppelte sich auf annähernd 40.000 Personen.

Der Ausbau der Luftfahrtindustrie in der Zeit der Volksrepublik

Obwohl die Stadt durch die deutsche Besetzung im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstört war und im Zuge der Westverschiebung Polens nach 1945 Teile seines ostpolnischen Hinterlands verloren hatte, gelang es der Stadt in den folgenden Jahrzehnten, zum führenden Verwaltungssitz und Wirtschaftszentrum in Südostpolen aufzusteigen. Nach der unmittelbaren Nachkriegsphase der sowjetischen Besatzung konnten ab 1952 die administrativen Grenzen durch Eingemeindungen erweitert und die Stadtfläche vervierfacht werden. Die zerstörte Stadt wurde wieder aufgebaut und insbesondere in den 1970er und 1980er mit sozialistischen Großwohnsiedlungen in Plattenbauweise erweitert. Die unter sozialistischen, d. h. planwirtschaftlichen Rahmenbedingungen erfolgende Industrialisierungspolitik der Volksrepublik Polen knüpfte im Osten des Landes an die Vorkriegsplanungen für ein Industrierevier an. Priorität hatte zunächst die Revitalisierung der ehemaligen Betriebe des COP, denn die Werke der polnischen Luftfahrtindustrie waren im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört worden. In diesem Zusammenhang wurden die Luftfahrtunternehmen im industriellen Verbund WSK (Wytwórnia Sprzętu Komunikacyjnego) zusammengefasst, der Komponenten für die gesamte Fahrzeugindustrie vom Motorrad bis zum Flugzeug produzieren sollte. Auf diese Art und Weise entstanden die Werke WSK Warszawa, die Sport-, Schulungs-, Landwirtschafts- und Mehrzweckflugzeuge produzierten. 1951 wurden die Werke WSK Świdnik gegründet, die vorrangig Hubschrauber sowie Ersatzteile für Passagierflugzeuge herstellten. Das Werk WSK Mielec spezialisierte sich auf die Produktion von Düsenflugzeugen des Typs MiG-15 und MiG-17, für die WSK Rzeszów die Motoren herstellte. Mit dem WSK Kalisz entstand schließlich ein weiteres Werk für die Fertigung von Flugzeugmotoren. Die Werke der polnischen Luftfahrtindustrie knüpften an die Standorttraditionen der Zwischenkriegszeit an. Mit Ausnahme von Warschau (Warszawa) und Kalisch (Kalisz) befanden sich die Hauptstandorte dieser Branche im Südosten Polens. Die Strategie der sozialistischen Industrialisierung verfolgte im Südosten des Landes aber nicht zwangsläufig den Aufbau einer monostrukturierten Industrie. Vielmehr war das Ziel, in der Region auch eine Diversifizierung der vorhandenen Industriestruktur zu erreichen. Zum Ende der Volksrepublik umfasste der Industriebesatz von Rzeszów deshalb neben den staatseigenen Betrieben des Verteidigungssektors im Bereich der Staatlichen Luftfahrt-Werke (Państwowe Zakłady Lotnicze, PZL Rzeszów) und den Unternehmen des metallverarbeitenden Gewerbes (Produktion von elektronischen Haushaltsgeräten, Predom Zelmer) auch Unternehmen der Silberverarbeitung (Resovia), der Nahrungsmittelproduktion (Alima), der Automobil-, der Textil-, der pharmazeutischen sowie der optischen Industrie. Diese ergänzenden industriellen Funktionen führten zu einer Kapitalakkumulation und zusätzlichen Arbeitsplätzen, so dass Rzeszów ein starkes Bevölkerungswachstum verzeichnete. Bereits vor 1990 überschritt die Einwohnerzahl die 150.000er Marke.

Die Polen-Analysen werden gemeinsam vom Deutschen Polen-Institut Darmstadt, der Bremer Forschungsstelle Osteuropa und der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde herausgegeben. Die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb veröffentlicht sie als Lizenzausgabe.

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