Basilius-Kathedrale

3.2.2011 | Von:
Carmen Eller

Von Tyrannen und Transvestiten

Streifzüge durch die russische Literatur der Gegenwart

Die 1943 geborene Ljudmila Ulitzkaja zählt ebenfalls zu den bedeutenden Stimmen der Gegenwart. In ihren Erzählungen und Romanen reflektiert Ulitzkaja die Beziehungen zwischen Mann und Frau, Familienkonstellationen oder die Frage persönlicher Verantwortung. Der politische Kontext manifestiert sich bei Ulitzkaja im individuellen Schicksal. In erster Linie interessiert sich die Autorin für das Privatleben ihrer teils tragikomischen Figuren, die sie psychologisch ausleuchtet. Oftmals steht eine einzelne Figur im Zentrum, worauf auch schon Buchtitel wie "Sonetschka" (1992) oder "Daniel Stein" (2006) verweisen. Gelegentlich bezieht Ulitzkaja auch zum politischen Geschehen Stellung.

"In der Beurteilung unseres Staates sind wir beide uns vollkommen einig - er taugt nichts. Weil er nicht seinem Land dient, sondern sich von ihm ernähren lässt." Dies schreibt die Autorin am 26. Juni 2009 in einem Brief an den berühmtesten Gefangenen Russlands - Michail Chodorkowskji. Der ehemalige Gebieter über das milliardenschwere Ölimperium Jukos und einst reichste Mann des Landes unterhielt aus der Zelle Briefwechsel mit insgesamt drei bekannten Schriftstellern. Neben Ulitzkaja waren dies der Science-Fiction-Autor Boris Strugatzki und der unter dem Pseudonym Boris Akunin schreibende Grigorij Tschchartischwili. Die Kriminalromane des 1956 in Georgien geborenen und heute in Moskau lebenden Akunin sind in Russland Bestseller und spielen meist im späten 19. Jahrhundert.

"Neue Russen" als Romanhelden

Nach der Perestroika wurden auch die sogenannten Neuen Russen - Oligarchen, reiche Geschäftsleute und ihre erfolgsverwöhnten Gattinnen - zu Protagonisten von Liebes- und Betrugsgeschichten. Zu dieser Kategorie zählen auch die Bücher von Oksana Robski. Die 1968 in Moskau geborene Autorin, deren zweiter Ehemann ermordet wurde, beschrieb in ihrem Debütroman und Bestseller "Casual" 2006 das privilegierte Leben auf der Rubljowka, der Moskauer Millionärsmeile.

Reiche Geschäftsleute bilden auch das Personal in den Büchern des 1975 geborenen Sergej Minajew. "Duchless" heißt sein bekanntester Bestseller, der unter dem Titel "Seelenkalt" 2010 auch auf Deutsch erschien. Nicht ganz so gut verkaufte sich sein Folgewerk "Media Sapiens", dessen Handlung vor den Präsidentschaftswahlen 2008 spielt. Während in der Wirklichkeit gegen chancenlose Oppositionelle mit Strafen und Schlagstöcken vorgegangen wird, betreiben in Minajews fiktiver Welt düstere Typen im Auftrag der Opposition schwarze PR, und schrecken dabei auch nicht vor inszenierten Terroranschlägen zurück.

Krieg, Telefonsex, Revolution - Russlands junge Autoren

Die jüngere Generation russischer Autoren changiert zwischen Rebellion und einem neuen Realismus. Bester Beleg dafür sind die Bücher des 1975 geborenen Sachar Prilepin, der in Nischnij Nowgorod Philologie studierte. Prilepin kämpfte in Tschetschenien und bekennt sich heute zu der in Russland verbotenen nationalbolschewistischen Partei. Seine Kriegserfahrungen und seine Rolle als politischer Rebell prägen auch die Themen seiner Bücher. Der bekennende Regimegegner beschreibt etwa in "Sanka", wie sich ein junger Mann aus der Provinz einer radikalen Kampftruppe anschließt. Das Buch wurde ein Publikumserfolg. "Unsere Staatsmacht kontrolliert Kino, Fernsehen und die Presse. Aber sie liest keine Bücher, sie glaubt nicht, Literatur könne etwas verändern", sagte Prilepin in einem Gespräch mit arte.

Noch eindringlicher befasst sich Arkadi Babtschenko in seinen dokumentarischen Romanen mit dem Krieg. Der 1977 in Moskau geborene Autor und Journalist wurde mit 18 Jahren zum Militärdienst einberufen und 1996 nach Tschetschenien versetzt. 2010 wurde sein Zyklus "Zehn Bilder vom Krieg" mit dem Preis der literarischen Zeitschrift "Debüt" ausgezeichnet. Auf Deutsch erschienen die Bücher "Die Farbe des Krieges" und "Ein guter Ort zum Sterben". Nüchtern und eindringlich zugleich schildert Babtschenko darin Gewalt und Grausamkeit des Krieges.

Zu den jungen Autoren, die sich wieder gezielt mit dem Verhältnis von Bürger und Staat beschäftigen, gehört die 1981 in Perm geborene Natalja Kljutscharjowa. Ihr Debütroman "Endstation Russland" malt ein Panorama der russischen Gesellschaft. Der Protagonist Nikita, ein Petersburger Student, begegnet auf einer Zugreise durch Russland skurrilen Charakteren: einem Transvestiten, einem orthodoxen Priester oder einem Pornomodel, das Gedichte über tschetschenische Freiheitskämpfer verfasst. Kljutscharjowa nimmt mit dem individuellen Schicksal ihrer Figuren auch das politische System in den Blick. So lässt sie aufgebrachte Rentner, denen die Sozialleistungen gekürzt wurden, zu einem Protestmarsch nach Moskau aufbrechen.

Kljutscharjowa unterscheidet sich darin von jungen Schriftstellerkollegen, die gesellschaftliche Zustände allein über zwischenmenschliche Beziehungen beschreiben, wie etwa die 1979 in Moskau geborene Irina Tabunowa. Ihr Roman "Erwachsenenwelt" beschreibt den Berufsalltag einer jungen Frau, die Telefonsex anbietet und sich dabei in einen ihrer Kunden verliebt. Kljutscharjowas Realismus lebt dagegen von einem sozialkritischen Ansatz, der die Menschen aufrütteln soll. Die Autorin sagt selbst über ihre Arbeit: "Ich schreibe für jene, die auch über die einfachsten Dinge staunen können und über die schwierigsten nachzudenken wagen."

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