Basilius-Kathedrale

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28.2.2011 | Von:
Armin Siebert

Rockmusik in der Sowjetunion

Rockmusik auf Russisch - die ehrlichen Stimmen im falschen Chor und das verlorene Jahrzehnt

Andrej MakarewitschAndrej Makarewitsch (© Alexander Agejew/rockanet.ru)
Mitte der 1960er-Jahre fingen die ersten Bands an, eigene Songs mit russischen Texten zu schreiben. Zu den sowjetischen Beatles avancierte die 1968 von Andrej Makarewitsch gegründete Band "Maschina Wremeni" (Zeitmaschine). "Maschina Wremeni" setzte von Beginn an auf die Kraft des Wortes und steht damit symptomatisch für die russische Rockszene. Nicht selten bewegten sich die Liedzeilen auf literarischem oder gar poetischem Niveau. Sie sprachen das Volk an und schafften es auch in repressiven Zeiten mit versteckten Botschaften Mut zu machen. "Maschina Wremeni" waren eine der ersten ehrlichen Stimmen im falschen Chor der Staatspropaganda.

Die 1970er-Jahre gelten jedoch als verlorenes Jahrzehnt in der sowjetischen Rockmusik. Wie der Westen, wurde auch die Sowjetunion vom Diskofieber gepackt. Mitte der 1970er eröffneten die ersten Diskotheken in Moskau, die Menschen feierten zu Donna Summer und Boney M. Letztere gingen sogar auf Tournee durch die Sowjetunion. Viele Rock- und Beat-Bands lösten sich auf, da sie von der Musik nicht mehr leben konnten. Mitte der 1970er-Jahre gab es in Moskau nur noch gut ein Dutzend aktiver, professioneller Rockbands. Besonders populär waren "Udatschnoe Priobretenie", "Wysokosnoe Leto" und "Zwety", die erste Band von Stas Namin, einer Schlüsselfigur der russischen Populärmusik. Namin war ein charismatischer Strippenzieher und Diplomat, dem es sogar gelang, zwei Singles auf Melodia, der einzigen, staatlichen Plattenfirma der Sowjetunion, zu veröffentlichen. Damit waren die ersten sowjetischen Rockplatten offiziell gepresst.

Rockmusik für die Massen - Tblissi 80 und der Leningrader Rockklub

Die 1980er-Jahre begannen mit einem Paukenschlag - dem legendären Festival Tblissi 80. Auf dem ersten offiziellen und bis dahin größten Rockfestival der Sowjetunion gaben einige, später erfolgreiche Bands ihr Debüt, wie zum Beispiel "Awtograf" aus Moskau, "Dialog" aus Donetzk und die "Magnetik Bend" aus Tallinn. Letztgenannte gewann den ersten Platz im Festival-Wettbewerb und Bandleader Gunnar Graps gilt bis heute als eine der wichtigsten Rock-Autoritäten der Sowjetunion.

Für einen Skandal sorgte in Tblissi die Band "Aquarium". Sänger Boris Grebenschtschikow legte sich während eines Songs auf die Bühne, während der Kontrabassist sein Instrument auf ihn stellte und weiterspielte. Dieser harmlose Vorfall reichte aus, um die Band vom Festival-Wettbewerb auszuschließen. Grebenschtschikow verlor seinen Job und lebte seitdem als freier Künstler und Bohème. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb wurde er zu einem der bekanntesten Rockmusiker Russlands und hat dort heute einen ähnlichen Status wie Bob Dylan im Westen.

Im Zusammenhang mit Tblissi 80 wurde Rockmusik für eine breite Öffentlichkeit zugänglich. Zahlreiche Artikel über einheimische Musiker erschienen erstmals in der sowjetischen Presse, im Radio liefen Rocksongs und Bands durften große Tourneen spielen. Vor allem "Maschina Wremeni" wurden zu Superstars. Als die Komsomolskaja Prawda einen kritischen Artikel über ihre Konzerte veröffentlichte, gingen angeblich über 250.000 Beschwerdebriefe bei der Redaktion ein.

Im Jahr 1981 gründete sich in Leningrad der Rockklub, der zur Keimzelle für Rockmusik in der Sowjetunion werden sollte. Die Leningrader Rockszene mit damals mehr als 50 Rockbands bekam durch den Rockklub endlich eine eigene Bühne für Proben und Auftritte sowie eine öffentliche Vertretung.

Russki Rok in Leningrad, Moskau und in der Provinz

Die 1980er-Jahre waren Geburtsstunde für die meisten Bands, die man bis heute mit sowjetischem Rock in Verbindung bringt. Die Leningrader Rockmusik entwickelte sich nicht zuletzt dank des Rockklubs zur Speerspitze des Landes. Die erste Punkband des Landes "Awtomatitscheski Udowletworiteli" waren echte Exoten im Grau der Sowjetunion. Überraschend offen gegen die Zensur texteten die Musiker von "Telewisor" und wurden dafür als erste Rockband offiziell für ein halbes Jahr verboten. Auch "Aukzion" scheuten sich nicht davor Neues auszuprobieren. Bei ihren Konzerten war neben dem Sänger ein zweiter Frontmann auf der Bühne, der eine Art Avantgarde-Kabarett mit absurden Gedichten aufführte. Die erste russische Ska-Band "Strannyje Igry" hingegen war wegen ihrer wilden Liveshows bei dem Publikum heiß begehrt. Im Gegensatz zu den meisten "vergeistigten" sowjetischen Rockbands, ging es hier nur um Spaß und Party.

Ein weiterer Star der Leningrader Rockszene wurde der Liedermacher Maik Naumenko. So direkt und offen hatte bis dahin noch niemand getextet: alle anderen Rock-Poeten wirkten neben ihm wie Schuljungen.

Die bei weitem erfolgreichste Band aus der Leningrader Szene war aber "Kino". Bis heute sind sie die Kultband Nummer Eins. Musikalisch waren sie frischer und charismatischer als die Anderen, zugleich zugänglich und doch geheimnisvoll. Kino-Sänger Viktor Zoi, seine Mutter stammte aus Korea, schrieb fantastische Texte, in denen er bereits Mitte der 1980er-Jahre laut politische und gesellschaftliche Veränderungen forderte.

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