Opposition activists carry the Ukrainian national flag during an action of protest against the current regime in Kiev, Ukraine, Saturday, May 18, 2013. (AP Photo/Efrem Lukatsky)

24.4.2013 | Von:
Steffen Halling

Analyse: Zwischen Kalkül, Klientelismus und "Leidenschaft": Ukrainische Oligarchen als Wohltäter und Mäzene

Basketball – neuer ukrainischer "Trendsport"?

Neben der notwendigen Hervorhebung von öffentlichkeitswirksamen und klientelistischen Aspekten hat es in der Vergangenheit letztlich aber auch Hinweise darauf gegeben, dass das Engagement der Oligarchen im Fußball durchaus finanzielle Dividenden abwerfen kann. Dies zeigte sich vor allem im Zusammenhang mit den Vorbereitungen auf die Fußballeuropameisterschaft. Das Einflusspotential der Oligarchen in den nationalen Fußballstrukturen, letztlich bedingt durch die entsprechend aufgebauten regionalen Monopolstellungen, machte die erfolgreiche Ausrichtung des Turniers von der Kooperation mit den Oligarchen unabdingbar. Wie mehrfach berichtet wurde, boten das Turnier und die damit verbundenen Infrastrukturprojekte mannigfache Möglichkeiten der persönlichen Bereicherung. Ein Vorgang, der sich in dieses Muster fügen könnte, zeichnet sich nun in den aktuellen Vorbereitungen auf die im Jahr 2015 in der Ukraine stattfindende Europameisterschaft im Basketball ab. Die erfolgreiche Realisierung des Turniers hat Janukowytsch, wie auch im Falle der Euro2012, durch ein eigens eingesetztes Koordinationskomitee zur Chefsache erklärt. Den Zuschlag zur Ausrichtung des Turniers hatte die Ukraine erhalten, nachdem ein Quartett der nationalen Basketballverbände Deutschlands, Frankreichs, Italiens und Kroatiens eine Gemeinschaftsbewerbung spontan zurückgezogen hatte. Die gemeinsame Austragung des Turniers durch die Verteilung auf mehrere Metropolen sollte Kosten reduzieren und möglichst viele Zuschauer anlocken. Kurz vor Ablauf der Bewerbungsfrist änderte die Europasektion des Internationalen Basketballverbandes FIBA jedoch die Ausschreibungsmodalitäten und verlangte von den Bewerberparteien, finanzielle Garantien vorzuweisen. Während das Konsortium sich nicht im Stande sah, bereits vor einer festen Austragungszusage einen entsprechenden Sponsoren zu präsentieren, reichte die ukrainische Seite ihre Bewerbung nach und präsentierte die zu Kolomojskijs Privat-Imperium gehörende, mittlerweise insolvente Fluggesellschaft Aerosvit als offiziellen Partner. Kolomojskij, der bei Fußalleuropameisterschaft noch das Nachsehen hatte, da Dnipropetrowsk seinen Austragungsstatus an Charkiw verlor, tritt seit geraumer Zeit als der wichtigste Sponsor des ukrainischen Basketballs in Erscheinung. Seiner Einflusszone werden bis zu sieben Basketballvereine der ukrainischen "Superliga" zugerechnet. Welche konkreten Ziele er durch die Förderung einer Sportart verfolgt, die in der Ukraine weit weniger öffentliche Aufmerksamkeit genießt als Fußball, blieb bislang unklar. Unter der Berücksichtigung der öffentlichen Ausschreibungspraktiken könnte sich allerdings auch Engagement finanziell auszahlen. Zwar ist das Investitionsvolumen deutlich geringer als bei der Euro 2012, allerdings müssen auch im Zuge der Vorbereitungen auf das Turnier 2015 Infrastrukturprojekte größeren Ausmaßes realisiert werden. Entsprechend eines zuletzt präsentierten Regierungskonzeptes belaufen sich die bislang kalkulierten öffentlichen Ausgaben auf knapp 700 Mio. Euro. Vor allem der Bau neuer Landebahnen für die Flughäfen in Dnipropetrowsk und Odessa, die Rekonstruktion des Kiewer Sportpalasts, die Errichtung von Trainingsstätten sowie generelle Infrastrukturmaßnahmen in den Austragungsorten sollen aus dem Staatshaushalt finanziert werden. Weitere 400 Mio. Euro sind für den Neubau von sechs Multifunktionsarenen kalkuliert, die von privaten Investoren im Rahmen von öffentlich-privaten Partnerschaften größtenteils auf Grundlage staatlich geförderter Kredite errichtet werden. Die Ausschreibung für den Bau von vier dieser Multifunktionshallen (Kiew, Dnipropetrowsk, Odessa und Lwiw) hat die sich im Eigentum von Kolomojskij und Dmitrij Burjak befindende Gruppe "United Basketball Investments" gewonnen. Die in Donezk zu bauende "Kalmius Arena" wird derweil vom städtischen Eishockeyklub "HK Donbass" errichtet. Eigentümer des Vereins, der seit 2012 in der zweitstärksten Liga der Welt, der Kontinentalen Hockeyliga KHL auftritt, ist Borys Kolesnikow. In Charkiw ist es derweil erneut Kurtschenko, der als Hauptinvestor bei den Turniervorbereitungen fungiert und nach Angaben des Bürgermeisters der Stadt somit unterstreicht, dass ihm "das Schicksal Charkiws und der Ukraine nicht gleichgültig ist".

Fazit

Die zunehmende Präsenz der Oligarchen im Sport, der Kunst und Kultur sowie in der sozialen Wohlfahrt zeigt, dass sie sich als immanentes Charakteristikum des politischen Systems der Ukraine keineswegs als bewegungsunfähige Akteure präsentieren, sondern vielmehr in einem Wechselspiel mit den politischen, ökonomischen und auch sozialen Rahmenbedingungen agieren und auf Veränderungen ihres Handlungsumfeldes entsprechend reagieren. Wohltätigkeit und Mäzenatentum können dabei potentiell mehrere Funktionen erfüllen: Wie Frye mit Blick auf Russland herausgearbeitet hat, lässt sich ein enger Zusammenhang zwischen dem Handeln der Akteure und der Legitimität ihrer häufig zur Disposition stehenden Eigentumsrechte konstatieren. "Gute Arbeit", wie sie dort etwa durch die Bereitstellung öffentlicher Grüter verstärkt nach dem Machtantritt Putins beobachtet werden konnte, wirkt sich dabei positiv auf ihre Legitimation aus und trägt zur Regimestabilisierung bei. Einen Erklärungsansatz, der sich stärker noch an den Funktionslogiken eines kompetitiv-autoritären Regimes orientiert, in dem es dem Staat nicht gelingt, die Bedürfnisse der Bevölkerung hinreichend zu befriedigen, liefert derweil Radnitz. Wie von ihm am Beispiel der kirgisischen "Tulpenrevolution" herausgearbeitet, können in Wohltätigkeit und Mäzenatentum zum Ausdruck kommende gezielte symbolische und materielle Investitionen dem Aufbau strategischer Allianzen dienen. Die Schaffung solcher sozialer "Fange­meinden" mittels der "Waffen der Reichen" kann dabei in einem vorherrschenden Klima der Unsicherheit als eine Art vertikale Rückversicherung fungieren. Werden die Interessen der Akteure gefährdet, so können Klientelbeziehungen dieser Art auch einen subversiven Charakter erlangen. Das Beispiel des derzeitigen georgischen Ministerpräsidenten Bidsina Iwanischwili, der als Oligarch im Zuge der Parlamentswahlen auch an seiner Wohltätigkeitsarbeit gemessen wurde, verdeutlicht die Relevanz, die einer strategischen Öffentlichkeits- und Klientelarbeit zukommen kann. Auch im ukrainischen Fall könnte die Wohltätigkeits- und Mäzenatenarbeit der bislang etablierten Akteure im Falle von Interessenskonflikten, wie sie sich derzeit etwa im Zuge der "Familisatsija" abzeichnen, ein relevantes, zusätzliches Machinstrument darstellen.

Lesetipps
  • Frye, Timothy (2006): Original Sin, Good Works, and Property Rights in Russia, in: World Politics, 58 (4), S. 479–504.
  • Radnitz, Scott (2010): Weapons of the Wealthy: Predatory Regimes and Elite-led Protests in Central Asia, Ithaca: Cornell University Press.
  • Wellgraf, Stefan (2011): Die Millionengaben. Fußball und Oligarchen in der Ukraine, in: Dahlmann, Dittmar et al. (Hsrg.): Überall ist der Ball rund. Zur Geschichte und Gegenwart des Fußballs ins Ost- und Südosteuropa – Nachspielzeit, Essen: Klartext-Verlag, S. 97–105.


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