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Afghanische Flüchtlinge blicken aus dem Fenster einer Zelle in einem Flüchtlingslager der iranischen Stadt Zahedan.

12.10.2009 | Von:
Tim Stüttgen

Bist du schwul oder was?

Homophobe Logiken im Rock, Hip Hop und Dancehall

Queere Popmusik – Aneignung und Widerstand

Es hat bis in die neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts gedauert, dass der Begiff "Queer" in den USA seine Runden machte und nach Europa schwappte. Anfangs war "Queer" nur ein weiteres Schimpfwort gegenüber Homosexuellen in den USA, das sich die Bewegung schließlich einverleibt hat, um es für eigene Zwecke mit neuen Bedeutungsinhalten zu füllen. "We're here, we're queer!" ist noch heute der Kultslogan der damaligen Aids-AktivistInnen um die Gruppe Queer Nation, den Popgruppen wie Punkbands seither benutzen. So wurde eine ehemalige Beleidigung zu einer neuen Selbstbezeichnung: Sie sorgte dafür, dass Schwule, Lesben, Transgender und Bisexuelle ein Bündnis eingingen.

"Queer" ist allerdings mehr als nur ein Regenschirm-Begriff für alternative Sexualitäten. "Queer" ist eine Kritik an der Normierung von Sexualität und an der Option, zwischen nur zwei Geschlechtern wählen zu dürfen. Ob Popmusik, Medizin oder Pornographie: Nichts was wir sehen, ist naturgegeben, sondern immer von den herrschenden Sexualitäten beeinflusst – was klassischerweise Mann, Frau, heterosexuell bedeutet. Besonders Transgender-Identitäten haben jedoch die Grenzen zwischen Mann und Frau infrage gestellt. Genau wie Intersexuelle wissen sie: Es gibt viele Räume dazwischen.

Mittlerweile gibt es auch im Mainstream queere Aneignungen und queere Varianten der oft zu Recht als latent homophob geltenden Popkulturen: queerer Rap (zum Beispiel lesbische Rapperinnen wie Yo! Majesty und Screamclub) oder queerer Punk (wie Kids on TV oder The Gossip). Dies macht deutlich, dass keine Musik in ihrer Substanz homophob sein muss, sondern dass jedes Genre neu bespielt werden kann. Diese Möglichkeit zur Uminterpretation teilweise sexistischer Phänomene zeigt die wirkliche Kreativität queerer Subkulturen.

Doch am homophoben Klima der Öffentlichkeit – ob auf Schulhöfen oder in Institutionen – verändert sich vieles nur langsam und oberflächlich. Noch heute berichten Homorapper wie Deadlee oder das Deep Dick Collective von Diskriminierung. Gerade dadurch, dass sie selber wie tätowierte Gangster aussehen und nicht mehr dem "Tuntenklischee" entsprechen, scheinen sie ihre Umwelt zu verunsichern. Auch wenn es mittlerweile im Underground von queeren Musik-Projekten nur so wimmelt: eine Veränderung wird nur eine größere Repräsentation im Mainstream ermöglichen. Eine queere Musik-Revolution steht also noch aus, auch wenn die Mittel durchaus vorhanden sind.

Auch queere Popmusik sollte aber nicht vergessen, dass Geschlecht und sexuelle Orientierung nur eine von vielen Kreuzungen auf einem Verkehrsnetz von Ungerechtigkeiten darstellen. Zunehmend sprechen auch die akademischen Gender Studies von Intersektionalität, also verschiedenen verschränkten Achsen der Macht – denn jedes Phänomen ist immer von vielen verschiedenen Ungleichheiten durchdrungen. So vermischen sich beispielsweise Fragen von Klasse und Ethnie, Geschlecht, Alter oder Behinderung. Keine allein kann ein Phänomen erklären oder sich als Hauptwiderspruch von den anderen absetzen. Strategien zur Ausgrenzung und Strategien, die eigene Inszenierung als Original und alle anderen als misslungene Kopie zu betiteln, gibt es in allen Formen von Diskriminierungen. Dies weiß auch die lesbische Rapperin God-des, die durch die Serie "The L-Word" in den globalen lesbischen Communities ein kleiner Star wurde: "Manchmal weiß ich auch gar nicht, was das größte Problem an meiner Identität für andere Leute darstellt: Mein Lesbischsein, mein Weißsein in der Hip Hop-Kultur, die Tatsache, dass ich Jüdin, oder die Tatsache, dass ich eine Frau bin."