Afghanische Flüchtlinge blicken aus dem Fenster einer Zelle in einem Flüchtlingslager der iranischen Stadt Zahedan.

12.10.2009 | Von:
Michael Windfuhr

"Hauptbetroffene der globalen Wasserkrise sind vor allem arme Bevölkerungsgruppen"

Ein Gespräch über Wasser mit Michael Windfuhr von Brot für die Welt

Wo wird um Wasser gekämpft? Wo wird der Kampf um Wasser zunehmen, was ist für die kommenden Jahre zu erwarten?

Je knapper Wasser wird, umso mehr wird es zu einem Konfliktgut. Die intensivsten Konflikte sind in Zukunft dort zu erwarten, wo verschiedene Nutzergruppen um begrenzte Wassermengen konkurrieren. Im Septenber 2009 konnten wir über zahlreiche Tote bei Konflikten zwischen Bauern und Nomaden um die Wassernutzung im Norden Kenias lesen. Bei zwischenstaatlichen Konflikten ist Wasser bislang noch nicht als alleiniges Konfliktgut aufgetreten. Die Wasserkrise und -knappheit in vielen Regionen lässt aber ein höheres Konfliktpotenzial erwarten. Allerdings haben grenzüberschreitende Wassernutzungsprobleme in vielen Fällen auch schon zu internationalen Kooperationen geführt, d.h. eine Eskalation der Konflikte ist gerade im grenzüberschreitenden Bereich weder automatisch noch sehr wahrscheinlich.

Wer trägt die Folgen der Wasserkrise?

Hauptbetroffene der globalen Wasserkrise sind vor allem arme Bevölkerungsgruppen. Die Probleme, die arme Menschen heute im globalen Maßstab beim Zugang zu Wasser haben, sind gravierend und spitzen sich zu. Nach neuesten Angaben der Vereinten Nationen haben rund 1,1 Mrd. Menschen keinen regelmäßigen Zugang zu einer Versorgung mit sauberem oder unbelastetem Trinkwasser. Mehr als 2,5 Mrd. Menschen haben keinen Zugang zu einer geregelten Abwasserversorgung. Aufgrund der schlechten Wasserqualität bekommen viele Kinder, gerade in besonders armen Familien, Durchfall und andere Krankheiten. Viele dieser Kinder sind ohnehin durch Unterernährung geschwächt. Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen schätzt, dass jeden Tag knapp 5.000 Kinder auf der Erde an Durchfallerkrankungen sterben. Die schlechte Sanitärversorgung wird auf diese Weise zum größten Todesrisiko für Kinder unter fünf Jahren. Die fehlende Wasserversorgung diskriminiert besonders Frauen und Mädchen, die häufig Stunden mit dem Heranschaffen des Wassers zubringen und auf den Wegen oftmals auch hohen persönlichen Risiken ausgesetzt sind. Auch ein regelmäßiger Besuch der Schule ist dadurch kaum möglich.

Welche Folgen hat die Privatisierung im Wassersektor für Verbraucherinnen und Verbraucher?

Regierungen kümmern sich in vielen Staaten der Erde zu wenig um die Versorgung mit Wasser. Kommunale Versorgungseinrichtungen in Entwicklungsländern funktionieren selten gut und es wird zu wenig investiert. Zu viel Wasser versickert im buchstäblichen Sinne des Wortes, weil beispielsweise Leitungen nicht repariert werden. In der Folge müssen besonders arme Haushalte ihr Wasser von privaten Wasserhändlern kaufen. Sie zahlen in der Regel am meisten für das Wasser – verhältnismäßig oft mehr, als Menschen in Industrieländern. In der Entwicklungszusammenarbeit wurde in den letzten Jahren vor allem auf privates Kapital gesetzt. Investoren aus den Industrieländern sollten die teilweise maroden Wasserversorgungssysteme in den Großstädten der Entwicklungsländer übernehmen und das benötigte Kapital zur Verfügung stellen. Die Erfahrungen mit dieser Strategie sind allerdings sehr ernüchternd. Auch wenn es einige wenige halbwegs gelungene Projekte gibt, haben die privaten Wasserversorger in der Regel nicht die versprochenen Summen investiert und meistens die Wasserpreise erhöht. In zahlreichen Städten kam es deshalb zu "Wasseraufständen" und -konflikten. Im Zuge der Privatisierung sind in manchen Ländern nicht nur Wasserversorgungsleistungen, sondern teilweise auch Wasserquellen, Wasserreservoirs und Wasserläufe direkt privatisiert worden.

Sollte der Zugang zu Wasser staatlich organisiert werden?

Die Verfügbarkeit von Wasser hat eine Grunddaseinsfunktion. Der Staat kann aufgrund seiner Menschenrechtsverpflichtungen die Verantwortung für eine funktionierende Wasserversorgung nicht abgeben. Verantwortung heißt aber nicht, dass der Staat alle Bereiche der Wasserversorgung eigenständig betreiben muss. Private Betreiber können Funktionen und möglicherweise auch Kapital gerade bei den Wasserdienstleistungen bereitstellen. Allerdings muss eine angemessene Steuerung und Regulierung sicherstellen, dass keine Nutzer aufgrund von Armut vom Zugang zu Wasser ausgeschlossen werden. In vielen Entwicklungsländern fehlt den Regierungen oft die ausreichende Kapazität zur Regulierung und zum Monitoring. Besonders kritisch sind allerdings Privatisierungen von Wasserquellen, Flussläufen oder öffentlichen Gewässern zu bewerten, da hier der Staat ein langfristiges Ressourcenmanagement aus der Hand gibt und zukünftige Nutzungskonflikte kaum angemessen lösen kann.

Sind die Folgen der Wasserkrise auch in Deutschland zu spüren?

Insgesamt ist Deutschland aufgrund seiner geographischen Lage auch in absehbarer Zeit nicht von akuter Wasserknappheit betroffen. Für einzelne Regionen, beispielsweise Brandenburg, wird allerdings eine steigende Wasserknappheit aufgrund des Klimawandels vorhergesagt. Die Folgen der globalen Wasserkrise, gerade im Zusammenhang mit dem Klimawandel, werden uns dennoch erheblich betreffen, beispielsweise durch langfristige Auswirkungen auf die Nahrungsmittelpreise sowie auf Migrationsbewegungen.

Was können wir als Bürgerinnen und Bürger jetzt bereits tun, um einem Menschenrecht auf Wasser gerecht zu werden?

Bürger können sich direkt für das Recht auf Wasser einsetzen, indem sie Regierungen menschenrechtlich zur Verantwortung ziehen, im Rahmen von Bürgerinitiativen Verletzungen des Rechts auf Wasser und die Untätigkeit von Regierungen dokumentieren. Als Verbraucher kann jeder Bürger aber auch mithelfen, einen verantwortlichen Umgang mit der Ressource Wasser sicherzustellen – auch wenn die Hauptverbraucher im Wasserbereich nicht die privaten Haushalte sind. In Deutschland kommt noch die Tatsache hinzu, dass wir über importierte Güter und Lebensmittel sehr viel Wasser aus anderen Ländern einführen. Vor diesem Hintergrund muss es langfristig ein zentrales Ziel sein, einen sparsameren Umgang mit Wasser zu erlernen – sowohl im alltäglichen Gebrauch, wie auch beim Import von Lebensmitteln. Regional einkaufen hilft beispielsweise auch (importiertes) Wasser zu sparen.

Wird ein Menschenrecht auf Wasser in absehbarer Zeit realisiert? Wie stehen die Chancen?

Wir sind bei der Anerkennung des Rechts auf Wasser in nur wenigen Jahren sehr weit vorangekommen. Die Umsetzung steht und fällt mit dem politischen Willen von Regierungen. Die Aufgabe der Zivilgesellschaft ist es, durch die Schaffung von Öffentlichkeit wie auch der Dokumentation von Untätigkeit etc. ausreichend Druck aufzubauen, um politische Veränderungen zu erwirken. Es geht nicht um die Einforderungen wohlfahrtsstaatlicher Leistungen, die von der Kassenlage der Regierung abhängig sind, sondern um die Einforderung und Durchsetzung eines fundamentalen Menschenrechtes.

Das Interview führte Berke Tataroglu