Afghanische Flüchtlinge blicken aus dem Fenster einer Zelle in einem Flüchtlingslager der iranischen Stadt Zahedan.

12.10.2009 | Von:
Berndt Hinzmann

Arbeits- und Menschenrechte in der Textilindustrie

Geheuert und gefeuert: Gelegenheits- und Wanderarbeiter

Ein Kennzeichen der globalen "Fertigungsbänke" der Branche sind prekäre Beschäftigungsformen – zumeist saisonale Beschäftigung oder Beschäftigung nach Auftragslage. Eine spezielle Zuspitzung dieses Problems ist in China zu beobachten. Bei der Einstellung bevorzugen viele Fabrikbesitzer Gelegenheits- und WanderarbeiterInnen. Der Großteil von diesen kommt aus dem ländlichen Raum. Auf der Flucht vor der bitteren Armut streben viele Menschen in die großen Industriezentren. Allein in China ist die Zahl der WanderarbeiterInnen seit 1980 von zwei Millionen auf über 200 Millionen gestiegen. Da sie auf den geringen Lohn angewiesen sind, bilden sie eine Schar gehorsamer und billiger Arbeitskräfte. Die meisten haben keinen Arbeitsvertrag und sind somit der Willkür der Arbeitgeber schutzlos ausgeliefert: Bei sinkender Auftragslage oder geringeren Stückpreisen werden sie schnell und unproblematisch wieder entlassen.

Das Recht sich zu organisieren: unerwünscht!

In der Branche werden Gewerkschaften behindert, obwohl Markenfirmen und seit kurzem auch Discounter in ihren Verhaltenskodices zur "Sozialen Verantwortung" das Recht auf gewerkschaftliche Organisierung verankert haben. Studien der Clean Clothes Campaign zur Wirkung von Kontrollen sowie Sozial-Audits wie "Quick Fix – Die Suche nach der schnellen Lösung" dokumentieren die Wirklichkeit: "ArbeiterInnen (...) dürfen keine Gewerkschaften und andere Organisationen gründen. Die Geschäftsleitung hat damit gedroht, dass jeder, der versucht, die ArbeiterInnen zu organisieren und eine Gewerkschaft zu gründen, der Polizei übergeben wird", so ein Arbeiter einer Bekleidungsfabrik in Bangladesch.

Gewerkschaftsmitglieder und ArbeitsrechtsaktivistInnen, die sich für menschenwürdige Arbeitsbedingungen in ihren Fabriken einsetzen, gehen große Gefahren ein. Beleidigungen, Entlassungen ohne ausbezahlten Lohn und physische Übergriffe gehören zu den alltäglichen Formen der Bestrafung. Umerziehungslager, in denen die rechte Gesinnung vermittelt werden soll sowie Meldungen über die Verschleppung und Ermordung von Gewerkschaftsmitgliedern und ArbeitsrechtlerInnen sind alarmierende Beispiele für die skrupellosen Praktiken in den Zulieferfirmen. Sie kennzeichnen gleichzeitig den Druck unter dem diese Wettbewerber im globalen Bekleidungsmarkt stehen.

Schockierend ist auch die Rolle multinationaler Unternehmen als Auftraggeber. In den letzten Jahren ist verstärkt der Trend festzustellen, dass große Unternehmen ihre Aufträge aus Fabriken zurückziehen, in denen sich die ArbeiterInnen durch Gewerkschaften für ihre Rechte stark machten und Erfolge erzielen konnten. Die Produktion wird in jene Fabriken bzw. Länder verlagert, in denen repressiver gegen Gewerkschaften vorgegangen wird bzw. deren Gründung erst gar nicht erlaubt ist.

Profit auf Kosten der Beschäftigten

Mit der Verlagerung von Arbeitsplätzen in sogenannte Billiglohnländer entledigen sich die Unternehmen ihrer Verantwortung als Arbeitgeber. Die unabhängigen Anbieter und Zulieferer der Markenfirmen, Discounter und Handelshäuser sind verstärkt aggressiven Einkaufspraktiken ausgesetzt. Wenn Preis und Liefertermin nicht stimmen, drohen die Unternehmen indirekt oder direkt damit, Aufträge zurückzuziehen und an die billiger produzierende Konkurrenz zu vergeben. Dies wiederum erzeugt bei den Zulieferern enormen Druck, da sie von den Aufträgen der Unternehmen abhängig sind. Der Druck wird an die Beschäftigten weitergegeben: Es kommt zu Zwangsüberstunden und nicht gezahltem Lohn. Obwohl in den betroffenen Ländern zumeist ArbeitnehmerInnenrechte und ein Mindestlohn gesetzlich festgeschrieben sind, mangelt es an der Einhaltung der Schutzbestimmungen. Doch Verstöße gegen national oder international geltende Arbeitsrechtsbestimmungen bleiben oft ohne Konsequenzen. Hinzu kommt, dass der offizielle Mindestlohn in vielen Entwicklungsländern nicht ausreicht, um den normalen Lebensunterhalt zu bestreiten.

Können Markenklamotten IN sein, wenn Arbeitsrechte OUT sind?

Inzwischen verkaufen die großen Unternehmen nicht mehr allein Produkte, sondern eine Marke, Image und Lifestyle. Es geht um ein Lebensgefühl oder die Zugehörigkeit des Klientels zu einer bestimmten Gruppe, die sich mit ihrem Stil und Chic von anderen unterscheidet bzw. zusammen gehört. Die größten Investitionen fließen in die Kreation und die Vermarktung der Marke. Millionen werden deshalb für Werbung ausgegeben. Gleichzeitig wird dort, wo produziert wird, vor allem bei der Entlohnung der Arbeitskräfte gespart. Der prozentuale Anteil des Lohns einer Näherin am Produktverkaufspreis liegt zwischen 0,4 bis 1 Prozent. Das Ansehen und Image der Unternehmen bei der Kundschaft scheint mehr wert zu sein als die Lebenssituation und das Wohlergehen derer, die für dieses Image hart arbeiten. Während die ArbeiterInnen von ihrem Lohn kaum überleben können, nehmen bestehende "Corporate Social Responsibility"-Maßnahmen die Kernprobleme nicht in Angriff und wirken daher eher wie weitere Werbemaßnahmen.